02.04.2009

»Das ist ein Film in Friedenszeiten«

Szene aus »Eine demokratische Gesprächsrunde zu festgelegten Zeiten«
Eine demokratische Gesprächsrunde
zu festgelegten Zeiten

Isabelle Stever, Dani Levy und Dirk Wilutzky über das Filmen der Krise, und die Arbeit am Kompilationsfilm Deutschland 09

Isabelle Stever, Dani Levy, Dirk Wilutzky gehören zu den mehr ein Dutzend deutschen Filme­ma­chern, die sich jetzt zu Deutsch­land 09 zusam­men­ge­funden haben. Der Film ist ein bislang einma­liges Kino­pro­jekt, in dem die Betei­ligten ihren jeweils ganz persön­li­chen Blick auf das Land werfen, und in Kurz­filmen »zur Lage der Nation« bündeln wollen – heraus­ge­kommen ist eine zwei­ein­halb­stün­dige Kompi­la­tion aus Spiel­filmen, Doku­men­ta­tionen und Essays. Inspi­riert wurde Deutsch­land 09 durch das Gemein­schafts­werk Deutsch­land im Herbstt, zu dem Alexander Kluge 1977/78 zwölf deutsche Filme­ma­cher zusam­men­führte, um auf den »Deutschen Herbst« zu reagieren. Produ­ziert wurde der Film von Tom Tykwer und Dirk Wilutzky. Zuvor arbeitete Wilutzky (44) für X-Filme und Studio Babels­berg. Stever (geb 1963) wurde mit Erste Ehe und Gisela bekannt, Levy (geb. 1957) drehte zuletzt Mein Führer.

Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland

artechock: Frau Stever, Herr Levi, können Sie zu Beginn Ihren Kurz­film­be­trag zum Projekt Deutsch­land 09 kurz beschreiben?

Levi: Ich will gar nicht viel über meinen Film sagen, außer dass ich sehr glücklich bin, dass ich ihn gemacht habe. Es war ein sehr instink­tives Projekt, und ich habe es so tenden­ziös und unmit­telbar gefilmt, wie es auch entstanden ist. Ich hatte Deutsch­land 09 von Anfang an geliebt, und es so verstanden, dass wir spontan und persön­lich sein sollten, aus uns heraus etwas Indi­vi­du­elles zu Deutsch­land formu­lieren.

Stever: Um Sylvester 2007 hatte ich die Haus­ar­beit meiner Schwester gelesen. Sie ist Lehrerin, war damals noch Refe­ren­darin in München, im Problem­be­zirk Hasen­bergl. In der Arbeit hat sie eine Methode beschrieben, mit der solche Kinder lernen, mehr und anders mitein­ander zu kommu­ni­zieren. Als dann die Frage nach einem Beitrag an mich gestellt wurde, habe ich darüber einen kleinen Doku­men­tar­film gemacht. Der heißt: Eine demo­kra­ti­sche Gesprächs­runde zu Fest­ge­legten zeiten.

artechock: Dieser Titel scheint ja fast auch die Struktur zu beschreiben, nach der Deutsch­land 09 entwi­ckelt wurde…

Stever: Das war so. Man hätte eigent­lich den Film auch nochmal drehen können mit uns.

artechock: Und wer war da der Lehrer?

Wilutzky: Es gab keinen Lehrer. Es gab nur einen Lern­pro­zess. Tatsäch­lich war unsere Ausgangs­idee, dass alle Regis­seure sehr asso­ziativ und persön­lich arbeiten sollten. So ist es geblieben, und das genau ist es, das diesen Film von anderen Omni­bus­filmen unter­scheidet: Man merkt ihm die große persön­liche Inten­sität an. Wir wollten keine Aufgaben stellen, oder Themen abar­beiten. Wir wollten ganz persön­liche Ansichten zu dem, was Filme­ma­chern von heute zu Deutsch­land einfällt, zu der Gesell­schaft, in der wir leben. Ein Stim­mungs­bild, Filme zur Lage der Nation – das kann man nennen, wie man will. Es ging um ein großes Land­schafts­ge­mälde von Deutsch­land – lange vor der Banken­krise, aber in einer Zeit, die durchaus von großem Unbehagen, einer diffusen Unzu­frie­den­heit geprägt war. Für uns ist Deutsch­land 09 der Anfang einer Diskus­sion.

Levi: Wobei wir natürlich schon ein bisschen unter dem Motto segeln: »Deutsch­land im Herbst – 30 Jahre später« – der von Alexander Kluge initi­ierte Kompi­la­ti­ons­film. Damals waren natürlich die Voraus­set­zungen ganz andere. Es gab eine funda­men­tale Krise der Demo­kratie, einen Riss in Gesell­schaft und Politik, die Filme­ma­cher empfanden sich nahezu im Krieg. Es war sowieso eine wesent­lich poli­ti­sier­tere Zeit als heute, wo die Leute politik- und gesell­schafts­müde sind. Deutsch­land im Herbst war homogenes Statement. Über so etwas haben wir disku­tiert, aber wir haben es dann nicht gemacht. Unser Probleme war: Es kann um alles gehen: Mein Sohn ist Deutsch­land, dieser Tisch ist Deutsch­land, Tom Tykwers Filme sind Deutsch­land. Deswegen hat das nichts mit 1977/78 zu tun. Das ist ein Film in Frie­dens­zeiten.
Wir haben kein gemein­sames, klar umris­senes Thema, sondern eine Überfülle von Ideen und Möglich­keiten. Jeder musste seine Stimme finden. Aber darüber haben wir nie gespro­chen – obwohl mich das ungemein inter­es­sieren würde.

artechock: Welche Szene oder Episode aus Deutsch­land im Herbst hat auf Sie am stärksten nach­ge­wirkt?

Stever: Die beiden Beer­di­gungen von Schleyer einer­seits und von Baader, Ensslin, Raspe ande­rer­seits. Die Gesichter der Trau­ernden.

Levi: Ich erinnere mich eigent­lich nur an eine Episode: Die von Fass­binder. Die Paranoia, die Bedro­hungs­si­tua­tion, die Angst.

Wilutzky: Das Ende. Wie die Demons­tranten die Polizei anschreien und »Sieg Heil!« brüllen.

artechock: Stimmt denn die Diagnose, dass die Zeiten unver­gleichbar sind? Stehen wir nicht auch in anderer Form vor klaren Heraus­for­de­rungen: Es gibt Kriege, es gibt die Finanz­krise, es gibt eine Erschöp­fung der Politik…

Levi: Die Finanz­krise war ein halbes Jahr früher. Ich bin alles andere, als ein konser­va­tiver Mensch – und natürlich gibt es vieles, worüber man sich aufregen, was man kriti­sieren könnte: Das soziale Haifisch­be­cken, in dem wir leben, eine massive Poli­tik­mü­dig­keit. Ein Rückzug in Histo­rismus und ins Private. Und das wird vom Fernsehen noch unter­s­tützt, damit haben wir Filme­ma­cher tagtäg­lich zu kämpfen. Als Filme­ma­cher scheitert man schon mit dem Versuch, andere Sehge­wohn­heiten zu bedienen. Trotzdem: Wir haben eine andere Zeit als 1977. Wir haben trotzdem in der Politik gar keine echten Feind­bilder: Ob Münte­fe­ring, Merkel oder Lafon­taine – keiner eignet sich als Feindbild. Das sind weich­ge­spülte Diplo­maten, die mich nicht inter­es­sieren – und das ist das Einzige, was mich wütend macht.

Wilutzky: Wir haben uns hier ja nicht primär die Frage gestellt, was man tun und kriti­sieren kann. Der einzige direkte Berüh­rungs­punkt mit Deutsch­land im Herbst ist die ganz formale Ausgangs­frage: Was würde heraus­kommen, wenn heute 13 Filme­ma­cher einen gemein­samen Film zu Deutsch­land machen würden? Der Film zeigt auch einen Indi­vi­dua­li­sie­rungs­prozeß, der statt­ge­funden hat, und eine Müdigkeit gegenüber großen Ideen. Es gibt keine großen Lösungs­vor­schläge, denen man hinter­her­rennen möchte. Aber man kann genauer hingucken. Das Ergebnis ist eher eine Zeit­dia­gnose.

artechock: Wie fanden die verschie­denen Filme­ma­cher überhaupt zusammen?

Wilutzky: Das war ein orga­ni­scher Prozess. Tom Tykwer und ich haben erste Regis­seure gefragt, die schlugen wieder andere vor. Manche konnten nicht mitmachen, auch weil sie eigene andere Projekte hatten. Aber es gab eine große Bereit­schaft, die meisten haben sich gefreut: Da möchte ich mitmachen. Endlich geht es mal wieder um etwas. Wir haben uns seit Ende 2007 mindes­tens jeden Monat getroffen, in wech­selnden Beset­zungen. Wir als Produ­zenten haben moderiert. Aber es ging dabei immer um den gesamten Film.

Levi: Natürlich gab es Ende der Sechziger Jahre wirkliche Inhalte. Man macht sich heute darüber gerne lustig. das war eine Zeit, wo das Gemein­same wichtiger war, das Indi­vi­duum war Teil einer Gruppe. Heute befinden wir uns in einer zerbrö­selten Situation. Darum ist es toll, dass ein Film wie Deutsch­land 09 diese Brösel, diese einzelnen Filme­ma­cher wieder zu einer Gruppe zusam­men­bringt. Immerhin haben 13 Filme­ma­cher sich gele­gent­lich getroffen, disku­tiert, gele­gent­lich auch gestritten

artechock: Wieviel ist denn tatsäch­lich geredet worden?

Wilutzky: Man hat Ideen auspro­biert. Viele haben sich auch über konkrete Fragen ausge­tauscht, ihre Filme verfei­nert.

Levi: Man muss aber auch kein Geheimnis machen. Die Gruppe ist kein Kollektiv. Wir haben vermieden, das Fass aufzu­ma­chen. Es wurde schon über tech­ni­sche Dinge – Länge, Gestal­tung, einzelne Szenen – mit einer geradezu bewun­derns­wür­digen Penetranz von den Produ­zenten mit uns disku­tiert. Aber die Debatten waren formal, nie so persön­lich, nie so erbar­mungslos und hart, wie ich das aus den 70er Jahren kannte. Dabei hätte ich das geliebt! Denn in dieser Gruppe liegt auch ein Spreng­satz. Das sollten wir ein andermal machen. Aber wir haben die Hygiene in der Gruppe behalten.

Stever: Am Ende wurde es sehr emotional. Da konnte sich keiner mehr raus­halten. Es wurde auch heftig über den Titel disku­tiert. Aber ansonsten war ich ganz froh, dass die Diskus­sionen gewisse Grenzen hatten.

artechock: Das klingt nach einer für die Gegenwart sehr typischen Gruppe, eine große Koalition…

Wilutzky: Das fände ich ein falsches Bild. Denn wir wollten ja, dass die Filme sehr persön­lich sind… Und wichtig wird jetzt zu sehen, zu was für Diskus­sionen der Film führt: Was Politik und Film mitein­ander zu tun haben. Der Film handelt von Deutsch­land – auf eine sehr schwer zu defi­nie­rende Weise.

Levi: Trotzdem muss ich sagen, dass ich es auch toll fand, dass die Produ­zenten sehr früh eine Trans­pa­renz der Projekte gewähr­leistet haben. Es war nicht so, dass jeder in sein kleines Labor ging. Und ich habe Ansätze von inhalt­li­chen Debatten erlebt – da ging es sofort zur Sache. Das versteh' ich auch. Ich will mir schon aussuchen, mit wem ich über meine Filme streite. Das ist etwas Intimes. Wir hätten uns auch poten­tiell ausein­an­der­sprengen können, wir sind Indi­vi­duen. Aber wir wollten den produk­tiven Konsens. Ansonsten wären wir nicht hand­lungs­fähig gewesen.

artechock: Hat sich dadurch etwas verändert? Was wird bleiben?

Levi: Ich habe gute Bekannt­schaften geschlossen. Ich bin froh, dass ich alle so gut kennen­ge­lernt habe. Ich mochte die Runde.

Wilutzky: Ich würde mit allen Regis­seuren den nächsten Kurzfilm machen.

Stever: Ich bin durch meinen Kurzfilm in eine Welt geraten, in die ich sonst nicht geraten wäre.

artechock: Sie kennen den ganzen Film. Können Sie versuchen, das Gemein­same, die Essenz von Deutsch­land 09 ein bisschen zusam­men­zu­fassen?

Stever: Das kann man nicht, wenn man selber mitge­macht hat. Das könnte ich nur von außen.

Wilutzky: Das ist tatsäch­lich die Arbeit derje­nigen, die den Film jetzt sehen. Der Prozess fängt jetzt erst an. Das würde ich gerne den analy­sie­renden Kollegen über­lassen. Aber in dem Film gibt es etwas, das Deutsch­land sehr gut beschreibt.

Levi: Ich spüre in dem Film eine gestal­te­ri­sche Lust, ein großes Vergnügen am Ausdruck. Und gleich­zeitig eben schon auch irgend­eine Art von Lähmung. Das ist kein Film des Aufbruchs. Das ist ein Film, wo wir eigent­lich alle sitzen.
Dabei gilt: Je skiz­zen­hafter um so besser. Ich finde nicht, dass wir Gemälde machen müssen! Wir sollten mehr entwerfen, wir sind dafür da, Notiz­blätter zu zeichnen, und in die Welt zu werfen. Nicht alles tausendmal durch den Kopf gehen zu lassen, und dann überreife State­ments abzugeben. Wir haben Feinde genug. Film­pro­duk­tion ist langsam. Die Chance eines solchen Projektes ist, einfach eine Skizze abzugeben. Die Chance eines solchen Projektes ist: Ich muss mich nicht beweisen.

Stever: Da muss ich Dir sehr recht geben. Genau dafür war es gut, dass wir unter­ein­ander nicht zu heftig disku­tiert haben. Dadurch blieben die Filme skiz­zen­haft, und mussten nicht durch ein Sieb von Kompro­missen und Förder­gre­mien hindurch.