07.12.2023
Cinema Moralia – Folge 310

First we take Manhattan...

Demminer Gesänge
Zu mutig? Syberbergs Demminer Gesänge wurden auf der letzten Berlinale abgewiesen...
(Foto: Filmgalerie 451)

Entscheidung bei der Berlinale-Baustelle, droht die große Säuberung der deutschen Filmbranche? – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 310. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Um die Wahrheit zu finden, muss man disku­tieren. Kunst und Kultur haben dabei eine besondere Rolle. Wir müssen dabei Platz für Dissens haben, um gemeinsam um Vers­tän­di­gung zu ringen. Deshalb bin ich dankbar, wenn ich auf meine Fehler hinge­wiesen werde.«
– Sharon Dodua Otoo

»They sentenced me to 20 years of boredom/For trying to change the system from within/ I’m coming now, I’m coming to reward them/First we take Manhattan, then we take Berlin.«
– Leonard Cohen

»Schnee­flöck­chen, Weißröck­chen/ Wann kommst du geschneit
Du kommst aus den Wolken/ Dein Weg ist so weit
Komm setz dich ans Fenster/ Du lieb­li­cher Stern
Malst Blumen und Blätter/ Wir haben dich gern
Schnee­flöck­chen, du deckst uns/ Die Blümelein zu
Dann schlafen sie sicher in himm­li­scher Ruh«

– Weih­nachts­lied

Die Schnee­decke stimmt milde, und so schreibe ich heute mal nicht »über Israel«, worüber ich sowieso in den letzten Wochen nicht geschrieben habe. Darum muss ich in einem Punkt, nur in diesem, der Kollegin Dunja Bialas wider­spre­chen. Sie schreibt vergan­gene Woche, es gehe in der Debatte seit dem 7. Oktober um »den Nahost-Konflikt«. Nein!

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Anm.d.Red.: Im genannten Text steht: »Der Nahost-Konflikt zieht die Filmwelt gerade uner­bitt­lich in seinen Mahlstrom hinein und in den Abgrund hinab.« Nicht aber, dass sich die Debatte in der Filmwelt um den Nahost-Konflikt drehe.

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Es geht nicht um »den Nahost-Konflikt«. Es geht um Anti­se­mi­tismus in Deutsch­land. Insbe­son­dere in der Kunst- und Wissen­schafts­szene, an Film­hoch­schulen und unter Intel­lek­tu­ellen. Das ist durch »den Nahost-Konflikt« ausgelöst worden, hat aber eigent­lich nichts mit ihm zu tun.
Es geht um Deutsch­land, und es geht um Orte, Personen, Themen, die direkt die deutsche Filmszene und Film­land­schaft berühren.

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Festi­val­di­rek­toren sind wie Fußball­trainer. Und auch hier ist manche Hoffnung schon im Winter zur Kata­strophe geworden. Wie Nagels­mann, wie Klopp müssen sie auch einen Club nach außen reprä­sen­tieren, und nicht nur beim Fußball­club ist hilfreich die Lage korrekt einzu­schätzen: Bei der Berlinale muss man ganz unten anfangen. Sie ist meilen­weit von ihren eigenen Ansprüchen entfernt und diese Ansprüche können nicht sein wie beim FC Cannes die Meis­ter­schaft zu gewinnen; sie müssen sein, sich erstmal überhaupt wieder für die Champions League zu quali­fi­zieren. Ähnlich wie so mancher Fußball­club hat auch die Berlinale finan­zi­elle Probleme. Berlin ist eine Baustelle.

Die Entschei­dung ist offenbar gefallen, wer neuer Berlinale-Chef wird. Verkündet werden soll sie erst am 15.12.
Es hat viel Kritik an diesem komplett intrans­pa­renten und krite­ri­en­losen Auswahl­pro­zess gegeben, die bis heute nicht verstummt ist. Zumal man der Kultur­staats­mi­nis­terin hier keinerlei Kompetenz zutraut. Und eine Auswahl­kom­mis­sion, in der kein Mitglied je für ein Festival gear­beitet hat, weckt auch kein Vertrauen in die Entschei­dungs­fin­dung. Sechs Personen standen am Schluss noch zur Auswahl. Es gibt Kandi­daten, die genannt werden in den Berliner Gesprächen, zwei davon heiße Kandi­daten: Ein Nieder­länder und ein Schweizer.

Das ist nur die erste von vielen Entschei­dungen. Neben der der neuen Medi­en­board-Leitung geht es vor allem um die Finanzen. Welche Folgen hat die schlechte Haus­halts­lage fürs Kino?

Manche fürchten die große Säuberung der deutschen Film­branche. Man will Ruhm, Ehre oder Cash, nichts Mutiges, Expe­ri­men­telles dazwi­schen.

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Die tollen BR-Studios mitten in München sollen abge­rissen werden. Jetzt, viel zu spät, aber viel­leicht doch noch recht­zeitig regt sich Protest dagegen. Schauen wir mal, ob sich der archi­tek­to­nisch groß­ar­tige Bau retten lässt.

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Dem Fernsehen geht es schlecht, dem Radio umso besser. Vor allem dem Deutsch­land­funk, der gegen alle Trends wach­senden Zuhö­rer­zu­spruch bekommt.

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Aus aktuellem Anlass: Sind wir alle Höflinge? Immer dieses sich-klein-machen, dieses Gerede von (vor allem) Schau­spie­lern: »ich durfte das Drehbuch lesen...«; »ich durfte mit dem und dem arbeiten...«; das Gerede von ehema­ligen Studis: »ich durfte den und den Professor kennen­lernen... ich durfte dem und dem zuhören« – Nein Leute, hört Euch mal bitte selber zu! Ihr habt Rechte, ihr seid (hoffent­lich) selbst­be­wusste Menschen. Wenn ihr nicht wie Kleine behandelt werden wollt, dann macht euch nicht selber zu Zwergen.

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Wie gesagt: Ich möchte heute nichts über Anti­se­mi­tismus schreiben, aber hier ein paar Texte zum Weiter­lesen, über das, worüber ich geschrieben haben könnte.

https://www.zeit.de/zeit-magazin/2023/45/diskurs-gender-sexua­li­taet-wg-konflikt

https://www.spiegel.de/ausland/linker-anti­se­mi­tismus-cheer­leader-des-juden­hasses-kolumne-a-f826004b-8b7d-4156-af45-3a44372ccaa6

Mist Bezahl­sperren! Dann eben wieder nächste Woche. Bis dahin auf Facebook und Telepolis.