Anna Karenina

Großbritannien 2012 · 130 min. · FSK: ab 12
Regie: Joe Wright
Drehbuchvorlage: Leo Tolstoi
Drehbuch: Tom Stoppard
Kamera: Seamus McGarvey
Darsteller: Keira Knightley, Jude Law, Aaron Taylor-Johnson, Kelly MacDonald, Matthew MacFadyen u.a.
Schön geschmückt, aber leer

Großes, unerzogenes Mädchen

Schwarz ist ihr Ballkleid, weiß seine Uniform. Sie tanzen und es wirbelt, es wirbelt außen, aber es verwir­belt auch ihre Gemüter. »Im Hause Oblonskij war alles durch­ein­ander«, heißt der berühmte zweite Satz der »Anna Karenina«. Der erste, noch berühm­tere lautet: »Alle glück­li­chen Familien gleichen einander, jede unglück­liche Familie ist auf ihre eigene Weise unglück­lich.«
Wenig später nach diesem Auftakt wird die Titel­heldin dann zu ihrem frisch­ge­ba­ckenen Liebhaber sagen: »Alles ist zu Ende. Ich habe nun nichts außer dir.« Leo Tolstois Ehebruch- und Fami­li­en­ver­gleichs-Roman ist die Geschichte einer Amour fou. Das Schwarz-Weiß und Entweder-Oder der Leiden­schaften wird platziert vor das Grau in Grau einer über­lebten, dem Untergang geweihten Gesell­schaft. Passion vor Müdigkeit – das könnte zeitgemäß und aktuell sein – und es charak­te­ri­siert auch den Film selbst ganz gut, einen Film, der laut und schnell anfängt, und sich dann in Tempo und Effekten allmäh­lich steigert. Tolstois Jahr­hun­der­troman »Anna Karenina« ist einer der meist­ver­filmten Romane der Welt­li­te­ratur. Über 20 Mal ist die Geschichte der drei Familien aus der russi­schen Ober­schicht schon für die Leinwand insze­niert worden, zuletzt 1997 mit Sophie Marceau in der Titel­rolle. Vor ihr spielten unter anderem Greta Garbo – sie sogar zweimal – und Vivien Leigh die unglück­liche Ehegattin. Und jede Anna Karenina ist anders – ein Kind ihrer Zeit, aber auch ein Geschöpf der jewei­ligen Schau­spie­lerin. Jetzt also Keira Knightley.

Schon zweimal hat Regisseur Joe Wright bereits einen großen Roman mit der Knightley verfilmt, Pride & Prejudice nach Jane Austen und Ian McEwans Atonement, und zweimal hat das sehr gut funk­tio­niert. Zwei Kostüm­filme, einmal die napo­leo­ni­sche Ära bei Austen und einmal die 30er Jahre, zweimal eine Schau­spie­lerin, die so gar nicht in Kostüme und Kulissen vergan­gener Zeiten zu passen scheint, weil sie explizit modern wirkt, ein Girl, das es mit der Zeit­ma­schine verschlagen hat – aber gerade dieser Kontrast ist wunderbar aufge­gangen. Doch diesmal stimmt das Sprich­wort nicht, das aller guten Dinge drei sind, denn gerade die Haupt­dar­stel­lerin ist hier das Problem und zumindest, was die Titel­heldin angeht, will die neue Anna Karenina nicht zünden. Die heim­li­chen Haupt­fi­guren dieser Verfil­mung sind viel eher ihr Liebhaber, der feurige Graf Vronski (Aaron Taylor-Johnson), der einmal nicht zum lächer­li­chen Tunichtgut herun­ter­ge­stutzt wird, dann ihr älterer Gatte, der besonnen-harte Politiker Karenin (Jude Law), bei dem sich Vernunft und Gefühl die Waage halten, und der deswegen zur persön­li­chen Kränkung ein Verhältnis findet, seiner Frau eine zweite, eine dritte und noch eine vierte Chance einräumt – bis es irgend­wann einfach mal genug ist. Sowie die junge Kitty (Alicia Vikander) die erst naiv-schwär­me­risch in den ewigen Jung­ge­sellen verliebt ist, dann aber die tieferen Werte in dem Guts­be­sitzer Levin (Domhnall Gleeson) erkennt, und mit ihm eine Ehe eingeht, die das glück­liche Gegen­s­tück, den Kontrast zu Annas zuneh­mender Misere darstellt.
Das alles kommt zumindest dem multi­per­spek­ti­vi­schen Charakter des Buches sehr nahe. Denn wie »Krieg und Frieden« ist auch dies eher der Roman einer Gesell­schaft und das Portrait mehrerer Familien in ihrem Glück wie Unglück, als das Portrait nur einer Person.Tolstoi wechselt immer wieder den Fokus und beschreibt auch kleinste Neben­fi­guren voller Details als in sich wider­sprüch­liche Indi­vi­duen.

Wrights Anna Karenina ist zunächst aber vor allem ein opulenter Kostüm­schinken, der geballte Pracht und Schau­werte bietet. Alles ist Bühne hier, großer Auftritt, soziale Rolle vor Kulissen – so verdop­pelt der Film den Blick, den die Gesell­schaft des Zaren­reichs auf die Ehebre­cherin Anna Karenina wirft. Der Bruch mit ihrer sozialen Rolle, mit den Verhal­tens­lehren der Kälte, war sowieso die Kardi­nal­sünde der Karenina. Ehebruch? Nichts dagegen zu sagen, aber bitte doch diskret. Mit einem feschen Jung­ge­sellen aus besserer Gesell­schaft? Wenn's denn sein muss, und grade kein Husar zur Verfügung steht. Immerhin besser als der Stall­bur­sche. Und ein Kind vom Galan? Macht man weg. Aber so vor aller Augen? Wie schamlos! Hat sie denn gar kein Benehmen? Und Liebe? Also bitte, wo bleibt die Conten­ance...
Man hat diese Figur, eine Zeit- und Leidens­ge­nossin von Flauberts »Madame Bovary« und Fontanes »Effi Briest«, immer als Frau im Kampf um Aner­ken­nung verstanden, eine Frau, die den Mut hat, Konven­tionen und »Tugenden« zu opfern um ihrer Selbst­ver­wirk­li­chung willen. Anna Karenina ist schließ­lich auch eine Mutter, die für den neuen Lover ihr Kind im Stich lässt – eine Tat, die in ihrer scham­losen Egozen­trik heute eher noch uner­hörter wirkte als im 19.Jahr­hun­dert, wo Mütter aus der »besseren Gesell­schaft« es allemal nicht so hatten mit der Mutter­rolle. Wofür gibt es schließ­lich Personal?
Man hat in diesem Eman­zi­pa­ti­ons­streben aber auch immer mehr gesehen: Das univer­sale Drama eines Menschen, der sich nach Freiheit und Glück sehnt, und der es wagt, dafür das Gesell­schafts­kor­sett zu sprengen. All solche Facetten und Wider­sprüche fehlen ganz über­wie­gend in Joe Wrights rasanter, unge­wöhn­li­cher, aber nicht restlos über­zeu­gender Neuver­fil­mung, die – ganz im Unter­schied zur Dickens-Neuver­fil­mung Great Expec­ta­tions, die nächste Woche in die Kinos kommt – nie abgründig, sondern recht brav und bieder und schlicht und wenig aktuell erscheint. Joe Wright ist gut – vergessen wir nicht, dass er letztes Jahr den großar­tigen Wer ist Hanna? verant­wor­tete – aber das reicht diesmal nicht.

Knight­leys Karenina selbst wirkt in diesem Tableau wie ein großes uner­zo­genes Mädchen, unreif, gar nicht die lebens­er­fah­rene Frau, die weiß, worauf sie sich einlässt, wie sie Sophie Marceau spielte, auch nicht die aus Verzweif­lung Hyste­ri­sche der Vivien Leigh, die sich an Vronski klammert, wie eine Ertrin­kende an ein Stück Treibholz. Wenn aber Anna Karenina nicht mehr ist als ein etwas zu ober­fläch­li­ches Girl, wenn sie den Zuschauer weder zur Iden­ti­fi­ka­tion einlädt, noch verführt, sie zu begehren und zu lieben – was bleibt dann von diesem Stoff? Tolstois Moral-Message, dass die roman­ti­sche Liebe eine Illusion ist, kann in Zeiten nicht mehr erschüt­tern, in denen jede zweite Ehe geschieden wird. Und die Frei­heits­sehn­sucht, den Glücks­an­spruch »against all odds«, gegen alle Wider­s­tände, die spürt man diesmal viel authen­ti­scher in der jungen Kitty und in dem alten Karenin, der viel mehr hinnimmt, als er müsste.

Rüdiger Suchsland

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