The Deep

Djúpið

Schiffbruch der harten Männer

Die Fischer der West­män­ner­in­seln müssen ein anderer Menschen­schlag sein. Das wird einem von Anfang an klar. Wie die Seemänner bei klir­render Kälte in Hemd und Jacke auf ihrer Insel Feste feiern, wie knochen­tro­cken ihnen die Sprüche von der Zunge gehen und wie schnell ihre Fäuste reagieren; anschließend geht man mit dröh­nendem Kopf auf See. Dem Zuschauer sitzt die Kälte bereits im Körper. Die Gischt, die mannshoch gegen das ausfah­rende Schiff schlägt, scheint verdammt nah zu sein. Einer der Männer, die an Bord gehen, ist der Fischer Gulli.

Regisseur Baltasar Kormákur (101 Reykjavik) setzt das Drama The Deep bild­ge­waltig in Szene. Mit düsteren Aufnahmen, einem prägnanten Sound. Minutiös erzählt Kormákur die Geschichte des Fischers, der 1984 nach Kentern seines Schiffes stun­den­lang im eiskalten Wasser schwimmt und als einziger überlebt. Gulli, um den anschließend Presse und Wissen­schaft schar­wenzeln, erweist sich als Anti-Held (Ólafur Darri Ólafsson spielt kongenial eben dieser Fischer) – und er wird dennoch zum Mythos.

In jedem Bild von The Deep ist Kormákurs Liebe zum Meer und den dort lebenden Menschen zu spüren. Es gibt schier über­wäl­ti­gende Natur­auf­nahmen. Dennoch hätte man sich weniger Pathos, weniger Wolfgang-Petersen-Gehabe gewünscht. Das hätte die Geschichte gut verkraftet. Und neben dem Wunder, der Tragödie? Da schlägt Kormákur leise Töne an. En passant wirft er Fragen nach Wirk­lich­keit und Fiktion auf. Was vermag ein Film gegenüber solch einen Mythos zu sagen? Hat er die geeig­neten Mittel, um diese reale Bege­ben­heit aus dem Jahr 1984 adäquat wieder­zu­geben? In dieser Hinsicht spielt Kormákur mit verschie­denen Stil­mittel, insbe­son­dere Super-8-Aufnahmen. Er baut Szenen ein, wo man nicht einschätzen kann, ob sich das real so abge­spielt hat oder abge­spielt haben kann. Etwa wenn Kormákur von einem Vulkan­aus­bruch auf den West­män­ner­in­seln berichtet. In solchen Szenen blitzten uner­wartet mythische Momente in The Deep auf, dann wird die Tragödie weit­mög­lichst real weiter erzählt. Im Abspann schließ­lich werden Original-Aufnahmen einge­spielt, wie Gulli einem Reporter unprä­ten­ziös Inter­views gibt und er sich im Namen der Wissen­schaft auf einem Fahrrad abstramplet. Das vergleicht man damit dem soeben Gesehen – und The Deep hält diesen Original-Aufnahmen erstaun­lich gut stand.                                             

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