Baymax – Riesiges Robowabohu

Big Hero 6

USA 2014 · 102 min. · FSK: ab 6
Regie: Don Hall, Chris Williams
Drehbuch: , ,
Musik: Henry Jackman
Schnitt: Tim Mertens
Zwischen Michelin-Männchen und Meister Proper: Baymax

Maschine mit Herz

Disney und Marvel sind große Namen am Firmament der Popkultur. Ganz unter­schied­lich in ihren Erzählan­sätzen und doch vereint, seit der Disney-Konzern 2009 Marvel Enter­tain­ment erwarb. Wie fruchtbar eine »haus­in­terne« Zusam­men­ar­beit sein kein, belegt das Anima­ti­ons­pro­jekt Baymax – Riesiges Robo­wa­bohu, das nach seiner Veröf­fent­li­chung in den USA ganz uner­wartet die Einspiel­listen stürmte. Über­ra­schend war der Erfolg vor allem deshalb, weil die Marvel-Reihe »Big Hero 6«, auf deren Figu­ren­per­sonal der Film basiert, zu den eher unbe­kannten Comic­se­rien zählt. Auch wenn der Streifen seine verschie­denen Kompo­nenten nicht immer sinnvoll vereinen kann, präsen­tiert sich das beste­chend animierte Abenteuer insgesamt erstaun­lich facet­ten­reich. Ange­fangen bei der ausführ­li­chen Vorstel­lung der Prot­ago­nisten, die in nicht allzu ferner Zukunft in der von ameri­ka­ni­schen und japa­ni­schen Einflüssen durch­drun­genen Stadt San Fransokyo leben.

Held der Geschichte ist der Teenager Hiro Hamada. Ein cleverer Bursche, der seine ausge­prägten tech­ni­schen Fähig­keiten in erster Linie für die Verfei­ne­rung der Roboter nutzt, mit denen er illegale Wett­kämpfe bestreitet. Was sein großer Bruder Tadashi mit Bedauern zur Kenntnis nimmt. Schließ­lich würde er Hiro nur zu gerne für seine Arbeit an der hiesigen Univer­sität begeis­tern. Eines Tages kann er den kleinen Drauf­gänger tatsäch­lich in die Welt der Roboter-Forschung einführen und bringt ihn so auf andere Gedanken. Hiro will sich schnellst­mög­lich um ein Stipen­dium bewerben und entwi­ckelt für die Aufnah­me­prü­fung soge­nannte Mikrobots, Mini-Roboter, die tele­pa­thisch steuerbar sind. Am Präsen­ta­ti­onstag zieht er zunächst alle Aufmerk­sam­keit auf sich, doch dann bricht ein verhee­rendes Feuer aus, das Tadashi und den berühmten Professor Callaghan in den Tod reißt. Hiro ist tief getroffen und zieht sich fortan zurück, bis er durch Zufall auf die letzte Entwick­lung seines Bruders stößt: den aufblas­baren, auf Mitgefühl program­mierten Gesund­heits­ro­boter Baymax, der das Leid des Teenagers umgehend zu lindern versucht. Als plötzlich ein Unbe­kannter die Stadt bedroht, schließt sich das eigen­wil­lige Gespann mit Tadashis Freunden zusammen, um das Unheil abzu­wenden.

Das langsam aufkom­mende Super­helden-Szenario – die Marvel-Vorlage lässt grüßen – ist ohne Frage das Unin­ter­es­san­teste, was der Film zu bieten hat, da es sich eher konven­tio­nell und vorher­sehbar entfaltet. Weitaus span­nender sind die tief­grün­digen Zwischen­töne, die das Anima­ti­ons­werk aus dem Gros ähnlich gela­gerter Produk­tionen hervor­ste­chen lässt. Schon gleich zu Anfang wird die enge, aber nicht unpro­ble­ma­ti­sche Beziehung der beiden Brüder thema­ti­siert, die als Waisen bei einer Tante aufwachsen. In gewisser Hinsicht nimmt Tadashi eine Vater­rolle ein und versucht dement­spre­chend, Hiro auf dem Weg in die Erwach­se­nen­welt zu begleiten. Parallel dazu wirft das Drehbuch die Frage auf, wie man am besten mit seinen Talenten umgehen solle. Hiro ist ein echter Technik-Crack, will von einem sinn­vollen Einsatz seiner Begabung anfangs aller­dings nichts wissen. Erst nachdem er erkannt hat, womit sein Bruder an der Univer­sität befasst ist, lässt er sich anstecken vom Forscher­drang.

Genau an diesem Punkt behält der Film jedoch seine ambi­va­lente Haltung bei. Die von Hiro entwi­ckelten Mikrobots sind eine echte Sensation, da sie etwa das Transport- oder Bauwesen entschei­dend revo­lu­tio­nieren könnten. Gleichz­eitig wären sie aber auch ein Fluch, da sie mensch­liche Arbeits­kräfte über­flüssig machen würden. Zudem erweisen sie sich, wie so manche Errun­gen­schaft unserer Zeit, in den falschen Händen als gefähr­liche Waffe, mit der sich unglaub­li­cher Schaden anrichten lässt. Unge­zwungen und doch recht deutlich verhan­delt Baymax auf diese Weise die Frage nach dem verant­wor­tungs­vollen Umgang mit tech­ni­schen Neue­rungen.

Eher unge­wöhn­lich ist sicher auch, dass sich das action­reiche Anima­ti­ons­aben­teuer häufig Zeit nimmt, um das junge Publikum mit »schwie­rigen« Emotionen zu konfron­tieren. Aspekte wie Tod, Trauer und Abschied werden in den einfühl­samen Gesprächen zwischen Hiro und dem drolligen Hilfs­ro­boter ebenso disku­tiert wie frag­wür­dige Rache­gelüste, die den jungen Tüftler nach Tadashis Ableben zu über­mannen drohen. Der Prot­ago­nist hat Ecken und Kanten, schießt mit seinem Verhalten des öfteren über das Ziel hinaus, lässt aber auch einen Reife­prozess erkennen. Sein Gegenüber Baymax, der heimliche Star des Films, bildet das emotio­nale Zentrum des Gesche­hens und sorgt für zahl­reiche gelungene Slapstick-Momente – schließ­lich ist der toll­pat­schige, etwas unbe­weg­liche Gesund­heits­as­sis­tent nicht gerade für rasante Verfol­gungs­jagden gemacht und lernt nur schritt­weise, über seine eigent­liche Program­mie­rung hinaus­zu­wachsen.

Trotz über­hand­neh­mender Super­helden-Mecha­nismen im letzten Drittel bleibt zu konsta­tieren, dass nur wenige Anima­ti­ons­filme in letzter Zeit Spaß und Ernst derart eindrucks­voll verbinden konnten.

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