Carrie

USA 2013 · 100 min. · FSK: ab 16
Regie: Kimberly Peirce
Drehbuch: ,
Kamera: Steve Yedlin
Darsteller: Julianne Moore, Chloë Grace Moretz, Gabriella Wilde, Portia Doubleday, Alex Russell u.a.
Solide und züchtige Horrorkost

Entkernter Horror

Die Welle an Neuver­fil­mungen bekannter US-Horror­klas­siker aus den 70er- und 80er-Jahren reißt nicht ab. Dabei variiert die Qualität der Remakes stark. Kimberly Peirces neue Version von Carrie empfiehlt sich immerhin für einen längst über­fäl­ligen Titel für das über­flüs­sigste und ärger­lichste Remake seiner Art.

Bekann­ter­maßen ist nicht alles Gold, was glänzt und auch nicht jeder bekannte US-Horror­klas­siker der 70er- und 80er-Jahre besticht durch seine tatsäch­li­chen filmi­schen Qualitäten. Oftmals ist es mehr die rohe, unge­fil­terte Kraft dieser Werke und die schlichte Tatsache, dass sie die ersten Filme ihrer Art waren, die Low-Budget-Streifen wie Wes Cravens The Hills Have Eyes (1977) zu Genre-Klas­si­kern hat werden lassen. Deshalb ist es weder verwun­der­lich, noch von vorn­herein verwerf­lich, dass Hollywood sich seit Jahren daran macht, scheinbar den gesamten Katalog dieser zumeist schmut­zigen, kleinen Filme, die zu ihrer Zeit zumeist in herun­ter­ge­kom­menen Bahn­hofs­kinos liefen, neu zu verfilmen. Keines­wegs jedes dieser Remakes ist miss­glückt oder über­flüssig. Da die tatsäch­liche Messlatte in Wirk­lich­keit oftmals alles andere als hoch hängt, gelingen zum Teil Neufas­sungen, die dem Original eben­bürtig oder sogar überlegen sind. Ein gutes Beispiel aus der jüngeren Zeit hierfür ist Frank Khalfouns Maniac, ein Remake von William Lustigs gleich­na­migen Slasher aus dem Jahre 1980. Auch wenn diese Neuver­fil­mung nicht frei von Makeln ist, so ist Khalfoun doch eine zeit­ge­mäße Neuin­ter­pre­ta­tion des alten Materials gelungen, die sehr eigen­s­tändig neben dem berüch­tigten Original steht.

Im Falle von Brian De Palmas Carrie – Des Satans jüngste Tochter von 1976 sieht die Sachlage jedoch voll­kommen anders aus. Dieser Horror­klas­siker brachte für De Palma den kommer­zi­ellen Durch­bruch und gilt bis heute als eine der gelun­gensten Stephen-King-Verfil­mungen und als einer der besten Horror­filme aller Zeiten. Trotz eines für aktuelle Verhält­nisse vergleichs­weise beschränkten Budgets überzeugt De Palmas Version von Carrie noch heute auf ganzer Linie aufgrund der überz­eu­genden Darsteller und aufgrund De Palmas virtuoser Regie­ar­beit. Szenen, wie der Abschluss­ball sind bis ins letzte Detail hinein ausge­ar­beitet und zugleich von einer Eleganz und von einer Flüs­sig­keit, die den Film zu einem zeitlosen Lehrstück für eine perfekte Insz­e­nie­rung machen. Auch ist dieses Meis­ter­werk auf ganz verschie­dene Weise lesbar. De Palmas Carrie überzeugt einer­seits als ein klas­si­scher Tennie-Horror­film. Darüber hinaus ist der Film aber auch lesbar als eine Anpran­ge­rung eines erdrü­ckenden gesell­schaft­li­chen Konfor­mitäts­drucks und eines bedroh­li­chen reli­giösen Fana­tismus. Schließ­lich kann die Handlung auch als Angst­fan­tasie eines puber­tären Mädchens verstanden werden, womit sich Carrie als ein ameri­ka­ni­scher Seelen­ver­wandter des tsche­chi­schen Märchens Valerie – Eine Woche voller Wunder aus dem Jahre 1970 entpuppt.

Carrie – Des Satans jüngste Tochter gehört somit zu genau der Kategorie von Filmen, die ein jedes Remake von vorn­herein über­flüssig erscheinen lässt. Trotzdem hat Kimberly Peirce die große Heraus­for­de­rung ange­nommen und versucht den Stoff zu moder­ni­sieren. Was dabei heraus­ge­kommen ist, gleicht bei ober­fläch­li­cher Betrach­tung auf derart frap­pie­rende Weise dem Original, dass sich die Frage stellt, wozu der ganze Aufwand eigent­lich notwendig war. Wer De Palmas Version des Films jedoch kennt und schätzt, der wird zu seiner großen Verär­ge­rung fest­stellen, dass in der Neuver­fil­mung auf fast schon hinter­häl­tige Art praktisch alles entfernt wurde, was den ursprüng­li­chen Carrie zu dem unwi­der­steh­li­chen Meis­ter­werk macht, das der Film ist. Immerhin wird die Gene­ra­tion von Kino­be­su­chern, die das Original nicht mehr kennt, in Peirces Carrie den relativ unin­spi­rierten, aber dennoch grund­so­liden Horror­film sehen, welcher das Remake im direkten Vergleich mit anderer US-Stan­gen­ware dann doch noch ist.

Das Remake beginnt damit, dass Margaret White (Julianne Moore) zuhause im Bett ohne Hilfe einer Hebamme die kleine Carrie zur Welt bringt. Doch die psychisch gestörte religiöse Fana­ti­kerin sieht in dem Kind eine Frucht des Bösen und ist versucht das Baby mit einer Schere zu erstechen. Die alleine mit ihrer Mutter lebende Carrie (Chloë Grace Moretz) ist auch mit 16 Jahren noch voll­kommen unauf­ge­klärt. Gerät in Panik, als sie nach dem Sport­un­ter­richt unter der Dusche ihre erste Periode bekommt. Die anderen Mädchen lachen Carrie aus und bewerfen sie mit Tampons. Die Rädels­füh­rerin Chris Hargensen (Portia Doubleday) nimmt die Szene sogar mit ihrer Handy­ka­mera auf und stellt das Video ins Internet. Als die Sport­leh­rerin Miss Desjardin (Judy Greer) dies erfährt, schließt sie Chris vom Abschluss­ball der Schule aus. Um sich hierfür an Carrie zu rächen schmiedet Chris gemeinsam mit ihrem Freund Billy Nolan (Alex Russell) einen gemeinen Plan. Doch Chris' Freundin Sue Snell (Gabriella Wilde) schämt sich für den Vorfall in der Mädchen­du­sche. Deshalb überredet sie ihren Freund, den Mädchen­schwarm Tommy Ross (Ansel Elgort), nicht mit ihr, sondern zusammen mit Carrie zum Abschluss­ball zu gehen. So nimmt die Kata­strophe unwei­ger­lich ihren Lauf...

Bei Brian De Palma wird die Dusch­szene durch eine der berühmten Kame­ra­fahrten einge­leitet, für die der Regisseur berühmt ist. Der unver­hohlen voyeu­ris­ti­sche Blick gleitet vorbei an jungen, nackten Frauen, die sich unbe­schwert im Umklei­de­raum bewegen. Dann fällt der Blick auf die nackte Carrie, die sich unter der Dusche wäscht, wobei plötzlich Blut sichtbar wird. Mit dieser perfekten Eröffnung wird gleich deutlich, dass dieser Film als Subtext die erwa­chende Sexua­lität einer jungen Frau behandelt. Kimberly Peirce zeigt in ihrer »Neuin­ter­pre­ta­tion« die gleiche Szene, aller­dings ohne De Palmas geschmei­dige Kame­ra­fahrt oder sonstige Finesse in der Insz­e­nie­rung. Auffällig ist auch, dass in der Neufas­sung alle Mädchen sowohl beim Duschen, als auch in der Umkleide bekleidet sind, was erstens nicht besonders realis­tisch erscheint und womit darüber hinaus auch deutlich wird, dass Sexua­lität in diesem von Sexua­lität handelndem Film offenbar uner­wünscht ist. Hier wurde eindeutig weniger auf inhalt­liche Stringenz, als auf eine ziel­grup­pen­ge­rechte Alters­frei­gabe in den USA geschaut.

Dafür wird die Bösar­tig­keit des Verhal­tens der Mädchen in dieser Szene im Remake dadurch gestei­gert, dass die Szenerie per Handy­ka­mera aufge­nommen und ins Internet gestellt wird. Diese nahe­lie­gende Idee ist nicht nur aufgrund des aktuellen Booms von Found-Footage-Horror-Filmen zwar alles andere als originell. Aber immerhin ist diese Neuerung im Kontext der Hand­lungs­ent­wick­lung als eine drama­ti­sche Stei­ge­rung effektiv. Dies ist auch bereits so ziemlich die einzige Moder­ni­sie­rung, die im Remake von Carrie tatsäch­lich Sinn ergibt. Die größte Differenz zum Original besteht in der Neufas­sung nämlich darin, dass alles Irra­tio­nale, Mystische und Wider­sprüch­liche komplett getilgt wurde und durch eine banale Eindeu­tig­keit ersetzt wurde. Peirce reduziert die gesamte Handlung einfach auf einen simplen Rache-Plot. All die sexuellen Anspie­lungen und mysti­schen Asso­zia­tionen mussten weichen. Das so entstan­dene Vakuum versucht die Regis­seurin wie derzeit üblich mit möglichst plaka­tiver Gewalt wieder aufzu­füllen. 

Auch gibt es in der Neuver­fil­mung kein Ereignis, das sich nicht sehr frühz­eitig über­deut­lich ankündigt. Gleich zu Beginn sieht man eine Bibel auf einer Treppe, dann die in ihrem eigenen Blut liegende Mutter, die zwischen ihren Beinen ein Baby entdeckt. Aber weil das alles noch einen letzten Rest an Zweifel lassen könnte, mit was für einer Frau man es hier zu tun hat, richtet diese bereits im nächsten Moment eine übergroße Schere auf das Neuge­bo­rene. Ein Graus. Auch Carries Entwick­lung tele­ki­ne­ti­scher Kräfte ist natürlich nicht so langsam, dass der Zuschauer eventuell noch selbst etwas zum Nach­denken hätte. Nein, hier klirrt das zersprin­gende Glas nicht, sondern es kracht. Damit auch wirklich noch der Letzte versteht, was da gerade vor sich geht, liest Carrie nicht nur Wälzer um Wälzer über Tele­ki­nese, sondern doziert auch noch fleißig aus dem Inhalt dieser Bücher. Und sobald diese Superfrau mit ihren beein­dru­ckenden Super­kräften einmal ein paar Messer oder andere Objekte zum höchst kontrol­lierten Schweben bringt, wird die Bedeu­tungs­schwere dieser Tat noch von über­lauten Sound­ef­fekten unter­stri­chen.

Die äußerst hübschen Chloë Grace Moretz in der Rolle von Carrie hat so rein gar nichts von dem häßlichen kleinen Entlein aus Stephen Kings Geschichte und aus Brian De Palmas Film. Deshalb ist Carries Außen­sei­ter­rolle in der Neuver­fil­mung auch wesent­lich schwerer greifbar. Angeblich soll so gezeigt werden, dass Carries Selbst­bild aufgrund der perma­nenten Attacken durch die pycho­ti­sche Mutter so sehr gestört ist, dass sie sich selbst als unat­traktiv wahrnimmt und dies deshalb auch ausstrahlt. Wahr­schein­li­cher ist da doch eher, dass man als Prot­ago­nistin unbedingt ein Eye Candy plazieren wollte, auch wenn dies auf Kosten der Glaub­wür­dig­keit geht. Im Original wurde Carries Antago­nistin Chris Hargensen auch durch die eindeutig hübschere Nancy Allen verkör­pert, die De Palma später sogar heiratete. In der Neuver­fil­mung ist Portia Doubleday in dieser Rolle einfach nur hässlich und gemein. Das bzw. die Gute und die Böse müssen in diesem auf dumpfe Über­deut­lich­keit Wert legenden Film offen­sicht­lich bereits in ihrer Erschei­nung erkennbar sein. Wahr­schein­lich der poli­ti­schen Korrekt­heit zuliebe dürfen am Ende auch nur die wirklich Bösen bestraft werden und selbst die Rache gibt sich nach Möglich­keit als eine zwar unge­wöhn­liche, aber effektive Form der Selbst­ver­tei­di­gung.

Wie gesagt: kennt man Brian De Palmas Origi­nal­ver­fil­mung nicht, so ist Kimberly Peirces Version von Carrie immer noch solide Horror­kost. Doch dem echten Gourmet kann bei diesem fiesen filmi­schen Fast-Food schon recht übel werden.

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