Cake

USA 2014 · 102 min. · FSK: ab 12
Regie: Daniel Barnz
Drehbuch:
Kamera: Rachel Morrison
Darsteller: Jennifer Aniston, Adriana Barraza, Anna Kendrick, Sam Worthington, Mamie Gummer u.a.
Jennifer Aniston in einer Charakterrolle

RomCom-Queen auf Schmerz

Wenn jede Bewegung schmerzt, jeder Gedanke von Kummer dominiert wird und das Leben nur noch als eine Qual erscheint, kann die Anwand­lung, diese Welt hinter sich zu lassen, durchaus verlo­ckend sein. Grup­pen­the­rapie: Die junge Mutter Nina (Anna Kendrick), die an den regel­mäßig statt­finden Treffen teilnahm, hat das Leben nicht mehr ausge­halten und den Suizid gewählt. Die bestür­zten Grup­pen­mit­glieder sollen nun ihre Gedanken mitein­ander teilen und den tragi­schen Todesfall zusammen mit der bemühten Psycho­login (Felicity Huffman) verar­beiten. Doch die an chro­ni­schen Schmerzen leidende Claire Bennett (Jennifer Aniston) spult statt­dessen mit tiefernster Miene und spöt­ti­schem Gestus einfach nur die traurigen Fakten zu Ninas Freitod und zur Rück­füh­rung ihres Körpers aus Mexiko in die USA herunter, um die emotio­nalen Reden der anderen Frauen nicht mehr ertragen zu müssen. Nach der einfüh­renden Sequenz ist das Interesse an dieser zutiefst sarkas­ti­schen Frau geweckt, welche in ihrem direkt- belei­di­genden Verhalten an den Vicodin-Abhän­gigen Dr. Gregory House erinnert. So wie der heraus­ra­gende Diagnos­tiker und Menschen­feind in der Fern­seh­serie »Dr. House« ist auch Claire immerzu mit Schmerzen konfron­tiert und nutzt alle Mittel und Möglich­keiten, um Schmerz­blo­cker und Beru­hi­gungs­mittel zu beziehen – da werden Ärzte belogen und auch schon mal die Haus­häl­terin für frag­wür­diges Medi­ka­men­ten­shop­ping in Mexiko einge­spannt.

Tell me a story where ever­y­thing works out in the end for the evil witch (Claire Bennett)

Nach ihrem herzlosen Monolog über die verstor­bene Nina regt die zustän­dige Psycho­login an, dass Claire sich doch bitte eine andere Gruppe suchen solle. Genauso wie die Damen der Thera­pie­gruppe, haben auch alle anderen Personen in Claires Umfeld unter ihrem Missmut und ihrer Boshaf­tig­keit zu leiden, so dass nur noch ihre lang­jäh­rige Haus­häl­terin Silvana (Adriana Barraza) treu zu ihr hält. Für die miss­mu­tige Prot­ago­nistin, die in jeder Szene in Regisseur Daniel Barnz Drama Cake im Zentrum des Gesche­hens steht, stellt sich die Frage, warum sie in Anbe­tracht ihrer perma­nenten physi­schen wie psychi­schen Leiden, noch unter den Lebenden weilen soll. Dabei entwi­ckelt Claire ein obses­sives Interesse an der verstor­benen Nina, sucht den Ort ihres Freitodes auf und versucht mit dem Witwer in Kontakt zu treten, um mehr über die verzwei­felte Ehefrau und Mutter zu erfahren, die in Claires Tagträumen auf sie einredet.

Als Spezia­listin für roman­ti­sche Komödien und erfolg­reichstes Mitglied der ehemals umju­belten »Friends«-Clique darf Jennifer Aniston (Marley & ich) als emotional und körper­lich ausge­brannte, ehemalige Anwältin Claire einmal fern ihrer üblichen Rollen ihr schau­spie­le­ri­sches Talent unter Beweis stellen. Mit ihrem engagiert- furcht­losen Spiel macht Aniston annähernd greifbar, wie zermür­bend sich eine Existenz unter chro­ni­schen Schmerzen darstellt und lässt an der bestän­digen inneren Unruhe, die mit einem Bedürfnis nach immer stärkeren Medi­ka­menten einher­geht, teilhaben. Claires Art ist dabei oftmals unaus­steh­lich, doch lässt der offen­sicht­liche hohe Leidens­druck, der unter der abwei­senden äußeren Hülle aus Wut und Sarkasmus brodelt, auch Vers­tändnis und Mitgefühl für die gezeich­nete Frau aufkommen. 

Doch auch wenn Aniston eine beein­dru­ckende schau­spie­le­ri­sche Leistung zeigt, kann Regisseur Daniel Barnz' (Beastly) zwischen gedämpften Blau- und Grautönen chan­gie­render Film nicht wirklich ergreifen – dafür ist Cake zu eindeutig auf seine Leading Lady und ihren (unerfüllt geblie­benen) Oscar-Traum hin ausge­richtet. Bei der extremen Fixierung auf die schwer­mü­tige Prot­ago­nistin kommen Claires Bezugs­per­sonen schlicht zu kurz und erscheinen als lieblos entwor­fene Figuren einer Drama- Fertig­back­mi­schung. Adriana Barraza macht dabei noch das Beste aus ihrer Rolle der herz­ens­guten Silvana und etabliert sie als emotio­nalen Ruhepol des Filmes, auch wenn die Figur der fürsorg­li­chen Haus­häl­terin direkt aus einem Dreh­buch­kurs zu entspringen scheint. William H. Marcy darf derweil nur kurz auftreten, um als Auslöser für einen hyste­ri­schen Gefühls­aus­bruch zu fungieren, der wohl auf Grund von Anistons Oscar-Ambi­tionen in die, an sich ohne Über­dra­ma­ti­sie­rungen auskom­mende Story inte­griert wurde. Die reine Funk­tio­na­li­sie­rung der Neben­fi­guren macht auch vor dem trau­ernden Witwer, der Claires Situation spiegeln darf, sowie ihrem farblos agie­renden Gatten nicht halt. Der aufstre­benden Anna Kendrick wird gar die undank­bare Aufgabe zuteil, als verstor­bene Nina in Claires Tagträumen dafür herhalten zu müssen, dass die Lebens­zweifel der Prot­ago­nistin auch klar genug kommu­ni­ziert werden. Dieser Dreh­buch­kniff zur Offen­ba­rung der Gedan­ken­gänge der leidenden Claire erweist sich als unnötig – reicht doch schon das schmer­z­verz­ehrte Gesicht Anistons aus, um den Leidens­druck und die Todes­sehn­sucht der Prot­ago­nistin zu begreifen.

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