Blow

USA 2001 · 124 Minuten · FSK: ab 12
Regie: Ted Demme
Drehbuch:
Kamera: Ellen Kuras
Darsteller: Johnny Depp, Penélope Cruz, Jordi Mollà, Franka Potente u.a.

Motivationsschwäche

»Was ist meine Moti­va­tion?« fragen Schau­spieler, wenn ihnen nicht klar ist, wie sie eine Szene spielen sollen. Der Regisseur erklärt dann kurz den emotio­nellen und zeit­li­chen Hinter­grund der darzu­stel­lenden Situation und schon weiß der Schau­spieler, warum seine Figur tötet, liebt, hasst oder was auch immer tut.
In Blow wurde die Frage nach der Moti­va­tion entweder nie gestellt oder aber nie richtig beant­wortet.

George Jung (gespielt von Johnny Depp) hat eine glück­liche Jugend, auch wenn sein beinahe perfekter Vater (Ray Liotta) pleite ist. Georges Vater nimmt diese Nieder­lage mit Würde hin und erzählt von den Höhen und Tiefen des Lebens und macht seinem Sohn klar, dass dieser alles schaffen kann, wenn er nur will. Bei so einem Vater kann selbst die leicht hyste­ri­sche Mutter das häusliche Idyll nicht stören.

Ende der 60er Jahre geht George nach Kali­for­nien und entdeckt mit seinem Freund Tuna das süße Leben mit Strand, schönen Mädchen und viel Marihuana. Warum George von zu Hause flüchtet? Wo seine Moti­va­tion dafür liegt? Schwer zu sagen.
Ebenso bleibt unklar, warum er zum Dealer wird, warum er einen solchen Erfolg damit hat, warum er verhaftet wird, warum er flüchten kann, warum er zum Koks­dealer wird, warum er wieder verhaftet wird, warum, warum, warum...

Die Moti­va­tion für das gesamte (Film-)Leben von George Jung erschließt sich einem nicht. Er ist weder geld­gierig noch machtsüchtig. Er läuft vor nichts davon und scheint nichts zu suchen. Er will nichts beweisen und ist von nichts getrieben. Mit einer stoisch gleich­gül­tigen Haltung durchlebt Johnny Depp als Jung den Film, wobei er keinen Unter­schied macht, ob er gerade im Geld schwimmt, sich neu verliebt, von Dealern ange­schossen oder der Polizei verhaftet wird. Diese apathi­sche Haltung Depps mag in einen Alptraum­wes­tern wie Dead Man perfekt gepaßt haben, in Blow wirkt sie nur unmo­ti­viert. Depps eintönige und letzt­end­lich unbe­frie­di­gende Schau­spie­lerei ist leider nicht die Ausnahme, sondern die traurige Regel.

Während die Handlung also vor sich hin plät­schert und beliebig austausch­bare Figuren die Szenerie bevölkern, versucht der Regisseur Ted Demme verzwei­felt (so wirken zumindest viele seiner Einfälle), dem Geschehen doch noch eine klare Richtung zu geben und wenigs­tens einige ausdrucks­starke Szenen zu gestalten. Zu oft über­treibt er dabei. Um etwa zu verdeut­li­chen, wie gefähr­lich der Drogen­baron Pablo Escobar ist, läßt er ihn einen Mann hinrichten. Um zu zeigen, wieviel Geld im Drogen­ge­schäft zu verdienen ist, sehen wir eine Wohnung, die bis unter die Decke mit Geld­scheinen voll­ge­sta­pelt ist. Um Georges Erfolg ermessen zu können, wird sein exklu­siver Fuhrpark präsen­tiert. So wie Ray Liotta in dieser Szene, fühlt sich auch der Zuschauer ange­sichts einer solch unbe­hol­fenen Protzerei ziemlich befremdet.

Reichen selbst diese über­deut­li­chen Bilder nicht mehr aus um eine Stimmung, ein Gefühl oder eine Situation zu erklären, dann greift Demme auf einen rettenden Off-Kommentar zurück. Wenn Johnny Depp aber aus dem Off mit sonorer Stimme über die Mecha­nismen des Drogen­ge­schäfts spricht und dann auch noch Ray Liotta durchs Bild läuft, dann drängt sich fast zwangs­läufig ein Vergleich mit Scorsese Good Fellas auf. Ein Vergleich, der die Schwächen von Blow nur noch deut­li­cher macht.
Bei Scorsese sind die Off-Kommen­tare nur ergän­zende und berei­chernde Erklä­rungen, die keines­wegs Voraus­set­zung für das Vers­tändnis einer Szene sind. Bei Blow dagegen erklären die Kommen­tare das, was der Regisseur mit Bildern nicht erzählen kann.

Mit den vielen anderen Erzähl­mit­teln verhält es sich nicht anders. Während z.B. der massive Einsatz von authen­ti­scher Popmusik, Zeitlupen, verwa­ckelte Heim­ki­no­auf­nahmen, Jump Cuts u.v.a. Scorsese dazu dienen, seine Geschichten noch präziser und effekt­voller erzählen zu können, halten sie bei Blow den Film notdürftig zusammen. Die Popsongs ersetzten hier fehlende Emotionen, die Zeitlupen scheinen laut zu schreien »Achtung, wichtige Szene!«, die Heim­ki­no­bilder raffen einen Zeitraum von fünf Jahren auf zwei Minuten zusammen und schließen damit riesige Lücken im filmi­schen Lebens­lauf. Sehr gerne benutzt der Regisseur hierfür auch Bild­un­ter­schriften wie »Three years later«.

Gute Mafia- und Drogen­filme haben immer etwas von den großen Königs­dramen Shake­speares. Es geht um Macht, unvor­stell­baren Reichtum, Verrat, Mißtrauen, Mord, Verschwö­rungen, Liebe und Tragik in jeder erdenk­baren Form. Scarface von Brian de Palma steht dafür ebenso exem­pla­risch wie dessen Carlito's way, die Paten-Reihe von Coppola, Donnie Brasco von Mike Newell, mit einem großar­tigen Johnny Depp als Spitzel, und natürlich den Klas­si­kern von Scorsese.

Obwohl er die Voraus­set­zungen gehabt hätte, verschenkt Blow die Chance, in diese ruhm­reiche Reihe aufge­nommen zu werden. Die zwei­fels­frei vorhan­dene Tragik im Leben George Jungs, der mehr als einmal erlebte Verrat durch seine besten Freunde, die Macht, die er zu seiner größten Zeit genoß, der darauf folgende Sturz ins Nichts, die perma­nenten Gefahren in diesem Geschäft (der ganze Film ist nebenbei bemerkt verhält­nis­mäßig gewaltarm), der Verlust von Freund­schaft und Familie, all das wird nur ange­deutet und berührt einen als Zuschauer kaum. Da hilft es auch nichts, ständig auf den wahre Hinter­grund der Geschichte hinzu­weisen.

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