Brothers in Trouble

Großbritannien 1995 · 104 Minuten · FSK: ab 12
Regie: Udayan Prassad
Drehbuch:
Kamera: Alan Almond
Darsteller: Om Puri, Angeline Ball, Pavan Malhorta u.a.

Leben in Angst

Amir (Pavan Malhorta) ist der Neue unter den 19 illegalen Einwan­de­rern aus Indien, die im England der sechziger Jahre ein altes Haus bewohnen. Wie auch für die anderen war es der Traum von Wohlstand und einer besseren Zukunft, der Amir in die ehemalige Kolo­ni­al­macht lockte. Mit ihm wird der Zuschauer in das Leben dieser Männer in einer engen, fremden Welt einge­führt. Aufgrund ihres recht­losen Status werden sie auch immer Fremde bleiben, jeder Kontakt zur Außenwelt birgt schließ­lich das Risiko, ausge­wiesen zu werden. So kann der Einkauf im Super­markt, wie ein Spazier­gang durch die Stadt, zur exis­ten­ti­ellen Gefahr werden.

Bald muß Amir erkennen, daß unter diesen Bedin­gungen Unter­drü­ckung und Ausbeu­tung durch Arbeit­geber und »Flucht­helfer« zur Tages­ord­nung gehören. Es geht für die Männer nicht um Assi­mi­la­tion in einer neuen Kultur, sondern um reine Unter­wer­fung, die ihnen das Überleben in einer gesell­schaft­li­chen Nische ermög­licht. Sie entwi­ckeln so streng einzu­hal­tende Regeln, von der Hier­ar­chie innerhalb der Gruppe bis zum Ablauf der Woche, die außer Arbeit nur den sonn­täg­li­chen Kino­be­such und anschließende »Verg­nü­gungen« mit einer Nutte beinhaltet. Ihr geringes Selbst­be­wußt­sein beziehen die Männer aus der Tatsache, daß es ihnen gelingt, ihre in der Heimat geblie­benen Familien zu ernähren, und aus dem starken Zusam­men­halt der Gruppe. Dieser Zusam­men­halt wird durch die junge Englän­derin Mary (Angeline Ball) gefährdet, die mit dem Oberhaupt der Gruppe (Om Puri) im Haus zusam­men­zieht. Bald prallen musli­mi­sche Rollen­vor­stel­lungen mit dem Selbst­be­wußt­sein der recht eman­zi­pierten Frau aufein­ander. Die Lage spitzt sich zu.

Das Debüt des Regis­seurs Udayan Prasad vermit­telt in nüch­ternen Bildern die bedrü­ckende Lage der illegalen Einwan­derer. Prasad entwi­ckelt seine Geschichte mit ange­mes­sener Lang­sam­keit, die Zuspit­zung der Situation, die Schritt für Schritt statt­findet, wirkt so sehr plausibel. Auch wenn die Geschichte der Inder um einiges düsterer ist als die frühen Filme eines Stephen Frears, so erinnert der Film doch an die realis­ti­sche und lako­ni­sche Erzähl­weise, die auch Mein wunder­barer Wasch­salon oder Sammy und Rosie tun es auszeichnen. Ebenso entsteht in Brothers in Trouble durch das Aufein­an­der­prallen der fremden Kulturen eine Situa­ti­ons­komik, wie zum Beispiel beim wöchent­li­chen Kino­ri­tual.

Mit der Haupt­figur Amir gelingt es, den Zuschauer in die seltsame Welt dieser Männer einzu­führen. Denn auch der Neuan­kömm­ling Amir ist ein Zuschauer, der sich über die Verhal­tens­weisen seiner »Brüder« wundert. Jedoch wird Amir bald zu einer unan­ge­nehmen Iden­ti­fi­ka­ti­ons­figur, denn anstatt auf heroische Weise die Lebens­si­tua­tion der Männer zu verbes­sern (so wie das jede anstän­dige Haupt­figur in einer Holly­wood­pro­duk­tion getan hätte), bleibt er ein Mitläufer. Wie ein Chronist beob­achtet er die Entwick­lungen des Gesche­hens ohne einzu­greifen und erst am Ende der Geschichte springt er über seinen Schatten und handelt. Dieses eigen­s­tän­dige Handeln bringt ihm dann das Selbst­ver­trauen, das ihm die Fremde als Heimat erschließen lassen kann. Jetzt hat er das Selbst­be­wußt­sein seine Rechte einzu­for­dern und die Chance, auch die Schönheit seiner neuen Umwelt zu erkennen. Der Stein, der ihm (und dem Zuschauer) dabei vom Herzen fällt, ist bis in die letzten Reihen des Kinos zu hören.

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