07.05.2014

Global denken, global handeln

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
Shosh Shlam und Hilla Medalias Web Junkie – Teil eines Trends?

Das 29. DOK.fest zeigt Produk­tionen mit vielen Pässen, Entrüs­tung als inter­na­tio­nales Phänomen, echte Männ­er­freund­schaften und erfolg­reiche, folgen­reiche Fluchten

Von Natascha Gerold

Es ist noch nicht zu Ende. Wie verbringen Schim­pansen, die ihr Leben auf unter­schied­liche Weise im Dienste der Mensch­heit verbringen mussten, ihre letzten Jahre? Dieser Frage geht der Eröff­nungs­film See No Evil (Mi, 07.05. 20 Uhr HFF-Audimax/Fr, 09.05. 18.30 Uhr ARRI/So, 11.05. 16 Uhr City 3) von Jos de Putter nach und besucht drei solche Menschen­affen, nachdem sie von uns gefeiert (Tarzans tieri­scher Freund Cheeta), bewundert (Kanzi, der „klügste Affe der Welt“) und gequält (Knuckles, der physisch und psychisch von Tier­ver­su­chen Gezeich­nete) wurden. De Putters Werk zählt zu denen, die den Zuschauer auf sich selbst zurück­werfen, vergleichbar dem aufwüh­lenden Doku­men­tar­film Unter Menschen von Christian Rost und Claus Strigel, die arten­ge­schützte Schim­pan­sen­renter porträ­tierten, an denen, auf der Suche nach einem AIDS-Impfstoff, jahrelang sinnlose Versuchs­reihen ausgef ührt wurden.

Ein nach­denk­li­cher Auftakt also. Und das ist gut so. Nach­denken ist das Basis­ele­ment im Drei­sprung Nach­denken – Nach­fragen – Diskus­sion bezie­hungs­weise Nach­denken – Empörung – Protest. Das DOK.fest ohne Beiträge zu Letzerem ist nicht denkbar, so bildete der Arabische Frühling und seine Folgen 2012 unter anderem den Schwer­punkt des Doku­men­tar­film­fes­ti­vals. Wen und warum die Wellen der Wut aktuell weltweit erfassen, welche Gestalt sie annehmen und welche Konse­quenzen sie zeitigen – diese Themen ziehen sich heuer durch sämtliche Reihen. Der Blick richtet sich dabei aufs große Ganze, wie in Everyday Rebellion (Sa, 10.05. 18 Uhr Rio I/So, 11.05. 20 Uhr HFF-Audimax/Di, 13.05. 19 Uhr ARRI), in dem Arash und Arman T. Riahi Demons­tra­tionen und Proteste als inter­na­tio­nales Gesamt­phä­nomen betrachten und die ergrei­fenden Bilder der Schau­plätze in Beziehung zuein­ander stellen. Er richtet sich aber, und das ist nicht minder spannend, auch auf mutige Grup­pie­rungen in Winkeln der Welt, wo man sie nicht vermutet hätte, wie in Flowers of Freedom (Fr, 09.05. 17 Uhr Atelier I/Mo, 12.05. 20 Uhr Staal. Mus. f. Völker­kunde) von Mirjam Leuze, die eine Gruppe kirgi­si­scher Frauen im Wider­stand gegen einen kana­di­schen Groß­kon­zern zeigt, der Land und Leute mit skan­dalösen Abbau­me­thoden ihrer Leben und Bodensch ätze beraubt.

Und dann gibt es noch die „Keimz­ellen“ des Unmuts, die beharr­lich ihren Weg weiter­gehen, selbst wenn sie vom Gegner schwer getroffen und nach wie vor in größter Gefahr sind. So ein Mensch ist der Blogger und Anwalt Ricardo Gama, den man im Beitrag Im Schatten Der Copa Cabana (Do, 08.05. 19.30 Uhr City 2/ So, 11.05. 21.30 Uhr Rio 2) von Denize Galiao kennen­lernt. Der Film wird in der Reihe DOK.guest gezeigt, die in diesem Jahr dem Gastland Brasilien gewidmet ist. Und so einer ist auch der bekann­teste chine­si­sche Künstler Ai Weiwei, für den ein richtiges Leben im falschen noch immer keine Option ist, gleich­wohl der Preis für ihn immer höher wird. Ai Weiwei: The Fake Case (Do, 08.05. 21.30 Uhr City 2/ Fr, 09.05. 16 Uhr Pina­ko­thek der Moderne/ So, 11.05. 16 Uhr ebd.) von Andreas Johnsen fängt da an, wo Alison Klaymans Never Sorry aufgehört hat – bei Ais Entlas­sung aus 81 Tagen Einz­el­haft. Johnsen nähert sich Ai anders als Klayman, findet deutungs­reiche Bilder für einen neuen, schwie­rigen Lebens­ab­schnitt des Künstlers und Fami­li­en­va­ters ohne Pass.
2009 wurde Ais äußerst populäres, politisch brisantes Blog gesperrt – doch sein Name ist nach wie vor fest mit Internet und Social Media verbunden. Dieser Tatsache eingedenk hört man die Nachricht, dass China als erster Staat Inter­net­ab­hän­gig­keit als patho­lo­gisch definiert hat, nochmal anders. In Web Junkie (Mo, 12.05. 21.30 Uhr City 3/Mi 14.05. 18 Uhr Rio 2) von Shosh Shlam und Hilla Medalia werden Jugend­liche Dauer­gamer in „Entzugs­kli­niken“ gebracht, gegen ihren Willen frag­wür­digen Maßnahmen unter­zogen, die Eltern in den Prozess invol­viert. Auch wenn exzes­sives Gaming als soziales Problem virulent ist und in WEB JUNKIE klar zutage tritt – man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der chine­si­sche Staat unter dem Deck­män­tel­chen Sucht­the­rapie alles dafür tut, dass aus Usern von heute keine Inter­net­ak­ti­visten von morgen werden.

Sowohl The Fake Case als auch Web Junkie sind Teil eines Trends, der sich bei diesem 29. Inter­na­tio­nalen Doku­men­tar­film­fes­tival ziemlich eindeutig zeigt: Ein Großteil der Beiträge in den Reihen DOK.inter­na­tional, DOK.horizonte, DOK.panorama und sämtliche Münchner Premieren wurden in Ländern produ­ziert, die von ihren Schau­plätzen ganz weit weg sind. Das heißt nicht, dass vor der jeweils eigenen Haustür nichts mehr Erwäh­nens­wertes passiert, zum Glück gibt es dafür auch noch genügend Beispiele. Der Optimist will es so inter­pre­tieren: Dem Blick über den eigenen Teller­rand folgt zunehmend der Sprung darüber. Kollek­tive Bewusst­wer­dung als positive Seite einer Globa­li­sie­rung.

Der lange Weg nach Europa zu Fuß oder auf dem Wasser – die meisten Flücht­linge bezahlen ihn mit Unsummen, viele mit ihrer Gesund­heit, wenn nicht gar mit dem Leben. Und nach der Ankunft? Nimmt das Elend kein Ende, sondern nur andere Gestalt an. Dieser Proble­matik und ihren unter­schied­li­chen fatalen Konse­quenzen widmen sich vor allem deutsche Filme­ma­cher. Leaving Greece (Do, 08.05. 17.30 Uhr Atelier I/ Mi, 14.05. 14 Uhr Atlelier I) von Anna Brass schildert den Über­le­bens­kampf dreier junger afgha­ni­scher Männer in Grie­chen­land, für viele asia­ti­sche und nord­afri­ka­ni­sche Flücht­linge das erste europäi­sche Land auf der meist­ge­nut­zten Route über die Türkei. Ein über­for­derter EU-Staat ohne funk­tio­nie­rende Asyl­behörde und mit starken rassis­ti­schen Kräften wie der „goldenen Morgen­röte“, die vor gewalt­samen Über­griffen Auslän­dern gegenüber nicht zurück­schre­cken. Eine Fort­set­zung der Flucht wäre die logische Konse­quenz, allein ihre Ausfüh­rung wird vom grie­chi­schen Staat massiv behindert.
Und plötzlich klettern sie raus aus den Nach­richten und sind da. Im eigenen Kaff, in der eigenen Straße, in der eigenen Stadt. Da kommt es zu bewe­genden, beschä­menden aber auch skurrilen Begeg­nungen. Zwei ganz unter­schied­liche Filme legen davon Zeugnis ab: Mit Gespür für Situa­ti­ons­komik, die mitunter ganz schön tief blicken lässt, begleiten Judith Keil und Antje Kruska in Land in Sicht (Do, 08.05. 17.30 Uhr City 3/ Sa, 10.05. 20.30 Uhr Gasteig Vortrags­saal/ Di 13.05. 9.30 Uhr City 3) drei Asyl­be­werber respek­tive Flücht­linge im bran­den­bur­gi­schen Bad Belzig. Und Niklas Hofmann, Nina Wesemann und Alexandra Weso­lowski doku­men­tieren hautnah in First Class Asylum (Sa, 10.05. 20 Uhr Filmmuseum) den Hungerstreik der sogenannten „Non-Citizens“ im vergangenen Sommer auf dem Münchner Rindermarkt gegen prekäre Lebensbedingungen in örtlichen Unterkünften und für eine humanere Asylpolitik in Bayern.

Harmlos-nett bis zotig-vulgär – diese Asso­zia­tionen kommen oft auf, wenn im „Buddy-Movie“ Männ­er­freunde unter sich sind. Im Doku­men­tar­film­be­reich geht das anders: Was man anein­ander hat, zeigt sich, wenn die beschis­sensten Zeiten mitein­ander geteilt werden oder die Freund­schaft in einer exis­ten­ti­ellen Krise steckt. Der belgisch-hollän­di­sche Film Ne me quitte pas (Sa, 10.05. 15 Uhr Film­mu­seum/ Mo, 12.05. 19.30 Uhr Atelier I) von Sabine Lubbe Bakker und Niels van Koevorden begleitet Bob und Marcel, die den wüsten Nacken­schlägen des Lebens Humor und gegen­sei­tige Loyalität entge­gen­halten. Sie sind Wladimir und Estragon in Lebens­größe, die glatt durch­gehen könnten als Proto­typen für Flämisch-Walo­ni­sche Freund­schaft, die ja bekannt­lich selten ist. In The Special Need (Fr, 09.05. 21.30 Uhr Rio 2/ So, 11.05. 15 Uhr Atelier I) von Carlo Zoratti wollen der Regisseur und Alex dem gemein­samen Freund Enea bei der Suche nach einer Frau helfen, die die Sehn­süchte des Autisten nach körper­li­cher Zuneigung erfüllen kann – dafür ist kein Weg zu weit, kein Denk­mo­dell zu unge­wöhn­lich. Seine Beziehung zu Asier, der sich im Laufe der Zeit der baski­schen Unter­grund­or­ga­ni­sa­tion ETA anschloss, hinter­fragt der Schau­spieler und Regisseur Aitor Merino in dem auto­bio­gra­phi­schen Film Asier ETA biok (So, 11.05. 14 Uhr Film­mu­seum/ Di, 13.05. 20 Uhr Gasteig Vortrags­saal), den er gemeinsam mit seiner Schwester Amaia gemacht hat und der in der neuen Reihe DOK.ego gezeigt wird. Ein unge­wöhn­lich leicht erzählter, amüsanter und infor­ma­tiver Recht­fer­ti­gungs­film innerhalb eines innen­po­li­ti­schen Konflikts, der aktuell zwar beigelegt, aber noch längst nicht ausge­standen ist.

Das ausführ­liche Programm sowie Spielplan, Tickets, ein tages­ak­tu­elles DOK.blog und vieles mehr gibt es im Internet unter www.dokfest-muenchen.de.

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