Dämonen und Wunder – Dheepan

Dheepan

Frankreich 2015 · 115 min. · FSK: ab 16
Regie: Jacques Audiard
Drehbuch: , ,
Kamera: Époine Momenceau
Darsteller: Jesuthasan Antonythasan, Kalieaswari Srinivasan, Claudine Vinasithamby, Vincent Rottiers, Marc Zinga u.a.
Jede Szene eine »starke Botschaft«

Ein Flüchtling sieht Rot

Man lernt in diesem Film, dass Flücht­linge lügen und betrügen. Man sieht und lernt, dass Flücht­linge nicht die sind, für die sie sich ausgeben. Man sieht, dass sie gewalt­tätig sind, dass sie die Kriege, vor denen sie fliehen, mitbringen und in unsere Städte tragen. Man lernt, dass sie von Traumata gequält sind, und dass diese früher oder später ausbre­chen – bei uns! Man lernt, dass manchen von ihnen nicht zu trauen ist, Man sieht Einwan­derer, die mit Drogen dealen und Einwan­derer, die kriminell sind.
Man sieht auch anderes – das stimmt. Aber der über­wie­gende Eindruck ist der schreck­li­cher Neuan­kömm­linge, die man sich doch besser vom Leib hält. Dieses Bild ist schlecht – nicht etwa das, das der Film von der fran­zö­si­schen Republik und ihrer Inte­gra­ti­ons­po­litik entwirft.

Das fran­zö­si­sche Einwan­der­er­me­lo­dram Dheepan, für das Jacques Audiard, der ameri­ka­ni­sier­teste unter den fran­zö­si­schen Auto­ren­fil­mern, im Mai leider die die Goldene Palme gewann, war im Festival nicht gut ange­kommen. Das ist kein Argument für irgend­etwas, im Zusam­men­hang aber doch inter­es­sant. Noch einen Tag vor der Preis­ver­lei­hung hatte es für den neuen Film von Audiard (De battre mon coeur s'est arrêté, Un prophète), norma­ler­weise ein Liebling der fran­zö­si­schen Kinoszene, auch in den Zeitungen seines Heimat­landes eher schlechte Kritiken gehagelt.

Und zumindest auf künst­le­ri­scher Ebene scheint das auch berech­tigt: Denn Dheepan ist ein überaus senti­men­taler Film, der lieber Botschaften predigt, als zu beob­achten, der wenig sensibel wirkt, eher forciert. Zuviel Loach ist in diesem Film, zuviel Predigt. Und zu wenig Wirk­lich­keit, zu wenig Beob­ach­tung, viel zu wenig Neugier. Behaup­tung statt Realismus, der das Leben möglichst direkt spiegelt, der durch die Leinwand hindurch blickt.

Der Held des Films gibt dem Film den Titel. Aber schon das ist doppel­bödig, denn Dheepan (mit unver­gess­li­chem Stoi­zismus gespielt von Antonythasan Jesuthasan) nennt sich nur so – nach einem Toten, dessen Pass er an sich nimmt. Seine wahre Identität erfahren wir nie. Wir wissen nur: Dheepan kommt aus Sri Lanka, war Mitglied der terro­ris­ti­schen »Tamil Tigers«. Und er flüchtet vor dem dortigen Bürger­krieg, begleitet von einer fremden Frau (Kalie­as­wari Srini­vasan) und einem Kind (Claudine Vinasit­hamby), das auch nicht seines ist, sondern eigens in einem Waisen­haus gesucht wurde, weil man als »Familie« bessere Chancen auf Asyl in Europa hat. In Frank­reich ange­kommen geben sich die drei dann so als eine Familie aus und erhalten eine Wohnung in einer Banlieue, in der ein Banden­krieg zwischen arabisch-afri­ka­ni­schen Drogen­gangs tobt. Dheepan wird dort Haus­meister, und gewöhnt sich an diese Patchwork-Familie, die seine neue »echte« Familie wird. Yalini heuert als Haus­halts­hilfe beim kranken Vater eines Gangsters an, der die Platte beherrscht. Und das Mädchen muss sich in der Schule durch­setzen, sich aus der Inte­gra­ti­ons­klasse heraus­kämpfen und Fran­zö­sisch lernen, um das Blei­be­recht zu gewähr­leisten: Inte­gra­tion oder Auswei­sung.
Hier ist der Film relativ stark, denn er zeigt Fremdheit aus Sicht der Ankömm­linge: Ihnen ist nicht nur die neue Heimat Frank­reich fremd, sondern erst recht das Ghetto der anderen Einwan­de­r­er­kultur. Eine Vorstel­lung davon, was nun in ihren Köpfen und Herzen vor sich geht, lässt sich nur aus ihren fassungslos blickenden Gesich­tern gewinnen. Dheepan und Yalni sind dieser Welt, in die sie geflüchtet sind, völlig fremd, hier am Fenster wird diese Fremdheit augen­schein­lich. Zunehmend eska­lieren die Verhält­nisse in Dheepans Wohnblock. Und der Haus­meister kann die bösen Kinder weder bändigen, noch zivi­li­sieren und greift deshalb notge­drungen zu anderen, gewalt­tä­ti­geren Mitteln.

Dheepan ist anzu­rechnen, dass er die vielen auf den Nägeln bren­nenden Sujets Migration und Inte­gra­tion in den Blick nimmt – wie er das tut, ist aber mindes­tens unaus­ge­goren. Der Film verkündet in jeder Szene eine »starke Botschaft« – nur für was jetzt nochmal genau?
Denn auch, wenn Auduard mit seiner Haupt­figur sympa­thi­siert, sind die Migranten in dem Film meist genau so, wie sie auch die rechts­ex­tre­mis­ti­sche Front National gern beschreibt: Sie täuschen und belügen die Behörden, erschlei­chen sich mit falschen Iden­ti­täten zu Europa und seinen Sozi­al­leis­tungen, sie bleiben am liebsten unter sich, sie sind faul, und entweder dumm, oder kriminell und latent gewalt­be­reit. Sie tragen den Krieg aus ihren Ländern in unsere Städte, und zwischen den Zuständen in den Banlieus und denen im tami­li­schen Dschungel, oder in denen im Gaza-Streifen. Der Staat hingegen macht auf der Leinwand, wenn er denn auftaucht, immer alles richtig. Dem Staat, das zeigt der Film deutlich, fehlt es nicht an gutem Willen – er ist nur über­for­dert.

So ist Dheepan ein ungleich­ge­wich­tiger, mit Hand­lungs­wen­dungen voll­ge­pfopfter Film, der Fremdheit und Migration zum Thema macht, dabei aber gele­gent­lich in den Klischees des Sozi­al­dramas hängen­bleibt, der sich einer­seits politisch engagiert gibt, ander­seits auch recht speku­lativ. Das wird besonders im gewalt­tä­tigen, blutigen, harten Finale deutlich.

Denn irgend­wann über­nehmen dann doch Audiards schlech­teste Eigen­schaften, übernimmt sein Hang zu Kitsch und Exploi­ta­tion, sein schlechter Geschmack das Zepter, der Film reißt sich die Maske des Enga­ge­ments herunter und zu sehen ist die Fratze eines der letzten Liam-Neeson-Filme. Da spürt man: Audiard ist endlich bei sich, jetzt kann er wüten und verwüsten, ohne Rücksicht auf Verluste. Eigent­lich, seien wir ehrlich, macht er das in all seinen Filmen so.

Zuvor mischte die Tonspur die exotis­ti­schen Erwar­tungen des Publikums durch Rap und ceylo­ne­si­sche Musik mit Vivaldis Well­ness­klassik, die im Kino immer gut kommt. Dann wird geballert

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Der Krieg im Herzen

Gut Ding will Weile haben: Erstmals wurde ein größeres Publikum auf den 1952 geborenen Jacques Audiard aufmerksam, als im Jahre 2005 dessen Drama Der wilde Schlag meines Herzens in die Kinos kam. Der inter­na­tio­nale Durch­bruch gelang dem fran­zö­si­schen Filme­ma­cher sogar erst vier Jahre später mit dem Mafia-Thriller Ein Prophet (2009). Jetzt gewann Audiard für Dämonen und Wunder – Dheepan (2015) sogar die Goldene Palme in Cannes. Eine berech­tigte Entschei­dung.

Der Film zeigt, wie der Bürger­krieg in Sri Lanka drei Unbe­kannte zu einer Zweck­ge­mein­schaft zusam­men­fügt, die sich als eine Familie ausgibt, um in Frank­reich Asyl zu erhalten. Dies gelingt. Doch in den herun­ter­ge­kom­menen Wohn­blocks in der Banlieue von Paris, wo sie unter­kommen, herrschen ebenfalls kriegs­ähn­liche Zustände. Dabei will der einstige tami­li­sche Tiger Dheepan (Jesuthasan Antonythasan) nur ein ruhiges Leben als Haus­meister führen und auch die zunächst von allem über­for­derte Yalini (Kalie­as­wari Srini­vasan) nimmt mit der Betreuung des allein­ste­henden, dementen Habib (Faouzi Bensaïdi) schließ­lich eine Arbeit im Block an. Am leich­testen fält die Inte­gra­tion der neun­jäh­rigen Waisen Illayaal (Claudine Vinasit­hamby), die sich freut, zur Schule gehen zu dürfen. Dafür leidet sie unter der Kälte ihrer angeb­li­chen Mutter.

Erstmals sorgten die Banlieues für inter­na­tio­nales Aufsehen, als diese bei den Unruhen von Paris im Jahre 2005 in Flammen standen. Damals gingen Bilder um die Welt, wie man sie von den west­li­chen Indus­trie­na­tionen bisher nur von den USA kannte. Dass solche bürger­kriegs­ähn­li­chen Zustände plötzlich mitten im Herzen von Europa ausbra­chen, war ein gewal­tiger Schock. In Dheepan zeigt Jacques Audiard, dass der Bürger­krieg in den Banlieues in Wahrheit konstant latent vorhanden ist und dass jederzeit ein einziger Tropfen das Fass erneut zum Über­laufen bringen kann.

Trotzdem verur­sacht es Magen­schmerzen erkennen zu müssen, wie aktuelle Dheepan innerhalb kürzester Zeit wieder geworden ist. Mit den Atten­taten von Paris in diesem Jahr hat sich erneut mit Schrecken gezeigt, auf welchem Pulver­fass wir sitzen. Zwar geht es in Dheepan nicht um reli­giösen Funda­men­ta­lismus, sondern vorrangig um die Bedrohung durch Drogen­dealer, welche die Kontrolle über ihr Viertel über­nommen haben. Aber, dass so eine verzwei­felte Situation jegliche Art von Fana­tismus fördert und im Extrem­fall sogar Kurz­schluss­hand­lungen provo­zieren kann, zeigt sich anhand des namens­ge­benden Prot­ago­nisten Dheepan, der in seiner neuen Heimat einen heftigen Kampf mit seinen inneren Dämonen austrägt.

Das Scheitern der Inte­gra­tion am mangelnden Willen von Seiten des fran­zö­si­schen Staats wird in Dheepan am Beispiel der neun­jäh­rigen Illayaal deutlich. Zuerst kommt das aufge­weckte Mädchen in eine „Inte­gra­ti­ons­klasse“, was bedeutet, dass dort fast nur Ausländer sind. Dass sie kurze Zeit später den Wechsel in eine normale Klasse – also eine mit Franzosen schafft – geschieht nicht aufgrund ihrer staat­li­chen Förderung, sondern trotz der Abwe­sen­heit einer solchen. Aber der Augen­blick, als Illayaal erstmals ihre „Inte­gra­ti­ons­klasse“ betritt und fast nur Farbige und Asiaten sieht, ist ein einma­liger Moment bitterer Heiter­keit der wortlosen Erkenntnis als Fremde »Fremdheit« zu erfahren

In letzterer liegt eine der größten Stärken von Dheepan: Auf fantas­ti­sche Weise hat sich Audiard die Perspek­tive seiner Prot­ago­nisten zu eigen gemacht, die zunächst dadurch geprägt ist, dass sie in Frank­reich kein Wort verstehen. Die Kamera von Éponine Momenceau – der hier sein Spiel­film­debüt gibt – übernimmt den forschenden Blick der Neuan­kömm­linge, die zunächst ohne die Hilfe von Sprache die sie umgebende Welt in sich aufnehmen und zu verstehen suchen. Ein tastender Blick über die Haus­dächer zeigt bewaff­nete Posten. Bei einem eska­lie­renden Konflikt kann man nur vermuten, was der Auslöser dafür ist.

Auf der anderen Seite offenbart sich im Mikro­kosmos dieser Zweck­fa­milie ein großer Reichtum, der in starkem Kontrast zu ihrer kalten und abwei­senden Umgebung steht. Obwohl sie noch nicht einmal genug Geld haben, um sich ihre karge Wohnung richtig einzu­richten, zeugen doch die wenigen bunten Tücher aus ihrer Heimat davon, dass sie aus einer Welt kommen, die – jenseits des mörde­ri­schen Bürger­kriegs – voller Schönheit und voller Reichtum an Licht, Farben und an Haptik ist. Es ist dieser Reichtum, den zu erschließen sich die fran­zö­si­sche Gesell­schaft so schwer tut.

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