Beautiful Country

Bitiful cauntri

Italien 2007 73 min.
Regie: Esmeralda Calabria, Andrea DAmbrosio
Drehbuch: , ,
Kamera: Allesandro Abate
Schnitt: Esmeralda Calabria
Recycling auf Italienisch: Aus diesen Dosen wird mal Mozzarella

Das langsame Tten

Wir befinden uns auf einem Fabrikgelnde im Sden Italiens. Die ber Jahre geduldete Verschmutzung durch die unsachgeme Entsorgung und Lagerung des Giftmlls hat ihre Spuren hinterlassen. Mit toxischen Flssigkeiten gefllte Metallfsser stehen einfach so auf dem Fabrikhof herum. Seit Jahren sind sie Wind und Wetter ausgesetzt. Sie rosten vor sich hin, manche sind undicht geworden, setzen giftige Dmpfe frei, Flssigkeiten sickern in den Boden. Undurchsichtige schwarze Gifttmpel sind entstanden, aus denen die gefhrlichen Substanzen in das Grundwasser gelangen.

Ist das normal? Ist dies die alltgliche Giftmllentsorgung in dem Land Berlusconis geworden? – Diesen Fragen geht der italienische Dokumentarfilm Bitiful cauntri nach. Begleitet wird der Umweltschtzer Rafaele del Giudice, der zahllose illegale Mlldeponien aufgedeckt hat und nun versucht, die Politiker zum Handeln zu bewegen. Die Verantwortlichen aber, die jahrelang das Problem nicht sehen wollten und dies auch nicht sollten, und positive Gesundheitszeugnisse ausgestellt haben, uern sich nicht.

Bitiful cauntri wurde im Dezember auf dem Festival in Turin vorgestellt und nun auch in Mnchen auf dem Filmfest gezeigt. Seit der Auffhrung in Turin reien sich die auslndischen Fernsehsender um die Rechte an dem Film, unter anderen auch die ARD. Das italienische Fernsehen hingegen ignoriert ihn. Die Aufdeckung der Giftgrube wird als eine Beleidigung mehr empfunden, denen Italien sich ausgesetzt sieht. Eine davon ist auch die Mllkrise, die Anfang des Jahres eskalierte und die Italien eine unrhmliche Berichterstattung in den internationalen Medien ber die Tonnen an Mll, die sich in den Straen von Neapel und Umgebung angesammelt hatten, verschaffte.

Wie uns der Film enthllt, ist dies allerdings kein pltzlicher Notstand, das Problem existiert seit 15 Jahren und sowohl Politik, Wirtschaft, und die ffentliche Gesundheit sind davon betroffen. Aus dem Mllskandal ist mittlerweile eine regelrechte Umweltkatastrophe geworden. Selbst die EU rgte Italiens Regierung: 4866 illegale Mllhalden wurden registriert, ber die wahre Ziffer lassen sich nur Vermutungen anstellen. Am schlimmsten betroffen ist die Region Campania. Frher galt sie als der grne Grtel Italiens, aufgrund ihrer Artenvielfalt und den Naturreservaten, in denen die Wasserbffel leben, die die Milch zum wichtigen Mozzarella liefern. Die Anwohner lebten hauptschlich von Landwirtschaft und Viehzucht.

Heute ist die Region eine einzige groe Mllhalde. Eine Firma wurde mit der Lsung des Mllproblems beauftragt. Sie wickelte die Abflle in Folie, verpackte sie zu sogenannten koballen, die angeblich leichter zu verbrennen sind. Seit 2003 sind die groen Verbrennungsanlagen in Bau, eine Fertigstellung ist nicht in Sicht, und die fertigen Mllpacken stapeln sich auf vielen tausend Quadratmetern ungeschtzt im Freien.

Flle wie diese gibt es viele. Da wurden in einem Krisenjahr schon mal 15 Millionen Lire tglich fr ein Grundstck gezahlt, um dort Mll zu lagern. Das waren fast noch die besseren Zeiten. Heute wird schon lange kein Geld mehr gezahlt, dafr wachsen immer mehr illegale Mlldeponien aus dem Boden. Man sieht Lkws, die im freien Feld groe Ladungen an Mll abladen, mehrmals tglich. Es ist Problemmll, Giftmll aus den Fabriken im Norden Italiens, die viel Geld fr die Entsorgung bezahlen. Dieser Mll wird direkt neben Obstplantagen, Erdbeer- oder Tomatenfeldern abgeladen, die von dem verschmutzten Grundwasser gespeist werden. Die Folgen fr die Gesundheit spielen in Italien keine Rolle. Das Geschft mit dem Mll ist vielmehr uerst lukrativ. Es ist ein schmutziges Geschft auf Kosten der Volksgesundheit, an dem vor allem die Camorra verdient, aber auch Polizei, Militr und Regierung sind wohl daran beteiligt, denn sie unternehmen nichts. Die Feuerwehr kommt nicht, wenn wieder einmal dunkle Rauchwolken in den Himmel ziehen, die von den Autoreifen knden, die Nacht fr Nacht an den Rndern der Felder verbrannt werden. Ironisch prangt uns am Straenrand das Schild entgegen, das das Abladen von Mll verbietet.

Der Film deckt auch Einzelschicksale auf, wie der Fall einer Familie, die von der Schafzucht lebt. Nun sollen die Schafe geschlachtet werden, da eine zu hohe Dosis Dioxin in ihrer Milch festgestellt wurde. Die Tiere sind abgemagert, knnen sich kaum auf den Beinen halten, die Lmmer sterben an der verseuchten Muttermilch, noch ehe sie gro geworden sind. Bis das Dioxin in der Schafsmilch durch die regionale Untersuchungsbehrde festgestellt wurde, war ein Dreivierteljahr vergangen, in dem die Familie Milch, Kse und das vergiftete Fleisch zum Markt gebracht hat.

Campania weist mittlerweile die hchste Rate an Krebserkrankungen in ganz Italien auf. Doch die Bewohner werden sich selbst berlassen. Das Geschft mit dem Mll bringt viel Geld, warum sollte man stattdessen teuer in die Sanierung des Bodens investieren? Tausende von vergifteten Schafen mssen zwangsgeschlachtet werden, und der Verdacht drngt sich durch die schockierenden Enthllungen von Umweltschtzer Rafaele del Giudice auf, dass in hnlich bedenkenloser Weise hier auch mit den Menschen verfahren wird. Ein stilles und langsames Tten hat begonnen, bei dem der Mensch einfach geopfert wird.

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