Das Bildnis des Dorian Gray

Dorian Gray

Großbritannien 2009 · 112 min. · FSK: ab 16
Regie: Oliver Parker
Drehbuchvorlage: Oscar Wilde
Drehbuch:
Kamera: Roger Pratt
Darsteller: Colin Firth, Rebecca Hall, Ben Barnes, Rachel Hurd-Wood u.a.
Nun aber hat unsere Redlichkeit eine Gegenmacht...

Die Rechtfertigung der Welt aus der Schönheit

Zur Aktualität des Ästhetizismus: Oliver Parkers Neuverfilmung von Oscar Wildes Roman

Der einzige Roman von Oscar Wilde erzählt eine Geschichte über ewige Jugend und Befreiung von ethischen Regeln und entfaltet offenbar einen zeitlosen Reiz auch im Kino: Schon oft wurde er verfilmt, erstmals bereits 1915. Am berühm­testen ist Massimo Dellamos Verfil­mung von 1970, in der Helmut Berger die Titel­rolle spielte. Oliver Parker mischt in seiner Kino­fas­sung des Buches Gesell­schafts­sa­tire mit der Ober­fläche des Grusel-Schockers. Darunter erahnen lässt sich aller­dings das Beun­ru­hi­gungs- und Protest­po­ten­tial des Wildes­schen Ästhe­ti­zismus – eine über­fäl­lige Erin­ne­rung, die die Gegenwart aber kaum mehr als ratlos machen dürfte.

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»Hätten wir nicht die Künste gutge­heißen und diese Art von Kultus des Unwahren erfunden: so wäre die Einsicht in die allge­meine Unwahr­heit und Verlo­gen­heit … gar nicht auszu­halten. Nun aber hat unsere Redlich­keit eine Gegen­macht, die uns … auswei­chen hilft: die Kunst.«
(Friedrich Nietzsche: Die Fröhliche Wissen­schaft; § 107)

Der »gute Wille zum Schein«, von dem Friedrich Nietzsche in diesem Apho­rismus spricht, der Wille zum Unred­li­chen, ist das, worum es hier geht. Es geht um Wahrheit. Wahrheit hat mit Moral aber nichts zu tun. Man tendiert dazu, beides zu verwech­seln. Das ist der Punkt, um den es, unter anderem Oscar Wilde zu tun war. Dabei wäre Wilde, den sein Zeit­ge­nosse Nietzsche nicht kannte – und vice versa – ein Denker und Künstler ganz nach Nietzsche Geschmack gewesen. Ein Artist, wie er es formu­liert hätte, übermütig, schwebend, tanzend, spottend, kindisch und spielend, ein Künstler, ganz und gar erfüllt von jener Freiheit über den Dingen, die man an außer­ge­wöhn­li­chen Menschen bewundert. Wilde war ein außer­ge­wöhn­li­cher Mensch, Künstler und Denker, und bis heute sind wir ihm – ähnlich wie Nietzsche übrigens – nicht wirklich gewachsen. Ein Unzeit­ge­mäßer. Wie unzeit­gemäß, das belegen jetzt wieder erste Reak­tionen und die allge­meine Vers­tänd­nis­lo­sig­keit, auf die Oliver Parkers Neuver­fil­mung seines Haupt­werkes, des Romans Das Bildnis des Dorian Gray stößt. Dabei hätte Wilde der Gegenwart viel zu sagen, und Parkers Verfil­mung hindert uns zumindest nicht daran, etwas genauer zuzuhören.

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»…daß nur als ästhe­ti­sches Phänomen das Dasein der Welt gerecht­fer­tigt ist. … diese ganze Artisten-Metha­physik mag man will­kür­lich, müßig, phan­tas­tisch nennen –, das Wesent­liche daran ist, daß sie bereits einen Geist verrät, der sich einmal auf jede Gefahr hin gegen die mora­li­sche Ausdeu­tung und Bedeut­sam­keit des Daseins zur Wehre setzen wird.«
Friedrich Nietzsche: »Ecce Homo«

Oscar Wilde ist, ganz ohne Frage, der aktu­ellste und wich­tigste Denker des Zeit­al­ters. Er ist der eigent­liche Theo­re­tiker der Popkultur, seine Sentenzen bezaubern unge­bro­chen – »Ein wirklich unvor­ein­ge­nom­menes Urteil kann man nur über Dinge abgeben, die einen nicht inter­es­sieren, und das ist zwei­fellos der Grund, dass unvor­ein­ge­nom­mene Urteile immer wertlos sind.« –, seine Analysen trotzen dem Zeitalter und treffen es damit ins Herz. Die eigent­liche Leistung Wildes für unsere Gegenwart liegt in seiner provo­zie­renden Verwei­ge­rung, vor ihr den Kotau zu machen. An seinem auf Kunst und Ideen wie Voll­kom­men­heit: Statt­dessen verkün­dete er die Vorrang­stel­lung des Ästhe­ti­schen und die außer­mo­ra­li­sche Rolle der Kunst. »Durch Kunst und nur durch Kunst erreichen wir Voll­kom­men­heit; durch Kunst und nur durch Kunst entgehen wir den grau­en­haften Gefahren des Alltags.« Die Wahrheit einer solchen Äußerung liegt zual­ler­erst darin, wogegen sie sich richtet. Denn nicht nur das vikto­ria­ni­sche Zeitalter hatte seine puri­ta­ni­schen Moral­pre­diger, und was vor 120 Jahren Utili­ta­rismus hieß, nennt man heute Effizienz.

Das Schön­heits­ver­langen von Wildes Position wirkt gerade in seiner Subjek­ti­vität subversiv. Wenn Gesell­schafts­kritik nicht mehr will, als die eine Ordnung durch eine andere zu ersetzen, ist sie keine. Sie verfehlt den Kern dessen, worum es in einer besseren Gesell­schaft auch gehen müsste, die Freiheit nämlich, noch in ihren Utopien. Das ist, um es einmal praktisch und konkret zu wenden, das Problem der »Grünen«, und darum wählen auch vernünf­tige Menschen mitunter die FDP: Weil hier, zumindest in ihrem Programm, das Verspre­chen der Freiheit nicht gleich schon wieder im Gewand ihres vernunft­ge­mäßen Gebrauchs und der spießbür­ger­li­chen Floskel von ihrer Grenze in der Freiheit »der Anderen« sich verhed­dert. Nun ist umgekehrt, nur um da nichts offen zu lassen, Oscar Wilde natürlich alles andere, als der Philosoph der FDP.

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»Starker Rosenduft durch­strömte das Atelier, und als ein leichter Sommer­wind die Bäume im Garten hin und her wiegte, kam durch die offene Tür der schwere Geruch des Flieders oder der feinere Duft des Rotdorns.« Mit diesen, nur scheinbar harmlosen Sätzen beginnt Das Bildnis des Dorian Gray. Das Buch, in Deutsch­land vergleichs­weise wenig gelesen, ist nicht nur einer der ganz großen Romane der Welt­li­te­ratur, Oscar Wilde – hier­zu­lande heute leider vor allem gut genug dazu, mit einem seiner gefäl­li­geren Sprüche (»Ich habe einen ganz einfachen Geschmack: Immer nur das Beste«) für Werbe­spots herzu­halten – ist auch neben Shake­speare derjenige britische Autor von Rang, der am meisten gedruckt und übersetzt wurde, und über den es die meisten Biogra­phien gibt. Mut gutem Grund: Denn Wildes Literatur, das gilt nicht zuletzt für den »Dorian Gray« ist immer auch bedin­gungslos auto­bio­gra­phisch.

Im Zentrum steht ein Teufels­pakt: Dorian Gray ist der Name eines so schönen wie unschul­digen Jünglings (Ben Barnes). Der charis­ma­ti­sche Lord Henry Wotton (Colin Firth) ist anfangs sein väter­li­cher Mentor und – manchmal mali­ziöser – Ratgeber, zugleich aber auch Verführer zu immer neuer mora­li­schen Exzessen. Ist er das Alter Ego Wildes? Zumindest plädiert er für Geis­te­s­a­ris­to­kratie und neuen Hedo­nismus, insofern lässt sich gerade von dieser Figur für unsere Zeiten noch so manches wieder lernen.

Das Alter Ego Wildes könnte man aber auch im braven, versteckt schwulen Basil Hallward finden; ein Maler, dem Dorian anfangs des Buches Modell steht, und dem ein Bild voll­endeter Schönheit gelingt. Dorian, vom eigenen Anblick gerührt, entfährt die Äußerung, seine Seele würde er dafür geben, dass nicht er, sondern das Gemälde altert.
Genau das passiert! Unmerk­lich zunächst verändert sich das Gemälde, bis es schließ­lich zum Bildnis von Alter und Sünde wird – denn seine Jahre verbringt Dorian Gray als Star der Londoner Gesell­schaft. Mehr und mehr wird er vom entzü­ckenden Naiven zum schmie­rigen Schönling, und mit der Zeit immer stärker moralisch korrum­piert, seine Sünden immer verbo­tener, bis er schließ­lich grau­en­er­re­gende Verbre­chen begeht. Doch Dorians Äußeres – das ist der Schlüssel seiner Wirkung – wirkt unschuldig wie am ersten Tag. Nur das Bildnis vom Anfang enthüllt sein Geheimnis indem es zum Spiegel seiner Seele wird.

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Wie will man so ein Werk verfilmen? Einer­seits ist dies ein Gothic-Schau­er­roman in der Tradition von Walpole, Shelley und Poe, mit Anklängen an Faust, ande­rer­seits auch eine eminent moderne, unbedingt aktuelle Geschichte über Großstadt-Glamour, Schön­heits­wahn und die Folgen eines Selbst­ver­wirk­li­chungs­trips.
Dies sind die beiden Erzähl­stränge, die Oliver Parker mitein­ander verknüpft – auf Kosten des übrigen philo­so­phi­schen Gehalts des Buches, insbe­son­dere der komplexen Kunst­theorie über das Verhältnis von Abbild und Inhalt, Leben und Kunst. Das Problem einer solchen Verfil­mung ist aber natur­gemäß das aller Verfil­mungen großer Literatur: Die Vorlage ist bereits so groß, so einzig­artig, dass sie es nur in den aller­sel­tensten Fällen schaffen, deren Rang zu erreichen.

Parker, der zuvor schon zwei andere Wilde-Werke verfilmte, gelingt hervor­ra­gend unter­hal­tendes Kino, das zugleich den Verstand anregt: Ein bisschen Psycho­thriller, aber auch eine charmante Gesell­schafts­komödie, in der die Aphi­rismen Wildes einigen Raum zum Funkeln bekommen: »Der einzige Weg, eine Versu­chung loszu­werden, ist, ihr nach­zu­geben.« Oder: »Der einzige Unter­schied zwischen einer Laune und der ewigen Liebe besteht darin, dass die Laune etwas länger dauert.« Zudem ist Parkers Film glänzend besetzt: Rebecca Hall (Vicky Cristina Barcelona) spielt die junge Emily, in die sich Dorian verliebt, Rachel Hurd-Wood, Ben Chaplin, Emilia Fox und Fiona Shaw sind in weiteren Rollen zu sehen. Alles in allem aber ist der Film unter­kom­plex, und zwar mehr als nötig.

Wie schön wäre es einmal dem Realismus, dem sich das Kino sowieso mehr denn nötig verschrieben hat, eine etwas stärkere Prise Ästhe­ti­zismus zuzumuten? Und überhaupt diesen offensiv zu vertei­digen? Ein solcher Film, könnte in einem zweiten Schritt, ohne deswegen moralisch zu Kreuze zu kriechen, doch in sein Gegenteil umschlagen, und deutlich machen, dass auch der Ästhe­ti­zismus seine Zeit und seinen Ort hat. Man kann ihn heute nicht, oder jeden­falls nur sehr vorsichtig, als Haltung einnehmen.

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Anstatt dem Publikum ein wenig Geis­tes­ar­beit und Irri­ta­tion zuzumuten, wird es lieber ein wenig scho­ckiert und in der Magen­ge­gend gekitzelt. Aber alles hübsch artig. Oscar Wilde hätte über so etwas nur müde gelächelt – künst­liche Paradiese schön und gut, aber modern hätten sie schon sein müssen.

Zudem hat Parker einen Einfall, den man allen­falls höflich noch als Manie­rismus umschreiben kann: Er lässt das Bild nämlich nicht unmerk­lich sich verändern, sondern so richtig lebendig werden, mit Bewe­gungen und garstigen Würmern. Weil die aus dem Computer stammen, sind sie eher lustig, als gruselig und so erfüllt das alles primär den Straf­tat­be­stand des Kitsches, für den es im Kino immerhin mildernde Umstände gibt. Verbuchen wir es als Über­spannt­heit eines Regis­seurs, der wohl gern mal ein Horror­filmer geworden wäre. Warum es mit dieser Karriere nicht geklappt hat, belegt zunächst einmal, dass seine Gothic-Schock­ef­fekte eher aussehen, wie in der Rocky Horror Picture Show, als wie bei Dario Argento – und dann auch die Auswahl des Haupt­dar­stel­lers: Ob Ben Barnes eine richtige Beset­zungs­ent­schei­dung war? Er ist glatt und lang­weilig, die Sensation, die in dieser Figur liegen muss, ist kaum nach­zu­emp­finden, ja selbst als Behaup­tung inak­zep­tabel. Da war Helmut Berger seiner­zeit doch ein anderes Kaliber. Hier scheint es weniger um Rätsel und Geheimnis zu gehen, als darum, den (Möch­te­gern-)Barbies im Publikum auf der Leinwand einen feschen Ken vorzu­setzen. So landet der Ästhe­ti­zismus ganz da wo er herkommt: Im bürger­li­chen Salon.

Was man Parker also insgesamt vorwerfen muss, ist, dass sein Film selbst ein bisschen glatt ist, und die Gefahren und die Brisanz des Stoffes unter braver, ja: naiver Ober­fläche verbirgt. Aber das Kunst gerade gefähr­lich ist, wo sie eben nicht die Wirk­lich­keit zeigt, ist ja die Pointe von Wildes Roman, dem der Film somit – unfrei­willig? – am Ende doch wieder gleicht.

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