Drachenläufer

The Kite Runner

USA/GB 2007 · 122 min. · FSK: ab 12
Regie: Marc Forster
Drehbuch:
Kamera: Roberto Schaefer
Darsteller: Khalid Abdalla, Atossa Leoni, Shaun Toub, Homayoun Ershadi u.a.
Freunde: Amir und Hassan

»Für Dich noch tausendmal«

Eine Wiese in Amerika. Über ihr stehen in kunter­buntem, wildem Durch­ein­ander Drachen am Himmel. Dann ein Zeit­sprung in die Vergan­gen­heit, und dasselbe Motiv erscheint wieder, diesmal in Afgha­nistan: Vor der Kulisse der satten, bunt belebten Märkte Kabuls springen Knaben hinter den Himmel­rei­tern her, die sie zuvor geschnitten haben. Es handelt sich um einen Wettkampf, der darin besteht, den Drachen anderer Kinder durch geschicktes Manövrieren mit dem eigenen vom Himmel zu holen. Stun­den­lang tänzeln an diesem Tag die bunten Papier­flieger über Kabul, greifen inein­ander, verfolgen sich hektisch, drehen aufein­ander zu, verhaken sich, bis einer zu Boden sinkt. Der Knabe Hassan holt für seinen Freund Amir einen geschnit­tenen Drachen herbei: Für Dich noch tausendmal, sagt er – ein Beweis unver­brüch­li­cher Kame­rad­schaft. Doch das kämp­fe­ri­sche Spiel mündet unver­se­hens in ein schreck­li­ches Verbre­chen, das das Leben der beiden Jungen prägen soll und die Freund­schaft jäh beendet.

Schuld und Sühne, das sind die zentralen Thmen dieses Films, sind untrennbar mit dieser zunächst uner­schüt­ter­lich schei­nenden Freund­schaft verbunden: Amir wird Zeuge, als sein Busen­freund Hassan von einer Horde Straßen­jungen eine Abreibung erhält – sie verge­wal­tigen den Jungen. Sein eigenes untätiges Zusehen erzeugt in Amir ein tiefes, schwer lastendes Gefühl der Schuld. Er verstrickt sich noch tiefer in seinen Verrat am Freund, als er Hassan eines Verbre­chens bezich­tigt, das sein Vater als das schlimmste aller Vergehen gebrand­markt hatte: Diebstahl. Erst viele Jahre später, als Amir in Amerika lebt, sieht er die Chance, seine Schuld zu sühnen eine Schuld, die er in der Ferne scheinbar vergessen hatte.

Die Geschichte von Amir und Hassan liefert die Projek­ti­ons­fläche für eine zwan­zig­jäh­rige Zeit­ge­schichte Afgha­nis­tans. Es ist eine Geschichte von Gewalt, schwe­lender Angst und sinnloser Aggres­sion. Der Film zeigt ein unglaub­li­ches Maß an Grau­sam­keit, die als völlig selbst­ver­s­tänd­lich hinge­nommen wird. Männer halten hier beden­kenlos die Macht in Händen. Nur vorder­gründig scheinen sie ethischen Grund­sätzen zu folgen – gerade einer der Anführer ist ein verkappter Kinder­schänder.

Die schnee­be­deckten Gebirge, von denen Kabul umgeben ist, stehen als male­ri­sche Kulisse im krassen Wider­spruch zu den unglaub­li­chen Verbre­chen, die sich in den von ihnen einge­schlos­senen Tälern abspielen. Viel später, mitt­ler­weile hat das Taliban-Regime in Afgha­nistan Einzug gehalten, wirkt die Land­schaft längst nicht mehr einladend: Die Kamera schwenkt mehrfach in karges Ödlandein – Spiegel der Menschen­un­wür­dig­keit und Verrohung durch das Regime.

Drachen­läufer ist ein Film mit zahl­rei­chen Facetten – und ein Film, der unter die Haut geht. Auf der einen Seite steht die tief empfun­dene Freund­schaft, zugleich mani­fes­tiert sich aber die schwere und scheinbar nicht zu über­win­dende Tat, die letztlich die engen Bande zerstört. Auf der anderen Seite steht die Schuld, derer sich Amir erst spät wieder bewusst wird und auch die Sühne, nach der er sich sehnt. Die Versöh­nung mit seiner Vergan­gen­heit kann er kaum deut­li­cher zum Ausdruck bringen, als dass er für den wieder­ge­fun­denen Neffen, seinem einzigen Anknüp­fungs­punkt zu Hassan, hinter einem geschnit­te­nenen Drachen hinter­her­läuft und dabei jenen Satz Hassans aufgreift, den dieser einst in tiefer Freund­schaft zu Amir gesagt hatte: Für Dich noch tausendmal.

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