26.11.2020
Cinema Moralia – Folge 235

Kino=Bildung=Kino

La Chinoise
Vor voreiligen Schlüssen wird gewarnt. Vor voreiligen Schüssen auch: La Chinoise
(Foto: Austin Film)

Das Kino, die Filmbildung, das Nicht-Kino und Godard – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 235. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Are those your own words or a quotation?« – JLG: »I think it‘s a quote, but now to me quotes and myself are almost the same. I don‘t know who they are from; sometimes I‘m using it without knowing.«
By repeating a quotation, in a sense you are saying it. – JLG: »It has to have something to do with me, but I don‘t know what exactly. It‘s like a color, but with words.«

Jean-Luc Godard, Interview im »Film­com­ment«, 1996

Überall in Film­kri­tiken und in wissen­schaft­li­chen Arbeiten wird der Satz »All you need to make a movie is a girl and a gun« Jean-Luc Godard zuge­schrieben. Dieser Satz ist aber außer Godard auch noch Otto Preminger und Francois Truffaut zuge­spro­chen worden und es ist eigent­lich wirklich egal, ob Godard ihn nun zuerst gesagt hat. Er könnte ihn jeden­falls gesagt haben. Und er hat ihn auch gesagt, aber mögli­cher­weise eben auch nur zitiert, 1964 im fran­zö­si­schen Pres­se­heft zu Bande à part.

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»Mais c'est Griffith qui a dit ça, ce n'est pas moi« – JLG

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Oft genug in den Filmen von Godard hat eine Frau auch tatsäch­lich eine Pistole in der Hand, und es ist nicht gesagt, dass sie irgend­wann erschossen wird. Vor vorei­ligen Schlüssen wird gewarnt. Vor vorei­ligen Schüssen auch.

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Es gibt aber auch noch einen zweiten schönen klassisch gewor­denen Satz von Godard, und der heißt: »Es geht nicht darum, poli­ti­sche Filme zu machen, sondern es geht darum, politisch Filme zu machen.« Dieser sehr kluge, auch oft zitierte Satz gibt auch die Antwort auf Godards Verhältnis zu Frauen und zur Frau­en­be­freiung. Man könnte ihn nämlich auch umfor­mu­lieren und könnte ganz im Sinne von Godard sagen: Es geht nicht darum, femi­nis­ti­sche Filme zu machen, sondern es geht darum, femi­nis­tisch Filme zu machen – und das hat Godard tatsäch­lich schon getan zu einer Zeit, als es den Ausdruck Femi­nismus kaum gab.

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»Vous posez-vous vraiment ces questions, ou le font-ils juste pour survivre, pour jouer le jeu, comme à la télé­vi­sion?« – JLG

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»Mank«, Herman Mankie­wicz, Bruder des Regis­seurs Joseph L. Mankie­wicz, war ein bekannter und erfolg­rei­cher, wenn auch etwas aus dem Tritt geratener Dreh­buch­autor des legen­dären Hollywood-Studios RKO. Als Orson Welles seinen ersten Film machte, stellte man ihm mit Mankie­wicz einen erfah­renen Könner zur Seite. Das Ergebnis war Citizen Kane, eines der berühm­testen Werke der klas­si­schen Studio-Ära Holly­woods, und für viele bis heute der beste Film der Film­ge­schichte. Allemal einer der sagen­um­wo­bensten und von vielen Anekdoten und Unklar­heiten umrankten. Unter anderem umstritten ist, welchen Anteil Welles überhaupt bereits am Drehbuch hatte.
In Mank erzählt David Fincher nun mit inter­es­santer Besetzung – Gary Oldman, Amanda Seyfried, Lily Collins, Newco­merin Tuppence Middleton und Tom Burke – seine Version der Geschichte. Sie ist nicht schmei­chel­haft für Welles, dafür um so gnädiger mit Mankie­wicz. Aus dessen Leben gegriffen setzt sich Citizen Kane hier in seinem Hirn und vor den Augen der Zuschauer zusammen – zugleich erscheint Mank 2020 überaus aktuell in seinem Bild einer USA, in der die Exzesse der Ober­schicht mit der Korrup­tion einer ganzen Gesell­schaft und dem Größen­wahn­sinn einzelner Super­rei­cher einher­gehen. Hollywood lieferte dazu »Pomp & Circum­s­tances« – umso schlimmer, wenn es wie in diesem Fall nicht spurte, und gar einen seiner reichen Gönner anging.
Es ist Finchers erste Kino­ar­beit seit Gone Girl vor über sechs Jahren. Ein Herzens­pro­jekt bereits seit über 20 Jahren. Doch auch 1997, direkt nach Se7en und The Game und im Ruf, das größte Jung-Genie seiner Gene­ra­tion zu sein, erlaubte man ihm keinen Schwarz­weiß­film. Es musste erst Netflix kommen, um diese anspruchs­volle Feier künst­le­ri­scher Krea­ti­vität, die mehr ist als nost­al­gi­sche Beschwörung alten Hollywood-Zaubers und Nerd-Kult für Cinephile, doch noch möglich zu machen.

Am 4.12. werden wir den Film sehen.

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»Es macht keinen Unter­schied, ob man mit Bunt­stiften, mit Aqua­rell­farben oder mit Ölfarben arbeitet. Was ich am Video gemocht habe, war das Selbst­ge­machte, die Tatsache, dass man selbst Dinge auspro­bieren kann... Kino nannten wir die Filme, die wir nicht sehen konnten, Kino war das Unsicht­bare. Erst dann ist es zu einer ästhe­ti­schen Metapher geworden...« – JLG

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Nächste Woche, am 3. Dezember, wird Jean-Luc Godard 90 Jahre alt. Der Lockdown ist eine ganz gute Gele­gen­heit, sich Filme von ihm (wieder?) anzusehen, oder ein paar seiner unver­wech­sel­baren Inter­views nach­zu­lesen.
Früher wären die Godard-Filme in einer Reihe im Fernsehen gelaufen.

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Bitte um genaue Formu­lie­rung: Die Kultur ist nicht, wie es gern heißt, »von der Pandemie betroffen«. Es ist von den Maßnahmen der Regierung betroffen. Maßnahmen, gegen die es sehr viele Argumente gibt, und die keines­wegs alter­na­tivlos sind.
Es ist wichtig, immer wieder darauf hinzu­weisen: Andere Länder machen es anders. Manche sind strenger, manche sind weniger streng. Keiner der möglichen Wege, auch nicht der deutsche, hat sich bisher als eindeutig der beste entpuppt.
Die Politik muss zur Kenntnis nehmen, wie viel Aufwand in den Kultur­be­rei­chen betrieben wurde. Aber die Kultur spricht nicht mit einer Stimme, und die Kultur, also wir alle einzelnen Angehö­rigen der Kultur­be­reiche, kämpfen bisher nicht für uns selber. Bestimmt weil wir uns zu fein dafür sind. Wahr­schein­lich auch, weil wir insgeheim uns selber auch nicht ernst nehmen, weil wir insgeheim sowohl der zynischen Aussage zustimmen, Kultur sei nicht system­re­le­vant, als auch der ganzen Härte und Über­trie­ben­heit der Pandemie-Eingren­zungs­maß­nahmen.
Aber wenn einen das alles so stört, dann muss man eben auch etwas tun, dann muss man sich um Alter­na­tiven bemühen. Dann muss man eine Gewerk­schaft gründen. Dann sollte man vor allem die Parteien nicht wählen, die diese Politik machen. Und von wegen Alter­na­tive: Es gibt viele Alter­na­tiven zur AfD – als Plädoyer für diese soge­nannte Alter­na­tive sollte man diese Anmer­kungen also keines­wegs verstehen.
Dies nur für alle, die miss­ver­stehen wollen.

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»Von großer Bedeutung ist für mich ... die Kunst­frei­heit in Art. 5 Abs. 3 GG. Kunst und Kultur sind Ausdruck des mensch­li­chen Daseins. In ihrer Vielfalt berei­chern sie unser Leben, prägen unsere kultu­relle Identität, leisten einen Beitrag zu gesell­schaft­li­chem Zusam­men­halt sowie zur Inte­gra­tion und schaffen Freiräume für kriti­schen Diskurs. Wenn wir ihre Freiheit schützen, können sie auch unbequem sein. Als kriti­sches Korrektiv einer leben­digen Demo­kratie bewahren sie uns vor Lethargie und vor neuer­li­chen tota­li­tären Anwand­lungen.«
Monika Grütters, Staats­mi­nis­terin für Kultur und Medien bei der Bundes­kanz­lerin

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Trotz solcher Worte steht im Grund­ge­setz weder ein Recht auf Kunst, noch auf Kultur, noch auf Bildung. Es gibt Wege, dies verfas­sungs­recht­lich ins Grund­ge­setz hinein­zu­in­ter­pre­tieren, doch schöner wäre es, wenn dies gar nicht nötig wäre.
Noch vor den nächsten Wahlen wird das Grund­ge­setz geändert. Der Begriff »Rasse« soll gestri­chen und durch einen besseren Begriff ersetzt werden – dafür gibt es bestimmt auch gute Gründe.
Aber wäre dies nicht eine prächtige Gele­gen­heit, auch noch Kunst, Kultur und Bildung ins Grund­ge­setz aufzu­nehmen?

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»Film als Kunstform, soziale Praxis und diskurs­prä­gendes Medium muss kultur­po­li­tisch den Stel­len­wert bekommen, den er gesell­schafts­po­li­tisch und histo­risch erfüllt.«
Zur Film­bil­dung – Posi­ti­ons­pa­pier des Haupt­ver­band Cine­philie

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Der Haupt­ver­band Cine­philie hat ein Posi­ti­ons­pa­pier zum Thema Film­bil­dung veröf­fent­licht. Voller Anre­gungen und guter Gedanken, bietet es eine Grundlage, auf der dieses unent­behr­liche Thema hoffent­lich auch auf die Agenda der Politiker – und zwar der Kultur­po­li­tiker wie der Bildungs­po­li­tiker gesetzt wird.

In Anschluss an verschie­dene Veran­stal­tungen und Treffen des letzten Jahres, unter anderem ein gemein­sames Collo­quium bei der »Woche der Kritik«, wird hier das oft unter­schätzte Potential von ästhe­ti­scher Film­bil­dung für die Zukunft der Film­kultur und des Kinos heraus­ge­ar­beitet. »Beim Vorhaben, Film­kultur als ein Feld gesell­schaft­li­cher Praxis nach­haltig zu gestalten, ist die Film­bil­dung von zentraler Bedeutung.«

Weiter heißt es: »Die Rede von einer Krise des Kinos ist alles andere als neu, hat in einem Jahr der Pandemie-bedingten Einschrän­kungen und Schließungen aber eine neue Aktua­lität erfahren. Jenseits von Zahlen und Bilanzen gilt es nun fest­zu­halten, was Film­kultur bedeutet und wie sie inhalt­lich und struk­tu­rell Stärkung erfahren muss. Ein Einsatz für die Film­bil­dung bedeutet auch ein Enga­ge­ment für die Zukunft derje­nigen Kunstform, die das 20. und das 21. Jahr­hun­dert so stark prägte wie kaum ein anderes Medium und die seit ihrer Entste­hung untrennbar mit dem Zusam­men­kommen von Menschen an einem konkreten Ort verbunden ist: dem Kino.«

Hier kann man das Papier nachlesen.

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»Ich ziehe manche Artikel aus der ›Equipe‹ über ein Tennis­match, das ich in Wirk­lich­keit oder im Fernsehen verfolgt habe, gewissen Film­kri­tiken vor, weil diese Artikel zumindest das Match nach­er­zählen: Dieser Vorhand­schlag ging so über das Netz, usw. Die Film­kri­tiker schreiben das, was Sie möchten, das man von dem Film denkt. ... Wenn Rivette vom ›Travel­ling‹ in ›Kapo‹ spricht, beschreibt er schlicht und einfach, genau wie Thuky­dides den Krieg im Pelo­ponnes beschrieben hat. Diese Dimension ist verschwunden; man sieht den Film nicht mehr.
Wenn Sie behaupten, dass etwas ›gut‹ ist, dann müssen Sie mir das erst zeigen, denn a priori glaube ich Ihnen nicht. Wenn Sie sagen, dass der Film ›inter­es­sant‹ ist, dann sind Sie selbst viel­leicht inter­es­santer, als der Film.«
– JLG

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One Second, der neue Film von Zhang Yimou, wurde vom »Golden Rooster and Hundred Flowers Film Festival« in China wieder »abgezogen«, wo er als Eröff­nungs­film einen Ehren­platz erhalten hatte. Wieder einmal scheint die poli­ti­sche, nun ja: Sensi­bi­lität gegenüber histo­ri­schen Ereig­nissen zu dieser Entschei­dung geführt zu haben.

Zhangs Film spielt in den 1960er Jahren und schildert die Freund­schaft zwischen einem entflo­henen Gefan­genen und einem Waisen­mäd­chen. Sie stiehlt eine Wochen­schau-Filmrolle, in der die »eine Sekunde« des Titels, eine Sekunde des Film­ma­te­rials zu sehen ist, das der Mann unbedingt sehen will. Zhang hatte die Geschichte als seine Hommage an das Kino beschrieben. Der Film spielt während der Kultur­re­vo­lu­tion von 1966-76, als Intel­lek­tu­elle und Mittel­schichten, darunter auch die Familie Zhang Yimous, dessen Vater ein Ex-Offizier der (im Bürger­krieg unter­le­genen) Kuom­in­tang gewesen ist, zur Umer­zie­hung aufs Land geschickt wurden. Die wirt­schaft­li­chen und sozialen Verwer­fungen der Kultur­re­vo­lu­tion bleiben ein brisantes Thema in China.
Infor­ma­tionen über »Eine Sekunde« und ihre Folgen für den Golden Rooster erschienen zuerst in einem »Weibo«-Beitrag von Zhangs Frau. Festival-Quellen bestä­tigten die Nachricht anschließend in einem kurzen Posting.

Dies ist das zweite Mal, dass One Second von den chine­si­schen Behörden von einem promi­nenten Platz bei einem großen Festival abgezogen wurde. Im Februar 2019 wurde er kurz­fristig von den Berliner Film­fest­spielen entfernt, wo er im Wett­be­werb laufen sollte. Es ist auch das zweite Jahr in Folge, dass dem Golden Rooster Festival sein Eröff­nungs­film kurz­fristig abhanden kam. Letztes Jahr wurde Saturday Fiction von Lou Ye am Tag vor der Eröffnung aus dem Programm genommen. Der Gong Li-Film ist in China noch immer nicht in die Kinos gekommen, obwohl er letztes Jahr bei den Film­fest­spielen in Venedig Premiere hatte und auf mehreren anderen Herbst­fes­ti­vals in Europa lief.

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»La censure, cette gestapo de l’esprit.« – JLG

(to be continued)