10.05.2012

Unsere große Verzweiflung

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
Seyfi Teoman 1977-2012

Zum Tod des türkischen Regisseurs und Produzenten Seyfi Teoman

Von Nil Kural, Istanbul

Wir haben ihn noch zusammen getroffen, unsere Freundin und Kollegin Nil Kural und ich, und ihm gratuliert, an jenem schönen milden letzten Abend des diesjährigen Filmfestivals von Istanbul. Seyfi Teoman hatte den Hauptpreis gewonnen; der von ihm mit seinen Partnern produzierte Spielfilm Beyond the Hill (i.O.: Tepenin Ardý, Regie: Emin Alper) wurde nach seiner Weltpremiere im Berlinale-Forum als »bester türkischer Film« ausgezeichnet. Ein glücklicher Moment, Belohnung und Indiz dafür, dass die Anstrengung sich gelohnt hatte. Seyfi schien glücklich, er lächelte in seiner stillen Art, bei der man sich immer ein bisschen fragte, was wohl eigentlich genau in seinem Kopf vorging. Ein Beobachter, der etwas Ruhiges, Besonnenes ausstrahlte. Man trank noch ein paar Biere zusammen, und verabschiedete sich, bis zum nächsten Festival, irgendwo, irgendwann. So war es auch zwei Monate zuvor gewesen, am letzten Abend der Berlinale. Da hatte Beyond the Hill zunächst den Caligari-Preis gewonnen, und dann sogar noch eine Auszeichnung als einer der besten Nachwuchsfilme des Festivals. Auch da ging es noch mit dem Team und Freunden aus der Türkei und aus Berlin in ein Lokal nach Kreuzberg.
Der Abschied von Istanbul ist erst gerade einmal drei Wochen und drei Tage her. Am nächsten Tag, den 16., hatte Seyfi Geburtstag, seinen 35. Gegen 16.30 Uhr fuhr er mit seinem roten Motorrad auf einer Schnellstraße in Istanbuls Vorstadtbezirk Bakirköy. Ein auf der Überholspur entgegenkommender Wagen zwang ihn zu einem riskanten Ausweichmanöver, bei dem er unter ein anderes Auto geriet. Mit einer Gehirnblutung wurde er ins Çapa-Universitätskrankenhaus eingeliefert. Außer einem gebrochenen Arm hatte er keine weiteren Verletzungen; die Ärzte waren hoffnungsvoll, dass er sich wieder erholen würde. Doch aus dem künstlichen Koma, in das man ihn versetzt hatte, wachte Seyfi Teoman nicht wieder auf; es kam zu einem allgemeinen Organversagen und weiteren Hirnsch äden, bevor er am vergangenen Dienstag im Krankenhaus verstarb.

Nachfolgend der Nachruf von Nil Kural, die Filmkritikerin bei der Istanbuler Tageszeitung Milliyet ist, Seyfi Teoman persönlich kannte und seine Karriere seit ihren Anfängen begleitet hat.

Seyfi Teoman war der brillanteste Name unter der neuen Generation türkischer Regisseure. Als Produzent und Freund von Emin Alper hatte er für dessen ersten Spielfilm Beyond the Hill beim Istanbul Film Festival den »Best Film Award« bekommen. Am 16. April erlitt er bei einem Verkehrsunfall schwere Verletzungen. 21 Tage lag kämpfte er ums Überleben, 21 Tage wartete die Welt des Kinos auf seine Genesung. Aber es gelang nicht. Gestern gegen 17 Uhr verstarb Seyfi Teoman.

Teoman wurde in Kayseri im Jahr 1977 geboren. Als er 11 Jahre alt war, ging er zum ersten Mal ins Kino, in einen Kung-Fu-Film an dessen Namen er sich später nicht mehr erinnern konnte. Sehr wohl aber an den Namen des Kinos. Seine echte Neugier galt zunächst der Literatur. An der Bogazici-Universität studierte er Wirtschaftswissenschaften, doch sein Interesse wandte zunehmend der Literatur und dem Kino zu: »Das Film Festival in Istanbul weckte mein Interesse fürs Kino. Mehr als für die Universität interessierte ich mich für Literatur. Trotz aller Einwände wollte ich ein richtiger Schriftsteller werden. Zugleich war Yilmaz Güney letzter Film Mauer war ein wichtiger Einfluss für mich. Ich habe ihn einmal gesehen. Aber danach begann ich Kurse an der Universität zu nehmen, und einen Workshop.«

Danach arbeitete er für das Istanbuler Büro des deutschen ZDF als Kamera-Assistent, und als Regieassistent bei diversen Fernseh-Werbespots. Ein Jahr lang war er Mitherausgeber der renommierten Kinozeitschrift »Altyazý«. Es folgte, um sein Wissen über das Kino auszubauen, für zwei Jahre eine Ausbildung an der »Polish National Film School«, einer der weltweit besten Filmhochschulen, zu deren Absolventen, Andrzej Wajda, Roman Polanski und Krzysztof Kieslowski gehören. In dieser Zeit lernte er fließend Polnisch, und drehte im Jahr 2004 seinen ersten Kurzfilm, Apartman, vor allem unter Mithilfe von Freunden. Die Schulden für den Film zahlte er jahrelang ab.

Seit dieser Zeit plante er seinen ersten Spielfilm, und in der Tat, kam vier Jahre später, im Jahr 2008 Teomans erster abendfüllender Spielfilm Summer Book heraus – ein Debüt, das im Internationalen Forum der Berlinale gefeiert wurde. Zugleich war Teoman auch der ausführende Produzent der »Bulut Filmproduktionsfirma«, mit seinen Partnern Yamaç Okur, Enis Köstepen und Nadir Öperli eine der wichtigsten und erfolgreichsten Unternehmensgründungen des neuen Kinos in der Türkei.

Der Film wurde als Stimme einer neuen Generation von Regisseuren wahrgenommen, der um die 30-jährigen, die sich von den älteren deutlich unterschieden. »Unsere Vorbilder waren Zeki Demirkubuz, Nuri Bilge Ceylan, Tayfun Pirselimoðlu, Semih Kaplanoðlu, Yeþim Ustaoðlu und Reha Erdem. Sie gaben uns den Mut. Wir aber müssen neue Wege finden.«

Dann kam der zweite Spielfilm, Our Grand Despair. Er startete 2011 im Wettbewerb um den Goldenen Bären der Berliner Filmfestspiele. Der Film gefiel auch vielen Lesern von Literatur, denn es war die Verfilmung eines Romans mit dem gleichen Namen, den Teoman im Jahr 2004 gelesen hatte. Als Anhänger der Literatur folgten dem genauen Verständnis des Romans dessen Umsetzung in die eigene Sprache des Kinos.

Zur Zeit arbeitete Teoman an seinem dritten Film, Evliya, der in Westanatolien spielte, und eine epidemische Krankheit zum Gegenstand hatte. Das Projekt gewann einen Preis auf dem Co-Produktionsmarkt der Berlinale.

Für Teoman gab es nur ein einziges Kriterium für gutes Kino: Ehrlich und unkorrumpiert zu bleiben. »Wenn man in diesem Geschäft rein bleiben will, muss man immer wieder ein Anfänger sein. Handwerk ist weniger wichtig. Das wichtigste ist klar und leidenschaftlich zu bleiben.«

Viele Filmemacher, Schauspieler, Produzenten und Filmkritiker haben einen Freund verloren. Und eine der größten Hoffnungen für die Zukunft des türkischen Kinos.