07.05.2014

Aus der Zeit gefallen

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
Schlechter Witz aus alten Zeiten oder heute noch relevant? Plakat zu Christoph Schlingesiefs DAS DEUTSCHE KETTENSÄGENMASSAKER, 1990 (Foto: Axel Timo Purr)

Es kommt einer Aufnahme in den künst­le­ri­schen Pantheon gleich: mit der Christoph Schlin­gen­sief-Retro­spek­tive im New Yorker PS1, einer Expositur des Museum of Modern Art, dürfte Schlin­ge­siefs zwei­fel­hafter Ruf nun auch im anglo­phonen Kunst­be­trieb einer linea­reren Sicht­weise weichen. Doch die Ausstel­lung zeigt vor allem auch, dass Schlin­gen­siefs Wurzeln und sein Selbst­ver­s­tändnis im Neuen Deutschen Film begründet liegen – eine nicht nur positive Erkenntnis.

Von Axel Timo Purr

»Ich sehe mich in der Tradition des Neuen Deutschen Films. Der ist mal ange­treten mit dem Vorsatz, Filme zu machen, innovativ zu sein, aber dann wurde er wehleidig. Der Autor ruft mea culpa, und die Kritiker nicken. Trotzdem sehe ich mich in dieser Tradition, aber ich glaube, dass meine einzige Berech­ti­gung im Moment in der Drastik liegt: 75 Minuten mit der Faust auf die Leinwand.«
(Christoph Schlin­gen­sief im filmi­schen Interview mit Frieder Schlaich, 2004)

Noch kurz vor seinem Tod 2010 bestand Christoph Schlin­gen­sief darauf, dass er eigent­lich sein ganzes Leben lang Filme gemacht habe. Obwohl zu diesem Zeitpunkt sein letzter offi­zi­eller filmi­scher Beitrag bereits 20 Jahre zurück lag und Schlin­gen­siefs Kommen­tare immer auch im Kontext einer rabiaten Abwehr gegen jedwede Verein­nah­mung gelesen werden müssen, genügt schon ein schneller Rundgang durch eine Retro­spek­tive von Schlin­gen­siefs Gesamt­werk um zu ahnen, was Schlin­gen­sief damit meint. Doch von Anfang an.

Christoph Schlin­gen­sief drehte bereits mit acht Jahren seine ersten Super8-Filme und wie für seine Alters­klasse und vor allem seinen Jahrgang nicht anders zu erwarten, waren es vor allem Fami­li­en­mit­glieder und Freunde, die dort Aufnahme fanden. Mit der Gründung eines Filmclubs nahmen die Super8-Filme zunehmend filmäs­t­he­ti­sche Elemente auf, die dann zwischen 1984 und 1987 verstärkt in vier ersten Lang­filmen variiert wurden, etwa der mit einer jungen Tilda Swinton und Udo Kier besetzte Egomania – Insel ohne Hoffnung.
Schlin­gen­sief sammelte in der Folge Main­stream-Erfah­rungen als Aufnah­me­leiter der Linden­strasse und Produzent eines Fern­seh­spiels für das ZDF, um schließ­lich mit der deutlich provo­kan­teren Deutsch­land­tri­logie erstmals einem größeren Publikum bekannt zu werden. Wie sich Schlin­gen­sief hier Wende­punkten deutscher Geschichte im 20. Jahr­hun­dert annimmt, ist zumindest inhalt­lich auch heute noch ein großer, provo­kanter Spass, der durch die Einraum-Präsen­ta­tion im PS1 eine über­ra­schend wuchtige Synchro­ni­zität erlebt und an christ­liche Tripty­chen erinnert. 100 Jahre Adolf Hitler – Die letzte Stunde im Führ­er­bunker, der erste Teil der Trilogie, wurde innerhalb von 16 Stunden in einem ehema­ligen Bunker des 2. Welt­kriegs gedreht, nach Egomania erneut mit Udo Kier in der Haupt­rolle. Wie singulär und wild dieses filmische Gedan­ken­spiel um Intrigen, Drogen, Inzest, Macht­miss­brauch und Selbst­mord auch heute noch ist, ließe sich aller­dings noch deut­li­cher zeigen, wenn auf einem kleinen Screen Oliver Hirsch­bie­gels der themen­ver­wandte Untergang proji­ziert werden würde.
Dem zweiten histo­ri­schen Wende­punkt, dem sich Schlin­gen­sief in seine Trilogie annahm, war die deutsche Wieder­ver­ei­ni­gung. Sein 1990 fertig­ge­stelltes Das deutsche Ketten­sä­gen­mas­saker war natürlich auch Anspie­lung auf Tobe Hoopers legen­däres The Texas Chainsaw Massacre, beschäf­tigte sich aber im Kern mit histo­ri­schem Material, das im Rückblick über­ra­schender nicht hätte sein können. Der Film konz­en­triert sich auf die ersten Stunden der Wieder­ver­ei­ni­gung und porträ­tiert eine west­deut­sche Metz­ger­fa­milie, die eine größere Anzahl enthu­si­as­ti­scher Ostbürger tötet, um sie zu Würsten verar­beiten. Die poli­ti­sche Aussage der »Einver­lei­bung« eines poli­ti­schen Systems liegt fast ein wenig zu offen­sicht­lich auf der Hand, aber schließ­lich wartete Schlin­gen­sief noch mit einem dritten, subti­le­renTeil auf, der sich den Folgen dieses Handelns widmete, der aufkei­menden Neonazi-Bewegung in der ehema­ligen DDR. Doch ähnlich wie im Vorgän­ger­film weist Schlin­gen­sief auch in Terror 2000 – Inten­siv­sta­tion Deutsch­land über die Grenzen hinaus, in diesem Fall durch Refe­renzen auf Alan Parkers Missisipi Burning.

Wie sehr sich Christoph Schlin­gen­sief als Teil des Neuen Deutschen Films sah, wird vor allem in Schlin­gen­siefs letztem – offi­zi­ellen Film – sichtbar. Zwar sind die Die 120 Tage von Bottrop (1997) auch eine Hommage an den von ihm verehrten Rainer Werner Fass­binder, doch im Grunde will Schlin­gen­sief vor allem einen grotesken Abschied vom Neuen Deutschen Film nehmen, der zugleich Hommage und Parodie ist: ein unta­len­tierter Regisseur versam­melt die letzten Über­le­benden von Fass­bin­ders Crew ums sich, um ein Remake von Pasolinis Die 120 Tage von Sodom zu drehen.

Dass die Die 120 Tage von Bottrop auch ein Abschied von Schlin­gen­siefs eigenem Film­schaffen war, dürfte damals kaum wahr­ge­nommen worden sein, mehr noch als Schlin­gen­sief auf anderen künst­le­ri­schen Ebenen weiter­pro­du­ziert hat. Doch gerade dieses »Spätwerk« im Anschluss an die Filme zu sehen, lässt einen stutzen. Die z. T. kaum erträg­li­chen Selbst­dar­stel­lungen, spät­pu­ber­tären Verball­hor­nungen und aufge­set­zten poli­ti­schen Eskapaden scheinen nicht nur wegen ihres vermeint­lich poli­ti­schen Bezugs schon heute aus der Zeit gefallen. Die Filme brüs­kieren und amüsieren durch ihren wilden, »spät­mo­dernen« Genre-Remix hingegen immer noch, sie lassen jedoch auch ahnen, was an Potential verloren gegangen ist, indem sich Schlin­gen­sief einer filmi­schen Weiter­ent­wick­lung verwei­gert hat. Vor allem, wenn man nur ein paar Räume weiter­geht und auf Halil Alinderes großar­tigen, wilden, radikalen, poli­ti­schen Film WONDERLAND trifft, neben dem Schlin­gen­siefs filmische Werke inzwi­schen wie ein schlechter Witz aus alten Zeiten wirken.

Die Christoph Schlin­gen­sief-Retro­spek­tive ist noch bis zum 31.8.2014 im MoMA PS1 in New York zu sehen; weitere Infos auf den Webseiten des PS1.

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