21.03.2013

»Jeder würde dort lieber nicht hingehen...«

Regisseur Ulrich Seidl (Foto: Neue Visionen Filmverleih)

Ein Gespräch mit Ulrich Seidl über seine Paradies-Trilogie, Provo­ka­tion, und das Leben als schreck­li­ches Schre­cken­ska­bi­nett

Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland.

Der 1952 geborene Ulrich Seidl ist Film- und Thea­ter­re­gis­seur und lebt in Wien. Sein Werk tänzelt auf der grenze zwischen Doku­mentar- und Spielfilm: Tierische Liebe (1995), Models (1998), Hundstage (2001), Jesus, du weißt (2003) Import Export (2007). Jetzt präsen­tiert er seine Paradies-Trilogie, deren zweiter Teil Paradies: Glaube jetzt (nach Paradies: Liebe) ins Kino kommt.
Nächste Woche folgt der zweite Teil unseres längeren Gesprächs, das Anfang März in Berlin geführt wurde.

Es beginnt damit, dass Ulrich Seidl ins Zimmer herein­kommt, und erzählt, noch bevor das Band läuft, von dem vorhe­rigen Interview, einem Radio-Interview. Das hat ihn genervt, weil...

Ulrich Seidl: ...weil das kein Gespräch war, sondern ein Abhaken von Fragen. Ohne Gespür. Ich habe nie gewusst: Habe ich was richtig beant­wortet? Es war ohne Nach­fragen. Frage – Antwort – nächste Frage.

artechock: Radio ist auch das Schwie­rigste. Also Herzliche Gratu­la­tion zu Ihrem Preis in Venedig...

Ulrich Seidl: [lacht] ...und zu dem leider Kein-Preis in Berlin.

artechock: Tja, das wollte ich jetzt nicht so sagen. Aber ist Ihnen das überhaupt wichtig? Preise? Es ist halt eine Aner­ken­nung...

Ulrich Seidl: Ja, natürlich ist das eine Aner­ken­nung. Natürlich ist so ein Preis mehr für andere, für die Medien und für Menschen, die das wahr­nehmen wichtiger, als für mich selbst. Es hilft mitunter meiner Arbeit.

artechock: Fühlen Sie sich denn aufge­hoben und ange­messen wahr­ge­nommen in diesen Begriffen, die mit ihrem Namen herum­wa­bern? Hier im Pres­se­heft vor uns steht auch über Paradies: Glaube: »Der Skan­dal­film von Venedig«. Oder wenn man an die Dezember-Ausgabe der Cahiers denkt: »Provo­ka­tion um der Provo­ka­tion« willen, heißt es da in Bezug auf Ihren Namen in einer Liste der zehn »Todsünden des Auto­ren­kinos«.
Gewis­ser­maßen stehen Sie da in so einer Ecke: Jetzt kommt der Schocker-Seidl...

Ulrich Seidl: Das ist mir natürlich nicht recht. Das ist ja von mir nicht so beab­sich­tigt, aber ich bin froh darüber, dass das nicht allgemein so ist, sondern dass das gewisse Kritiker so sehen oder so sehen wollen, man kann ja was man darüber berichtet oder schreibt, daran aufhängen. Das ist ja sehr gut: Provo­ka­tion. Insofern nützt es zwar, aber ich finde mich in dem Sinn nicht richtig verstanden, weil ich nicht provo­ziere um des Provo­zie­rens willen. Sondern weil ich das Anliegen habe, ganz bestimmte Dinge zu zeigen, gewisse Wahr­heiten zu zeigen, die sehr oft Abgründe des Mensch­li­chen sind. Hinter die Fassade zu blicken und daraus entsteht die Provo­ka­tion – weil man das nicht wahrhaben will, wenn man genau hinschaut und erkennt, wie schreck­lich das ist. Und aber auch erkennt, dass man selber damit zu tun hat und das das nicht etwas ist, was man wegschieben kann. Insofern liegt die Provo­ka­tion oft im Normalen...

artechock: Also den Begriff Provo­ka­tion würden Sie schon als ange­messen...

Ulrich Seidl: Na ich weiß schon, dass die Filme das auslösen. Aber nehmen wir jetzt nur die Geriatrie in Import Export her: Das ist ja etwas, was zu unserer Gesell­schaft gehört – und zwar massiv gehört. Und es ist offen­sicht­lich provo­zie­rend zu zeigen was dort ist, wie es dort ausschaut. Da frage ich mich, wieso? Wir sollten uns eigent­lich damit beschäf­tigen.
Ich weiß auch: Das fällt uns aber schwer. Niemand geht dort gerne hin. Jeder würde dort lieber nicht hingehen, hat aber dann ein schlechtes Gewissen, weil er nicht hingeht. Weil er die Menschen gewis­ser­maßen vernach­läs­sigt. Es ist auch abstrus, nicht? Weil unsere Gesell­schaften veralten. Aber es ist auch das schlechte Gewissen gegenüber so einer Gesell­schaft, die sich überall so Gefäng­nisse baut, um es drastisch zu sagen: Da sind die Alten, die sind eh versorgt; die Kinder sind auch versorgt, die Narri­schen und überall ist alles so wegge­sperrt, aber persön­lich lebt man nicht mehr damit. Das finde ich proble­ma­tisch, nicht?

artechock: Was Sie gerade sagen, erinnert mich an Foucault und dessen Ansatz die Geschichte der Insti­tu­tionen zu unter­su­chen. Der hat ja ein Buch über Kran­ken­haus geschrieben, über die Irren­an­stalten. Man könnte, denke ich gerade, ihre Filme auch als Unter­su­chungen im Gefolge Foucaults beschreiben...

Ulrich Seidl: Mich hat das – ohne jetzt auf Foucault Bezug zu nehmen – schon immer inter­es­siert: Der Mensch in den Insti­tu­tionen. Ich habe mal versucht – das ist aber ein Fragment geblieben – nur über Insti­tu­tionen mensch­li­chen Alltag darzu­stellen. Es beginnt in der Gebur­ten­klinik, und es endet im Kran­ken­haus, in der Prosektur und im Kühl­schrank. Und auch der Friedhof ist wieder Insti­tu­tion. Und so durch­schreitet man die Schule, auch die Kirche, das Militär, das Amt und den Beruf. So könnte man es auch beschreiben: Als schreck­li­ches Schre­cken­ska­bi­nett.

artechock: Sind Sie überhaupt jemand, der sich mit Theorie beschäf­tigt? Lesen Sie das privat oder für die Recherche?

Ulrich Seidl: Nein. Also ich funk­tio­niere ein bisschen anders: Die Basis, die Idee oder der Ursprung zu einer Arbeit kommt eher von eigenen Empfin­dungen über Dinge, die ich sehe, beobachte, empfinde, Menschen, denen ich begegne, natürlich auch über Dinge, die ich lese – etwas was mich natürlich emotional beschäf­tigt oder auch im Sinne eines Schreis nach: Es geht nicht!

artechock: Aber das könnte ja Theorie auch sein, oder ein histo­ri­sches Buch...

Ulrich Seidl: Kann schon sein. Ja ja. Aber die Basis meiner Filme ist kein theo­re­ti­scher Ansatz.

artechock: Jetzt hier, bei Ihrer Trilogie: Da inter­es­siert mich zunächst sehr banal der Titel. »Glaube – Liebe – Hoffnung« ist ein Topos, heißt aber bei ihnen anders: »Liebe – Glaube – Hoffnung«. Ich nehme an, das hat einen Grund und ist kein Zufall. Oder ist es doch ein Zufall, der sich ergeben hat aus der Genese des Projekts. Denn ursprüng­lich war die Trilogie ja geplant als ein einziger Film, der dann immer länger wurde.

Ulrich Seidl: Also es ist ein halber Zufall. Am Anfang war es ja ein Projekt: Paradies. Dann sind es drei Filme geworden. Das Wich­tigste war, die Reihen­folge dieser Filme fest­zu­legen. Wie sollen die Filme in die Welt kommen, in welcher Reihen­folge sollen sie ange­schaut werden? Das heraus­zu­finden war das Wich­tigste. Dann ist die Titel­ge­bung gekommen. Und der Titel war dann da, aber passend ist es in der drama­tur­gi­schen Reihen­folge. Deshalb die kleine drama­tur­gi­sche Ab änderung.

artechock: Die man auch als einen Bogen sehen könnte...

Ulrich Seidl: Man kann das ja auch umtau­schen. Alle drei Begriffe sind auf alle drei Filme anwendbar. Jeder Film hat mit Liebe sowieso zu tun, mit Hoffnung auch und mit Glaube – wenn man den Glauben weiter inter­pre­tiert – auch. Auch die Theresa glaubt an irgend­etwas.

artechock: Das, was die Filme und die Haupt­fi­guren verbindet, ist Intimität...

Ulrich Seidl: Intimität, Körper­lich­keit, auch Sexua­lität.

artechock: Aber in dem Sinn, dass wir bei den Figuren Dinge erleben und sehen, die wir norma­ler­weise von engen Vertrauten kennen, aber nicht von fremden Menschen.

Ulrich Seidl: Was ist die Frage?

artechock: Ob Sie diesen Gedanken teilen können? Oder ob Sie meinen, das Intimität etwas anderes ist?

Ulrich Seidl: Die Intimität?

artechock: Darum uns etwas zu zeigen, was wir sonst nicht sehen können, weil es näher an uns ran geht.

Ulrich Seidl: Ja, das ist immer bei jedem Film die Absicht: Den Zuschauer – und das sind wir ja auch alle – bei diesem Privaten und Intimen zu stören oder ihm ein anderes Bild zu geben. In diesem Fall ja auch die Frage nach dem Bild der Schönheit des Körpers, das ein medial Verord­netes ist. Menschen, die dem nicht entspre­chen, haben sehr oft ein Problem damit. Wie im ersten Film gezeigt wird: Eine Frau, die nicht mehr attraktiv ist, die über­ge­wichtig ist, findet nicht mehr den Mann, den sie finden will, geht dann nach Afrika. Da ist das Thema, also ihr Problem kein Problem mehr. Da ist sie mit dem Über­ge­wicht eine schöne attrak­tive Frau. Da ist sie kulturell anders.
Da kommt's dann zu einer anderen Proble­matik, nämlich, dass sie weiß ist und Geld hat. Aber diese Hinter­fra­gung unserer gesell­schaft­li­chen Realität dadurch, dass wir dann plötzlich eine ganz andere Körper­lich­keit sehen, von der ich glaube, dass sie die eigent­liche ist – da sind dann Menschen ganz über­rascht, und denken: Ja, das ist jetzt aber nicht das Wirkliche. Weil sie so fest­ge­fahren sind im fremden Bild.

artechock: Wären die Filme auch erzählbar, wenn Männer die Haupt­fi­guren wären?

Ulrich Seidl: Ja. Die Filme wären anders erzählt. Aber natürlich haben Männer genauso Sehnsucht nach Liebe, Sehnsucht nach Zärt­lich­keit – all das haben die Männer auch, in einer anderen Art und Weise.

artechock: Sie würden aber anders wahr­ge­nommen werden. Oder täusche ich mich da? Mir scheint besonders der Liebe-Film würde anders wahr­ge­nommen werden.

Ulrich Seidl: Der erste?

artechock: Ja.

Ulrich Seidl: Naja. Männ­li­cher Sextou­rismus um bei dem Schlag­wort zu bleiben, schaut anders aus, wird anders abge­han­delt.

artechock: Von der gleichen Sehnsucht könnten Sie bei Männern auch erzählen...

Ulrich Seidl: Also Männer wollen viel­leicht nicht so sehr von Gefühlen sprechen, lassen das weniger zu. Was nicht heißt, dass sie es nicht in sich tragen. Das Sexge­schäft läuft bei Männern anders.
Also: Bei den Frauen ist es so, dass Sexua­lität noch einen Mantel braucht. Noch was dazu. Eben diese Anbahnung, und diese Zärt­lich­keit – das man so genommen wird, wie man ist.
Beim Mann ist oft der Sexu­al­trieb, die reine Sexua­lität im Vorder­grund.

Fort­set­zung folgt...

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