9.6.2016

»Der Krieg hat nur Löcher in die Häuser gemacht, das Geld hat sie zerstört.«

Samer Ghorayeb
Samer Ghorayeb (Foto: Axel Timo Purr)

Ein Gespräch mit dem liba­ne­si­schen Regisseur und Produ­zenten Samer Ghorayeb über Film als letztes Mittel gegen die Zers­tö­rung der Altstadt Beiruts und die Erwar­tungs­hal­tungen west­li­cher Film­för­der­fonds.

Das Gespräch führte Axel Timo Purr

Samer Ghorayeb hat in Beirut Medien & Kommu­ni­ka­tion studiert und jahrelang in der Werbe­branche gear­beitet, bevor er mit seinem ersten Kurzfilm Le Petit Cahier Noir 2008 inter­na­tional erfolg­reich war und die die in Beirut ansässige Produk­ti­ons­ge­sell­schaft FLIM gründete. Neben doku­men­ta­ri­schen Arbeiten u.a. für NGOs ist Ghorayeb weiterhin in der Werbung und leitet seine Frühs­tücks­pen­sion »Baffa House« im Beiruter Stadtteil Mar Mikhael. Sein letzter mit Lucien Bourjeily reali­sierter Doku­men­tar­film Al Kamache (2013) porträ­tiert einen Bewohner im Nord­li­banon und bei ihm wohnende syrische Flücht­linge, die zwischen dem Regime in Damaskus und einer desin­ter­es­sierten liba­ne­si­schen Regierung auf sich allein gestellt sind.
Seit fünf Jahren arbeitet Ghorajeb an einem Film über die Zers­tö­rung des alten Häuser­be­standes von Beirut.

Artechock: Was möchten Sie mit ihrem Film über die Zers­tö­rung der alten Beiruter Häuser erzählen?

Samer Ghorayeb: Ich komme gerade aus Paris, wo ich eben wegen dieses Film­pro­jekts war, an dem ich nun schon seit fünf Jahren arbeite. Obwohl ich noch keine endgül­tige Form gefunden habe – Video­in­stal­la­tion oder Doku­men­tar­film – hat es doku­men­ta­ri­schen Charakter. Es geht darin um die Zers­tö­rung der alten Gebäude Beiruts. Die Bulldozer sind überall, das kann jeder hier sehen und die neuen Gebäude sprießen aus dem Boden wie nichts anderes. Das geht mir besonders nah, weil, wie Sie sehen, auch ich hier in einem alten Gebäude lebe. Das Haus unserer Familie, das wir vorsichtig renoviert haben, was zuerst – gerade bei der alten Gene­ra­tion – auf Unver­s­tändnis gestoßen ist, denn norma­ler­weise verkauft man und reißt ab. Parallel zum Kampf mit meiner eigenen Familie bin ich mit der Kamera in der ganzen Stadt unterwegs gewesen, auf der Suche nach dem verschwin­denden, alten Beirut. Ich bin kurz vor dem Abriss der Gebäude in die Häuser gegangen und manchmal auch, während sie abge­rissen wurden. Einfach, um alle Prozesse des Vergehens zu zeigen. Ich habe mich mit den ehema­ligen Besitzern unter­halten, die sich von dem Geld kein neues Haus in Beirut leisten können, sondern aus der Stadt ziehen müssen oder mehr noch, mit dem Geld gleich das Land verlassen. Mit diesem Material, das im Grunde nur noch die Post­pro­duk­tion braucht, bin ich nach Paris gefahren, habe mich in einem Workshop beraten lassen, um nun die Arbeit zu fina­li­sieren. Dabei gibt hier so viel Material, nicht nur das von mir geschos­sene, sondern auch das, was noch gefilmt werden könnte, das würde für zehn Jahre reichen.

Baukräne

Die Baukräne und Bulldozer sind überall, alles verschwindet und existiert nur mehr als filmi­sches »Erin­ne­rungs­ar­chiv«. (Foto: Axel Timo Purr)

Ich habe hier auch entkernte Häuser gesehen und deren Restau­ra­tion, aber darum geht es in ihrem Film nicht, oder?

Nein, es geht nur um die Komplett­ab­risse und die prag­ma­ti­schen Neubauten. Es sind Gebäude aus der Jahr­hun­dert­wende des letzten Jahr­hun­derts, von denen ich mir eigent­lich wünsche, dass sie geschützt werden. Es ist ein sehr intimes Verhältnis, das ich zu diesen Häusern habe und so ist auch das Film­ma­te­rial, intim. Denn es gibt ja nicht nur die Inter­views mit den Vorbe­sit­zern, sondern fast noch inter­es­santer war, als ich dann alleine in den alten Häusern gefilmt habe. Es war so eine Art von Begräbnis für die Häuser und das zweite von drei Stadien, die ich beob­achtet habe. Das dritte Stadium ist dann die Zers­tö­rung – erst die Inspek­tion durch einen Sach­ver­s­tän­digen der Abriss­firma, dann die Bulldozer, die alles zerstören. Bei all dem gibt es natürlich Zwischen­sta­dien. Du gehst in die Häuser rein und findest all diese Objekte, die zurück­ge­lassen worden sind. Briefe, Fotos, Kassetten. Und du filmst diese Objekte als ob sie lebendig wären, denn sie erzählen faszi­nie­rende, aufre­gende und traurige Geschichten. Weshalb dieses Projekt auch als Instal­la­tion vorstellbar ist, mit der Inklu­die­rung all dieser Mate­ria­lien, dieser Objekte… Denn damit sind regel­rechte Lebens­li­nien dieser Häuser entstanden, die stumm ihre und die Geschichten ihrer Mitbe­wohner erzählen. Und inter­es­sant ist es dann auch nach fünf Jahren zurück­zu­kehren an diese Orte und zu sehen, dass alles ausgelöscht ist und nur noch in meiner Erin­ne­rung lebt. Und in meinen Bildern.

Wie werden Sie nun vorgehen – die Geschichte erzählt sich ja schon fast so von selbst …

Nun ja, gerade deshalb habe ich mir das Feedback der anderen einge­holten wollen, anderer Filme­ma­cher, Produ­zenten und Akade­mi­kern – um selbst auch klarer zu sehen. Die einen sagen, ich könne den Film im Rahmen einer Instal­la­tion zeigen, die anderen sagen, der Film an sich reiche und wieder andere meine, eine Instal­la­tion wäre die beste Lösung. Aber ein Budget ist natürlich zwingend. Ich könnte zwar ebenfalls die Post­pro­duk­tion erledigen, aber schlechter, als es wohl nötig wäre. Ich bin einfach schon zu stark mit dem Material verschmolzen und brauche wen, der mit frischem Auge an die Sachen herangeht. Und wen, der Zeit hat, die ich nicht habe, der Zeit hat, das Material zu sichten, denn es sind bislang zwischen 80 und 90 Stunden, die ich habe.

The Egg

Joseph Phillippe Karems kühn-moder­nis­ti­scher Entwurf eines Kinos, »The Egg«, im Centre Ville von Beirut. (Foto: Axel Timo Purr)

Haben Sie schon eine Art Teaser zusam­men­ge­schnitten?

Ja, es gibt einen Trailer, um Anträge für Gelder zu stellen. Und das Wichtige bei diesen Anträgen ist, heraus­zu­stellen, dass es nicht nur eine Reportage über den Untergang des alten Beiruts ist, sondern eine persön­liche Geschichte. Es sind Häuser, die ich mein Leben lang gekannt habe. Auf den Weg zu Schule und dann zur Uni gesehen habe. Ich kenne jeden Winkel dieser Stadt und auch wenn ich diese Häuser früher nie von innen gesehen habe, wusste ich um ihre Geschichte. Eine Geschichte, die lang zurück­reicht, einige wurde in den 1860er Jahren gebaut, andere später. Auch mein Haus hier, diese kleine Pension gehört natürlich dazu.

Gibt es irgendwen, der sich um dieses Kultur­erbe kümmert?

Nein, es sind nur private Initia­tiven. Das ist die traurige Geschichte im Libanon. Deshalb sagen auch einige, dass so ein Film Teil eines „Erin­ne­rungs­ar­chives“ sein kann, weil die Realität nicht mehr existiert. Denn diese Epoche Beiruts wird bald ganz verschwunden sein. Bis auf die wenigen Privat­in­itia­tiven, die sich dagegen wehren, die die Reno­vie­rung selbst in die Hand nehmen. Und dann gibt es diese seltsamen Ausnahmen. Das »Holiday Inn«, die markante Kriegs­ruine, die nur deshalb noch da ist, weil sich die Erben seit Jahr­zehnten nicht einigen können, was passieren soll. Dann das legendäre 1965 von Joseph Phillippe Karem entwor­fene Kino im Zentrum, das inzwi­schen liebevoll »The egg« genannt wird, das seit Jahren von dem unge­liebten Baukon­zern Solidere genau wie der Rest von Downtown einge­ebnet oder totre­no­viert werden soll. Aber hier gab und gibt es Wider­stand. Weil es für das steht, was bereits mit Hilfe der damaligen Regierung für einen Spott­preis verkauft worden ist und nun in eine Disney-Altstadt trans­for­miert wurde, in der kein echter Libanese sich überhaupt aufhalten mag. Es ist ein toter Ort, ein Ort, der keinem Libanesen gehört, sondern allein auslän­di­schen Inves­toren.

Privatinitiativen

Nur Privat­in­itia­tiven werden Häuser wie diese vor dem Abriss bewahren. (Foto: Axel Timo Purr)

Mich erinnert die Solidere-Altstadt partiell immer wieder auch an Prag, es scheint mir nicht alles schreck­lich totre­stau­riert zu sein?

Ich habe im Centre Ville von Beirut nie ein Grund­s­tück besessen, bin deshalb auch nicht von dort „vertrieben“ oder gnadenlos „ausge­kauft“ worden. Aber von allen alten Beirutern weiss ich, dass sie die damalige Hariri-Politik und das Ergebnis, diese arti­fi­zi­elle Altstadt, hassen. Das einzig gute, was man viel­leicht darüber sagen kann,ist, dass einige der alten Gebäude tatsäch­lich erhalten wurden, nicht alles ist neuge­bautes Imitat. Aber ich gehe da nie hin, es ist für die Leute aus den Golf­staaten, die west­li­chen Touristen, es ist eine tote Stadt. Ohne Seele. Und es wird irgend­wann so austauschbar aussehen wie Dubai oder die Städte in Saudi Arabien. Gerade vor ein paar Tagen ist übrigens dieses herrliche Haus gegenüber von hier verkauft worden, schönste Mischung aus Art Deco und Bauhaus­stil, in zwei Jahren wird es verschwunden sein. Denn das einzige Gesetz zum Schutz von alten Gebäuden besagt, dass nur Häuser geschützt werden können, die vor 1860 gebaut wurden. Was im Grunde bedeutet, dass alles verschwinden wird.

Aber man sollte vergessen, dass es auch den Bürger­krieg mit all seine Zers­tö­rungen gegeben hat…

Das schon, aber meiner Meinung nach wurde durch den Krieg weniger zerstört als durch die Nach­kriegs­zeit und das Geld, das ins Spiel kam. Der Krieg hat nur Löcher in die Häuser gemacht, das Geld hat sie zerstört. Niemand ist im Krieg vorbei­ge­kommen, um Dir dein Haus abzu­kaufen, weil niemand wusste, was morgen sein würde.

Centre Ville

Die Disney­isie­rung einer Altstadt, arti­fi­ziell, tot und austauschbar wie Dubai oder die Städte Saudi Arabiens. (Foto: Axel Timo Purr)

Wie sieht es mit der Förderung für Ihr Film­pro­jekt aus, wie sieht es überhaupt mit Förder­gel­dern im Libanon aus?

Ich habe natürlich an Ashkal Alwan gedacht, die zwar keine Gelder ausgeben, aber Services anbieten. Es gibt About Produc­tions, die die wenigen hier produ­zierten Filme – eine Produk­tion alle zwei Jahre – fördern. Das Problem mit europäi­schen Förder­mit­teln ist einfach, dass die Förder­or­ga­ni­sa­tionen eine klare Vorstel­lung davon haben, wie die Probleme und damit die Filme in der arabi­schen Welt aussehen. Dementspre­chend muss man da eigent­lich nur einer starren Rezeptur folgen und man hat die Gelder. Was das natürlich über die eigent­li­chen Ideen aussagt, ist eine ganz andere Sache...

Woher soll dann also das Geld für diesen Film kommen?

Na ja, es wird zumindest anteils­mäßig auf »arte« hinaus­laufen und sicher­lich auch mit Geldern aus der Golf­re­gion, dem Dubai Film Festival, den Festivals in Qatar und Doha etwa. Der größte Anteil ihrer Gelder geht zwar an Hollywood-Filme, weil hier am meisten Gewinne einge­stri­chen werden können, aber etwas bleibt auch für die kleinen Produk­tionen. Ein wenig geht immer auch über AFAC. Und natürlich die schon erwähnten About Produc­tions. Und dann sind da noch die kleinen Orga­ni­sa­tionen, die fünf oder zehn­tau­send Dollar geben können, so wie das Screen Institute Beirut – das sollte, das muss reichen.

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