artechock: Wie würden Sie die Beziehung zwischen
Wallace und Gromit beschreiben?
Nick Park: Es war oft sehr hilfreich war, sie sich
als ein altes Ehepaar vorzustellen, die viele Jahre zusammen
sind und sich gegenseitig in- und auswendig kennen, und schon
lange still aneinander leiden - besonders Gromit, der alles
von Wallace hinnimmt. Gromit verbringt seine Zeit damit, vorsichtig
zu sein und sensibel, und damit, auf Wallace aufzupassen.
Aber Wallace kann sehr hart, sehr unsensibel sein. Er macht
das nicht absichtlich. Aber er behandelt Gromit wie einen
Hund. Obwohl Gromit emotional der menschlichere ist.
In diesem Film wollte ich diese Loyalität wirklich auf
die Probe stellen. Sehen, wie weit wir gehen konnten mit Gromits
Toleranz.
Haben Sie je daran gedacht, Gromit eine Stimme zu geben?
Ja, habe ich. Ich habe als Student angefangen, Wallace &
Gromit zu machen. Und Gromit wollte ich in der Tat mit einem
Mund haben; einige frühe Zeichnungen zeigen ihn mit einem
Mund. Ich bin sogar so weit gegangen, eine Stimme für
ihn aufzunehmen. Eine knurrende, menschliche Stimme, ein bisschen
wie Scooby-Doo. Dann ging es an die erste Aufnahme für
A GRAND DAY OUT - Wallace baute die Rakete und benutzte dabei
Gromit als Bock für die Tür, die er grade durchsägte
- und ich machte Gromits allerersten Blick in die Kamera,
seine Augen voll Verachtung darüber, so benutzt zu werden.
Und ich entdeckte, dass er keinen Mund brauchte, dass er alles
mit dem Ausdruck seiner Augen, nur mit der Bewegung seiner
Augenbraue sagte. In dem Moment war Gromit geboren. Denn plötzlich
wurde er ein introvertierter Hund, ein intelligenter Hund.
In dem Moment geschah alles. Und es sparte eine Menge Arbeit...
(lacht)
Gibt es für Wallace ein menschliches Vorbild?
Er ist nicht bewusst nach jemandem gestaltet. Aber er erinnert
mich manchmal sehr an meinen Vater. Mein Vater verbrachte
eine Menge Zeit im Gartenhäuschen und bastelte Dinge,
vor allem aus Holz - er war ein echter Heimwerker. Und manchmal,
wenn ich Wallace animiert habe, sah ich plötzlich einen
Gesichtsausdruck von meinem Vater. Er hat fast eine Familienähnlichkeit.
Ich glaube, das geschieht von selbst. Modellmacher machen
oft unbewusst Figuren, die wie sie selbst aussehen. Es ist
unglaublich, wie sehr das wahr ist.
Ich meine, mein Dad sah nicht AUS wie Wallace: Seine Augen
haben sich nicht berührt, und sein Mund war nicht so
breit. (Lacht) Es ist mehr seine Einstellung - fröhlich
und einfach; er hat Ideen und setzt sie einfach um.
Erstmals müssen Wallace und Gromit in einem richtigen
sozialen Umfeld mit anderen Menschen interagieren. Wie sind
sie all diese neuen Charaktere angegangen?
Als Steve [Box - die Red.] und ich den Film schrieben, haben
wir oft mit Ton gespielt, haben gezeichnet, haben wir oft
Probemodelle der Figuren modelliert. Denn das hat Einfluss
auf das Schreiben der Figuren. Für viele der Charaktere
haben wir die alten Universal-Horrorfilme zum Vorbild genommen.
Es gibt sehr typische Charaktere aus Horrorfilmen, auf die
wir anspielen - der skeptische Polizist, der verrückte
Priester, der die Welt vom Bösen befreien will und alles
übernatürliche Wissen hat.
Wenn wir die Stimmen aufnehmen, hat das auch Einfluss auf
das Figurendesign. Wir haben einen Test mit Helena [Bonham-Carter]
gemacht - weil wir zuerst die Stimme brauchen, um es lippensynchron
hinzubekommen. Und dann versuchte der Animator, Lady Tottingtons
Kopf zu animieren, mit ihrer Stimme, und als es funktionierte,
bekam sie die Rolle. Wir haben auch den Mund ein bisschen
angepasst, um sie wie Helena sprechen zu lassen. Das selbe
mit Ralph [Fiennes], und allen anderen Charakteren.
Wie lange dauert es, so eine Puppe zu modellieren?
Die Grundpuppe könnte ich an einem Tag aus Ton machen.
Aber sie haben Metall-Armaturen drinnen für die Animation.
Im College verwendete ich innen einfach Aluminiumdraht. Aber
jetzt haben wir diese Metallgelenke, die unter Spannung stehen,
für die Animatoren. Und Wallace hat Latex-Beine, um sich
das remodellieren nach jeder Bewegung zu sparen.
Was mögen Sie so an Knetmasse?
Sie ist perfekt für mich, weil es die Art von Humor,
Geschichtenerzählen und Stil rüberbringt, die ich
wollte. Plastilin ist perfekt für menschlichen Ausdruck.
Ich habe mit 12 Jahren damit angefangen, weil es greifbar
war und ein naheliegendes Material fürs Animieren. Vielleicht
stand mir deswegen nie die Technik im Wege, ich hatte nie
Angst wegen irgendwelcher technischen Details. Es ist einfach
purer Charakter, an dem ich interessiert bin. Ich mag Animation,
wo ich mich ganz darauf konzentrieren kann, den Charakter
zu animieren, statt mich um Dinge zu kümmern, die nicht
wichtig sind. Deswegen hat Lady Tottington steifes Haar -
weil es mich nicht interessiert, ob das alles fließt.
In diesem Film haben Sie aber auch Computergrafik zur Hilfe
genommen.
Wir haben sie immer da eingesetzt, wo es unpraktikabel war,
Plastilin oder Ton zu nehmen. Es gibt eine Szene im Film,
wo Wallace den Staubsauger benutzt, den Bunvac 6000, und all
die Kaninchen aufsaugt und sie alle in dessen Glasbehälter
herumfliegen. Und das wäre mit Ton wirklich, wirklich
schwierig zu machen gewesen, weil man all die Kaninchen in
der Luft hätte halten müssen und dann sowieso die
Halterungen digital herausretuschieren hätte müssen.
Und es wäre unmöglich gewesen für den Animator,
mit seiner Hand durch das Glas in den Bunvac-Behälter
zu langen... Also haben wir gedacht: Warum nicht?
Aber wir wollten das Aussehen von Ton beibehalten, also haben
wir ein kleines Häschen aus Ton gemacht und ließen
ihn in den Computer einscannen, mit Fingerabdrücken und
allem drum und dran. Und dann haben sie das Häschen vielfach
geklont, und seine Farbe geändert, so dass sie viele
Kaninchen hatten und sie alle animieren konnten. Und wir hatten
kein Problem damit, dass es ein bisschen einen gewichtslosen,
computerartigen Look hatte, weil es zu dieser speziellen Szene
passte.
Ich muss zugeben, dass es VIELE Einstellungen in dem Film
gibt, die irgendeinen Digitaleffekt dabei haben wie z.B. Nebel,
oder Dampf, der aus einem Kessel kommt.
Und das Fell des Werhasen?
Das hätten wir mit CGI machen können, weil man
heutzutage tolle Felleffekte machen kann. Es ist allerdings
sehr teuer. Wahrscheinlich hätten wir das Budget dafür
zusammengekriegt. Aber um im Stil des Films zu bleiben und
seinen Humor beizubehalten, machten wir es auf eine mehr authentisch
altmodische Art. Wir bastelten einen großen Hasen als
richtige Puppe - weil es Anspielungen sind auf KING KONG und
all die Ray Harryhausen-Filme, und um es im selben Geist zu
belassen wie WALLACE & GROMIT.
Waren Sie schon immer Fan der alten Monsterfilme?
In gewisser Weise. Ich bin wohl ein bisschen ein Filmverrückter,
und Steve Box, der Co-Regisseur, auch, und wir redeten oft
über die Filme, die wir lieben. Als wir die Idee für
den Wallace & Gromit-Langfilm suchten, haben wir erst
nur mit der Idee von Häschen gespielt; Häschen,
die Gemüse stehlen, und große Gemüse... das
war die Basis der Idee. Und dann kam die große Idee.
Ich dachte irgendwie: Wir haben in den bisherigen Wallace
& Gromit-Filmen film noir gemacht, wir haben Hitchcock
gemacht, BRIEF ENCOUNTER... Wo waren wir noch nicht? Und dann
kam plötzlich der Gedanke: Werwolf-Filme, und all diese
Monsterfilme der Universal-Studios. Was wäre, wenn es
ein Werkaninchen wäre statt eines Werwolfs? Und dann
kam alles in Rollen... Das wurde unser Haupt-Referenzpunkt.
An diesem Film haben 250 Leute gearbeitet. Wie behält
man bei einem Projekt dieser Größe eine persönliche
Vision bei?
Das ist schwierig. Man muss sehr wachsam sein, weil Dinge
in eine gewisse Richtung driften können... Jeder besucht
sehr strenge Wallace & Gromit-Modellier- und -Animierkurse.
Man muss auch gewisse Schauspielkurse geben: Ein Hund folgt
seiner Nase, aber Gromit folgt seinen Augen. Wenn Leute zum
ersten Mal Gromit animieren, halten sie üblicherweise
seine Nase zu hoch. [Demonstriet es] Für mich macht er
das nie. Es ist immer SO [demonstriert]. Das macht ihn menschlicher.
Und seine Ohren federn auf eine ganz bestimmte Weise. Das
sind alles wirklich obsessive Dinge. (Lacht)
Ich wollte nicht, dass es zu glatt wird. Wenn jede Menge Leute
an etwas arbeiten, wollen sie alle es ganz besonders gut machen...
Selbst in CHICKEN RUN dachten wir erst: Es ist für die
große Leinwand, also müssen wir die Animation glatter
machen... Mit diesem Film haben wir wieder unsere Stärken
erkannt, und da wir die anderen Filme schon gemacht hatten
wussten wir, dass wir auf heimischem Boden waren. Steve und
ich wollten es wirklich im Geist der anderen Filme haben:
Handgemacht...
Wenn Du versuchst, zu glatt damit zu sein, dann kannst Du
genauso gut Computer benutzen. Und da gibt es so viele Leute,
die das gut machen. Wir scheinen hier eine Nische gefunden
zu haben.
Ich weiß nicht, ob es zu einem Trend wird. Es taugt
uns. Für MICH ist es das perfekte Medium: Es erlaubt
mir, Formen und Charaktere zu kreieren, die ich mag. Es ist
sehr direkt. Man kann all diese subtilen Nuancen erreichen
mit Gromits Gesicht und mit menschlichen Gesichtsausdrücken.
Der Animator ist in direktem Kontakt mit dem Plastilin, dem
Metallgerüst - das hat eine Direktheit.
Ist solche Handarbeit heute teurer als Computeranimation?
Es gibt diesen verbreiteten Mythos, dass Computer irgendwie
schneller und einfacher sind. Aber ich kenne eine Menge Leute,
die an SHREK und so gearbeitet haben... In Wirklichkeit braucht
es ungefähr die selbe Zeit.
Was ich an Claymation liebe ist: Man arbeitet die ganze Zeit
vor der Kamera. Der Prozess kommt einem nicht in die Quere.
Es ist eine Performance - es mag Einzelbild für Einzelbild
sein, aber es ist eine Performance. Du musst nich ewig daran
arbeiten, verschiedene Ebenen und verschiedene Aspekte richtig
hinzubekommen.
Welches war für die Animatoren die schwierigste Szene?
Wenn eine Menge Charaktere im Bild sind - das ist immer eine
Herausforderung. Besonders die Versammlung in der Kirche.
Es dauerte die ganzen Dreharbeiten durch, diese Szene zu drehen.
[Es wurde an bis zu 30 "Sets" gleichzeitig gedreht
- die Red.] Die Continuity, mit 50 Charakteren auf dem Set...
Dass der Animator sich daran erinnern kann, wer sich in welche
Richtung bewegt, welcher Arm hoch ging, welcher runter...
Das ist ein ziemlicher Albtraum.
Fast gleichzeitig mit CURSE OF THE WERE-RABBIT kommt auch
Tim Burtons neuer Animationsfilm, CORPSE BRIDE in die Kinos.
Sehen sie den als Konkurrenz?
Wir sind sehr verschieden. Ich habe mit Tim Burton und Helena
[Bon ham-Carter, die mit Burton liiert ist und ihre Stimme
auch der Titelfigur von CORPSE BRIDE leiht] vor zwei Wochen
in Toronto zu Abend gegessen. Wir bewundern uns gegenseitig.
Ich habe Tim Burton-Filme immer geliebt. Aber wir sehen uns
selbst als solch verschiedene künstlerische Persönlichkeiten
["sensibilities"].
Es ist aber ein lustiger Zufall, dass diese beiden Stopframe-Animationsfilme,
in denen beiden Helena dabei ist und die beide Halloween-artige
Themen haben, gleichzeitig herauskommen.
Dass in dem Film "Stinking Bishop"-Käse
prominent vorkommt, hat in England ein bisschen Staub aufgewirbelt...?
Als Wallace in A CLOSE SHAVE Wenslydale-Käse erwähnt
hat, hat es die Firma gerettet. Sie war kurz davor, dicht
zu machen. Und es gab ihnen einen richtigen Schub. Wir scheinen
diesen Ruf zu haben, Käsehersteller zu retten. (Lacht)
Wir brauchten einfach einen stinkigen Käse, und wir riefen
den Produzenten von "Stinking Bishop" an und baten
ihn, uns jede Menge Käse zu schicken. Der riecht sehr
stark... (Lacht) Aber dann hat die Presse in England davon
Wind bekommen, drehte es hin, als wollten wir den Hersteller
retten, und er sagte: "Nein, ich möchte nicht gerettet
werden." Dieser Typ ist sehr zufrieden damit, nur 50
Käse im Jahr zu produzieren. Also hoffe ich, dass wir
nicht sein Leben ruiniert haben...
Sie haben insgesamt fünf Jahre an diesem Film gearbeitet.
Hatten Sie da irgendwann mal von Wallace & Gromit die
Nase voll?
Ich dachte, das würde kommen. Aber selbst jetzt kann
ich gar nicht anders als an neue Ideen denken. Jeder Film
scheint der Anfang der nächsten Idee zu sein.
Können wir uns also auf einen weiteren Wallace &
Gromit-Langfilm freuen?
Ich weiß nicht. Ich glaube, ich muss eine Pause machen.
Und mich fragen: Mache ich etwas anderes? Ich möchte
Wallace & Gromit nicht nur wegen kommerzieller Nachfrage
machen.
Und wie wäre es mal mit einem ernsten Film?
Man braucht bei so einem Projekt etwas, um einen bei der
Stange zu halten. Und der Humor ist das einzige, was mich
bei der Stange hält.
Mit Nick Park sprach Thomas
Willmann.
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