Elsewhere

Österreich 2001 · 240 min. · FSK: -
Regie: Nikolaus Geyrhalter
Drehbuch: , , ,
Kamera: Nikolaus Geyrhalter
Schnitt: Wolfgang Widerhofer

Anderswo ist eine Frage des Standpunktes

»Früher haben wir die Hexer getötet und dann aufge­gessen. Wir haben alle Nachbarn dazu einge­laden.« Ausführ­lich demons­triert der zierliche Mann aus dem indo­ne­si­schen Regenwald, welche Körper­teile man noch vor einigen Jahren zuerst verspeiste. »Heute dürfen wir das nicht mehr tun«, meint er bedauernd, »heute schicken wir die Hexer einfach weg. Wir schicken sie in die großen Dörfer der weißen Leute.« Höchst­strafe für Urein­wohner. Auch auf die entlegen lebenden Wald­be­wohner wirft die Zivi­li­sa­tion bereits ihren Schatten.

Die Welt im Jahr 2000: eine Bestands­auf­nahme. Zwölf Monate reiste Nikolaus Geyr­halter kreuz und quer über die Konti­nente, von den Schnee­fel­dern im winter­li­chen Finnland bis zu den para­die­si­schen Inseln Mikron­ei­sens. Zwölf Kulturen, zwölf Sprachen, zwölf Geschichten – ein kine­ma­to­gra­phi­scher Walkabout.

Bereits mit Das Jahr nach Dayton hatte Geyr­halter sich an ein solches Vier­jah­res­zei­ten­pro­jekt gemacht. Doch diesmal waren die Dimen­sionen ungleich größer: Tausende Kilometer galt es zu über­winden, unzählige Leute haben mitge­wirkt, als Träger, Fahrer, Recher­cheure. Nur drei Wochen Drehzeit pro Region, mensch­li­ches Schicksal auf 20 Minuten kompri­miert. Die enge Zusam­men­ar­beit mit den Ethno­logen vor Ort hat ermög­licht, in kürzester Zeit Zugang zu den Menschen zu finden.

Doch in den Bildern ist keine Unrast zu spüren: Vor jeder neuen Sequenz stehen erst einmal Geräusche vor der schwarzen Leinwand: das Knistern eines austra­li­schen Busch­feuers, das rhyth­mi­sche Stampfen der Stößel, mit dem ein Tuarg­mäd­chen Korn zermahlt Es folgen lange, ruhige Einstel­lungen, die es dem Betrachter ermög­li­chen, sich umzu­schauen in diesen fremden Welten: Die Krit­zelein an den Wänden des mikro­ne­si­schen Klas­sen­zim­mers. Die Plas­ti­krose, die auf einem Küchen­tisch irgendwo in Grönland blüht. Unbe­ein­druckt von der Kamera erzählen die Menschen von ihrem Leben und gehen ihren alltäg­li­chen Beschäf­ti­gungen nach. »Brigitte Bardot hat mein Leben ruiniert«, beklagt sich ein Innuit­jäger, dem der Robben­fang schwer gemacht wird. Lavinia, die enga­gierte Grund­schul­leh­rerin aus Mikro­ne­sien, sorgt sich wegen des Schmel­zens der Polar­kappen: »Unsere Inseln sind so klein, wir haben nicht einmal einen Berg, auf den wir uns retten können.«

Immer wieder wird die Vergäng­lich­keit der hier gezeigten Lebens­weisen präsent. Immer wieder geht es auch um die Frage, wie man die eigene Identität bewahrt, ange­sichts der herein­bre­chenden Zivi­li­sa­ti­ons­ma­schi­nerie. So spielen die Kinder der Abori­gines zwar Nintendo, auf Schuhe jedoch verzichten sie wie ihre Vorfahren. »Als Kind wusste ich nicht, was Müll ist«, erzählt Lehrerin Lavinia. Inzwi­schen hat sie es gelernt: Müll, dass ist das, was Santa Claas alle zwei Jahre per Fall­schirm über der Insel abwirft. Wer braucht schon abge­tra­gene T-Shirts, an einem Ort, wo Männer und Frauen barbrüstig umher­laufen?

»So ist die Welt, sie ändert dauernd ihre Richtung«, sagt der verschlei­erte Tuareg im Jaunar 2000. Und so bleibt uns viel­leicht nur, einen Moment inne­zu­halten und in uns aufzu­nehmen, was einmal war. Im Dezember letzten Jahres wurde das mikro­ne­si­sche Paradies durch einen Wirbel­sturm zerstört.

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