Beautiful Boxer

Verschwimmende Grenzen

In den letzten Jahren haben immerhin ein paar Filme des aufblühenden und überaus reichen thailän­di­schen Kinos ihren Weg nach Deutsch­land gefunden. Zumeist sind diese ersten Begeg­nungen mit thailän­di­schen Filmen noch den Klischees verpflichtet, die man von diesem Land im Kopf hat: Neben Touris­mus­stränden, histo­ri­schen Kulissen und Sextou­rismus ist dies auch das »Thai-Boxen« genannte Kickboxen. Darum geht es auch hier, doch Ekachai Uekrongt­hams Film Beautiful Boxer erzählt eine sehr unge­wöhn­liche, ganz besondere Geschichte.

In deren Zentrum steht Nong Toom, ein Noma­den­junge. Für den brutalen MuayThai-Kampf, in Thailand »der« Volks­sport, inter­es­siert sich der sensible Junge aus armen Verhält­nissen eigent­lich nur, weil man damit sehr viel Geld verdienen kann. Außer zur Unter­s­tüt­zung seiner Familie braucht Nong Toom das Geld auch, um sich selbst zu helfen. Schon in frühen Jahren hat er gespürt, dass er anders ist. Er will eine Frau werden, und spart das Geld für eine Geschlechts­um­wand­lung.

Beautiful Boxer geht auf eine wahre Geschichte zurück. Er erzählt sie mit den klas­si­schen Mitteln des Boxer­dramas la Rocky, die auch die Arche­typen aller Helden­ge­schichten sind: die Initia­tion, in der der Held seine Begabung erkennt, Ausbil­dung, Verbes­se­rung und wach­sender Erfolg, die Krise, in der das neue Selbst­bild und das wahre Ich der Haupt­figur in Konflikt geraten, Über­win­dung der Krise durch einen »großen Kampf« und Erlösung durch Befreiung zum Ich. Dabei besitzt der Film viele leise Momente, er ist klug und eindring­lich insze­niert, und lebt von einem großar­tigen Haupt­dar­steller. Zudem zeigt er viel vom normalen Leben normaler Menschen in diesem Land.

Dabei bedient der Film bei all seinen Stärken, trotzdem auch ein Stück vom etwas verzerrten Bild, das man im Westen offenbar vom thailän­di­schen Kino hat. Denn immer wieder finden in europäi­sche Festivals Filme aus Thailand Eingang, in denen die klaren hete­ro­se­xu­ellen Geschlech­ter­grenzen verschwimmen oder unklar werden, oder Homo­se­xua­lität im Zentrum steht. So etwa wurde Iron Ladies über eine schwule Volley­mann­schaft auch bei uns mehrfach mit Erfolg gezeigt. Alle diese Filme haben auch in Thailand Erfolg – doch mehr­heit­lich ist das dortige Kino genauso hete­ro­se­xuell dominiert, wie das deutsche.

Über seine konkrete Geschichte hinaus erzählt Beautiful Boxer aber noch viel mehr: Es ist ein Film über Selbst­fin­dung und den Mut eines Menschen, seinen eigenen Weg zu gehen. Damit ist diese Geschichte durchaus reprä­sen­tativ für ein ganzes Land, das erst am Anfang seines eigenen Weges steht.

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