01.09.2011

Herr Haber­lander schweift ab – Heute: Benoît Poel­vo­orde

Benoît Poelvoorde in DIE REKORDJÄGER
Der momentane belgische Shootingstar in seinen besseren Momenten.
Hier als Rekordjäger

»Herr Haberlander schweift ab« ist ein neues artechock-Extra, zusammengestellt aus Texten vonMichael Haberlander, die er auf seinem Blog traurigschönewelt – Das Leben ist komplex schreibt

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Gleich doppelt trifft mich aktuell eine unschöne Tradition der letzten Jahre. Da läuft ein Film mit Benoît Poel­vo­orde im Kino, jedoch spricht mich der Film als Ganzes dermaßen wenig an, dass ich ihn mir nicht anschaue. Das gilt momentan für Nichts zu verzollen (innerlich abgelehnt als klamot­ten­hafter clash-of-culture Schwank) im gleichen Maß wie für Die anonymen Roman­tiker (abgelehnt als arg harmlose, bemüht skurrile Roman­tik­komödie). Das Wissen darum, dass Poel­vo­orde in beiden Filmen geradezu »klas­si­sche« Figuren (einer­seits einen reak­ti­onären Chole­riker, ande­rer­seits einen emotio­nell hoch­gradig dysfunk­tio­nalen Neuro­tiker) seines Reper­toires darstellt, wiegt leider nicht den insgesamt mauen Eindruck, den ich bisher von den Filmen gewonnen habe, auf.

Da habe ich dann doch lieber in meine Film­samm­lung gegriffen und zwei seiner Klassiker ange­schaut. Zum einen natürlich den Klassiker schlechthin, Mann beißt Hund und zum anderen den leider wenig(er) bekannten aber nicht minder großar­tigen Die Rekord­jäger.

Mann beisst Hund nach langen Jahren einmal wieder­zu­sehen war eine erstaun­liche Erfahrung. Als er 1993 ins Kino kam, herrschte ja eine allge­gen­wär­tige Serial Killer-Mode (Das Schweigen der Lämmer, American Psycho, Hard Boiled Literatur von Andrew Vachss oder James Ellroy, etc.), die mich als post­pu­ber­tären Kultur- und Medi­en­junkie natur­gemäß wahn­sinnig begeis­terte. Mann beisst Hund schien eine inter­es­sante Variante dieses Motivs zu sein, hier nicht als (typisch ameri­ka­nisch) düster pitto­reskes Schlachtsze­nario, sondern als freche, schwarz-weiße Pseu­do­do­ku­men­ta­tion mit krassem Humor. Natürlich war schon damals klar, dass einem hier das Lachen auch mal im Halse stecken bleiben sollte, aber insgesamt habe ich den Film doch eher unter einem makabren Fantasy-Filmfest-Humor einge­reiht und mich entspre­chend »amüsiert«. Fast zwanzig Jahre später erstaunt mich der Film dadurch, wie explizit und heftig er ist (die Kultur wird eben nicht immer nur brutaler, extremer, obszöner). Auch ist er im Vergleich zu vielem Serial Killer-Quatsch der 1990er Jahre, der heute eher lächer­lich wirkt, bedeutend besser gealtert und ist deshalb sowohl ästhe­tisch wie inhalt­lich unver­min­dert gültig und wirksam. Die wahre Bösar­tig­keit, Abgrün­dig­keit und Tristesse dieser Satire, die näher an Jonathan Swifts berühmten »beschei­denem Vorschlag im Sinne von Natio­nalö­ko­nomen« als an zynischen Slasher-Kalauern dran ist, wurde mir erst jetzt im vollen Umfang ebenso bewusst, wie die typisch belgische Note, die gerade für solche Stim­mungen steht. Wirklich verstanden habe ich wohl auch erst jetzt die Leistung von Benoît Poel­vo­orde, der gerade in den Zwischen­tönen, in den unschein­baren emotio­nellen Wechseln (vom Großmaul zum Jammer­lappen zum Sadisten zum jovialen Kumpel, usw.) sein wahres Talent zeigt. Anzu­merken gilt es, dass Poel­vo­orde bei Mann beisst Hund auch an Produk­tion, Drehbuch und Regie beteiligt war, seine beiden damaligen Regie­kol­legen laut imdb keinen einzigen Film mehr drehten, während sich Poel­vo­orde fortan vor allem auf die Schau­spie­lerei verlegte.

In dieser Funktion bril­lierte er dann 1999 in Die Rekord­jäger (Origi­nal­titel Les convoy­eurs attendent) unter scheinbar ähnlichen Vorzei­chen wie in Mann beisst Hund; wieder schwarz-weiß, wieder Belgien von seiner abstoßendsten Seite, wieder eine Figur zwischen Größen­wahn und Jämmer­lich­keit, wieder eine bittere »Komödie«. Doch ein bisschen anders ist es schon. Die schwarz-weißen Bilder sind diesmal nicht von einer wacke­ligen Hand­ka­mera und bewusst grober Qualität, sondern wunderbar ruhige Still­leben in satten Grau­stufen. Der Film ist zwar stel­len­weise wieder brutal, wider­wärtig, schwer zu ertragen, ihn durch­zieht aber auch ein Hauch von (fast schon finni­scher) Melan­cholie und sogar ein klein wenig (aber wirklich nur ein klein wenig) Hoffnung. Der Humor eignet sich auch hier nicht zum munteren Schen­kel­klopfen, jedoch ist er hier lakonisch (bis zum Anschlag) und nicht sarkas­tisch. Und schließ­lich spielt Benoît Poel­vo­orde zwar auch hier ein riesiges Arschloch, einen Menschen dem man nie begegnen möchte, nur ist dieses Arschloch ein ganz anderes als das in Mann beisst Hund.
Roger, der rasende Pres­se­fo­to­graph, ist ein wider­li­cher Versager, einer der Menschen ausbeutet und benutzt, der selber nichts zustande bringt und andere (vorzugs­weise seine Kinder) vorschiebt wenn es unan­ge­nehm wird, einer der den Frust über sein Versagen an seiner Familie auslässt, einer der auf den Gefühlen anderer beliebig herum trampelt. Und dann ist er doch wieder eine tragische Figur, einer in gren­zen­loser Sorge um seine Familie, einer der seine Schwächen nur zu gut erkennt, einer der verzwei­felt gegen die Widrig­keiten seines Lebens ankämpft. All das virtuos verkör­pert durch den wunder­baren Benoît Poel­vo­orde.

Es sind solche großar­tigen und ergrei­fenden Darstel­lungen, die mich auch davon abhalten, Filme wie Nichts zu verzollen anzu­schauen. Eventuell bzw. vermut­lich sehen zu müssen, wie sich jemand wie Poel­vo­orde mit mehr oder minder Erfolg durch einen solchen Film müht, würde mir jedes mögliche Vergnügen vergällen.