Der Albaner

Shkiptari

Deutschland/Albanien 2010 · 108 min. · FSK: ab 12
Regie: Johannes Naber
Drehbuch: , , ,
Kamera: Sten Mende
Darsteller: Nik Xhelilaj, Xhejlane Terbunja, Ivan Shvedoff, Amos Zaharia, Stipe Erceg u.a.
Fast wie Rotkäppchen im Wald

Zwischen Hoffnung und Risiko

Das Leben ist schön in Albanien, dem Land der Skipe­taren, pittoresk – und die Gefühle sind groß und ehrlich. Auf den ersten Blick zumindest. So scheint dieser Film zu beginnen – als Idylle aus der Welt der Schafs­hirten. Doch bald wird alles anders, das Geld, der große Verän­de­rungs­ge­ne­rator, der Staaten schaffen und Charak­tere zerstören kann, entfaltet seine Macht auch hier, in Albanien, dem nach wie vor ärmsten Land Europas.

Und zehn­tau­send Euro sind eine ganze Menge Geld. Vor allem für einen wie Arben. Der ist nur einer von sehr vielen in diesem Land, das seit jeher dem Vergessen anheim gefallen zu sein scheint.

Am Anfang lernt man ihn kennen, im kurzen Glück mit Etleva, der Liebe seines Lebens. Dann ist Etleva schwanger, und diese Schande muss mit einer ordent­li­chen Hochzeit und vor allem mit viel Geld wieder abge­wa­schen werden. Genau zehn­tau­send Euro hoch ist das Brautgeld – undbe­zahlbar für den jungen Albaner, der sein karges Einkommen nur manchmal mit schlecht bezahlten Gele­gen­heits­jobs jenseits der albanisch-grie­chi­sche Grenze aufbes­sert. Darum bricht er ohne Visum in den Westen auf, nach Deutsch­land wo er glaubt, er könne sein Glück machen.

Doch das scheinbar »gelobte Land« hat seine eigenen Gesetze: Arben ist keines­wegs will­kommen, er reiht sich vielmehr ein ins riesige Heer der unsicht­baren Illegalen. Immer weiter stürzt er ab, wird gnadenlos ausge­beutet, und wird um den wenigen Lohn auch noch betrogen. Mit den Minijobs, die ihm gerade noch bleiben, kann er die benötigte Summe nie im Leben zusam­men­sparen. Also lässt er sich auf gefähr­li­chere Dinge ein. Der Zufall scheint ihm zur Hilfe zu kommen:

So gerät Arben auf krimi­nelle Abwege, ist nun als Mitglied einer Schlep­per­bande selbst Teil der Maschi­nerie, die Illegale ausbeutet. Und dazu tritt die Unge­wiss­heit, was gerade zuhause passiert. Denn in seinem Dorf gibt es kein Telefon. Arben bleibt ein grund­guter Charakter, ein echter klas­si­scher Filmheld, wie er im Leben und in neueren Film kaum jemals vorkommt: Ohne Fehl und Tadel tut er alles nur aus Liebe und die schlechten Dinge auch nur, weil ihn die Verhält­nisse dazu zwingen. Immer wieder verfällt »Der Albaner« auch in die Klischees des Einwan­der­er­dramas.

Johannes Nabers Film reflek­tiert auf spannende Weise die harten Seiten der Migration. Er erzählt vom schmalen Grat zwischen Hoffnung und Risiko und wird so zu einer mora­li­schen Erzählung über die Natur und über den Preis des Glücks. Dabei hilft ihm mit dem jungen Nik Xhelilaj ein glän­zender Haupt­dar­steller.

Der 40-jährige Regisseur Johannes Naber selbst wurde in Ludwigs­burg als Doku­men­tar­filmer ausge­bildet. Das sieht man dem Film immer wieder in einzelnen Momenten einer sehr dichten Darstel­lung an. Zugleich hat seine Auffas­sung einer Spiel­film­regie aber unüber­seh­bare konven­tio­nelle Seiten. Dafür steht die unab­lässig elegisch die Freiheit des Zuschau­er­blicks zuschmie­rende so pathe­ti­sche wie kitschige Filmmusik.

Wirklich brisant wird es immer nur dann, wenn der Film die Schat­ten­seiten des Lebens in Deutsch­land ins Visier nimmt. Naber porträ­tiert Deutsch­land als ein Land ohne mora­li­sche Inte­grität, poli­ti­sches Konzept oder recht­staat­liche Unschuld – zumindest für all jene Menschen, die hier nicht als nützlich und vernutzbar gelten, die also nicht will­kommen sind.

Der Albaner ist also ein guter Film, aber auch stilis­tisch sehr konven­tio­nell und in erwart­baren Bahnen erzählt, der am Ende vor den entschei­denden poli­ti­schen oder ethischen Konse­quenzen seiner Geschichte zurück­scheut und ins Priva­tis­ti­sche flieht.

Das vor allem dürfte ihm im Januar auch den Max-Ophüls-Preis beim Film­fes­tival von Saar­brü­cken einge­tragen haben – denn dies am Ende ein Konsens-Film, auf den sich eine Jury einigen kann, weil er, wie man so sagt: »wichtig« ist, zugleich aber angenehm unan­s­tößig bleibt. Denn alles wird hier im Zweifel mora­li­sie­rend und niemals politisch behandelt. Einwan­de­rung ist damit also kein poli­ti­sches Problem, und illegale Ausländer sind, wie sie uns eben erscheinen: Eine Wolfs­ge­sell­schaft, schmutzig und gefähr­lich, in der am Ende jeder sich selbst der nächste ist und mit der man am besten nichts zu tun haben möchte. Etwas darüber Hinaus­ge­hendes, und viel­leicht auch etwas über­ra­schen­dere Fest­stel­lungen würde man sich auch oder sogar gerade von einem Debütfilm dann aber doch erhoffen.

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