Blue Valentine

USA 2010 · 112 min. · FSK: ab 12
Regie: Derek Cianfrance
Drehbuch: , ,
Kamera: Andrij Parekh
Darsteller: Ryan Gosling, Michelle Williams, Faith Wladyka, Mike Vogel, Marshall Johnson u.a.
Last kisses

Liebe, Trennung, Kino

Melan­cho­li­sche Musik erklingt, dazu geht ein Feuerwerk los. Fest­lich­keit und Trauer gehen zusammen in dieser Szene, in der die schönsten Momente der Beziehung zwischen Cindy und Dean noch einmal zu sehen sind. Da ist – ausge­rechnet am ameri­ka­ni­schen Unab­hän­gig­keitstag, dem 4. Juli – alles gerade endgültig vorbei: Die Liebe zwischen Dean und Cindy und dieser Film, der von ihr erzählt. Dass alles so enden muss, das ist von Anfang an klar. Denn das Fami­li­en­glück, das in den ersten Szenen gezeigt wird, ist schnell als brüchig entlarvt.

Die ersten Momente von Blue Valentine zeigen uns ein Paar, das seit einigen Jahren zusam­men­lebt, eine Tochter hat, ein kleines Haus, und dessen ganzes Leben mehr schlecht als recht so gerade noch funk­tio­niert. Aber ihre Gesichter sind grau und müde, die Beziehung ist mürbe geworden, so brüchig, wie das Haus in dem sie wohnen.

Dabei hatte alles so schön, so roman­tisch begonnen. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne und ein Lied, das Dean für Cindy spielt und zu dem das junge Mädchen spontan auf der Straße tanzt, macht den rührenden Anfang einer im Grunde einfachen Geschichte. Boy meets Girl, Dean lernt Cindy kennen. Die beiden verlieben sich, schnell kommt ein Kind. Und bald, zu bald ist der Zauber des Beginns verflogen.

Der Film ist anti-chro­no­lo­gisch erzählt; pendelt hin und her zwischen Momenten des Glücks und der Unschuld, und dem was danach kommt. Kennen­lernen und Trennung werden paral­le­li­siert: Man sieht die Liebe, und was aus ihr wird. Es geht dabei nicht um Schuld­zu­wei­sungen, auch nicht um Psycho­logie, sondern um eine Bestands­auf­nahme. Diese enthüllt das Ende der Verheißungen der Jugend, den Kontrast zwischen dem Aufbruch­selan der ersten Jahre und den Enttäu­schungen und Desil­lu­sionen, die das Erwach­se­nen­leben zwangs­läufig oder jeden­falls mit hoher Wahr­schein­lich­keit mit sich bringt. Es geht um das Vergehen des Opti­mismus – und wer will kann in dieser scheinbar rein privaten kleinen Zwei­er­ge­schichte auch noch mehr entdecken: Man kann darin ein Stim­mungs­bild west­li­cher Gesell­schaften sehen, denen auch in den letzten zehn Jahren der Aufbruch­selan nach dem Fall der Eisernen Vorhangs und die opti­mis­ti­sche Hoffnung, in der besten aller Welten zu leben, gehörig abhanden gekommen ist.

Aber warum ging dieser Opti­mismus eigent­lich verloren? Was wurde aus den Träumen von einem besseren Leben? Warum domi­nieren plötzlich Kapi­tu­la­tion und Rück­zugs­ge­fechte?

Hierauf geben der Film und Regisseur Derek Cian­france keine Antwort. Natürlich hat das nicht nur etwas mit dem Vergehen der Zeit und dem Älter­werden zu tun. Glaubt man »Blue Valentine«, dann sind die Verhält­nisse eben wie sie sind, dann sind Welt und Leben unbarm­herzig.
Früher hätten die Figuren sich in einem solchen Film gegen ihr Schicksal aufge­lehnt, wäre ihre Liebe selbst zum Akt der Rebellion geworden. Dass in diesem Film, wiewohl erklär­ter­maßen »unab­hän­giges« Kino, von Rebellion keine Spur zu finden ist, verrät viel. Es wird späteren Gene­ra­tionen einmal als typisch für unsere Jahre, als »Zeitgeist« erscheinen.

Nicht weniger typisch ist die Film­sprache, in der sich dies auf der Leinwand entfaltet: Der Regisseur Derek Cian­france liebt es, seine Figuren in dichten Nah-Aufnahmen vorzu­stellen, mit harten Schnitten die Ebenen zu wechseln, und die Szenen langsam zu insze­nieren. So wirkt dieser Film in seinen Bildern mitunter wie ein typischer US-ameri­ka­ni­scher Indie-Film, der in aller Leich­tig­keit auch etwa latent Klaus­tro­pho­bi­sches hat. Aber dann gibt es ein Gegen­ge­wicht, und das gleicht alles mehr als aus, sorgt für Weite und Offenheit: Mit seinen zwei Haupt­dar­stel­lern, Michelle Williams und Ryan Gosling, hat der Film einen Trumpf, der unschlagbar ist. Ihre Gesichter sind der Schlüssel zu Blue Valentine.

Dies ist dann vor allem der Film von Michelle Williams. Sie hat wenig zu tun, aber – mit ihrer Mimik – alles zu sagen. Sie spielt Cindy als Frau, die Streit und Kampf müde geworden ist. Aber deren Wut noch lange nicht gestillt ist. Und so spürt man auch in den dunk­lesten Momenten, das da mal zwischen den Figuren viel mehr war, als was wir sehen können. Und es gelingt etwas Paradoxes: »Blue Valentine« ist ein Tren­nungs­drama als Liebes­film.

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