30.04.2015

Zeit steht still

 

Der einzige Zeuge
Unvereinbarkeit von Parallelwelten

Auch 30 Jahre nach dem Release von Peters Weirs Der einzige Zeuge bleibt der Film eine faszi­nie­rende Grat­wan­de­rung zwischen Genre und aktueller sozialer Bestands­auf­nahme: von den rigiden Poli­zei­maß­nahmen gegenüber Schwarzen und korrupten Verhält­nissen bis hin zum Porträt der Amish.

Von Axel Timo Purr

Als Peter Weirs Der einzige Zeuge 1985 in die Kinos kam, war kaum abzusehen, das Witness zu einem jener Filme reifen würde, der nicht nur nicht altert, sondern der selbst nach dreißig Jahren noch die inhalt­liche und ästhe­ti­sche Kraft hat, bestehende Unge­rech­tig­keiten und Sehn­süchte zu demas­kieren.

Weit mehr als der gesell­schaft­liche Diskurs beschäf­tigte die damalige Rezeption aller­dings die unge­wöhn­liche Konstel­la­tion der Produk­tion. Peter Weir hatte die Jahre zuvor zwar mit zwei unge­wöhn­lich inten­siven und glei­cher­maßen politisch wie persön­li­chen Filmen auf sich aufmerksam gemacht. Doch weder das 1. Welt­kriegs-Drama Gallipoli noch das den indo­ne­si­schen Bürger­krieg thema­ti­sie­rende The Year of Living Dange­rously – beide mit einem am Karrie­re­an­fang stehenden Mel Gibson in der Haupt­rolle – wurden trotz inten­sivem Marketing nicht zu den erhofften inter­na­tio­nalen Erfolgen. Nur in Austra­lien galten Weirs Filme schnell als Meilen­steine des New Austra­lian Cinema. Doch eine Nomi­nie­rung in Cannes und ein Oscar für die beste Neben­dar­stel­lerin reichten aus, dass Hollywood Peter Weir ein Drehbuch anbot, das bereits seit Jahren in Hollywood kursierte. Weir erkannte schnell das Potential und nahm das Angebot an, denn wie seine anderen Filme ist auch Der einzige Zeuge eine komplexe Grat­wan­de­rung. Zum einen knall­harter, sozi­al­kri­ti­scher Genre-Thriller, zum anderen eine fast klassisch ethno­gra­fi­sche Studie über eine der letzten über­le­benden Subkul­turen Amerikas, eine Kultur, der es mehr als 200 Jahre lang gelungen war, die Einflüsse der modernen Welt abzu­wehren.

Aber nicht nur diese Kombi­na­tion war unge­wöhn­lich, auch die Wahl der Haupt­dar­steller über­raschte: zum einen Kelly McGillis, die mit diesem Film ihren Durch­bruch schaffte, zum anderen Harrison Ford, der gerade im dritten Star Wars-Teil und zweiten Indiana Jones mitge­wirkt hatte und plötzlich eine Rolle verkör­perte, die sich undenkbar weit von den sche­ma­ti­schen Rollen­mus­tern der beiden Block­buster und Fords Star-Status entfernte. Denn Ford verkör­pert in Witness nicht nur einen Poli­zisten aus Phil­adel­phia, der einen Amish-Jungen vor Mördern beschützt, nachdem dieser einen Mord an einem verdeckt arbei­tenden Poli­zisten beob­achtet hat. Ford wird auch als ambi­va­lente Mario­nette des eigenen Systems porträ­tiert. Auf der Suche nach den Mördern des Poli­zisten schlägt er ebenso beden­kenlos einen schwarzen Verdäch­tigen nieder, wie es gegen­wärtig in den USA wieder­holt beob­achtet worden ist und wie es Alice Goffman in ihrer gerade erschie­nenen ethno­gra­fi­schen Arbeit »On the Run« über das Phil­adel­phia der 6th Street immer wieder schildert.

Anders als die margi­na­li­sierte schwarze »Unter­schicht« hat der von Ford verkör­perte John Book aller­dings bald eine Alter­na­tive, die noch an Bedeutung gewinnt, als er reali­siert, dass einige seiner Kollegen in den Mord verstrickt sind und er selbst zum Gejagten wird. Und langsam beginnt er außerdem zu erkennen, dass die Mutter des Jungen, Rachel, eine attrak­tive Frau ist.

Kelly McGillis wurde von den Amish heftig dafür kriti­siert, dass sie sich für ihre Rolle als junge, attrak­tive Amish-Witwe im Vorfeld der Dreh­ar­beiten »under­cover« in eine Amish-Familie begeben hatte. Viel­leicht aber ist gerade deshalb ihre Präsenz als Amish-Frau wie von einem anderen Stern. In nahezu wortloser Zerris­sen­heit pendelt sie zwischen dem ins Amish-Land verschla­genen John Book und ihren eigenen Werten hin und her und unter­s­tützt damit Weirs Absichten nach­haltig, das strenge Genre des Thrillers für geraume Zeit zu verlassen und nicht nur eine intensive Liebes­ge­schichte zu erzählen, sondern auch grund­le­gende Fragen über die Deutungs­ho­heit des eigenen Lebens zu stellen und der Möglich­keit, der eigenen Sozia­li­sie­rung zu entkommen.

Hat Weir schon im Phil­adel­phia-Segment von Witness jegliche Über­zeich­nung vermieden, kommt er auch im unweit von Phil­adel­phia entfernten länd­li­chen Lancaster County, in Stras­bourg und Inter­course ohne Pathos und Ethno­kitsch-Attitüden aus. Book ist einer­seits faszi­niert von einem Leben, dass sich der tech­ni­schen Moderne verschließt, ande­rer­seits erkennt er, dass Liebe nicht ausreicht, um seinen mora­li­schen Grund­werten zu entkommen und er den restrik­tiven Werten und Normen einer 200 Jahre alten Tradition nicht gerecht werden kann.

Ein Ansatz, der Witness auch nach 30 Jahren noch frisch, unver­braucht und brand­ak­tuell erscheinen lässt. Auf der einen Seite die kaputte Apart­heids- und Korrup­ti­ons­moral des weißen Amerika, auf der anderen das Amerika der Unschuld, der Gewalt­frei­heit und der gegen­sei­tigen Hilfe, eine verlorene Vergan­gen­heit und ein schier uner­füll­bares Verspre­chen, nicht nur in Weirs Film.

Denn begibt man sich 30 Jahre nach Weirs Film nach Phil­adel­phia und ins Dutch County, verblüfft einem zu Anfang vor allem eins: die Zeit steht still. Oder besser: einer implo­siven Blase gleich, haben sich die bestehenden Verhält­nisse eher zuge­spitzt als entspannt. Gewalt und soziale Ungleich­heit auf der einen, Frieden und beschei­dener Wohlstand auf der anderen Seite. Die Gefäng­nisse in und um Phil­adel­phia sind voller denn je, bis auf ein paar Gentri­fi­zie­rungs­zonen hat sich der Armuts­ring noch enger um die Innen­stadt gezogen; mono­li­thisch unver­än­dert dagegen erscheint die Welt der Amish. Die Farm des damaligen Besitzers Paul Krantz aus Weirs Film liegt unver­sehrt im Tal, nur eine seichte Anhöhe von der Bunker Hill Road entfernt und nur die in die Höhe geschos­senen Bäume erinnern daran, dass tatsäch­lich Zeit vergangen ist.

Es gibt Brüche, aber die sind klein. Es gibt mehr Touristen als schon im Film zu sehen sind und eine der vielen von Familien mit dem Namen Lapp bewirt­schaf­teten Farmen verkauft selbst­ge­machten Eis an die English. Mit Sahnen von Kühen, die elek­tro­nisch gemolken werden. Doch schon auf der nächsten Farm pflügen noch Ochsen­ge­spanne über die Felder, fahren die film­ver­trauten Kutschen­ge­spanne über die geteerten Straßen und stellen das Gleich­ge­wicht wieder her.

Die Bevöl­ke­rung der Amish hat sich seit Witness nahezu verdop­pelt, doch der Preis ist hoch: immer mehr gene­ti­sche Defekte im Genpool machen sich bemerkbar und lassen Zweifel daran aufkommen, dass die in Witness ange­deu­tete Unver­ein­bar­keit der Paral­lel­welten noch 30 weitere Jahre Bestand haben wird und damit auch der letzte vermeint­liche Funken Hoffnung in einer Welt der Unge­rech­tig­keit verschwindet.

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