Batman v Superman: Dawn of Justice

USA 2016 · 152 min. · FSK: ab 12
Regie: Zack Snyder
Drehbuch: ,
Kamera: Larry Fong
Darsteller: Henry Cavill, Ben Affleck, Amy Adams, Jesse Eisenberg, Diane Lane u.a.
Zwei ungleiche Helden – düster und strahlend wie Meister Proper

Wollen wir mit uns selbst noch tauschen?

Batman wird im Titel zuerst genannt, aus gutem Grund. Der Superman ist hingegen gar nicht so super diesmal, wirkt altbacken, ein spießiger Nerd, der den verdrieß­li­chen, aber jeden­falls unspießigen Verhält­nissen der Gegenwart nicht gewachsen ist. Auch Batman wirkt genau­ge­nommen wenig helden­haft. Ihm fehlt alle Ironie, alles Lässige, er ist ange­strengt und genervt. Klar, die Zeiten sind schlecht. Klar: Man muss die Dinge doch mal gefäl­ligst ernst nehmen endlich, kann nicht immer alles ironisch sehen, oder? Aber ist es nicht gerade das Privileg des Helden, ein wenig über den Dingen zu stehen? Ist es nicht seine Tugend, mit olym­pi­scher Heiter­keit das Böse zu zerschmet­tern und an seinen Platz zurück­zu­stellen?

Nichts hat sich mit 9/11 im Kino so verändert wie die Gestalt des Super­helden. Diese spiegelt selbst­ver­s­tänd­lich die Verfas­sung der USA und des »freien Westens«, und so erkennen wir in diesen tristen »Meister Proper«, mit denen man im Ernst nicht – nicht für die Frau, nicht für den Ruhm, nicht für die Wohnung, – tauschen möchte, uns selbst. Wollen wir mit uns selbst noch tauschen?

Superman so heißt es einmal, sei »just a guy, trying to do the right thing.« Das war George Dubbleju aller­dings auch. Und wahr­schein­lich finden es die Macher dieses Films wahn­sinnig subtil und ironisch und post­mo­dern und klug, dass sie gegen Superman eine US-Senatorin stellen, die ihn in einen Ausschuss vorlädt, um ihn an die Regeln einer Demo­kratie zu erinnern.
Wobei diese Geschichte erst voll­s­tändig erzählt ist, wenn man hinzufügt, wie sie weiter­geht: Superman kommt nämlich, ganz Boyscout, tatsäch­lich zum Kongreß. Doch dann entpuppt sich die ganze Sitzung als Falle, weil Erzschurke Lex Luthor den Kongreß mitsamt Senatorin in die Luft sprengt. Was uns der seit dem faschis­to­iden Sparta-Epos 300 unde­mo­kra­ti­scher Umtriebe nicht völlig unver­däch­tige Spreng­meister/Regisseur Zack Snyder damit eigent­lich sagt (viel­leicht sogar bewusst sagen möchte), ist also eigent­lich das Gegenteil: Die Demo­kra­tie­deppen, die sich an die Regeln halten, und auf »Legi­ti­ma­tion durch Verfahren« (Niklas Luhmann) beharren, sind voll von gestern und checkens einfach nicht. Die labern bloß rum, anstatt was zu tun und verfolgen immer die Falschen.

Episch und märchen­haft war es zuvor losge­gangen: Mit einem Blick zurück in Bruce Waynes Kindheit und der Erin­ne­rung daran, wie aus ihm einmal Batman wurde. 1981, Excalibur läuft im Kino, ausge­rechnet, da werden Bruces Eltern vor seinen Augen ermordet. Getragene Musik, epische Stimmung, ein Sturz in ein Loch, das nicht für Kaninchen taugt, doch auch an dessen Ende erwartet Bruce ein Märchen­land. Denn Hunderte von Fleder­mäusen retten ihn, bringen ihn zurück vom Dunkel ins Licht.
Später werden wir hören, das Böse käme von oben, das Gute von unten. Ob das nun etwas über Lex Luthor sagt, oder ob es sich um eine Anspie­lung auf 9/11 handelt, deren es mehrere gibt in diesem Film, das liegt im Auge des Betrach­ters.
Danach jeden­falls kracht es erstmal am Himmel, und in der Stadt Metro­polis wüten riesen­hafte insek­tenähn­liche Raum­schiffe, raspeln Hoch­häuser weg, der 9/11-Refe­renzen sind Legion.

Wir erinnern uns: Das ist das Ende von Man of Steel, der finale Kampf mit General Zod. Nur sieht man ihn nun von der Seite aus, mit den Augen Bruce Waynes, der sich schon in diesem Moment als einer von uns entpuppt. »Ein Super­hel­den­film ganz aus der Kolla­teral­per­spek­tive, was für ein unvor­stellbar aufre­gendes Stück Kino wäre das«, schreibt Fritz Göttler in der »SZ« und hat recht, und formu­liert einen Gedanken, der allemal für Zack Snyder zu hoch ist. Da müssen wir auf Godard warten.
Aber wir haben verstanden: Eine Zeit der Krise, eine Zeit der Bedrohung – so ist es immer in Super­hel­den­filmen, und es gar kein origi­neller Gedanke, sich zu fragen, ob der Boom der Super­helden etwas mit der aktuellen, nicht allzu rosigen Lage der Demo­kra­tien zu tun hat. Super­helden verkör­pern Alter­na­tiven in Zeiten der Alter­na­tiv­lo­sig­keit.

Lange hat Superman keine Ahnung: »Wer ist das?« fragt er als er Bruce Wayne trifft, und labert ihn dumm an: »Mr. Wayne, Clark Kent, 'Daily Planet', was halten Sie von dem Fleder­maus­ord­nungs­hüter in Gotham?« Oh Mann, Bruce Wayne, das ist natürlich der wahre Name von Batman, so wie Superman im wahren Comi­cleben Clark Kent heißt, und als Jour­na­list arbeitet. Zum ersten Mal begegnen sie sich in diesem Film also auf einer Party­ge­sell­schaft. Ein bisschen bemüht ist dieses Aufein­an­der­treffen der beiden Comic-Super­me­ga­helden von Anfang an, auch wenn der Plot zu diesem Film tatsäch­lich aus einem berühmten Comick­las­siker stammt.

»So fängt es an: Das Fieber, der Zorn, das Gefühl der Macht­lo­sig­keit, durch das gute Menschen grausam werden.« Nicht von der AfD und Pegi­disten ist hier die Rede, sondern von Gotham City. Sie sind hier alle über dem Gesetz, die Schurken, die Super­helden, nur die Politiker nicht, ausge­rechnet, und sie müssen auch dafür bezahlen. Batman immerhin arbeitet mit ihnen zusammen, Superman dagegen tut so, als verkör­pere er die unbe­stech­liche Inves­ti­ga­tiv­presse. Superman, der »boy« wird hier zum Mann, bleibt aber Mutter­söhn­chen, denn vor der Rettung der Welt kommt die Rettung der Mami – man muss halt Prio­ritäten setzen. »Tell me: Do you bleed?« fragt ihn Batman, und fügt hinzu »You will.«

Bald bekämpfen sie einander aufs härteste. Natürlich ohne einen ganz klaren Gewinner, auch wenn Batman hier deutlich als Punkt­sieger hervor­geht, sowohl aus dem direkten Faust­kampf, als auch im ganzen Film. Batman ist ein Mensch mit Fehlern, kein Außer­ir­di­scher und Über­mensch, und Batmans Skepsis, seine Ironie, mitunter der melan­cho­li­sche Pessi­mismus von Bruce Wayne stehen uns einfach näher als der allzu ameri­ka­ni­sche blinde Opti­mismus von Clark Kent alias Superman. Und zudem ist Ben Affleck, der Batman-Darsteller um Welten besser und charis­ma­ti­scher als sein Gegenüber Henry Cavill. Afflecks Auftritt über­rascht in seiner Reife und ist richtig groß: Dies ist ein Batman, der Zukunft hat, nicht allzu sympa­thisch, aber nahe am dunklen Ritter der späten Graphic Novels.
Aber wieso eigent­lich Batman »gegen« Superman? Sind das nicht beides Helden? Verkör­pern nicht beide das Gute?
»Batman gegen Superman« – was ist das überhaupt für ein Film?

»Schwarz und Blau, Gott gegen Mensch, Tag gegen Nacht.« So kann man es auf den Punkt bringen. Batman gegen Superman – das heißt Nachtwelt gegen Tagwelt, Film Noir gegen ameri­ka­ni­sches Sendungs­be­wußt­sein, Amoral gegen Mora­li­sieren, Melan­cholie gegen naiven Opti­mismus. Pessi­mis­ti­scher Cooler gegen jungen Nerd. Der den zitierten Satz nun sagt, ist aller­dings der Schurke im Spiel: Lex Luthor, Supermans Erzfeind, der hier auch zum Gegner von Batman wird, ein Welten­bran­d­ent­fa­cher, konzi­liant und sardo­nisch gespielt von Jesse Eisenberg. Sein Luthor ist ein Junior mit massivem Vater­kom­plex – der verbindet alle Erzschurken des ameri­ka­ni­schen Kinos mit dessen Helden –, er hat Daddys Raum unver­än­dert gelassen und überlegt aber nun doch zu Anfang seines Irrsinns-Kriegs gegen die Welt, ein Bild, einen Höllen­sturz aus der Barock­zeit, verkehrt herum zu hängen über Papas Schreib­tisch. Denn: »We know better now, don't we? Devils don't come from hell beneath us. They come from the sky.«
Im Kampf gegen ihn verei­nigen sich die beiden Super­helden.

Zunächst müssen sie aber grund­sätz­li­chere Fragen klären. In der Gesell­schaft dieser den USA zum Verwech­seln ähnlich sehenden Stadt­staaten Metro­polis und Gotham City wird nämlich öffent­lich in den Medien und in der Politik debat­tiert, wozu Super­helden überhaupt gut sind, und wie man diese immer wieder außer Rand und Band geratenen Gesellen eigent­lich demo­kra­tisch kontrol­lieren kann?

So kommt es zu einem hübschen Dialog zwischen den Haupt­fi­guren: »Civil liberties are being trampled on in your city; people living in fear. He thinks he's above the law«, meint Clark Kent, und bekommt zur Antwort: »The Daily Planet criti­ci­zing those who think they're above the law is a little hypo­cri­tical, wouldn't you say? Conside­ring every time your hero saves a cat out of a tree, you write a puff piece editorial about an alien that could burn the whole place down.« – »Most of the world doesn't share your opinion, Mr. Wayne.« – »Maybe it's that Gotham City and me... We just have a bad history with freaks dressed like clowns.«

Hier tut der Film zumindest so, als sei er ein ernst­hafter philo­so­phi­scher Essay. Er stellt die Fragen nach dem Wert von Macht und Heldentum. Er grundiert seine Figuren mit Psycho­logie. Bei Zack Snyder wirkt das nur leider immer sehr bemüht. Man soll den Regisseur von 300 von Sucker Punch, von Man of Steel bestimmt nicht unter­schätzen. Der für seine martia­li­schen Schlacht­platten bekannten Snyder, der auch selbst gern ins Gym geht und bei Inter­views seine täto­wierten Arme vorzeigt, liebt muskel­be­packte Männer und Frauen, die den Mund meist nicht aufmachen. Man darf Snyder aber auch nicht über­schätzen. Denn eine richtige Hand­schrift hat dieser Regisseur außer Lärm, Bombast und Über­frach­tung auch mit 50 Jahren noch immer nicht. Poesie ist in seinen Filmen eher ein Zufalls­pro­dukt, und auch der beste unter ihnen – Sucker Punch – ist eine unbedingt humor­freie Zone.

Das Problem mit Snyder ist nicht so sehr, ob seine Filme ästhe­ti­sie­rende Gewalt­spek­takel sind, die faschis­toide Körper- und Welt­bilder propa­gieren. Wer fragt so etwas? Klar tun sie das, dafür genügen zehn Minuten eines belie­bigen Snyder-Films.
Auch Batman v Superman: Dawn of Justice ist für Snyder wieder vor allem Anlaß zu einer unsub­tilen Gewalt­orgie, die im Effekt auf eine Ästhe­ti­sie­rung von Gewalt hinaus­läuft. Etwa wenn Batman seine Opfer »brandet« – was im Comic ohne Vorbild ist, also rein der verqueren Phantasie von Snyder und seinen Leuten entsprungen.

Ange­sichts dessen was Snyder mit Figuren und Dreh­büchern anstellt, die er sich nicht selbst ausge­dacht hat – Sucker Punch, dies nochmal gesagt, ist sein einziger anstän­diger Film, ange­sichts dessen, ist dieser Film gar nicht so schlecht.

Nein, auch wenn Politiker hier darüber räso­nieren, was Super­helden »tun sollten«, ist dies trotzdem kein mora­li­sie­render, und schon gar kein system­kri­ti­scher, kein linker, noch nicht mal ein links­li­be­raler oder anar­chis­ti­scher Film. Und auch kein philo­so­phi­scher. Immerhin erinnert hier vor allem die von Holly Hunter gespielte US-Senatorin, die in einem Unter­su­chungs­aus­schuß das Wirken der Super-Helden unter­sucht an selbst­ver­s­tänd­liche Regeln, daran, das Demo­kratie mit Konsens zu tun hat nicht mit auto­ritärem Durch­re­gieren. »In a democracy, the good is a consensus, not a unila­teral decision. we act by consent, we talk to each other.«
Sie wirkt seltsam anachro­nis­tisch. Eine ältere Dame, die noch an »Legi­ti­ma­tion durch Verfahren« glaubt: »Macht korrum­piert und absolute Angst korrum­piert absolut.«

Es sind solche kleinen Szenen, die dem Zuschauer plötzlich einen kurzen Augen­blick lang den Boden unter den Füssen wegziehen, einzelne Dialogs­ätze – wie »20 years in Gotham, we know what promises are worth« –, die für ein paar Sekunden die Gemüt­lich­keit im Kino­sessel stören, und uns klar machen: Wir leben ja selbst irgendwo schon in Gotham City, in Verhält­nissen, in denen die Öffent­lich­keit auf Stars fixiert ist, und denen dann alles durch­gehen lässt, in denen das Schrille, Extreme sich gegenüber dem Abge­wo­genen durch­setzt, in Zeiten die, sich nach Helden, Rettern und anderen messia­ni­schen Figuren sehnen.

Obwohl Batman v Superman also fraglos seine Momente hat, bleibt der Film ein Zwitter – seltsam gespalten zwischen der naiv-opti­mis­ti­schen Superman-Welt und dem realis­tisch-kühlen Batman-Universum: Mal spielt alles in Metro­polis, mal in Gotham, mal sollen wir mit dem einen bangen, mal mit dem anderen.
Auch dass sie sich gegen­seitig infra­ge­stellen, macht die Figuren nicht stärker, und man kennt es ja auch schon aus anderen Filmen.

Vermit­telt wird beides durch die Frauen: Amy Adams spielt mit Lois Lane wieder jene Figur, die Superman erdet. (Und zwar »erden« in mehr als einen, unter anderem auch finalen Sinn).
Doch erst mit Hilfe von »Wonder Woman«, der weib­li­chen Super­heldin (gespielt von der israe­li­schen Schau­spie­lerin Gal Gadot), wird das Böse besiegt. Sie – vom jeweils anderen unter Verdacht gestellt, mit dem Gegenüber im Bund zu sein (»Is she with you?« – »No, I thought she was with you.«) – vereinigt dialek­tisch die beiden Prin­zi­pien und fügt ein Drittes hinzu: Die Sehnsucht nach Privat­heit.
Gadot bringt eine dringend benötigte Dosis Abgrün­dig­keit, Ambi­guitöt und Femme-Fatale-Haftig­keit mit in den Film, den man zuvor nur von Catwoman (bei Michelle Pfeiffer wie Anne Hathaway) kannte. Sie hat ihre eigene Agenda, »ist« mit niemanden, aber im Zweifel mit Beruce Wayne.

Insgesamt ist die Handlung des Films wirr, konfus, chaotisch und schwer vers­tänd­lich in ihren Wider­sprüchen. Warum nochmal bringt Superman Lex Luthor nicht einfach um auf dem Hoch­haus­dach? Liebe Leser, Ihr werdet mir gewiss die Lösung aufzeigen. Einige gute und viele zumindest annehm­bare Einzel­szenen aber machen noch keinen Film, und fügen sich hier nie wirklich zu einem Ganzen. Daher ist dieser Film auch viel zu lang. Fast zwei­ein­halb Stunden wären auf 90 oder 110 Minuten einge­dampft viel­leicht zu einer konzisen Geschichte geworden.

Batman wird wie gesagt aus gutem Grund im Titel zuerst genannt. Vor allem anderen liegt das daran, dass wir mit seinen Augen auf die Welt dieses Films blicken. Seltsam partei­isch ist die Regie in dieser Hinsicht.

Immerhin wird am Ende die Rivalität zwischen Superman und Batman entschieden. Denn im Kampf gegen ein ziemlich spät aus der Filmkiste sprin­gendes Krümel­monster stirbt Superman pünktlich zu Karfreitag. Wie Christus für die ganze Mensch­heit. Ein Märtyrer, der uns Zuschauern beibringt, dass wahre Helden sterben, sich opfern fürs Gute. Ein echter Ameri­kaner eben.
Da halten wir es lieber mit Bruce Wayne, der in diesem Vergleich ungemein erwachsen und europäisch wirkt. Der hat nur Albträume und war im Traum tatsäch­lich auch mal chris­tus­haft ans Kreuz geschlagen worden. Batman riskiert was, aber denkt nicht daran, sich zu opfern. Über­stehen ist alles. Moderne Moral eben.
Im Gespräch mit Wonder Woman hatte er illu­si­onslos – »we fight, we kill, we betray« – ein zukünf­tiges Anti­terror-Bündnis einge­for­dert: Auf die Gegen­frage »Why do we have to fight?« entgeg­nete der gefühllos Coole »Just a feeling.«

Wenn Superman am Ende den Märty­rertod stirbt, aber Batman überlebt, ist das auch im Sinne der Fans. Bis zur nächsten Wieder­auf­er­ste­hung. Snyder erspart uns aller­dings nicht einen Tropfen trie­figsten Pathos: Mit militä­ri­schen Ehren wird Superman beige­setzt, natürlich auf Arlington, dem ameri­ka­ni­schen »Helden­friedhof«. Hoffent­lich bleibt er wo er ist.

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