10 Milliarden – Wie werden wir alle satt?

Deutschland 2015 · 107 min. · FSK: ab 0
Regie: Valentin Thurn
Drehbuch: ,
Kamera: Hajo Schomerus
Schnitt: Henk Drees
The lovin' spoonful

Heuschrecken zum Frühstück

Zehn Milli­arden. Um die Zahl dreht sich hier alles. Denn wir werden nicht nur mehr, sondern auch immer älter und so werden es sehr viele von uns noch erleben, dass irgend­wann gegen Mitte dieses Jahr­hun­derts zehn Milli­arden Menschen auf unserer Erde leben.
Wie sollen die bloß alle satt werden? Und womit? Das sind die zentralen, bereits im Titel enthal­tenen Fragen dieses Films. Er stammt vom Doku­men­tar­film­re­gis­seur Valentin Thurn, der glück­li­cher­weise in Perso­nal­union auch gleich noch Ernäh­rungs­ak­ti­vist und Best­sel­ler­autor ist.

Thurn hat einen Hang zur Drama­ti­sie­rung und anschau­li­chen Verein­fa­chung, was seinem Film zwei­fellos zugute kommt. So schlen­dert er zum Beispiel schon relativ früh in diesem Film über einen asia­ti­schen Markt – und schiebt sich genüss­lich eine große frit­tierte Heuschrecke in den Mund: O-Ton: »Jede Kultur hat ihre eigenen Speisen hervor­ge­bracht. Heuschre­cken, Grillen und Maden sind nicht jeder­manns Sache. Aber viel­leicht werden wir bald schon nicht mehr wähle­risch sein können.«

Das klingt schon apoka­lyp­tisch, aber die kleinen Krabbler seien schließ­lich gesund und nahrhaft, macht der Regisseur deutlich, Heuschre­cken hätten schließ­lich viel Protein, und überhaupt seien leckere Insekten eines von vielen politisch korrekten Ernäh­rungs­mo­dellen der mittel­fris­tigen Zukunft.

Aber keine Sorge, dieser Film ist kein persön­li­cher Welt­un­ter­gangs­er­leb­nis­trip, in dem sich der Regisseur im Stil von Michael Moore fort­wäh­rend selbst in Szene setzt.

Statt­dessen geht es dem Regisseur mit einer gehörigen, aber nicht unan­ge­nehmen Portion Sendungs­be­wußt­sein um die Frage des Titels: Wie sollen bei stei­gender Bevöl­ke­rung alle noch satt werden, und was hat das für Folgen? Für unsere Ernäh­rungs­ge­wohn­heiten? Und für die Umwelt?

Valentin Thurn reist dazu durch die ganze Welt der globa­li­sierten Nahrungs­mit­tel­in­dus­trie. In einer Art Statio­nen­drama geht es vom Bio-Landgut bei München zu einem indischen Geflü­gel­züchter, der seine Mast­hühner in Deutsch­land gekauft hat, von einem Großgrund­be­sitzer in Mosambik, der wie ein mittel­al­ter­li­cher Skla­ven­halter wirkt, in ein japa­ni­sches Labor in dem Salats­orten perfek­tio­niert werden.
Eine schöne neue, also schreck­liche Welt.

Aber so oder so werde die Ernäh­rungs­krise kommen. Thurn sucht verschie­dene Experten auf, und lässt dabei durchaus diverse, wider­sprüch­liche Sicht­weisen zu Wort kommen. Zugleich gelingt des ihm, die Komple­xität der diversen Aspekte seines Themas wiederum zu bündeln.

Unpar­tei­isch oder gar neutral ist dabei die Perspek­tive aber keines­wegs. Der Sprecher des Bayer-Konzerns zum Beispiel darf zwar ausgiebig zu Wort kommen, und ein Hohelied auf den Nutzen Hybrid­saat­guts singen. Doch dann bekommt er die visuelle Quittung in Form von Film­bil­dern die die desaströsen konkreten Folgen des Saatguts in einem indischen Reis­bau­ge­biet zeigen. Hohe Erträge erzielen hier nicht die Bauern, sondern nur der deutsche Konzern.

Umwelt- und Zivi­li­sa­ti­ons­ka­ta­stro­phen-Dokus sind ein boomendes Subgenre des Doku­men­tar­films. So wurde ein Film wie Plastic Planet über das böse Plastik genauso zum Erfolg, wie der Fast-Food-Selbst­ver­such Super Size Me, wie Unser täglich Brot oder wie Taste the Waste von Valentin Thurn selber. Dort hat er sich mit unserer Wegwerf­ge­sell­schaft und der Perver­sion der welt­weiten Nahrungs­mit­tel­ver­nich­tung beschäf­tigt.

Solche Filme spielen sehr oft mit bere­chen­baren Reflexen: Sie befrie­digen unseren Voyeu­rismus, unsere heimliche Lust daran, uns Sorgen zu machen, und sie kitzeln unser aller unter­be­wußtem Ekel vor manchen Realitäten unseres Wohl­stands-Lebens, handele es sich nun um Schlacht­häuser, Salat aus dem Reagen­zglas oder verrot­tendes Brot auf der Müllhalde.

Dagegen setzen dann nicht weniger erfolg­reiche Wohl­fühl­dokus anderer Art auf das Bewusste, Nach­hal­tige, moralisch Anstän­dige, Ästhe­ti­sie­rende: Da erklären dann Yoga-Köche und buddhis­ti­sche Gärtner dem gestressten Europäer, wie er richtig isst, und verrunz­elte Imker aus den Dolomiten oder braun­ge­brannte perua­ni­sche Bauern, wo das Essen noch herkommt, das schmeckt und nach­haltig ist.

Valentin Thurns 10 Milli­arden – Wie werden wir alle satt? hält auf diesem Feld Mittel­kurs. Irgendwie müssen wir uns Sorgen machen, und irgendwie auch wieder nicht. Denn es ist schon alles arg kompli­ziert mit unserer Ernährung.
So ist dies ein Film, in dem man vieles lernen kann, und dabei keine Angst haben muss, dass einem am Abend das Essen nicht mehr schmeckt.

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