artechock: MONA LISA SMILE ist ein Film, in dem
fast nur Frauen mitspielen. War das eine besondere Herausforderung
Newell: Allerdings! Es gibt männliche und weibliche
Witze. Und es ist für einen Mann schwer manche subtilen
Scherze dieser hochbegabten Darstellerinnen zu verstehen,
jedenfalls wenn es Scherze über ein Diaphragma sind.
Wenn schon Filme über Frauen - ist es für einen
Mann dann leichter, ernste, nüchterne Filme zu drehen?
Dies ist ein ernsthafter Film! Vier hochbegabte, aber unreife
und arrogante Studentinnen mit einer Lehrerin, die ein viel
zu starkes Ego hat. Ich fühle mich selbst humorvollen
Stoffen weitaus näher. Das hat auch damit zu tun, dass
Menschen im richtigen Leben nie ganz genau wissen, was Ihnen
gerade passiert. Man sieht sich nie genau so, wie die Anderen
einen sehen. Also: Ich versuche diesen Stoff nicht als einen
"bedeutenden" Stoff anzusehen, sondern als einen
wahrhaftigen - wahrhaftig gegenüber der Epoche wie gegenüber
den Charakteren, dem Dilemma, in dem sie stecken. Denn das
was britische Regisseure und Autoren für Hollywood so
attraktiv macht, ist, dass sie einen besonderen Zugang zu
ihren Charakteren haben, dass sie hier dicht dran sind, und
nicht zum Thesenhaften neigen.
Was hat Sie - als Briten - an einer amerikanischen Highschool
der 50er Jahre interessiert?
Nun es gibt, hier, abgesehen von der Zeit und Ort der Geschichte,
eine Menge Dinge für die man sich interessieren kann.
Für mich selbst waren auch Zeit und Ort der Geschichte
sehr interessant, denn ich erinnere mich an sie sehr gut.
Ich war etwa zehn Jahre alt. Und dies erinnert mich an meine
Mutter, für die das damals eine sehr harte Zeit war.
Denn sie war exakt das, was diese Mädchen auch sind -
ohne die Klasse. Wir waren eine ganz normale Familie aus dem
Kleinbürgertum.
Sie war eine Schönheit, aber sie saß in der Falle:
Mit drei kleinen Kindern in einem kleinen Haus in einer englischen
Provinzstadt. Sie litt sehr. Sie hatte keine Depressionen,
aber sie war sehr deprimiert, weil sie sich so gefangen und
eingeschränkt fühlte. Während der Arbeit an
dem Film habe ich daran sehr oft gedacht. Das war eine Zeit,
in der sehr viel versteckt und verschwiegen wurde, eine unoffene
Zeit. Die Leute wollten nicht, dass "geredet" wird.
Darum hat mich diese Zeit interessiert - weil ich in gewissem
Sinn selbst aus ihr stamme.
Also eigentlich erzählt hier ein Sohn die Geschichte
seiner Mutter?
Ein bisschen. Ich erinnere mich, wie ich einmal früher
als sonst nach Hause kam. Und meine Mutter war auf ihrem Lesesessel
eingeschlafen mit einer aufgeschlagenen Frauenzeit auf den
Knien. An dieses Bild erinnere ich mich sehr stark. Denn die
Frauenbewegung in England entstand aus einer wissenschaftlichen
Analyse dieser Frauenzeitschriften. Ich wollte immer wissen,
was sie da wohl gelesen hatte...
Hat Ihre Mutter dann in den 60ern irgendeine Form von
Emanzipation erlebt?
Nein, leider gar nicht. Sie wurde dadurch "gerettet",
dass sie eine sehr enthusiastische, geradezu süchtige
Theateramateurin war. Sie trat in einer Theatergruppe auf.
Aber sie floh nicht in eine irgendwie kolossale neue Weltsicht.
Das passiert ja auch nur den wenigsten.
Zur Zeit gibt es Streit zwischen einigen Mitgliedern der Gruppe
der "Wellesley Old Girls" und uns, die wir den Film
gemacht haben. Sie sagen: "Wir waren ganz anders, nicht
so, wie uns der Film zeigt. Dies und jenes haben wir nie gemacht.
Wir haben unsere Ausbildung sehr ernst genommen. Schauen Sie
sich Madeleine Albright an" - die mögen wir doch
alle.
Sie wollen es einfach nicht wahrhaben! Aber man kann die College-Zeitung
lesen, und da kann man sehen, was tatsächlich der Fall
war. Es war nicht repressiv, aber es war sehr sehr konservativ.
Viele Mädchen haben geheiratet, bevor sie mit der Schule
fertig waren. Viele verließen darum die Schule vor dem
Abschluss. Und viele andere wollten unbedingt den Namen ihres
Mannes auf der Examensurkunde haben. Die Geschichte wird eben
von Zeit zu Zeit neu geschrieben.
Was macht nun diese Geschichte zeitgemäß? Sie
spielt in den 50ern - man könnte sagen: Wir leben in
ganz anderen Zeiten...
Leben wir wirklich in ganz anderen Zeiten? Denken Sie das?
Das ist die Schlüsselfrage! Es gibt nämlich Ähnlichkeiten:
Die 50er waren eine Zeit von sehr rigider Kontrolle. Die Welt
sollte unbedingt ein ganz bestimmtes Aussehen haben. Um uns
in die Zeit einzufühlen, haben wir uns sehr viele alte
Hollywood-Filme angeguckt, Doris-Day-Filme und sowas. Was
man da sieht, ist, das die Oberfläche absolut alles war.
An dieser Oberfläche war alles wunderbar: Die Sonne schien
immer, es gab keine Armut, keinen Stress, keine Depression
- alles war fein. Es gab vielleicht ab und zu ein paar klitzekleine
zwischenmenschliche Probleme, gerade genug, damit Doris Day
laut "Oh no!" quietschen kann - aber alles war ziemlich
nett. Wenn man dann aber mal den Deckel hebt, findet man ziemlich
viel Schmutz. Da ist die McCarthy-Hexenjagd, um nur eines
zu nennen.
Also: Es gibt zwei Seiten dieser Zeit. Aber die Menschen
dieser Epoche waren unglaublich bestrebt, genau das zu leugnen,
zu sagen: nein nein, es gibt nicht zwei Seiten, sondern alles
passt zusammen, wir kümmern uns um die weniger Glücklichen,
wir leben in einer fürsorglichen Gesellschaft, allen
wird es morgen besser gehen, und die kleinen Restprobleme
bekommen wir auch noch in den Griff.
Und genau dies verbindet uns mit den 50ern:
Der Boden hat sich verändert. Heute geht alles um Wahl
und das Individuum. Die individuelle Psyche gilt heute als
das Wichtigste: Man kauft dafür Kleidung, kauft dafür
Häuser, kauft dafür Autos - das einzig Interessante
ist: kaufen, kaufen, kaufen. Und es hat alles immer damit
zu tun, wie die Dinge aussehen sollten.
Und was dann passiert, ist, dass die Menschen, vor allem
die Frauen begreifen, dass die scheinbar perfekte Weise, wie
sie ihr Leben geordnet haben - zuerst eine gute Ausbildung,
dann ein guter Job, damit viel Geld, damit einen netten Platz
zum Leben, dann suchen wir uns einen Lebensgefährten
und am Ende kommen der kleine Bobby und die kleine Barbara
und alle sind glücklich -, dass dies nicht passiert.
Und die Menschen fassen es nicht, dass das nicht passiert:
Was lief falsch? Wir leben schließlich in einer Wahl-Gesellschaft.
Dies ist ein offensichtliche Metapher: es war damals sehr
ähnlich, nur die Etiketten waren andere.
Ich denke auf eine sonderbare Art ist folgendes passiert:
Es gab diese wunderbare Zeit der Störung und Verstörung
in den 60ern und 70ern. Das System brach zusammen, es gab
sexuelle Befreiung und das alles und es schien die echte Möglichkeit
zu bestehen, dass die Gesellschaft, in der wir leben, nicht
überleben würde. Keiner hat sich unbeteiligt zurückgelehnt.
Die Welt hat viel Lärm und Dampf gemacht, war aktiv.
Und dann, seit den 80ern haben alle nur noch gerafft. Und
ohne es zu merken haben wir genau das wieder erschaffen, was
zuvor da war.
Wenn sich das alles so ähnelt - warum wollten sie
diese Geschichte nicht als zeitgenössische erzählen?
Weil es sich so sehr dann wieder doch nicht ähnelt.
Es ist ein Film, darum handelt es sich unvermeidlich um einen
romantisierenden Blick auf die Welt für ein breites Publikum,
das einen Julia-Roberts-Film erwartet. Und was es dann bekommt,
ist ein schmerzhafter Julia-Roberts-Film, über eine moderne
Frau, die eine ganze Menge Probleme hat, weil sich die Dinge
nicht so entwickeln, wie sie sich entwickeln sollten. Darin
will man Julia Roberts nicht unbedingt sehen. Vielleicht Julianne
Moore. Aber durch Julia Roberts erreicht man ein ganz anderes
Publikum. Wir spielen also mit den Erwartungen.
Das ist ein Hollywood-Film, klar. Aber einer der schwierigen
Sorte: ein Hollywood-Film mit Anspruch. Hollywood-Filme ohne
Anspruch sind traditionell weitaus erfolgreicher. Also war
klar, dass der Film für manche schwierig werden würde.
Wie war es, mit Julia Roberts zu arbeiten?
Sie ist einzigartig. Sehr ausgereift, klug, sich sehr bewusst,
was das Publikum von ihr erwartet, und wie das Publikum auf
das reagiert, was sie tut. Sie ist sehr interaktiv in der
Vorbereitung, spricht viel, will viel wissen. Und dann zieht
sie sich zurück. Und wenn sie wiederkommt, ist die Figur
da. Wie sie das macht, weiß ich selber nicht.
Und wenn man das dann als Regisseur versucht, zu verändern,
oder zu beeinflussen, bemerkt man schnell, dass das Resultat
nicht so gut wird, wie ihre ursprüngliche Entscheidung.
Man lernt also ihrem Instinkt und ihrem Entscheidungsprozess
zu vertrauen. Denn was sie auch weiß, ist was das Publikum
von ihr will.
Was man also als Regisseur tut, ist, dass man diese Entscheidungen
mit dem Rest harmonisiert - oder disharmonisiert, denn ich
wollte ja, dass die Handlung eine gewisse nervöse Atmosphäre
besitzt.
So ist das mit ihr: Sie weiß wer und wie sie ist. Und
für ihr Publikum ist der Film gemacht.
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