Akte X – Der Film

The X Files: The Movie

USA 1998 · 121 min. · FSK: ab 12
Regie: Rob Bowman
Drehbuch: ,
Kamera: Ward Russell
Darsteller: David Duchovny, Gillian Anderson, Martin Landau u.a.
Tappen im Dunkeln

Ich schwör', eyh, Verschwörer!

Eigent­lich sollte man meinen, Verschwö­rungs­theo­rien wären fürs Kino wie geschaffen: Denn sie sind nichts anderes als ein Versuch, die Welt auf jene Art zu lesen, die man im klas­si­schen Erzähl­kino in Reinform lernen kann. Jedes noch so kleine Detail hat Bedeutung, alles ist Teil einer großen, über­ge­ord­neten Geschichte, alles ergibt – versteht man es nur zu entschlüs­seln – einen Sinn.
Eine beru­hi­gende Sicht­weise, die versucht, mit der Zufäl­lig­keit und poten­ti­ellen Sinn­lo­sig­keit des Lebens aufzu­räumen. Die verspricht, daß Zusam­men­hang – wenn auch nie leicht zu erkennen – prin­zi­piell immer gefunden werden kann. Und die selbst da, wo sie in paranoide Verfol­gungs­phan­ta­sien ausartet, noch stets versi­chert: Du bist wichtig, denn du hast Teil an einer alles umspan­nenden Geschichte (und wenn du es in deinem Leben zu nichts bringst, dann nur deswegen, weil du nicht mitmachst im finsteren Spiel der mächtigen Geheim­ge­sell­schaften).
Kein Wunder, daß in zunehmend unüber­sicht­li­chen Zeiten sich eine solche Weltsicht wach­sender Beliebt­heit erfreut. Eine Popu­la­rität, von der es die von Produzent Chris Carter kreirte Fern­seh­serie »X-Files« verstanden hat, so enorm zu profi­tieren, daß sie nun auch ein aufwen­diges Gastspiel im Kino geben darf, bevor sie am Bild­schirm in die sechste Staffel geht.

Je besser eine Verschwö­rungs­theorie sein will, um so weit­rei­chen­dere, allum­fas­sen­dere Zusam­men­hänge muß sie herstellen. Was das angeht, ist The X-Files gut im Geschäft: Bis 30.000 v.Chr. spannt der Prolog des Films den Bogen des Komplotts zurück, und mühelos wird in den ersten fünf Minuten der Haupt­hand­lung Verschwö­re­ri­sches vom Kennedy-Mord über das Lockerbie-Attentat bis zum Anschlag auf das Federal Building in Oklahoma zitiert.
Da aber ordent­liche Verschwö­rungs­theo­rien als Ideal­zu­stand nichts weniger anstreben, als eine komplette Welter­klä­rung, haben sie das Problem, daß sie (wie Reli­gionen und philo­so­phi­sche Systeme) weder endgültig beweisbar sein, noch je zu einem Abschluß kommen dürfen – sie verlangen das Moment des »I want to believe« und müssen offen bleiben für ständige Arbeit in einer wandel­baren Welt.
Und da hört es sich dann schnell auf mit der Eignung fürs Kino: Das sind zwar prima Voraus­set­zungen für eine Fern­seh­serie, wo man es durchaus schätzen kann, wenn lose Fäden Woche für Woche erneut zum Einschalten verleiten. Deutlich weniger gute Voraus­set­zungen aber für einen Kinofilm, der übli­cher­weise als in sich geschlos­senes Werk über­zeugen muß.

Der Beginn von The X-Files ist nichts­des­to­trotz noch sehr viel­ver­spre­chend: Die Atmo­s­phäre stimmt, der Plot scheint sich zügig zu entwi­ckeln und vermag zunächst, Interesse zu wecken, und das wunder­bare verbale Sparring zwischen Mulder und Scully sorgt für eine will­kom­mene Prise Humor. Da stört es auch noch überhaupt nicht, daß der Film in seiner Ästhetik doch relativ nah am TV-Vorbild bleibt.
Nur leider ändert sich das alles nach der ersten halben Stunde: Wo im Fernsehen der Stil der Serie im Vergleich mit anderen Produk­tionen manchmal schon kino-ähnliche Qualität zu erreichen scheint, wirkt er, nun tatsäch­lich auf die große Leinwand gebracht, doch zunehmend nach aufge­bla­senem Fernsehen. Was sicher zu verschmerzen gewesen wäre, wenn der Film ein kino­t­aug­li­ches Drehbuch gehabt hätte.

Da aber kann The X-Files dem Fluch der »conspi­racy theories« nicht entkommen: Die eigent­liche Handlung des Films reduziert sich sehr bald auf eine banale und mäßig spannende »Held rettet Heldin aus den Klauen der Bösen«-Story, die in endlosem Gerede verpackt ist, das nie hinaus­kommt über jenes aus der Serie sattsam bekannte, hohl bedroh­liche Verschwö­rungs-Geschwurbel – das dann wie üblich sinn- und ziellos mit einem Fort­set­zung heischenden Waffen­still­stand ziemlich genau da belanglos versandet, wo man zu Beginn auch schon war. Einziges Zuge­ständnis an den »beson­deren« Status des Kinofilms ist, daß die Existenz von Außer­ir­di­schen eini­ger­maßen zwei­fels­frei bestätigt wird – aber das dürfte wohl auch nur jene bedau­erns­werten Geeks vom Hocker reißen, die »X-Files« schon immer als Doku­mentar-Reihe gesehen haben.

Dabei hätte man doch durchaus die Möglich­keit gehabt, einen Film in der Art jener verschwö­rungs­freien (und sowieso stets wesent­lich besseren) Serien-Folgen zu machen, die in sich abge­schlossen sind und sich mit anderen para­nor­malen Phäno­menen beschäf­tigen als immer nur mit den blöden, hydro­ce­phalen Außer­pla­ne­ta­rieren. Da hätte man dann sicher auch eher Gele­gen­heit gehabt, das Medium Kino ange­mes­sener zu nutzen – und mehr zustande gebracht als letzlich nur eine weitere Episode der Serie, die nicht einmal im Vergleich mit den Fernseh-Folgen über unteres Mittelmaß hinaus­kommt. So hat man leider die Chance verpaßt, mit The X-Files jemand anderen als hart­ge­sot­tene Fans der Serie anzu­spre­chen.
Aber wollen wir wetten: Wenn der Erfolg des Films nun hinter den hohen Erwar­tungen des Produ­zenten zurück­bleibt, dann waren seiner Meinung nach daran bestimmt die Frei­maurer, die Rosen­kreuzer oder das CIA schuld.

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Akte X – Der Film ist flüssiger als Wasser, also über­flüssig. Ex orbitant, exellent, extra­va­gant wäre er sicher auch gern, ist er aber nicht. Eher schon extrem beschränkt.
Aber der Reihe nach. Genau wie in der bekannten »Akte-X« Fern­seh­serie tappen alle im Dunkeln. Zunächst wähnen wir uns deshalb im düster gehal­tenen Teil des Vorspanns der ehemals beliebten Fern­sehtrick­film­serie »Die Dinos«. Doch das erlösende Lachen des Baumum­schubsers Earl Sinclair will und will nicht kommen. Und bis zum Ende des Films gibt es nichts zu lachen. Statt­dessen wird alles nebulös insze­niert und gemäß der bewährten Masche wird Fiktion als Wirk­lich­keit präsen­tiert. Nur die Zuschauer werden getrieben von den wichtigen Fragen des Lebens:

Werden sich Scully (Gillian Anderson) und Mulder (David Duchovny) endlich näher kommen? Werden sie Kondome dabei haben? Ist Mulder nicht der hollän­di­sche Wunder­s­türmer von Schalke 04? Und: Wer schaut sich so etwas an?

Wie in wohl jeder der (geschätzten) drei­tau­send bishe­rigen Fern­seh­folgen von »Akte X« jagen Scully und Mulder als FBI-Ghost­buster Außer­ir­di­sche, Vampire, Fran­ken­steine usw. und sprengen Hoch­häuser in die Luft, lassen Nean­der­taler verrecken und reden eloquent. Spannend, nicht? Gegen­licht, Nebel­schwaden und Halb­dunkel sind die ständig wieder­keh­renden Stil­ele­mente, gewürzt mit einer lach­haften Handlung und entwaff­nend dummen Dialogen, in die zur Verwir­rung Fremd­worte einge­streut sind.

Dana Scully ist Fox Mulder hier­arisch unter­ge­ordnet, deshalb bleibt ihre Beziehung auch stets tief­ge­froren. Der span­nendste Moment des Films ist – und das ist schon bezeich­nend – der Moment, als die beiden sich näher kommen als ob sie sich Küssen wollten. Doch schon kommt der phal­li­sche Stachel einer – nein, nicht einer Killer­to­mate – einer Mörder­wespe dazwi­schen. Außerdem haben die beiden wich­ti­geres zu tun als Körper­flüs­sig­keiten auszu­tau­schen, schließ­lich bedrohen ferne Galaxien die Mensch­heit...

Insgesamt bietet Akte X – Der Film also nichts neues. Wer die Serie kennt, ist die Machart gewohnt und hat eventuell Spaß an dieser Anein­an­der­rei­hung von Versatz­stü­cken, die aber das Kino­format nicht recht­fer­tigt.

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