Ali

USA 2001 · 156 min. · FSK: ab 12
Regie: Michael Mann
Drehbuch: , ,
Kamera: Emmanuel Lubezki
Darsteller: Will Smith, Jamie Foxx, Jon Voight, Mario Van Peebles u.a.
Will Smith als Muhammad Ali

Der Mann, der sich selbst »der Größte« nannte

Musik erklingt. Man sieht einen jungen Mann, einsam, entschlossen. Boxend. Man sieht ihn durch den Punching-Ball hindurch, auf den er eindrischt. Immer wieder kommt dieses Bild, dazwi­schen Erin­ne­rungs­fetzen, an Kindheit, Jugend, an Vorur­teile und Diskri­mi­nie­rung. Dazwi­schen sieht man ihn rennen. Dann wieder das Gesicht, die Faust­hiebe und der Punching-Ball. Dann wieder Erin­ne­rungen. Mindes­tens zehn endlose wunder­schöne Minuten geht es so, gleiten die Bilder inein­ander über, fügen sich zusammen zu einem einzigen Bild, bilden einen Strom, der den Zuschauer mitreißt. Die Essenz des Kinos in gewisser Weise, jeden­falls die Essenz des Kinos von Michael Mann.

Zusam­men­ge­halten wird das alles durch einen Bühnen­auf­tritt aus den frühen 60ern, Sam Cooke singt »Bring It on Home to Me«, melan­cho­lisch, leiden­schaft­lich, in der Wirkung pathe­tisch. So sieht man gleich zu Beginn, worum es dem Regisseur in diesem Film geht: Ali ist eine Helden­saga, ein partei­isches Portrait des wohl größten Boxers aller Zeiten: Cassius Clay alias Cassius X alias Muhammad Ali: Großmaul und Moralist, Ästhet im Boxring und enga­gierter Bürger­rechtler. Ali ist ein Film, der mit jedem Bild zeigt, dass er schön sein will und heroisch, ohne aber je über Gebühr schön­zu­färben, zu verfäl­schen, zu verein­fa­chen. Im Gegenteil: Mann nimmt sich mit fast drei Stunden Filmdauer viel Zeit; Zeit, die um so schwerer wiegt, als dass diese Film­bio­gra­phie fast ausschließ­lich die Dekade 1964 bis 1974 umfasst, Alis größte und wich­tigste, zugleich schwerste Jahre.

Denn Ali war, und das ist hier das Wesent­liche, weit mehr als ein sehr guter Sportler. Ali war eine der poli­tischsten Figuren seiner Epoche, ein Banner­träger der Schwar­zen­be­we­gung, der »Black Muslims«, des Wider­stands gegen das ameri­ka­ni­sche Militä­r­en­ga­ge­ment in Vietnam. Jahrelang war er vom Ring gesperrt, politisch wie finan­ziell in die Ecke gedrängt. Erst weil er dies überstand, sich nicht unter­kriegen ließ, wurde er zum Volksheld und zum Mythos.

Michael Mann zeigt das alles, ohne das Ali je zum Thesen­film gerät. Er weiß, dass Muhammad Ali bereits ein Mythos ist, darum hat er auch keine Scheu, genau mit diesem Mythos zu arbeiten, ihn voraus­zu­setzen. Bisher hat dieser Regisseur, der mit »Miami Vice« begann, noch nie eine wahre Geschichte verfilmt. Statt­dessen drehte er – mit Der letzte Mohikaner, Heat, The Insider – immer wieder ähnliche Filme: Helde­nepen um einsame Männer, die in ihrer Welt schon ein bisschen anti­quiert wirken. In diese Tradition fügt sich auch die diesmal wahre Geschichte des Boxers Ali. Auch ihr gibt Mann die Gestalt eines Märchens – sein Film erklärt nichts, lässt den Zuschauer, wenn der nicht schon viel weiß von Muhammad Ali, ganz allein. Para­do­xer­weise ist der Film damit für den Box-Unin­ter­es­sierten aber fast span­nender geworden, als durch detail­lierte Erklä­rungen. Etwa in einer Szene, als man nach Martin Luther Kings Ermordung Ali auf dem Dach eines Hoch­hauses sieht, rings um sich das brennende Ghetto: Kein erläu­ternder Dialog ist zu hören, keine Volks­hoch­schul­pas­sagen, die für uns abhaken, was wir da sehen. Wir sehen einfach. Oder eben nicht. Gerade das Enig­ma­ti­sche dieser Passagen ist in den USA stark kriti­siert worden. Warum? Jeder Betrachter kann seine eigenen Schlüsse ziehen. Und dann ist Ali kein Rätsel mehr.

Und dann sind da die Kampf­szenen. Denn natürlich ist Ali auch ein Boxfilm in der Tradition von Kubrick, Scorsese und den vielen anderen. Wieder vermeidet die Regie Stereo­typen. Vielmehr gelingt es Mann, ein Gefühl für Alis Kampfstil entstehen zu lassen, eine Ahnung davon, was ihn von anderen unter­schied und im Ring genial machte, was in seinem Fall Boxkampf auch dessen Veräch­tern schön erscheinen ließ: »Floats like a butterfly, stings like a bee« sagte man über ihn. Dieses Fliegende fängt Manns brilliant choreo­gra­phiertes Ballett um Blut, Schweiß und Macht ein. Will Smith tut das seine dazu. Noch nie hat man ihn so gut gesehen. Allein wie er sich – im engli­schen Original – Alis Diktion aneignet, seinen Witz und seine Bewe­gungen, ist aller Ehren wert. Doch auch wenn es kein reales Vorbild für diese Rolle gäbe, wäre die Leistung beein­dru­ckend.

Ali ist ein Film, der wenig erklärt, ein Film der Offen­heiten und Leer­stellen. Statt­dessen ein Film, der etwas zeigt und erfahrbar macht. Ein großer Film über den Mann, der sich selbst »der Größte« nannte; ein Film, der bleiben wird.

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