American Hardcore

USA 2006 · 100 Minuten
Regie: Paul Rachman
Drehbuch:
Kamera: Paul Rachman
Schnitt: Paul Rachman

Die beste Musik für die schlechte Welt

Der Dokumentarfilm American Hardcore erinnert an eine Jugendkultur, die auch mal etwas ernst meinte

Unter­grund oder Main­stream, Glaub­wür­dig­keit oder kommer­zi­eller Ausver­kaufdas sind Kate­go­rien, über die man heute eher lächelt. Zu oft hat man gesehen, dass sich besonders gut verkauft, was das Label Subver­sion trägt. So war auch der rebel­li­sche Punk Anfang der Achtziger zu einer inhalts­leeren Mode geworden. Doch Punk bekam ein zweites, relativ unbe­kanntes Leben: Hardcore Punk. Das sollte heißen: Zurück zum Kern der Sache, zurück zu Wut und Aggres­sion, zurück in den Unter­grun­dohne Einfluss von Medien und Musik­in­dus­trie. So sehen das die Prot­ago­nisten von damals, die Paul Rachman in seinem Doku­men­tar­film American HardcoreDie Geschichte des American Punk Rock 1980 – 1986 zu Wort kommen lässt.

Rachman zeigt darin eher konven­tio­nell mit Inter­viewaus­schnitten und Konzert­auf­nahmen die Anfangs­jahre der Bewegung, die sich rasend schnell von der Westküste der USA über den ganzen Kontinent ausbrei­tete. Alle meinten, es sei Morgen in Amerika, jemand habe sagen müssen, es sei verdammt noch mal Mitter­nacht, erklärt Vic Bondy, früher Sänger der Articles of Faith. Reagan wurde neuer US-Präsident. Man machte es sich gemütlich in God's own country, tanzte zu Disco-Musik und freute sich über Heim, Familie, Gott und Vaterland. In dieser bleiernen Zeit spielten auf einmal ein paar Jugend­liche aus dem weißen Mittel­stand schnel­lere und härtere Musik als je zuvor. Musi­ka­li­sches Können war egal, es ging um Inten­sität und Energie, um den direkten Ausdruck von Wut. Die Sänger sprangen wie Derwische auf der Bühne und brüllten Parolen. Der Tanzstil im Publikum, der Slam-Dance, erreichte ein neues Level an Bruta­lität. Als ob man damit den Straßen­kampf proben wollte. Viele der frühen Hardcore-Songs wirken heute naiv, voller Phrasen und doch kann man in den rohen, verwa­ckelten Live-Mitschnitten, die Rachman in VHS- oder Super-8-Privat­be­s­tänden aufge­stöbert hat, erahnen, wie mitreißend diese tobende Menge gewesen sein muss und wie sehr heute all das Gehüpfe auf den großen Festivals Zitat ist.

Musik hieß Angriff. Man war anti, gegen Bullen und Staat. Doch anders als der Punk, der bald vor dem Ist-Zustand resi­gnierte und seine No future-Parolen allzu wörtlich nahm, hatte Hardcore immer utopische Momente. Gründe deinen eigenen Stamm, deinen eigenen Tribe mit deinen eigenen Werten! Hardcore wollte immer mehr als nur Musik sein, so einer der belieb­testen Slogans. Man war sich zumindest darin einig, anti­fa­schis­tisch und anti­ka­pi­ta­lis­tisch zu sein. Ob man unbedingt abstinent, Straight Edge, leben musste, wurde bald zum Glau­bens­krieg. Vertriebs­wege gab es zu Anfangs­zeiten nicht. Wer eine Platte veröf­fent­li­chen wollte, musste alles selbst machen. Kleine Labels wie SST oder Dischord entstanden, hunderte Fanzines wurden gegründet. Rachman kommen­tiert all diese Vorgänge in seinem Film nicht. Den Kommentar über­nehmen seine Inter­view­partner, die auch heute noch, mit zwanzig Jahren Abstand, erstaunt darüber wirken, was ein paar Jugend­liche in Eigen­regie lostreten konn­tenund sie erzählen gerne und viel und teilweise sehr witzig davon.

Das Ende des Hardcore wird von Rachman bereits auf 1986 datiert, auf den letzten Auftritt der Band Black Flag. Vielen Aktiven war das Umfeld zu gewalt­tätig geworden oder sie waren enttäuscht von Reagans Wieder­wahl, so erzählen sie vor der Kamera. Und irgend­wann wollte man viel­leicht auch mehr als drei Akkorde spielen, was die Puristen rigoros ablehnten. Wichtige Bands der ersten Stunde lösten sich auf, andere expe­ri­men­tierten mit neuen musi­ka­li­schen Einflüssen, aus dem Heavy Metal, aber auch aus dem Reggae oder Jazz, und wech­selten zu großen Plat­ten­firmen, die endgültig das Markt­po­ten­tial dieser Musik erkannt hatten. Für den harten Kern war das natürlich Ausver­kauf. Natürlich war Hardcore so schnell doch nicht tot, er war immer noch gut, nur irgend­wann wurde er anders.

Anfang der Neunziger erreichte Hardcore den Main­stream. Viel­leicht lag dieser Erfolg an den paar Videos, die auf MTV gezeigt wurden, sicher aber auch am Siegeszug einer anderen Jugend­kultur, die dem Hardcore nahe stand: dem Skate­boarden. Prak­ti­scher­weise konnte man den passenden Sound zum Sport gleich mitver­kaufen, dazu auch noch das richtige Outfit: Jeans, Converse-Schuhe und Kapu­zen­pullis. Es ging jetzt vor allem um Party und Spaß. Auf einmal kamen Witz und Ironie hinzu. Etwas, das Hardcore nie kannte. Man gab sich zu dieser Zeit in Puris­ten­kreisen lieber besonders militant und zerstörte viele Gemein­sam­keiten, indem man mit quasi-reli­giösen Dogmen den richtigen Lebens­stil und die richtige Einstel­lung vorschreiben wollte. Für viele war das uner­träg­lich, war doch der ursprüng­liche, gemein­same Nenner: Denke für dich selbst! Man nannte sich dann häufig, ganz undog­ma­tisch, lieber wieder Punk.

Kurze Zeit später kam Grunge und setzte mit subkul­tu­rellen Versatz­stü­cken Millionen um. Ironi­scher­weise wurden die Grund­lagen dafür unter anderem auf dem einstigen Hardcore-Plat­ten­label SST gelegt, als man sich Mitte der Achtziger öffnete für neue musi­ka­li­sche Expe­ri­mente. »Here we are now, entertain us«, sangen Nirvana Anfang der Neunziger, viel­leicht voller Ironie, und danach glaubte das eine ganze Gene­ra­tion. Der Begriff Hardcore wird heute infla­ti­onär gebraucht: im Heavy Metal, im Rap, im Techno, von Skatern und Snow­boar­dern, bei Online-Gamern, immer und überall. Alles ist Hardcore, wenn es sich besonders cool geben will. Eine Bezeich­nung ohne Inhalt und Geschichte. In der erfolg­rei­chen Video­spiel­reihe Tony Hawk Skate­boar­ding läuft im Hinter­grund Hardcore der ersten Stunde: Black Flag, Dead Kennedys, 7 Seconds und Circle Jerks. Es sind nur ein paar Songs unter vielen anderen. Ein netter Sound­track, weiter nichts.

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