26.01.2017

Schund vs. Magie

EVA NERA ­ NACKTE EVA, Jack Palance und Laura Gemser
Joe D’Amatos Nackte Eva mit Jack Palance und Laura Gemser

Über „bedin­gungs­lose Liebe“ ging es vornehm­lich beim 16. Hofbauer-Kongress, dessen Veran­stalter auch dieses Mal ihren Schwer­punkt auf das Trivial-Kino der Nach­kriegs­jahre gelegt haben. Vor allem auf das Genre des Sitten­films, der zwischen den damals noch keines­wegs lockeren Zensur­be­stim­mungen und den Voyeurs­gelüsten der Zuschauer laviert und bizarr-apokryphe Zeit­bilder hervor­ge­bracht hat.

Von Ulrich Mannes

Auffal­lend viele „total Filmmaker“ gibt es gar nicht in der Film­ge­schichte. Einer davon ist ganz bestimmt der Italiener Aristide Massac­cesi, besser bekannt unter dem Pseudonym Joe D’Amato. Er begann seine Film­kar­riere als Kame­ra­mann, stieg dann zum Regisseur auf (ohne freilich den Job des Kame­ra­manns abzugeben), auch die Dreh­bücher schrieb er alsbald und größ­ten­teils selbst, er kümmerte sich zudem allein um die Spezi­al­ef­fekte seiner Filme, und irgend­wann blieb es nicht aus, dass er neben der Produ­zen­ten­tä­tig­keit auch noch sein eigener Verleiher wurde. Außerdem steht D’Amato auf nackte Körper, „weil die sehr kommer­ziell sind“, wie er in einem Interview mit der Zeit­schrift „Splatting Image“ bekennt. Seine berühm­testen Werke sind wohl die BLACK EMMANUELLE-Filme, die er mit dem Erotik­star Laura Gemser gedreht hat. Wenn man der IMDb glauben darf, hat er in den 26 Jahren seiner Regie­tä­tig­keit 197 Filme verant­wortet, also im Schnitt um die sieben Filme pro Jahr. Künst­le­ri­sche Ambi­tionen sollte man D’Amato vorrangig nicht unter­stellen. Aber auch das, was man unter insze­na­to­ri­scher Raffi­nesse versteht, sucht man in seinen Filmen eher vergebens, so dass er von der seriösen Kritik weit gehend miss­achtet wurde und selbst bei den Affi­cinados unter den Cineasten nicht unbedingt hoch im Kurs steht. Aber es gibt sie, die Joe D’Amato-Fans: Sie feiern den Regisseur als Meister des Mini­ma­lismus, da er seine Plots so schön über­schaubar hält und man während des Betrach­tens (selbst wenn es sich um Horror- oder Splat­ter­filme handelt) „wunderbar hind ämmern und träumen kann“.

Jeder, der sich eine Meinung zu Joe D’Amato bilden oder gar seine bisherige Meinung einer Neube­wer­tung unter­ziehen wollte, konnte das Anfang des Jahres im Filmhaus/Kommkino zu Nürnberg tun. Dort liefen gleich drei D’Amato-Filme auf dem 16. Hofbauer-Kongress, der sich mitt­ler­weile zu einer Art Hochamt der „Cine­philie“ entwi­ckelt hat. Die „Cine­philen“ sind nämlich die neuen Cineasten, und die bekommen seit geraumer Zeit in film­pu­bli­zis­ti­schen Kreisen eine vermehrte Aufmerk­sam­keit. Zum Beispiel im aktuellen „Revolver“ (Zeit­schrift für Film), der die „bedin­gungs­lose Liebe zum Kino“ lange im Verdacht hatte, „Filme­ma­cher von der Welt zu entfremden“. Aber aus Dank­bar­keit „für die in den letzten Jahren entstan­dene, häufig in der Provinz verwur­zelte neue Cine­philie, die unsere alte Skepsis produktiv heraus­for­dert“, hat sich der Heraus­geber mit einigen Vertre­tern eben dieser Cine­philie getroffen und ein ganzes Heft lang unter­halten. Im vorletzten „Film­dienst“ geht es zufällig auch um dieses Thema: In einem Betrag über Claude Bertemes, dem Direktor der Ciné­ma­thèque in Luxemburg („Cine­philie, damals und heute“), unter­scheidet der Autor Holger Twele zwischen der klas­si­schen, der verti­kalen Cine­philie, der ein ordnendes, kura­to­ri­sches und kano­ni­sches Prinzip zu Grunde läge, und der Cine­philie neuerer Art, der digitalen, die auf einer hori­zon­talen Achse funk­tio­niere, kalei­do­sko­pisch zusam­men­ge­wür­felt sei, und der die „histo­ri­schen Dimen­sionen“ abgehen würden. Aber genau solchen sche­ma­ti­schen Gegenüber­stel­lungen versucht sich der Hofbauer-Kongress zu entziehen. In jenem Revolver-Gespräch sagt Andreas Beilharz, der zusammen mit Christoph Draxtra den Kern des Hofbauer-Kommandos bildet, dass das Kura­tieren für ihn was „Spie­le­ri­sches“ habe, er lege mit dem Programm quasi bestimmte Karten aus, und manche Filme würden sich als Flops und andere als die totalen Entde­ckungen erweisen.

Dennoch sollte man der Veran­stal­tung ein gewisses Ordnungs­prinzip und vor allem einen Sinn für histo­ri­sche Dimen­sionen nicht abspre­chen: Seit der ersten Kongress-Ausgabe setzen die Veran­stalter ihre Schwer­punkte auf das Trivial-Kino der Nach­kriegs­jahre, vor allem auf das Genre des Sitten­films, der zwischen den damals noch keines­wegs lockeren Zensur­be­stim­mungen und den Voyeurs­gelüsten der Zuschauer laviert und bizarr-apokryphe Zeit­bilder hervor­bringt – und zugleich ein film­his­to­ri­sches Segment bildet, mit dem sich bislang noch niemand ernsthaft ausein­an­der­ge­setzt hat. Eine drei­tei­lige Tour d’Horizion des Sitten­films der 60er Jahre stand denn diesmal an einem Tag auf dem Programm: Syrtaki – Erotik Ohne Maske, ein grie­chi­scher Film von 1966, der den Leidensweg eines unschul­diges Mädchen vom Lande ausschlachtet; Lustvoll Eine Schlange Strei­cheln (Kan Mukai), ein japa­ni­scher „Schmud­del­im­port“ von 1968, der die traurige Karriere einer Prosti­tu­ieren in verwe­genen Cine­ma­scope-Bildern zeigt; und Zauber­stab Zur Selbst­mas­sage (1968), ein „fieses Schund­pro­dukt“ von der Ameri­ka­nerin Doris Wishman, das per Hand­ka­mera einen unwi­der­steh­li­chen Mädchen-, Frauen- und Männer­schänder auf seiner Gewalt­tour begleitet (zwei davon haben übrigens die Gast­ku­ra­toren vom „Geheim­nis­vollen Filmclub Buio Omega“ mitge­bracht).

Den Hofbauer-Kongress (der übrigens fast alle Filme in 35mm-Kopien vorführt) könnte man also als Festival des verfemten Films bezeichnen, und die Macher lenken mit den überaus süffigen Texten in ihrer Programm­bro­schüre die Zuschau­e­r­er­war­tungen genüss­lich in diese Richtung. Was man aber wiederum auf einer anderen Ebene nicht fehl­in­ter­pre­tieren sollte, denn nichts liegt den Hofbauer-Komman­danten (und seinem Publikum) ferner, als ein ironisch-hämisches Ausweiden echter oder vermeint­li­cher Trash­filme, wie es regel­mäßig und quoten­trächtig in der Pro7-ScheFaZ-Reihe veran­staltet wird. Eine brasi­lia­ni­sche 70er-Jahre Sexkla­motte mit dem Titel Verflixt nochmal… wer hat, der hat, die im Grunde nur ein 90 Minuten langer Pimmel­witz ist, wird deshalb zwar durchaus belacht, aber: „…hier war das kein abge­zockter Spott, sondern Ausdruck ungläu­bigen Staunens in einer von Stau­nens­be­reit­schaft erfüllten Luft“ (meint ein Augen­zeuge auf „critic.de“). Dass nun dieser Kongress von Runde zu Runde immer mehr Zuschauer aus allen Teilen des deutschen Sprach­raums anzieht und mitt­ler­weile fast alle Vorstel­lungen ausver­kauft sind, ist durchaus eine phäno­me­nale Entwick­lung. So darf es auch nicht verwun­dern, daß ein Joe D’Amato-Film für viele Teil­nehmer einer der Höhe­punkte war: Nackte Eva (1976). Der Inhalt: In einem über­kul­ti­vierten Hongkong-Setting trifft eine Schlan­gen­tän­zerin (Laura Gemser) auf einen reichen Schlan­gen­lieb­haber (Jack Palance), stößt auf ihr Love-Interrest (Michelle Stark), das von Palance’ eifer­süch­tigen Bruder (Gabriele Tinti) unter Einsatz einer Gift­schlange ermordet wird, was wiederum einen besonders perfiden Racheakt nach sich zieht. Und die Regie schlän­gelt sich (dieses Wortspiel muß erlaubt sein) so entspannt durch diesen mörde­ri­schen Plot, dass man zumindest im Schutz­raum dieses Kongresses D’Amatos Mini­ma­lismus als reine Magie begreifen muss. Ob und wann ein nächster Kongress statt­finden wird, darüber schweigen sich die Veran­stalter noch aus.

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