Bad Boys II

USA 2003 · 146 min. · FSK: ab 16
Regie: Michael Bay
Drehbuch: , ,
Kamera: Amir Mokri
Darsteller: Martin Lawrence, Will Smith, Jordi Mollà, Gabrielle Union u.a.
Wow – toll gelb das Auto!

Mit Exzess gegen Extase

Die Ratten nagen an dem vielen, schönen Geld im Keller. Weil die Besitzer des Gelds vor lauter Moneten gar nicht mehr wissen, wohin damit. Das ist mögli­cher­weise ein Problem, das Jerry Bruck­heimer gut kennt. Es ist aber vor allem eines der wenigen schönen Bilder, die sich einge­schmug­gelt haben in diesen unsäg­li­chen Film.

Das Geld gehört im Film den Bösen, das kapi­tal­zer­set­zende Knabbern der Nager ist somit als lustig zu sehen, ist nicht angst­be­setzt. Und doch, und doch... Jerry Bruck­heimer-Produk­tionen sind ja legendär dafür (werden von Bruck­heimer selbst immer stolz so ange­priesen), dass sie quasi das genaue Gegen­s­tück zum Auto­ren­film sind. Dass hinter ihnen nicht eine strin­gente, persön­liche Vision steht, sie nicht auf Geschlos­sen­heit, Bewusst­heit der Aussage angelegt sind. Und entspre­chend muss man sie lesen: Muss sie sehen als Erzeug­nisse, die von den Gesetzen eines Marktes geformt wurden; als Bilder- und Ideen­sam­mel­be­cken, in die weit­ge­hend unbewusst einströmt, was in der Welt so im Schwange ist. Und da findet sich dann bei so einem kollek­tiven Traum, nicht anders als bei unseren allnächt­li­chen indi­vi­du­ellen, nicht alles an seinem logischsten Platz, es flotieren die Bilder, Zeichen, Symbole.

Also: Diese Ratten, die am Geld nagen. Bad Boys II ist Filmkind einer Zeit, in der unser globaler Spät­ka­pi­ta­lismus zunehmend von Zweifeln und Ängsten ange­fressen wird. In der er sich, kaum hatte er sich zum großen, unauf­halt­samen Sieger im System-Wett­rennen erklärt, plötzlich nicht mehr gar so unan­greifbar wähnt. In der plötzlich überall Wider­s­tände und Wider­sprüche auftau­chen, es bröckelt, rieselt, knirscht. Es ist freilich purster Zufall, dass Don DeLillo eben in »Cosmo­polis« auch die Ratten aufmar­schieren ließ, um die Pestilenz im Kapi­ta­lismus in ein Bild zu fassen. Aber es ist einer dieser puren Zufälle, die doch zeigen, was in unter­schied­lichsten Köpfen unserer Kultur derzeit an Fantasien virulent ist.

Dieses vom Unge­ziefer wegge­nagte Kapital – es ist eine Vorstel­lung, die Bad Boys II unter­schwellig, unein­ge­standen, unbewusst mit antreibt. Denn der Film hat was von einem letzten Gefecht, vom Aufbäumen eines ange­schla­genen Riesen. Es ist ein Film von unglaub­li­cher Dekadenz, ist deka­dentes Produkt einer deka­denten Welt – ist unserem heutigen Massen­en­ter­tain­ment in etwas das, was den alten Römern die Christen-vs.-Löwen-Shows waren.

Bruck­hei­mers Produk­tionen hingen immer dem Credo an, dass man sehr viel Geld ausgeben muss, um noch größere Unmengen zu erwirt­schaften. (Bezeich­nen­der­weise ist Bad Boys II eines der vielen »Opfer« geworden – er wird am Ende der Auswer­tungs­kette sicher kein Verlust­ge­schäft sein, aber er war bei weitem nicht der erwartete Riesenhit an den US-Kassen – eines Kinojahrs, in dem diese Rechnung so selten aufge­gangen ist wie nie zuvor.) Es sind Filme, zu deren Wirkungs­me­cha­nismen es unver­zichtbar gehört, auch zur Schau zu stellen, wie TEUER sie waren. Filme, die mit der in sie inves­tierten Wirt­schafts­macht protzen.

Das inter­es­sante aber ist, dass dies anders als einst bei Griffith oder bei Cleopatra, nicht primär dadurch geschieht, dass sie stolz vorführen, über wie viel Menschen, Material und Raum sie verfügen können. Bruck­heimer-Filme sehen ihren Reiz darin, zu zeigen, wieviel an Werten sie KAPUTTMACHEN können. Es ist die Geste des Super­rei­chen, der sich seine Zigarren mit $100-Scheinen anzündet: Wenn in Bad Boys II die Ladung eines ganzen Trans­por­ters voll nagel­neuer Luxus­klasse-Autos der Reihe nach zu Total­schaden-Schrott­klumpen verar­beitet wird, dann heißt das eben nicht nur »Wir können uns Luxus­autos leisten«, sondern »Wir können uns leisten, sie aus jedem sinn­vollen, zweck­ori­en­tierten Kreislauf von Geld-Ware-Nutzen heraus­zu­reißen, sie als Wert zu vernichten«. Es ist die Zurschau­stel­lung wahren Über­flusses, »conspi­cuos consump­tion« im Extrem.

Selt­sa­mer­weise aber eben eine Zers­tö­rungs­lust, die nicht subversiv wütet, sondern das System bestätigt. Bruck­heimer/Bay haben schon immer gerne einer Lust am Untergang gefröhnt, die sich das Ende ihres Welt­sys­tems in ausführ­lichsten Feuer­farben ausfan­ta­siert, um schließ­lich das System daraus wieder zu rege­ne­rieren. Sei's Arma­geddon, sei's Pearl Harbor – Amerika will sich offenbar in Trümmern sehen, um dann um so beherzter zu sagen: »God bless America!«.

Der Exzess ist eins der Prin­zi­pien dieses Films – aber es ist ein seltsam arbeit­samer, lustloser Exzess: Man meint zu spüren, wie sehr dieser Film in den Exzess als eine Notwen­dig­keit getrieben wurde – weil, dem (kapi­ta­lis­ti­schen) Fort­schritts­glauben anhängend, er versuchen muss teurer, lauter, bunter, schneller, brutaler zu sein als alle vergleich­baren Vorgänger. (Nach der Pres­se­vor­füh­rung meinte jemand: »Das war ja wie Rambo I bis III in einem Film, nur dass die mehr Leute erschossen haben.« Um Miss­ver­s­tänd­nissen vorzu­beugen: Der junge Mann meinte das als Kompli­ment.)

Exzessiv sind die Zers­tö­rungs­or­gien, exzessiv ist der Film in seiner endlosen Länge von zwei­ein­halb Stunden, die besonders verblüf­fend ist, weil Bad Boys II nicht wirklich viel zu erzählen hat.

Und exzessiv ist schließ­lich auch die Gewalt, die hier auf der Leinwand explo­diert. Gelinde gesagt bemer­kens­wert ist die ungeheure Aggres­si­vität, mit der sich in Bad Boys II die »Norma­lität« gegen ihre poten­ti­ellen Störer behauptet: Wie extrem auch die Zers­tö­rung von Körpern ist, mit der dieser Film aufwartet und die er gutheißt, als Enter­tain­ment betrachtet – ohne dass man das Gefühl hätte, er sähe selbst in diesem Gewalt­level etwas Beson­deres.

Ich wäre der Letzte, der nicht grund­sätz­lich bereit wäre, Gewalt­dar­stel­lungen im Kino, mit Verlaub, geil zu finden. Bad Boys II aber hätte mich fast soweit getrieben, selbst bei der BPjS eine Indi­zie­rung zu bean­tragen. Das Vers­tö­rende ist nicht mal, was an Gewalt zu sehen ist. (Die deutsche FSK 16-Version wird übrigens um etliche blut­s­täu­bende Einschüsse in Körper, hirn­sprit­zend platzende Köpfe, zerfetzte Leiber beschnitten sein.) Vers­tö­rend ist, wie unin­ter­es­siert und beiläufig der Film – der sich ja offenbar als Komödie begreift – dies präsen­tiert, wie unnötig, sinnlos die Expli­zit­heit seiner Darstel­lungen ist. Nicht nur fehlt dieser ästhe­tisch völlig die grandiose, balle­thafte Eleganz eines Peckinpah, eines John Woo – es fehlt auch jedes Fitzel­chen eines Weltbilds, wie es bei solchen Groß­meis­tern der Kino-Gewalt das verherr­lichte Sterben recht­fer­tigt und in einen (tragi­schen) Kontext stellt. Genau­so­wenig hat Bad Boys II irgendwas von dem schwarzen Humor, der in anderen Filmen Verstöße gegen den »guten Geschmack« gerade erst zum Vergnügen machen kann. Was in Peter Jacksons hinreißendem Brain Dead mit Körpern geschieht, ist oft noch viel grausiger, als wenn hier – in einer unfass­lich menschen­un­wür­digen Szene – bei einer Verfol­gungs­jagd Tote aus einem Leichen-Trans­port­wagen kullern und von unseren »Helden« in Fetzen gefahren werden. Aber Jackson beherrscht den »Splatstick«, weiß, wann und wie er zu über­treiben hat, um die Verlet­zungen ins Terri­to­rium der Komik zu schubsen, und hinter all dem schlägt bei ihm doch ein mitfüh­lendes Herz. Bad Boys II hingegen ist das, was man auf Ameri­ka­nisch mit dem tref­fenden Wort »mean-spirited« bezeichnet: Fies, bösartig, ungustig.

Ein Beispiel für diesen Zynismus: Zum Finale des Films starten die Poli­zisten aus Miami – mit ein paar schnell herbei­ge­ru­fenen Freunden vom CIA, hurrah!, eine kleine, private Kuba-Invasion. Und in deren Verlauf durch­pflügt man dann nebenbei mit den Autos auch einen Hügel voll Elends­quar­tiere. Ärgerlich genug an dieser Sequenz, dass sie ganz unver­schämt geklaut ist, aus Jackie Chans Police Story. Richtig zum Kotzen aber ist, wie man mit dem Unbehagen umgeht, das offenbar doch aufkam darob, dass man hier Spaß und Freude empfinden soll daran, wie armse­ligsten Schlu­ckern ihre windigen Behau­sungen (und sie anzu­neh­men­der­weise gleich mit) zu Klump gefahren werden. Ich glaube nicht, dass die Macher selbst da Skrupel empfanden; wahr­schein­lich wurden bei Test­vor­füh­rungen doch ein paar Zweifel laut am unbe­schwerten Unter­hal­tungs­wert. Und also verfiel man auf folgende Lösung: Inmitten des Gedönses und Gebrummes und Gekraches auf der Tonspur hat man – plumpest offen­sicht­lich nach­träg­lich – einen kleinen Dialog­satz einge­flickt, wo flugs gesagt wird, hier am Hügel hausten lauter Koks­dealer. Und das ist zweifach inter­es­sant: Zum einen, weil es doch zeigt – guckt man diese Well­blech­bar­a­cken an – wie man gemeinhin völlig über­schätzt, was mit Drogen­handel so zu verdienen sei. Und zum anderen, weil das anschei­nend aus Sicht der Filme­ma­cher völlig ausreicht, um das Zuklump­fahren von Herrn und Hütten mitsamt Haus­tieren, Frauen und Kindern nicht nur zu recht­fer­tigen, sondern auch zum mords­mäßigen (sic!) Gaudium zu verwan­deln.

Vom Geld war schon die Rede, aber die Furcht vor seinem Verlust ist nur eine und keines­wegs die stärkste der unter­schwel­ligen Kräfte, die all diese exzessive Aggres­si­vität befeuern und recht­fer­tigen. Es fällt schwer, bei diesem Film von Begrün­dungen und Motiven zu reden, von Ursachen und Wirkungen, weil seine Einzel­teile (wie üblich bei Bay/Bruck­heimer-Streifen) nicht wirklich vonein­ander abhängig, nicht ernstlich zwingend zusam­men­gehörig sind. Und doch gibt es da diese Ebene, die noch eins tiefer liegt als jegliche Logik, Stringenz, Plan­mäßig­keit. Diesen Strom des Halb­be­wussten, der das alles irgendwie treibt und trägt. Und da kann man dann doch recht deutlich auch die Trieb­kräfte ausmachen.

Warum müssen »Die Bösen« in Bad Boys II gefunden und ausge­merzt werden, was macht sie »böse«? Auf der Plot-Ebene ein reiner McGuffin: Der Schmuggel von Ecstasy-Pillen wäre hier beliebig austauschbar, es könnte genau­sogut Heroin sein wie gefälschte Heintje-CDs.

Aber so beliebig ist die Sache dann eben doch nicht, wenn man den Bildern vertraut – was bei solchen Kollektiv-Träumen immer die ergie­bigste Methode ist. Denn die zeigen uns ziemlich zu Anfang die »Schre­ckens­vi­sion«, die es offenbar zu verhin­dern gilt, die präsen­tieren uns das, was dann weit über zwei Stunden lang mit extremster Gewalt gedeckelt, ausra­diert, unter Kontrolle gebracht werden muss: Da sehen wir, was passiert, wenn die Ecstasy-Pillen (erfinden hätte man hier schöner symbol­trächtig keinen Namen können) in die USA gelangen. Da tanzen dann junge Leute enthemmt herum und fangen an, mit Fremden zu knutschen. Und das DARF. NICHT. SEIN!

Bad Boys II hat ein ziemlich krankes Verhältnis zur Sexua­lität – viel­leicht auch daher sein manisches Zerstören von Körpern. Sex, das ist ein Minenfeld für diesen Film – was er ganz am Schluss geradezu wörtlich in Bilder umsetzt. Von einem entspannten, unge­störten intimen Verhältnis zwischen zwei Menschen ist weit und breit nix zu sehen – dafür schießt der eine unserer beiden lustigen, schwarzen Poli­zisten (Will Smith) dem anderen lustigen, schwarzen Polizist (Martin Lawrence) gleich in der ersten Action-Sequenz in den Arsch, und der ist daraufhin impotent. Freu­dianer dürfen sich JETZT freuen. Dann gibt es solch aparten Höhe­punkte (na ja, viel­leicht wäre ein anderes Wort besser) wie die Psycho-Folter, der die beiden lustigen, schwarzen Poli­zisten einen jungen Mann unter­ziehen, der mit der Tochter von einem von ihnen ausgehen will. Oder die fantas­tisch geschmack­volle Szene, in der der eine der beiden lustigen, schwarzen Poli­zisten (der impotente) sich im Leichen­schau­haus verste­cken muss und dabei auf einer toten, weißen Frau zu liegen kommt, die blond ist und üppig bebrüstet, und selt­sa­mer­weise scheint sich da dann was zu regen bei dem impo­tenten, lustigen, schwarzen Poli­zisten, und das ist dann doch inter­es­sant, dass es mit Leichen plötzlich geht, in diesem Film.

Dafür, dass Bruck­heimer-Produk­tionen einen etwas gequälten Blick auf Sexua­lität haben, gibt es Präze­denz­fälle. Insbe­son­dere aber ist Coyote Ugly ein völlig unter­schätzter Schlüs­sel­film zum Bruck­heimer-Universum. Er zeigt am reinsten diesen Wunsch zum »desire manage­ment«, diese verkorkste, sehr ameri­ka­ni­sche Fantasie vom Orgasmus ohne Sex, von den geilsten Schlampen als ewigen Jung­frauen. (Es ist, nebenbei bemerkt, ein faszi­nie­rendes Kuriosum der Film­ge­schichte, wie in Bruck­hei­mers Frühzeit diese Sicht es schaffte, bei American Gigolo und dem Cat People-Remake verblüf­fend gut Andock­punkte zu finden in Paul Schraders mythi­schem, verqueren Katho­li­zismus.)

Viel­leicht ist die Ursache für all diese unguten Tendenzen ja, dass diese Filme einer­seits sehr ameri­ka­nisch sind in ihrem Puri­ta­nismus – dass sie einer langen Tradition von Leib­feind­lich­keit verpflichtet sind, von »Sex ist Sünde, Sex ist schmutzig«-Über­zeu­gungen. Und sie gleich­zeitig als, ebenso sehr ameri­ka­nisch, dem Merkan­tilen anhängend, es sich nicht leisten wollen, auf einen vermarkt­baren Schauwert zu verzichten – sie die Flei­sches­ware wenigs­tens zum Anschauen haben wollen, denn »Sex sells«. Und sie so in eine komische Zwick­mühle geraten, ein »Produkt« glanzvoll zu präsen­tieren, das sie selbst für zutiefst verdorben halten.

Was Bad Boys II mit weniger Selbst­zweifel zu Markte trägt, ist die fast faschis­toide Freude am Poli­zei­staat. Wären die Haupt­dar­steller zwei weiße, blonde, blauäu­gige Muskel­männer, würden viel mehr Leute viel schneller sehen, wo das Problem liegt. Aber Afro-Ameri­kaner sind im Hollywood-Kino ikono­gra­phisch noch immer ganz anders belegt: Wo sie nicht als lustige Trottel (siehe die meisten Rollen von Chris Rock) oder weise, unbe­stech­liche Autorität (dito Morgan Freeman) auftau­chen, sondern mit Virilität und Helden­at­tri­buten ausge­stattet sind, da signa­li­sieren sie noch immer »Subver­si­vität«.

Bad Boys II macht sich das zu Nutze, indem seine beiden Prot­ago­nisten so erstaun­lich unbe­denk­lich ein »Schwei­ne­system« reprä­sen­tieren dürfen; indem die proto­fa­schis­toide Poli­zei­staats­ge­walt hier ach so hip und cool rüber­kommt. (Den Schwarzen ihre Neger sind in diesem Film übrigens die Jamai­caner, die allesamt so ähnlich gezeichnet und behandelt werden, wie früher, als die Helden noch weiß waren, die Afro-Ameri­kaner allgemein. Der Rassimus ist struk­tu­rell nicht weg in diesem Film, er diffe­ren­ziert nur anders.)

Dem Film ist es ein regel­rechter running gag, dass Verdäch­tige immer wieder glauben, sie hätten irgend­welche Rechte. Wann immer jemand einwendet, für diese oder jene Aktion bedürfe es einer rich­ter­li­chen Erlaubnis, ist die Diskus­sion schnell beendet, mit einem einfachen »Bullshit!«. Es gilt das Prinzip »Erst schießen, dann fragen«, manchmal auch »Einfach nur schießen«, und erstaun­li­cher­weise macht der Film nicht mal mehr viel Aufhebens darum, wenn es auch reihen­weise Unschul­dige trifft – früher war da in vergleich­baren Streifen wenigs­tens ein wichtige Schranke.

Und auch die Grenze zwischen Polizei- und Militär­film gilt nichts mehr: Auf seinem finalen Höhepunkt konfron­tiert Bad Boys II die US-Soldaten von Guan­ta­namo Bay mit dem für sie wohl gänzlich neuen Problem, dass jemand unbedingt REIN will in ihren Stütz­punkt. Das kennen sie sonst derzeit doch eher andersrum. Der Ort, an dem derzeit die USA Terro­rismus-Verdäch­tige in einen menschen­rechts­freien Raum outsourced hat, insze­niert als rettender Heimat­hafen für unsere Helden – es ist das ultra­zy­ni­sche Sahnehäub­chen auf einem grund­zy­ni­schen Film. (Aber einmal mehr: Dass es ausge­rechnet Guan­ta­namo ist, wo jedem mit Resthirn ausge­stat­teten Menschen ins Bewusst­sein springen MUSS, wie pervers die ganze Ange­le­gen­heit ist... Ja, es schiebt und bohrt sich das so brutal und lautstark Verdrängte immer wieder irgendwie zurück in diesen Film.) Und wir reden hier nicht etwa von jenem Zynismus, der oft Mora­listen und Roman­tiker packt ange­sichts der Welt, und der im Grunde seines Herzens den Wider­spruch seiner selbst trägt; der, einer Verlet­zund durch die Gefühl­lo­sig­keit der Realität entsprin­gend, mit zur Schau gestellter, noch krasserer Gefühl­lo­sig­keit antwortet und doch eigent­lich nur heulen möchte. Wir reden hier von einem Zynismus im wahren Sinne – einer entmensch­lichten Grund­hal­tung, die jederzeit bereit ist, alles und jeden zu verraten und zu verkaufen, wenn der Preis stimmt.

Viel­leicht wäre es sogar noch besser erträg­lich, wenn man wenigs­tens das Gefühl hätte, dass die Macher es ernst meinten mit ihrem grenz­fa­schis­to­iden Patrio­tismus und Poli­zei­staats-Yupphei. Aber es steckt keine echte Ideologie hinter diesem Machwerk außer der, zu liefern, was immer gerade Konjunktur hat; aufzu­warten mit dem, was man halt momentan für gut verkaufbar hält, egal was das sei. Bad Boys II ist ein im tiefsten Wortsinn gewis­sen­loser Film.

Alles – seine extreme Gewalt, sein Patrio­tismus, sein »Humor«, seine Ästhetik – gehorcht nur einem: Einer Politik der starken Reize. Es muss sich was tun – irgendwas, zusam­men­hanglos – was kleine Schläge der Erregung versetzt. Das liebt das Sams­tag­abend-Publikum.

Aber das ist nicht unbedingt ein reines Jerry Bruck­heimer-Prinzip. Es wird gerne pauschal geschimpft über seine Produk­tionen, und der Mann hat ja auch ein ähnliches Selbst-Promotion-Kunst­stück voll­bracht wie einst Hitchcock: Er hat es geschafft, dass ER es ist, der zual­ler­erst mit Filmen, an denen er beteiligt war, in Verbin­dung gebracht, als ihr wahrer AUTOR angesehen wird. Aber auch in einer Bruck­heimer-Produk­tion spielt doch der Regisseur eine keines­wegs uner­heb­liche Rolle; Simon Wests hoch­ver­gnüg­li­cher Con Air ist noch lang nicht gleich Michael Bays verhee­rendem The Rock. Und es ist eben wieder und wieder Michael Bay, der unter Bruck­hei­mers Ägide die unsäg­lichsten, ärger­lichsten Film­ver­bre­chen begeht.

In einem SPIEGEL-Interview hat er mal verraten, dass ihm persön­lich Explo­sionen (ich para­phra­siere und verbitte mir dennoch jede allzu bildliche Auslegung) ziemlich am Arsch vorbei­gehen; dass er seinen Job halt hat, weil er sie schön foto­gra­fieren kann. Man spürt seinen Filmen dieses Desin­ter­esse an, diese Auftrags­täter-Haltung.

Bay ist dabei verblüf­fen­der­weise alles andere als ein begna­deter Action-Regisseur. »Action« heißt in seinen Filmen grund­sätz­lich nur: Massives Auftreten von lauten, schnellen, explo­siven Ereig­nissen – das spiegelt im Kleinen, wie seine Filme auch im Großen funk­tio­nieren. Was Bay völlig fehlt ist jedes Gefühl für weiter­ge­hende Struktur in seinen Action-Sequenzen. Eleganz hat seine plumpe, selbst­zweck­hafte Kinetik sowieso nicht; aber sie hat auch keinen Zusam­men­hang in Hinsicht auf Erzählung oder Spannung. Keine von den Action-Nummern in Bad Boys II erlaubt nähere Orien­tie­rung über den Raum, in dem sie sich abspielt, oder die Akteure, die an ihr beteiligt sind. (Die Kamera-Karussel-Schießerei mit den Jamai­ca­nern ausge­nommen, aber da ist diese Orien­tie­rung auch nur zufäl­liges Abfall­pro­dukt einer Übung in Stil-Selbst­zweck.) Man muss sich mit der bloßen Abfolge von Knall­ef­fekten und einer sehr groben Ahnung der Posi­tionen der Haupt­fi­guren begnügen – nie könnte man z.B. während der Verfol­gungs­jagd mit dem Auto­trans­porter genau sagen, wie viele Poli­zisten in wie vielen Wagen jetzt hinter wie vielen Schurken her sind, und wer sich wann wo befindet. Diese Action­s­e­quenzen haben kein klares Ziel, keinen Suspense im eigent­li­chen Sinne, der ja voraus­setzen würde, dass man deutlich vor Augen hätte, wer alles beteiligt ist an so einer Szene, wo sie in Relation zuein­ander sind, was ihre jewei­ligen Absichten sind, was diesen im Wege steht, etc. Echte Spannung, das hieße: Zu wissen, dass noch drei Böse­wichter lauern, und noch zwei Kilometer Freeway bleiben, sie zu erledigen. Bei Bay aber wird so etwas nie etabliert, da wird halt geballert und gestorben, und ob es jetzt gegen fünf Leute ging oder fünfzig erfährt man besten­falls, wenn am Ende zusam­men­ge­rechnet wird.

Wenn am Ende zusam­men­ge­rechnet wird – was diesen Film betrifft: Bruck­heimer wird's zufrieden und nicht ärmer geworden sein, und sich einen ratten­si­cheren Keller anschaffen. Wem mensch­li­ches Gefühl schon weit genug abhanden gekommen ist, der wird den Film mögli­cher­weise als »unter­haltsam« betrachten. Und sich viel­leicht, hoffent­lich, in ein paar Jahren rück­bli­ckend wundern. Ich wage die Prognose: Bad Boys II ist einer dieser Filme, die viel­leicht im Moment für ein gewisses Publikum funk­tio­nieren. Die uns aber mit nüch­ternem Abstand völlig fremd und unver­s­tänd­lich sein werden.

Und doch – dieser Film hat schon seine Berech­ti­gung: Er wird dereinst ein vers­tö­rendes Artefakt unserer Kultur sein. Irgend­welche kommenden Gene­ra­tionen werden ihn entdecken, und entsetzt über seine zynische Dekadenz sein. Und dann sagen: Ah, jetzt verstehen wir! Es war doch klar, dass es ein schlimmes Ende nehmen musste, mit diesem Kapi­ta­lismus.

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