Atmen

Österreich 2011 · 93 min. · FSK: ab 12
Regie: Karl Markovics
Drehbuch:
Kamera: Martin Gschlacht
Darsteller: Thomas Schubert, Gerhard Liebmann, Georg Friedrich, Stefan Matousch, Karin Lischka u.a.
Ein Junge und der Tod

Die richtige Leiche im richtigen Sarg zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Ein Junge, eine Straße. Ein Junge, ein Fernseher. Ein Junge, der raucht – viel raucht. Ein Junge, dessen Körperöff­nungen kontrol­liert werden, wenn er heimkommt. Roman ist Frei­gänger; seit vier Jahren sitzt er in einer Jugend­voll­zugs­an­stalt bei Wien wegen Totschlags. Er pflegt keine Kontakte zu den jugend­li­chen Mitin­sassen. Es fällt ihm schwer zu sprechen, noch schwerer, das Gegenüber dabei anzusehen. Fühlt Roman sich in die Enge getrieben, flippt er aus, wie in der Schlos­serei, als ihm der Meister ohne Vorwar­nung die Schweißer­maske übers Gesicht zog. Dann brüllt Roman.

Die Hälfte seiner Strafe hat er hinter sich und könnte auf Bewährung entlassen werden, wenn er kommu­ni­zieren könnte, wenn er nicht so renitent wäre, wenn er einen Job fände. Doch Roman hat das Alphabet, um diese Forde­rungen umzu­setzen nie gelernt: Die Zeitung mit den Stel­len­an­zeigen durch­blät­tert er mit den Füßen. Für ihn als Heimkind ist das Leben draußen bedeu­tungslos, mit fremden Spiel­re­geln und Inhalten. Sein Weg zurück in dieses Leben setzt deshalb bei etwas Bekanntem an, an dem Punkt, an dem es aufhörte: beim Tod. Die einzige Anzeige mit der er etwas anfangen kann, ist die eines Bestat­tungs­in­sti­tutes. Sein Umfeld hält es für einen Gag, aber der 19-Jährige bewirbt sich und wird auf Probe genommen.

Karl Markovics verbindet in seinem Erst­lings­werk meis­ter­haft, in doku­men­ta­ri­scher Dichte und zugleich puris­ti­scher Strenge, die passa­gen­weise an die Filme der Dogma-Leute erinnert, drei (Haupt-)Entwick­lungs­stränge, die zeigen, dass Roman Angst hat, aber zurück will ins Leben, dass er eine Aufgabe will und Kontakt, und dass das nicht geht, ohne über sich Bescheid zu wissen: Roman wird Bestatter, er lernt zu atmen, er findet seine Mutter und erfährt die Wahrheit über sich selbst.

Obwohl oder weil der Film sich erst gegen Ende schlag­artig auflöst, ist er sofort spannend, spannend wie Bergman, spannend wie Antonioni, spannend wie Vinter­berg: Auf der Bühne monotoner Hand­lungen, des (sicheren) und gleich­för­migen und kleinen Gefäng­nis­all­tags, auf der Bühne der aus immer denselben Hand­griffen beste­henden Arbeit der Leichen­be­statter entfaltet sich das innere Drama der Gefühle, die nicht ausge­drückt werden können. Markovics, der vom Schau­spiel kommt, hat die Seite gewech­selt – sein Fokus bleibt jedoch gleich.

Der 18-jährige Thomas Schubert ist kein profes­sio­neller Schau­spieler und spielt deshalb Roman auch nicht, er ist dieser Junge, der sich nicht erklären kann, weil er sich selbst nicht versteht, der seine Sehn­süchte nicht kennt und deshalb zu ticken scheint, wie eine Zeitbombe. Er spricht nicht, er schaut und antwortet auf jede Demü­ti­gung mit diesem tiefen offen­siven Blick, zwischen verletzt und einsam und wütend.
Ein bisschen wegen dieses Blicks, mehr aber, weil einfach zusammen hinge­langt werden muss bei den Bestat­tern, und noch mehr weil Roman und Rudolf spät abends zu einem Unfall gerufen werden und vor Ort lange warten müssen und dann doch reden, so wie solche Männer eben reden, wird Roman langsam Teil einer Gruppe, wahr­schein­lich das erste Mal in seinem Leben. Hier gibt es Szenen, die ganz groß gespielt sind: Die Behut­sam­keit und der Ernst mit der Rudolf, gespielt von Georg Friedrich, den Körper einer älteren Toten wäscht beispiels­weise. Sie führt dazu, dass Roman ihm das erste Mal zuar­beiten kann. Tagelang stand er als stummer Zuschauer dabei, aber jetzt reicht er ihm, was der Kollege braucht, um der Toten ihr letztes Gewand anzulegen.

Der Bestat­terjob ist ein Männerjob und voll der entspre­chenden Ritua­li­sie­rungen: Männer sprechen beispiels­weise nicht viel, aber viel von dem wenigen ist witzig. Besonders in Wien. Gerhard (gespielt von Stefan Matousch), der zweite Kollege Romans, beschreibt seine Arbeit so: »Die richtige Leiche im richtigen Sarg zur richtigen Zeit am richtigen Ort.« So ist Atmen auch ein befreiend komischer, ein sati­ri­scher Film. Nur Roman kennt diese perfor­ma­tiven Akte nicht. Das Verhalten, welches einen zum Teil einer bestimmten Gesell­schaft macht, muss von klein auf gelernt sein und platziert einen dann. Denn Männer­gruppen sind meist hier­ar­chisch: Roman wird ange­griffen am Anfang, kann sich mit Worten nicht wehren, kann die Krawatte nicht binden, die Teil ist der Uniform, und bittet Rudolf vergebens um Hilfe. Erst viel später zeigt es dieser ihm, das Krawat­te­binden, ein atavis­ti­sches Aufnah­me­ri­tual in kruder Vater-Sohn-Romantik. Neben­ein­ander stehen sie vor dem Spiegel: Schritt eins, Schritt zwei... Roman im Fokus, ange­strengt, unge­schickt – Rudolf unscharf im Dunkeln, lässig. Mit derselben Lässig­keit wirft er ihm später den Auto­schlüssel zu und bringt ihm den Zusam­men­hang bei zwischen Gas, Kupplung und Motor. Am Ende des Films begleiten Gerhard und Rudolf Roman im grauen Bestat­tungs­klein­laster an den Friedhof, auf dem der Junge liegt, den er getötet hat. Wortlos, ein als Dienst­hand­lung getarnter Freund­schafts­dienst.

Musik gibt es wenig im Film, sie würde ablenken. Nur wenn Roman auf der Straße geht, hin zum Knast in der Abend­däm­me­rung, weg vom Knast im Morgen­grauen, bringen Streicher und eine in Misch­licht getauchte traum­hafte Land­schaft etwas Wärme.
Struk­tu­riert und aufge­bro­chen wird der Film durch drei zentrale Sequenzen im Schwimmbad der Voll­zugs­an­stalt: Der jähe Kopf­sprung ins Wasser kata­pul­tiert Roman aus der Enge seiner herme­ti­schen Welt. In der ersten Szene zeigt sich, dass Roman keinen Anschluss zu den weiteren Jugend­li­chen hat. In der zweiten bringt ihm der Aufseher das Atmen bei, denn Roman bekommt beim Kraulen nicht genug Luft und reagiert panisch: »Atme einfach tief«, sagt er, »mit der Nase ein, mit dem Mund aus. Tiefer, noch tiefer, die Luft muss ganz nach unten in den Bauch.« Da kommen Roman die Tränen und der Aufseher lässt ihn allein.

Die dritte Sequenz entfaltet eine erstaun­liche Wirkung: Roman lässt sich mit leeren Lungen auf den Boden des Pools gleiten und bleibt dort liegen. Die Kamera folgt ihm. Eine normale Übung für Schwimmer, um das Sauer­stoff­auf­nah­me­ver­mögen des Körpers zu trai­nieren. Aber Roman liegt dort – lange. Ein Prozess läuft ab in ihm. Er scheint auf den Boden der Tatsachen zu kommen. Die anderen Jugend­li­chen sitzen am Becken­rand; ihre Beine ragen ins Wasser – die Ober­körper sind unsichtbar. Ab und zu gleitet einer von ihnen nach unten und sieht nach Roman.

Später erzählt die Mutter ihm, sie habe versucht, ihn mit dem Kissen zu ersticken. Als Neuge­bo­rener, weil sie einfach mal wieder schlafen wollte. Die Mutter, die Roman über das Jugendamt ausfindig macht, ist das ganz normale Böse. Unauf­fällig; einfach nur nicht dazu fähig sich einzu­fühlen in einen anderen. Eher ist es Roman bei dem ersten Kontakt, der ihr hilft, der das richtige tut, der seine Wut in eine konstruk­tive Handlung umwandelt. Doch dann, als die Mutter ihm das erzählt hat, geht er. Sie bleibt allein zurück im U-Bahnhof neben dem Werbe­plakat einer Strand­welt. Neben Romans Traum.

Er weiß jetzt, warum er tötet, wenn man ihm die Luft nimmt, warum ihn ein Pulli, den er nicht über den Kopf ziehen kann, zur Raserei bringt, eine Schweißer­maske vorm Gesicht zum Brüllen. Er entscheidet jetzt, was er in sich aufnehmen will und was nicht. Roman ist jetzt frei. Er hat gelernt, selber zu atmen.

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