17.04.2013

Angst über der Stadt

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
Belmondo, du Held!
Angst über der Stadt von Henri Verneuil ist der Klassiker für die vergnügliche Verfolgungsjagd in Paris

Moral und Verbre­chen, Detektive und Poli­zisten, die ihren Gegnern immer ähnlicher werden, und, natürlich, schöne Frauen: Die fran­zö­si­schen Krimi­nal­filme sind eine Feier des Exis­ten­ti­ellen

Von Dunja Bialas

Polar: dies ist die Bezeich­nung für den fran­zö­si­schen Krimi­nal­roman. In ihnen begeben sich melan­cho­li­sche Detektive im Dschungel der Großstadt auf Verbre­cher­jagd und riskieren drauf­gän­ge­ri­sche Poliz­ei­kom­mis­sare gerne mal eine dicke Lippe.

Polar: das ist auch die umfas­sende Bezeich­nung für die fran­zö­si­schen Polizei- und Gangs­ter­filme und die fran­zö­si­sche Ausprä­gung des Film noir, mit seiner immer melan­cho­li­schen Note und seiner traurigen Weltsicht. Die Helden des »Polar« sind geschei­terte Privat­de­tek­tive wie in Polar von Jacques Bral von 1984 oder an der Dienst­sus­pen­die­rung vorbei­schram­mende, muskel­be­wehrte Großmäuler; ihre Bühne ist die Stadt. In unglaub­li­chen Verfol­gungs­jagden hecheln sie Verbre­chern hinterher, fahren im Stau des Pariser Berufs­ver­kehrs mit ihren kläg­li­chen Karossen durch die Auto­ko­lonnen Slalom oder schwingen sich in Wildwest-Manier auf das Dach einer über die Gleise rasenden Metro, wie Superheld Jean-Paul Belmondo in Angst über der Stadt von Henri Verneuil.

Die Helden des Polar sind trotz all der Angeberei, die sie bisweilen befällt wie ein grob­mo­to­ri­scher Tick, in Wirk­lich­keit etwas mickrige, aber sympa­thi­sche Anti­helden, die sich mit anderen geschei­terten Exis­tenzen wie alko­hol­kranke Jour­na­listen oder halb­sei­dene Damen umgeben, oder die in ihrem kompro­miss­losen Drauf­gän­gertum den Verbre­chern immer ähnlicher werden, die sie bekämpfen. Oft sind es Seri­en­mörder, die sie jagen wie diese selbst ihre Opfer, Mörder, die gewis­senlos und radikal für eine moralisch saubere Welt töten. Ihre Jäger sind oft einz­el­gän­ge­ri­sche Kommis­sare, die von privaten Rache­gelüsten getrieben werden wie der Cop Carella in Neun im Faden­kreuz, oder die einfach noch eine Rechnung mit ihren Gegnern offen haben und nun alles dran setzten, sie nicht nur zu stellen, nein, sie zu richten wie in Angst über der Stadt. Belmondo alias Kommissar Le Tellier lässt kurz­er­hand von der Verfol­gung des Frau­en­mör­ders Minos ab, um Spur aufzu­nehmen zu dem Gangster Marcucci, der einen blutigen Raubüber­fall verübt hatte und entkommen konnte, wodurch letztlich Le Telliers Ruf als begna­deter Bulle auf dem Spiel steht. Diese Rache­gelüste, die ohne Umschweife ausg­tragen werden, zeigen, wie sehr die Polar-Filme auch offen sind, andere Genre-Elemente wie den Western in sich aufzu­saugen, meist gefeiert in spek­ta­ku­lären Showdowns, in denen der Verbre­cher zur Strecke gebracht wird, wie Marcucci, der in der Metro schließ­lich nieder­ge­schossen wird.

Wenn die Poli­zisten oder Detektive eine Vorge­schichte haben, dann haben sie sich oft selbst etwas zu Schulden kommen lassen. Privat­de­tektiv Eugène Tarpon hat »aus Versehen«, im Zuge einer 68er-Demo in Paris einen Poli­zisten getötet, wie es überaus beiläufig in Polar erwähnt wird. Politik ist oft ein Horizont, vor dem die Helden agieren: In Neun im Faden­kreuz von 1971 kommu­ni­zieren die höheren Beamten und »People« der mondänen Gesell­schaft von Nizza über ihre Verbun­den­heit seit dem Alge­ri­en­krieg, während die draußen geparkten Autos mit pazi­fis­ti­schen 68er-Graffiti besprüht werden. Die Gesell­schaft, wie sie bestanden hat, und die Gesell­schaft, die jetzt politisch-moralisch zerfällt, das sind die äußeren Momente, in die die Handlung einge­spannt ist, und die sie in Gang bringen. Die Frau ist hier Dreh- und Angel­punkt der Geschichte. Sie ist meist die selbst­be­wusste, sexua­li­sierte Frau, die Liebhaber hat und durch ihre gestei­gerte sexuelle Aktivität das Sex-Schema aushebelt. Sie ist die berühmte Femme fatale, die Männer ins Verderben zu stürzen vermag. Umgeben sind die starken Frauen von den »leichten« Mädchen, die in den »Polar«-Filmen seri­en­weise ermordet werden. Ihre Mörder wollen die Gesell­schaft beruhigen, sie wieder moralisch ins Lot bringen, und dabei verbreiten sie nur »Angst über der Stadt«.

So stehen dann die ebenso kompro­miss­losen Kommis­sare und die verschlafen-verschlurften Detektive für die Moder­nität der Gesell­schaft ein, für ihre Grund­er­neue­rung fern der konser­va­tiven, trägen, oft auch korrupten Muster, die dem Indi­vi­duum keine Freiheit zuge­stehen. Diese moralisch Angst­be­ses­senen gilt es aus dem Weg zu räumen, und das zeigen die »Polar«-Filme in höchst kunst­voller Weise, mit den verwe­genen Fressen von Jean-Paul Belmondo, Jean-Louis Trin­ti­gnant, Lino Ventura oder Yves Montand, und zur jazzigen Musik von Karl-Heinz Schäfer, Ennio Morricone und Philippe Sarde.

POLAR – Série noire pour une nuit blanche. Die Reihe mit Filmen aus den 70er und frühen 80er Jahren läuft noch täglich bis Mi., 24. April, im Werk­statt­kino München, immer um 22:30 Uhr.