|
USA/Kanada 2003, 86 Minuten · FSK: ab 16 |
![]() |
| In der Ödnis der Provinz: Hilary Swank |
Doch dies alles entpuppt sich nur als schrille Exposition für eine noch schrillere Geschichte: 11:14 – der Titel von Greg Marcks für nur sechs Millionen Dollar Budget produziertes Regiedebüt verweist auf den Augenblick, der für gleich fünf parallele Handlungen zur Schicksalsminute werden wird: Drei pubertierende Volldeppen machen einen drauf, indem sie vollgedröhnt mit dem Auto durch die Stadt fahren, und aus dem Fenster pinkeln – bevor das bittre Ende kommt, als sie in einen Unfall verwickelt werden. Eine nicht sehr helle Tankstellenbedienung täuscht mit ihrem Freund, einem depperten Maulhelden, einen Überfall vor und schießt sich dazu selber in den Arm, ein Vater mit übertriebenem Beschützerinstinkt vertuscht einen Mord, für den er seine Tochter verantwortlich glaubt, und diese Tochter, die 16-Jährige Dorfschlampe, erpresst gleich zwei junge Männer gleichzeitig mit einer vorgetäuschten Schwangerschaft.
Eine ziemlich verzwickte und komplexe Story ist es, die Regisseur Greg Marcks da ausgetüftelt hat. Alles hängt mit allem zusammen – dieser Typ des Mosaikfilms, den man eigentlich für ein vergangenes Phänomen der 90er Jahre gehalten hatte – von Pulp Fiction über Exotica bis Short Cuts – kommt gerade wieder etwas in Mode: Nach Magnolia war Crash das neueste, schon weitaus weniger ambitionierte Beispiel für eine solche, an die Panoramen des 19. Jahrhunderts angelehnte Technik der Narration, die aus der Macht und dem kuriosen Humor des Zufalls dramaturgische Funken schlägt. Es geht hier also um mehr, als um eine bestimmte Handlung und bestimmte Charaktere – der Regisseur hat offenbar keine geringere Absicht, als das Schicksal und das Leben selbst darzustellen. Mit Crash teilt Marcks in jedem Fall den – aus »old europe«-Sicht – »typisch amerikanischen« alttestamentarischen Moralismus, den Hang dazu, Verstöße seiner Figuren gegen die »Family Values« und andere Normen des besseren Amerika konsequent zu bestrafen – natürlich erst, nachdem seine Kamera und wir Zuschauer uns ein wenig daran weiden durften. Kino als Katharsis könnte man folgern, vielleicht aber auch nur etwas billiger Voyeurismus und insofern von den brüchigen, weitaus offeneren Schicksalsymphonien von Altman, Egoyan oder Anderson weit entfernt.
Auf den zweiten Blick erscheint auch das an diese Beispiele angelehnte Erzählverfahren reichlich banal, fast schon als Taschenspielertrick, mit dem Bedeutung und Komplexität vor allem vorgetäuscht wird. Genau genommen vertäut 11:14 nur fünf, für sich genommen allenfalls mäßig interessante Kurzfilme miteinander, denen der Regisseur für sich genommen zu Recht nicht vertraut. Auch die Umdrehung der Chronologie, mit der sich dieser Film im Krebsgang a la Memento zu seinem auch nicht wirklich überraschenden Ende fortbewegt, erscheint bald vor allem prätentiös.
Immerhin besticht der Film durch seine Darsteller: Im Jahr 2003, als der Film gedreht wurde, war Hilary Swank noch weit von ihrem diesjährigen Oscargewinn entfernt, eigentlich weg vom Fenster, doch ihr Auftritt als unsichere Angestellte knüpft nahtlos an ihre White-Trash-Portraits in Boys Don't Cry und zuletzt Million Dollar Baby an. Auch mit Barbary Hershey und Patrick Swayze gibt es ein erfreuliches Wiedersehen. Den besten Auftritt liefert aber Rachel Leigh Cook als kleine dumme, zugleich bauerschlaue Kleinstadt-Lolita.
Am ehesten lässt sich 11:14 noch als ein etwas zynischer Film über das Grauen der Provinz schätzen: So trist, so sex- und gewaltbesessen stellt man sie sich vor, die Wirklichkeit im allzu oft, gerade von Hollywood verklärten Small-Town-Amerika.