12.01.2016

Danke für das Kino

Jules und Jim
Christel und Hans Strobel (hier bei der Preisverleihung der DEFA-Stiftung, aber genauso war es, wenn wir uns sahen) (Foto: epd)

Hans Strobel war der Wegbe­reiter des modernen Kinder­kinos. Er hat dem Filmfest München die Kinder­filme gebracht, und mir das Kino. Jetzt ist er im Alter von 78 Jahren in München verstorben. Eine persön­liche Erin­ne­rung

Von Dunja Bialas

Für die deutsche Film­land­schaft war er der Wegbe­reiter des modernen Kinder­kinos: Hans Strobel. Zusammen mit seiner Frau Christel Strobel gründete er den Verein Kinder­kino München e.V., mit ihm hat er Kino­ge­schichte geschrieben. Hat die großen tsche­chi­schen Kinder­filme nach Deutsch­land gebracht in einer Zeit, als niemand etwas vom osteu­ropäi­schen Film wissen wollte. Hat sich für einen besseren Kinder­film einge­setzt, der Kinder nicht für dumm verkauft. Hat durch­ge­setzt, dass das Münchner Filmfest mit seiner Gründung eine eigene Kinder­film­sek­tion bekam (die er bis 2004 selbst leitete). Hat die Kinder­film-Fach­zeit­schrift »Kinder- und Jugend­film Korre­spon­denz« gegründet. Die jetzt vermut­lich mit der Print­aus­gabe des Heraus­ge­bers »Film­dienst« einge­stellt wird. Einen Tag vor Weih­nachten ist Hans Strobel, gerade noch 78-jährig, gestorben.

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Eine Nachricht, die mich uner­wartet heftig traf. Hans Strobel kannte ich fast mein ganzes Leben lang, aber erst die Nachricht von seinem Tod führte mir vor Augen, welche Bedeutung er für mein eigenes Leben hatte: Er war derjenige gewesen, der mich als Kind zum Kino gebracht hatte. Damit gehört er zu den wenigen, die meinen Lebensweg am frühesten, und er am Ende viel­leicht sogar am nach­hal­tigsten geprägt hat.

1979 war es, wie ich jetzt dem Nachruf der epd-Film von Katrin Hoffmann als faktische Jahres­zahl entnehme, als er zusammen mit seiner Frau Christel Strobel den Kinder­film­club im Münchner Olym­pia­dorf gründete. Ich muss eines der ersten Mitglieder gewesen sein. Das Kino lag am rück­wär­tigen Eingang meiner Grund­schule, ich fühlte mich sehr autonom und der Schule entwachsen, wenn ich am Nach­mittag den Pausenhof über­querte, um ins Kino zu gehen. Vielmehr ins Kino zu rennen. Immer Freitag nach­mit­tags rannte ich kurz vor drei Uhr quer über den Pausenhof meiner Grund­schule im Olym­pia­dorf zum Forum 2, wo der dörfliche Kultur­verein das Kino der Olym­pio­niken wieder­be­lebt hatte. Dunkel-geduckter Eingangs­be­reich, flacher Betonbau, grün gefasste Eingangs­türen aus Glas, 2 Mark Eintritt (oder war es weniger?), dunkel­grauer Filz­tep­pich, typisch Olym­pia­dorf, runde Plas­tik­tür­klinken, verstaubter Geruch, typisch meine Grund­schule, oran­ge­far­bene Sessel, typisch 70er Jahre. Welcher war mein Lieb­lings­platz?

Von jedem Kind, das Mitglied im Kinder­film­club war, hing im Eingangs­be­reich ein Polaroid-Foto im Schau­kasten. Die Fotos sah man sich nach den Vorstel­lungen neugierig an. Wer war neu hinzu­ge­kommen, wen kannte man? Die Polaroids waren mehr als der vor Ort ange­brachte Mitglieds­aus­weis, sie waren eine Iden­ti­täts­be­kun­dung. Wir waren wohl alle Besessene. Noch Jahre später, da war man schon erwachsen, gab man sich als ehema­liges Mitglied des Kinder­film­clubs zu erkennen, wenn die Rede auf das Olym­pia­dorf kam. So lernte ich noch Jahre später ehemalige Filmclub-Kinder kennen. Die Zeit im Kinder­film­club hat man nicht vergessen.

Was waren das für Nach­mit­tage! Die Filme von Lotte Reiniger, die ich dort sah, führten mich dazu, selbst Sche­ren­schnitt­fi­guren zu basteln, mit Büro­klam­mern als Gelenke, damit sie sich bewegen konnten wie in den Filmen. Besonders in Erin­ne­rung blieb mir auch Philipp, der Kleine (1976), ein modernes Märchen über einen sehr kleinen Jungen, der von allen gehänselt wird, und der mit einer Block­flöte die Dinge verzau­bern konnte. Zum Beispiel einen grünen Apfel, der dann übergroß am Baum hing.

Oder Die Kinder aus Nr. 67 (1979), der im Unter­titel heißt: »Heil Hitler, ich hätt gern 'n paar Pfer­de­äpfel«, ein frecher Film über den aufkei­menden Natio­nal­so­zia­lismus. Und den Wider­stand der Kinder. Oder Rosi und die große Stadt mit Gerhard Polt (ohne dass ich damals gewusst hätte, wer der war). Ein Film, der eine große Sehnsucht nach dem schnodd­rigen Berlin aufkommen ließ, der ich später zeitweise nachgab. Auch Truffauts Fahren­heit 451 sah ich im Forum 2, an einem heißen Sommer­nach­mittag. Ob das auch noch zur Kinder­film­club-Zeit war?

Ich wuchs relativ schnell raus aus dem Kinder­kino. Den Filmclub als Mitmach­kino, wo dann auch Frank Strobel, der Sohn der Strobels, vorführte (heute ist er Dirigent für Filmmusik), hatte ich schon nicht mehr mitbe­kommen. Und auch nicht das kinder­ge­machte Kinoheft »Neues vom lachenden Film­so­cken«. Nahtlos ging es über ins Erwach­se­nen­kino im Forum 2, zu den Filmen vom »Kino-Peter« (Peter Neugart), die immer Donnerstag abends liefen. Dort sah ich die Filme von Wim Wenders und mit dreizehn Wenn die Gondeln Trauer tragen. Danach konnte ich nicht mehr zu den Kinder­filmen zurück.

Hans Strobel aber begegnete ich auch damals noch jeden Tag. Immer morgens, wenn ich, wie immer zu spät dran, mit dem Fahrrad in die Schule, jetzt nach Moosach, rüberfuhr, und den kürzesten Weg über die benach­barte Pres­se­stadt nahm, kam er mir zu Fuß entgegen. Auf dem Weg zur Arbeit, in der Hand seine große Akten­ta­sche. Wir begeg­neten uns noch viele Jahre lang fast täglich und grüßten uns.

Viele, viele, viele Jahre später dann sahen wir uns wieder. Richtig wieder. Ein Vier­tel­leben war vergangen: ich war endgültig dem Kino verfallen, hatte es zu meinem prekären Beruf gemacht, schrieb Film­kri­tiken und hatte ein Festival gegründet. Hans und Christel Strobel traf ich bei den Veran­stal­tungen des Verbands der deutschen Film­kritik (von dem sie vor fünf Jahren den Ehren­preis für ihre Verdienste für den Kinder­film verliehen bekamen) und bei den Treffen der Filmstadt München, bei der sie mit ihrem Kinder­kino-Verein Mitglied sind. Immer ergab sich ein Gespräch, immer erkun­digte sich Hans Strobel nach meinen Eltern, immer duzte er mich, wie damals, als ich zu ihm ins Kino kam. Irgend­wann bemerkte ich zu meinem Erstaunen, dass wir Kollegen geworden waren, und ich duzte zurück. Wenige Jahre später wurde es wegen seiner Parkinson-Erkran­kung immer schwerer, ihn zu verstehen, Christel über­setzte, machte ihn vers­tänd­lich. Er war jedoch nach wie vor geistig auf der Höhe, hatte zu allem seine Gedanken und blieb inter­es­siert. Bis zu unserer letzten Begegnung im September hielten wir unsere Gesprächs­mi­nia­turen aufrecht. Wir sprachen meist über den Zustand des Kinos im allge­meinen, die Film­kritik, das Kinder­kino, den »Verband«, die Woche der Kritik in Berlin und was »wir Jungen« im Vorstand so machen.
Er fand es gut.

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Mit dem Tod von Hans Strobel ist nun die wieder­holte Begegnung mit meiner Kind­heits­er­in­ne­rung vorbei. Aber eines ist geblieben. So kann ich heute sagen: Danke für das Kino.

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