04.05.2017

Auf der Suche nach Asien

Jules und Jim
Stärkster chinesischer Beitrag: Feng Xiaogangs I Am Not Madame Bovary

Das 19. Far East Film Festival in Udine zwischen Genrekino und sonstigen Gemein­sam­keiten

Von Arne Kolter­mann

Filme aus ostasia­ti­schen Ländern verspre­chen hemmungs­lose Gewalt, Neurosen und rätsel­hafte Laute, die direkt aus dem Zwerch­fell zu kommen scheinen. Doch was verbindet diese Kulturen mitein­ander? Hier die riesigen Film­in­dus­trien in Japan, Korea und dem noch halbwegs eigen­s­tän­digen Hongkong, dort scheinbar weiße Flecken des Films wie Laos und Malaysia. Dazwi­schen so unter­schied­liche Länder wie Thailand oder die Phil­ip­pinen.

Im friau­li­schen Udine, malerisch voralpin im äußeren Nordosten der italie­ni­schen Halbinsel gelegen, fanden sich zum nunmehr neun­zehnten Mal Produ­zenten, Filme­ma­cher und Freunde des fernöst­li­chen Films ein, um sich auszu­tau­schen, in Workshops zu Haiku oder Tai Chi die Zeit zu vertreiben, aber vor allem: Filme anzu­schauen. Der Begriff Far East ist Ausdruck einer hiesigen Perspek­tive und erlaubt ebenso wenig wie das vom assy­ri­schen Assu („Sonnen­auf­gang“, „Osten“) abge­lei­tete Wort Asien Rück­schlüsse über Selbst­ver­s­tändnis und Eigen­heiten dieses riesigen Erdteils. Eine der EU vergleich­bare Asia­ti­sche Union gibt es nicht, die poli­ti­schen Bezie­hungen beschränken sich auf Frei­han­dels­ab­kommen und Zweck­bünd­nisse ange­sichts gemein­samer Feinde. Besteht Asien also nur für den west­li­chen Betrachter oder lässt sich von einer groben geogra­fi­schen Gemein­sam­keit auf eine asia­ti­sche Essenz schließen, die sich in ähnlichen Film­spra­chen ausdrückt?

Die im futu­ris­tisch anmu­tenden Teatro Nuovo in Udine präsen­tierten Werke folgten Formeln, mit denen sich in Hongkong und Hanoi genauso reüs­sieren lässt wie in Hollywood: Im Esperanto des Genre­kinos werden Horror­filme, Buddy Movies und Melo­dramen produ­ziert – mit klinisch reinen Ober­flächen, klaren Figu­ren­zeich­nungen und verschwen­de­ri­schem Einsatz von gefüh­liger Geigen­musik. Anschei­nend gleichen sich die Mittel­stands­le­bens­weisen im Schlepptau der Globa­li­sie­rung immer weiter an: Sei es die schlei­chende Entfrem­dung eines Ehepaares (der chine­si­sche Someone to Talk to), die allzu rain­man­haft erzählte Annähe­rung eines alternden Bowling­s­tars an einen insel­be­gabten Autisten (der korea­ni­sche Split) oder die Wandlung eines geld­gie­rigen Advokaten, der über die Reha­bi­li­tie­rung eines zu Unrecht verur­teilten Habe­nichts zum Fahnen­träger der gerechten Sache wird (der ebenso korea­ni­sche New Trial). Diese Läute­rungs­filme besitzen in ihrem Glauben an die umstands­lose Wandel­bar­keit des Menschen etwas Aufmun­terndes – sind aber in den schwächeren Fällen univer­sell belanglos.

Das Far East Film Fest versteht sich als ein Festival des populären Films. Kein Wunder, dass hier kaum ellip­ti­sche, medi­ta­ti­vere Filme zu sehen sind, in denen wir der Zeit beim Verrinnen zuschauen. Die starken Genre­bei­träge kamen aus den Bereichen Thriller und Horror: Allen voran Herman Yaus The Sleeping Curse über einen beses­senen Wissen­schaftler (Anthony Wong), der an seinen Menschen­ver­su­chen zur Über­win­dung des Schlaf­be­dürf­nisses wahn­sinnig wird – eine eher kompli­zierte Geschichte, die von Scha­ma­nismus über Schwanz­ab­schneiden bis kanni­balem Körper­schmaus alles bot, was Body­hor­ror­herzen höher schlagen lässt. Ebenfalls körper­lich erzählte Liu Jie im Klas­sen­kampf­thriller Hide and Seek von der verdrängten Fami­li­en­ge­schichte eines jungen Vaters. Im korea­ni­schen Bluebeard heftet sich ein biederer Kran­ken­haus­arzt auf die Spuren eines Frau­en­mör­ders. Steckt sein Metzger und Vermieter damit zu tun, und welche Rolle spielt dessen greiser inkon­ti­nenter Vater?

An Klischees können wir uns schön orien­tieren, und die japa­ni­sche Gesell­schaft hat hier scheinbar einiges zu bieten: Obrig­keits­fi­xiert, ritua­li­siert und hemmungslos neuro­tisch. High School Bullying, Schul­kinder machen sich gegen­seitig das Leben zur Hölle, geschickt mit polit­sa­ti­ri­schen Elementen verwoben in der Manga­ver­fil­mung Teiichi – Battle of Supreme High. Mit den im japa­ni­schen Kino stets präsenten Hang zum Expres­siven erzählte Uchida Eijis Love and other Cults das Coming-of-Age des jungen Mädchens Ai. Von ihrer erlö­sungs­süch­tigen Mutter ausge­stoßen, sehn­süchtig nach Halt in der Gemein­schaft – sei es eine Sekte, eine Teenie-WG, die Porno­in­dus­trie. In Over the Fence widmete sich der in Udine gleich mit drei Werken vertre­tenen Yanashita Nobuhiro der Amour fou eines geschie­denen Mitt­vier­zi­gers mit der manischen Kellnerin Satoshi, die gern Balztänze von Vögeln imitiert. Deutlich prüder als der Titel versprach verfilmte Nishitani Hiroshi die Serie Hirugao – Love Affairs in the Afternoon als gefühlige Tragödie über die unglück­liche Liebe einer geschie­denen Frau zu einem Flie­gen­for­scher. Sehr atmo­s­phä­risch und humorvoll präsen­tierte sich das Endzeit-Road-Movie Survival Family, der Eröff­nungs­film von Yaguchi Shinobu. Auch den Publi­kums­preis gewann mit Close-Knit ein japa­ni­scher Beitrag: Behutsam erzählt Ogigami Naoko über ein verlas­senes kleines Mädchen, das zu seinem Onkel kommt und damit umzugehen lernt, dass er mit einer Trans­se­xu­ellen zusam­men­lebt.

Den stärksten chine­si­schen Beitrag lieferte Feng Xiaogangs I Am Not Madame Bovary: Eine durch reichlich Ausspa­rungen und Perspek­tiv­wechsel raffi­niert gefilmte moderne Parabel über eine Frau, die gegen die scheinbar über­mäch­tige chine­si­sche Büro­kratie um ihren Ruf kämpft. Den Unter­schied zwischen der Macht­zen­trale Peking und dem der provin­zi­ellen Heimat der Haupt­figur Li Xuelian betonte Xiaogang, indem er letztere in einem den über­wie­genden Teil der Leinwand schwarz lassenden ovalen Bild­aus­schnitt als völlig andere, scheinbar autarke Lebens­welt insze­nierte.

Gegen­stand einer Sonder­pro­gram­mie­rung war ein Fixstern der asia­ti­schen Filmkunst, der seit der Übergabe durch England mehr und mehr unter chine­si­sche Kontrolle gerät: Hongkong Cinema 1997-2017 präsen­tierte mit Werken von Johnnie To bis Wong-Kar Wai nicht nur die ortsüb­li­chen Genres Action und Neo-Noir, sondern auch Fruit Chan’s Made in Hongkong – die tragische Liebe eines Klein­ga­noven zu einem todkranken Mädchen, mit wenig Budget gedreht in beengten Behau­sungen und wuseligen Straßen. Nicht über­ra­schend, aber behutsam erzählte Wong Chun in Mad World die holprige Annähe­rung eines bipolaren Mannes an seinen Vater. Von der immer stärkeren Inte­gra­tion des Hongkong-Films in den chine­si­schen Markt zeugten diverse Co-Produk­tionen wie Derek Tsangs Buddy Movie Soul Mate über zwei sehr gegen­sätz­liche junge Frauen: Wie so häufig eine Best­sel­ler­ver­fil­mung, Ausdruck eines erzäh­le­ri­schen Hanges zur sicheren Nummer.

Die Politik fand nur vor histo­ri­scher Folie statt – als Seiten­stränge kamen die Wunden der japa­ni­schen Besatzung in einigen korea­ni­schen und chine­si­schen Filmen vor. Wenig erfuhren die Zuschauer über den Zustand der Gesell­schaften, in denen die Filme spielen. Eine Ausnahme bildete Little Sister, ein Psycho­thriller der laoti­schen Regis­seurin Mattie Do über das junge Mädchen Nok, das von ihrer Familie zu einer und unter den Span­nungen in ihrem neuen Haushalt zu zerbre­chen droht. Ein beun­ru­hi­gendes Spiel mit Perspek­tiven und Erwar­tungs­hal­tungen. Sonst bekäme man aus ihrem Land nur Filme im Poverty-Porn-Stil (die voyeu­ris­ti­sche Insze­nie­rung von Armut) zu sehen, und die seien meist „un cazzo di merda“, fluchte Do in der Sprache der Gastgeber und zu deren Erstaunen. Einen Einblick in die gesell­schaft­liche Realität der Phil­ip­pinen schien man sowohl im Trans­gen­der­drama Die Beautiful zu bekommen sowie im Doku­men­tar­film Sunday Beauty Queen über das entbeh­rungs­reiche Leben phil­ip­pi­ni­scher Haus­an­ge­stellter in Hongkong – einer der seltenen Fälle, in denen über eine Co-Produk­tion hinaus eine inner­asia­ti­sche Länder­be­zie­hung reflek­tiert wurde (ab dem 04. Mai auf dem Dok.Fest München zu sehen). Dem phil­ip­pi­ni­schen Kino der siebziger und achtziger Jahre widmete sich im sehr schönen, abge­le­genen Kino Visio­nario eine kleine Retro­spek­tive, mit Lino Brocka’s Bibel­va­ria­tion Cain and Abel als krönendem Abschluss.

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