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22.08.2001
 
 
 
 

"Das sind Sittenbilder unserer Zeit"
Ulrich Seidl über seinen Film HUNDSTAGE

 
 
 
 

"Ulrich Seidl beschäftigt, vielleicht entgegen landläufiger Meinung, weder das Elend der Menschen, noch ihre dumme Gewalt. Ihn beschäftigt die Suche nach dem Glück, die Aufgabe des Lebens, an der man gemeinsam und allein scheitert, der Zusammenhang zwischen dem, was uns kaputt macht und dem, was wir kaputt machen. Ein solcher Film stellt ein paar wichtige Fragen an die Marxisten (so es noch welche gibt) und an die Christen. Das Leben sagt Ulrich Seidl ist eine Prüfung, die kein Mensch besteht.
HUNDSTAGE ist vielleicht kein angenehmer aber ein großer Film. Einer von denen, die mit der Zukunft des Kinos zu tun haben." - dies schrieb Georg Seeßlen in epd-film über Ulrich Seidls neuestes Werk. Noch ist HUNDSTAGE im Kino, für artechock hat Rainer Gansera den Regisseur interviewt - obwohl er den Film nicht mag.

In Venedig erhielt HUNDSTAGE 2001 den Großen Preis der Jury und wurde zugleich sehr kontrovers diskutiert. Hat Sie das überrascht?

Seidl: Alle meine bisherigen Filme wurden äußerst kontrovers aufgenommen. Kontroversen gefallen mir, weil sie etwas in Gang setzen. Überrascht hat mich, dass österreichische Zeitungen, von denen ich immer attackiert wurde, nach der Preisverleihung plötzlich voll des Lobes waren. Welche Vorwürfe gab es denn gegen HUNDSTAGE?

Dass sich der Film darin gefalle, Szenarien der Demütigung und Selbsterniedrigung voyeuristisch auszumalen.

Das sehe ich nicht so. Sicherlich erzählt HUNDSTAGE von der Hölle, die Menschen einander bereiten können, von abgründigen Einsamkeiten und Obsessionen, aber vor allem erzähle ich vom "Schrei nach Liebe" - wie ich das gerne nenne -, von der Sehnsucht nach Liebe und Glück und von der Unfähigkeit, diese Sehnsucht einzulösen.

Was hat Sie zum Beispiel an der Figur dieser Lehrerin interessiert, die sich in eine sado-masochistische Beziehung begibt und gröbsten Quälereien ausgesetzt ist?

Dieser Episode liegt eine wahre Geschichte zugrunde. Ich kannte eine Frau, eine Lehrerin, die eine ähnliche Beziehung hatte. Es geht mir hier darum, eine obsessionelle Beziehung zu zeigen, die wohl sehr gewalttätig ist, aber auch von der Frau aufrecht erhalten wird. Die Frau spielt mit. Das ist eine Form der Liebe, die man sich als Außenstehender vielleicht nicht vorstellen kann, die es aber so gibt - und das gar nicht so selten.

Ist es nicht so, dass der Film selbst zu sehr teilnimmt an diesen Akten der Demütigung?

Vielleicht haben manche Zuschauer Schwierigkeiten damit, dass ich keine Moral vorgebe, die so etwas verurteilt. Ich zeige die Dinge, wie sie sind und wie ich sie sehe, und im Spiegel dieser Dinge - wie gewalttätig und exzessiv sie auch sind - sollte der Zuschauer seine eigenen Abgründe entdecken. Auch wenn er dieses Milieu nicht kennt. Ich denke: das sind Sittenbilder unserer Zeit, unserer Gesellschaft. Was ich nicht tue: eine solche Beziehung von außen aburteilen. Die Formen der Liebe sind unergründlich.

Warum kommen in Ihren Geschichten keine Kinder vor?

Eine gute Frage. Ich habe keine Antwort. Ich habe mich das selbst oft gefragt.

Sie haben einmal gesagt: "Wenn ich mich jemandem nahe fühle in Österreich, dann ist das Thomas Bernhard." Worin fühlen Sie sich ihm nahe?

In seiner Beschreibung des Österreichischen, seiner Authentizität, vor allem in seinem Humor. Thomas Bernhard hat sehr viel Humor, obwohl er beängstigende Dinge beschreibt, und das sehe ich bei meinen Filmen auch ein wenig so.

Ist das Beängstigende das Österreichische?

Nein, das gibt es überall auf der Welt. Aber wenn man in Österreich aufgewachsen ist und Filme macht, ist es halt das Österreichische, das man besonders gut beschreiben kann, weil man ein Teil davon ist.

Haben Sie filmische Vorbilder?

Was meinen visuellen Stil angeht, habe ich keine direkten Vorbilder. Als ich anfing, Filme zu machen, hat mich Jean Eustache sehr beeinflusst - weniger stilistisch als in seiner Haltung zur Welt.
Auch Werner Herzogs frühe Filme waren mir sehr wichtig. Auch Bunuel.

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