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Die Geschichte des ''toten Mannes'' beginnt mit William Blakes
Zugfahrt in den Ort Machine, wo er die Stelle eines Buchhalters antreten
will. In dem Abteil, das er mit wilden Gesellen des Weste(r)ns teilt, wirkt
der junge, feminine Mann im großkarrierten Anzug genauso verloren
wie die Landschaften, die man am Fenster vorüberziehen sieht. Ein Blick
Blakes durch die Jalousie zeigt dem Zuschauer die bizarre Wüste des
Südwestens der USA, ein Zitat einer Westernikone, die im weiteren Film
nicht mehr auftauchen wird. Mit dem Zug verlassen wir die klassischen Wirkungsstätten
von John Ford und John Wayne und begeben uns auf ein neues Terrain: Jim
Jarmuschs Western.
Während der Zugfahrt unterbricht nur der Maschinist das bedrückende
Schweigen im Abteil. Er warnt Blake vor der Endstation Machine und seinen
Bewohnern auf kryptische Weise. Die Berechtigung dieser Warnung wird mit
den ersten Bildern des Ortes deutlich. Wie eine Figur Kafkas erfährt
Blake, daß die ihm garantierte Stelle nicht mehr vakant ist, und
Fabrikbesitzer John Dickinsons doppelläufige Flinte verdeutlicht
Blake, daß er im Unternehmen unerwünscht ist.
Mittellos am Ende der (fremden) Welt wird der tragische Clown Blake
in ein Eifersuchtsdrama verwickelt, in dessen Folge er Dickinsons Sohn
aus Notwehr erschießt.
Blake flieht, schwer verwundet durch eine Kugel nahe am Herzen, aus
der Stadt und trifft auf den Indianer Nobody, der ihn für den Dichter
William Blake hält. In der Zwischenzeit setzt John Dickinson drei
berüchtigte Killer auf Blake an und erklärt ihn so endgültig
zum ''toten Mann''.
Auf der Flucht bewundert Nobody seinen neuen Freund Blake immer mehr
für dessen widerwillig erworbene Schießkünste: viele weiße
Männer und Verfolger werden von Blake ins Jenseits befördert,
bevor dieser nach indianischem Zeremoniell an den Ort der Geister zurückkehrt.
Jim Jarmusch erzählt von einer Reise eines Mannes, der nicht sterben
will. So fremd Blake in dieser Welt ist, so fremd scheint ihm auch das
Sterben. In dem Film ''Blue in the Face'', der z.Zt. auch in unseren Kinos
läuft, erwähnt Jarmusch den Symbolcharakter des Rauchens für
die eigene Vergänglichkeit. Blake wird im Laufe von ''Dead Man''
immer wieder um Tabak gebeten, er hat aber keinen, und die Fragerei geht
ihm sichtlich auf die Nerven. Alle, die diese Frage stellen, sterben noc
h vor Blake, er selbst bekommt erst auf seinem Totenkanu den Tabak beigelegt.
Ob einige Lieder von Neil Young Jarmusch zu diesem Film mitinspiriert
haben sei dahingestellt, sicher ist, daß Youngs Gitarren, akkustisch
brachial verzerrt, die Atmosphäre des Films eindringlich verstärken.
Die Schwere der Thematik ist bei Jarmusch neu, aber auch wenn das Sterben
in diesem Film wehtut, ist es nicht ohne Komik. Wo früher Roberto
Benigni am nächtlichen Lagerfeuer Kaninchen briet und über seine
Mutter philosophierte, verspeist nun der schlimmste aller Killer se inen
allzu schwatzhaften Waffenbruder. Jarmusch bleibt also trotz des ungewohnten
Genres seinem wunderbar lakonischem Stil und der Idee der interkulturellen
Konfrontation treu. Wie in allen seinen Filmen treffen auch in ''Dead
Man'' Leute mit unterschiedlichen kulturellen Lebenserfahrungen aufeinander,
woraus sich immer wieder eine äußerst menschliche Komik entwickelt.
Max Herrmann
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