Gelbe Briefe

Deutschland/F/TR 2025 · 128 min. · FSK: ab 12
Regie: Ilker Çatak
Drehbuch: , ,
Kamera: Judith Kaufmann
Darsteller: Özgü Namal, Tansu Biçer, Ipek Bilgin, Leyla Smyrna Cabas, Eray von Egilmez u.a.
Gelbe Briefe
Eine bitterernste Gegenwartsdiagnose...
(Foto: Alamode)

Alles wird gut

In seinem Berlinale-Gewinnerfilm »Gelbe Briefe« erzählt İlker Çatak vom Zerbrechen einer Künstlerfamilie im Schatten autoritärer Macht. Ein kluges, nicht immer ganz organisches Drama über Angst, Loyalität und Selbstverrat

Die Beschrän­kung künst­le­ri­scher Freiheit in der unter Recep Tayyip Erdoğan zunehmend auto­ri­tären Türkei ist kein eruptives Ereignis gewesen, sondern ein sedi­men­tierter Prozess; einer, der sich über Jahre in Gerichts­akten, Entlas­sungs­schreiben und stillen Droh­ge­bärden abge­la­gert hat. Ersin Karabulut hat diesen Prozess im ersten Band seiner Graphic-Novel-Reihe Das Tagebuch der Unruhe als auto­bio­gra­fi­sche Chronik beschrieben: als Geschichte eines Kari­ka­tu­risten, der seinem Vater einst versprach, niemals politisch zu zeichnen – aus Angst vor Repres­sion. Dass er dieses Verspre­chen brach, wurde zur künst­le­ri­schen Notwen­dig­keit. Karabulut erzählt von der Blüte der türki­schen Satire seit den 1980er Jahren und ihrem Nieder­gang im Gleich­schritt mit Erdoğans Macht­kon­so­li­die­rung. Mit Witz, mit Bitter­keit – und mit der fast surreal anmu­tenden Erin­ne­rung daran, dass Erdoğan einst sogar zwei Sati­re­ma­ga­zine verklagte und die Prozesse verlor. Ein Detail, das heute wie eine Parabel aus einer versun­kenen Epoche wirkt.

Von diesen Zeiten ausufernden Humors ist in İlker Çataks neuem Film Gelbe Briefe nichts mehr zu sehen, denn Gelbe Briefe (türkisch: »Sarı Zarflar«) ist kein sati­ri­scher Rückblick, sondern eine bitter­ernste Gegen­warts­dia­gnose, ja fast schon eine Versuchs­an­ord­nung. Es ist ein Film, der seine Figuren unter ideo­lo­gi­schen Druck setzt, um zu zeigen, was in Bezie­hungen zerbricht, wenn der Staat in das Intimste hinein­re­giert.

Im Zentrum stehen Derya (Özgü Namal), eine gefeierte Schau­spie­lerin am Staats­theater, und ihr Mann Aziz (Tansu Biçer), Drama­tiker und Univer­si­täts­pro­fessor. In seinem neuen Stück spielt Derya die Haupt­rolle. Während der Premiere klingelt im Zuschau­er­raum das Handy des Gouver­neurs, ein Moment der Respekt­lo­sig­keit, der das Macht­ge­fälle schlag­artig offenlegt. Das Publikum feiert dennoch, doch hinter der Bühne kippt die Stimmung. Derya verwei­gert dem Gouver­neur nach der Vorstel­lung das gewünschte Foto. Eine Geste der Selbst­ach­tung, aber auch der Auslöser zu einer Ketten­re­ak­tion.

Am nächsten Morgen animiert Aziz seine Studie­renden zur Teilnahme an einer Frie­dens­de­mons­tra­tion. Kurz darauf werden sämtliche Dozenten seines Fach­be­reichs unter formalen Vorwänden suspen­diert: angeblich wegen zu geringer Wochen­stunden, angeb­li­chen Verlet­zungen von Persön­lich­keits­rechten; Kurse werden gestri­chen und Verträge aufgelöst. Auch Aziz’ Stück wird abgesetzt. Ensem­ble­mit­glieder geben Derya indirekt die Schuld. Der private Raum wird porös: Der Vermieter berichtet, die Polizei habe das Haus ins Visier genommen; man vermiete angeblich an »Verräter« und »Terro­risten«. Und über allem steht dann plötzlich auch die Frage: Wie erklärt man das der jugend­li­chen Tochter Ezgi, die sich bislang kaum für die Arbeit ihrer Eltern inter­es­sierte?

Çatak insze­niert diese Eska­la­tion nicht mit spek­ta­kulären Bildern, sondern mit struk­tu­rellen Setzungen. Ankara wird in Berlin gedreht, Istanbul in Hamburg. Deutsche Altbauten stehen für türkische Insti­tu­tionen. Wenn an einer Berliner Fassade plötzlich »Gott steh uns bei« prangt, verschiebt sich der Reso­nanz­raum. Das vermeint­lich Nationale wird entgrenzt, die Krise als univer­selles Modell lesbar. Die Schrift­ein­blen­dungen, die die Orts­ver­la­ge­rung offen­legen, wirken wie ein bewusster Verfrem­dungs­ef­fekt – ein Echo auf Bertolt Brecht. Distanz schafft Erkenntnis.

Diese ästhe­ti­sche Entschei­dung ist umso bemer­kens­werter, als Gelbe Briefe ursprüng­lich als vergleichs­weise kleines Projekt geplant war. Çatak und Produzent Ingo Fliess stellten das Vorhaben bereits 2022 mit beschei­denem Budget beim Berlinale Co-Produc­tion Market vor. Erst der inter­na­tio­nale Erfolg von Das Lehrer­zimmer, der bis zur Oscar-Nomi­nie­rung führte, verschaffte dem neuen Film größere Aufmerk­sam­keit. Beim Marché du film in Cannes 2024 wurde das Drehbuch dann in mehrere Länder verkauft. Aus einer zurück­hal­tend kalku­lierten Produk­tion wurde ein Film mit inter­na­tio­nalem Erwar­tungs­druck. Viel­leicht erklärt das dann auch die stärkere program­ma­ti­sche Zuspit­zung.

Denn Gelbe Briefe ist Çataks bislang poli­tischster Film – und der erste ohne seinen lang­jäh­rigen Dreh­buch­partner Johannes Duncker, der noch Das Lehrer­zimmer und Es gilt das gespro­chene Wort mitver­fasst hatte. Wo jene Arbeiten ihre mora­li­schen Dilemmata aus Ambi­va­lenzen entwi­ckelten, wirkt Gelbe Briefe entschie­dener, direkter, akti­vis­ti­scher.

Seine größte Stärke liegt in der Darstel­lung der Mikro-Erosion. Çatak inter­es­siert nicht das Spektakel der Repres­sion, sondern ihr Einsi­ckern in den Alltag. Das Verstummen beim Abend­essen. Die gereizte Ungeduld Aziz’, der sich vom liberalen Intel­lek­tu­ellen zum auto­ri­tären Vater verschiebt. Die Loya­li­täts­kon­flikte im Ensemble. Kunst erscheint hier nicht als Heils­ver­spre­chen, sondern als prekärer Raum der Selbst­be­fra­gung. Die Film-im-Film- und Thea­ter­szenen stellen die Frage, ob Theater die Welt retten könne, doch Çatak verwei­gert eine affir­ma­tive Antwort.

Und doch wird in der fami­liären Zuspit­zung immer wieder die Versuchs­an­ord­nung sichtbar. Der Konflikt um Ezgi gerät einen Moment lang zu deutlich konstru­iert, der Wandel Aziz’ ist zu abrupt, wird nicht erspielt, sondern behauptet. Als benötige das Drehbuch eine zusätz­liche drama­tur­gi­sche Verdich­tung, um die These unmiss­ver­s­tänd­lich klar zu machen. Hier verliert der Film an orga­ni­scher Geschlos­sen­heit; er wirkt weniger rund als Das Lehrer­zimmer, er ist weniger subtil in seinen Über­gängen.

Das ändert jedoch nichts an der Präzision der Diagnose. Gelbe Briefe zeigt, wie poli­ti­sche Pola­ri­sie­rung Bezie­hungen defor­miert – nicht als Ausnah­me­zu­stand, sondern als schlei­chenden Normal­fall. Der Film verwei­gert Exotismus und verortet die türkische Krise im europäi­schen Stadtraum. Er macht sichtbar, dass die Mecha­nismen der Einschüch­te­rung, der Denun­zia­tion, der Selbst­zensur keine regio­nalen Sonder­fälle sind.

Dass der Film mit dem Goldenen Bären ausge­zeichnet wurde, erscheint vor diesem Hinter­grund folge­richtig. Prämiert wurde nicht der makel­lo­seste, beste Film des Wett­be­werbs – der in meinen Augen We Are All Strangers von Anthony Chen war – sondern jener, der ästhe­tisch tragfähig und politisch anschluss­fähig zugleich war. Gelbe Briefe mag nicht voll­kommen sein, aber er ist notwendig. Und in Zeiten, in denen gelbe Umschläge über Karrieren und Biogra­fien entscheiden, ist das viel­leicht das stärkere Argument.

Was ist, wenn Berlin zu Ankara wird?

Hysterie und Meinungsfreiheit: Ilker Cataks Repressionsdrama »Gelbe Briefe« beweist, dass auch das Kino nicht die Welt retten kann

Vor wenigen Wochen gewann dieser Film den Goldenen Bären bei der Berlinale. İlker Çataks Gelbe Briefe war seit bald einem Jahr zunächst von verschie­denen anderen Film­fes­ti­vals wie Cannes und Venedig abgelehnt worden, die Berlinale zur letzten Hoffnung geworden – die sich erfüllte.

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Man könnte Gelbe Briefe zumindest in seiner Handlung als eine brisante Near-Future-Vision einer deutschen Diktatur verstehen. Doch dann machte ihm ausge­rechnet das Festival, das ihm eben noch Ruhm beschert hatte zum deutschen Filmstart einen Strich durch die Rechnung. Denn die Berlinale steht inzwi­schen wieder im Sturm einer typischen Berliner Polit-Debatte. Aber gerade der derzeit tobende und die Filmwelt spaltende Streit um die Berlinale beweist para­do­xer­weise, dass es mit der neuen deutschen Diktatur noch ein bisschen dauert. Kultur­staats­mi­nister Wolfram Weimer hat der Berlinale eben keine gelben Briefe geschickt, sondern einfach seinen Aufsichtsrat einbe­rufen, und zwar öffent­lich, und andere hatten für ihre Anliegen ebenso öffent­liche Manifeste geschrieben, ohne dass ihnen beruf­liche Nachteile drohen – die Zivil­ge­sell­schaft funk­tio­niert in Deutsch­land offenbar auch noch, wenn auch vor allem bei Perso­nal­fragen und trotzdem einen die hyste­ri­sche Daue­r­empörung besonders in Berlin auch innerlich ermüden kann. Als hätte die Welt keine wich­ti­geren Probleme.

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Gelbe Briefe passt gut hinein in diesen Kultur­kampf, denn die titel­ge­benden Schreiben stammen von der Regierung. Der Film versucht genau das zu beschreiben, was die Kultur­szene dem zustän­digen Staats­mi­nister Wolfram Weimer derzeit gerade unter­stellt: Dass die Kunst auf Linie gebracht und der poli­ti­schen Agenda der Regierung unter­worfen werden soll.

Ober­fläch­lich betrachtet erzählt İlker Çataks Film von der heutigen Türkei. Der Regisseur, Deutscher mit türki­schen Wurzeln, war für Das Lehrer­zimmer für den Oscar nominiert, und er erzählt in seinem neuen Film eine Geschichte über die Repres­sion gegen Künstler und Intel­lek­tu­elle, die unter Erdogans Regierung in der Türkei gerade sehr oft passiert: Thea­ter­s­tücke werden über Nacht abgesetzt, Dozen­ten­stellen oder Kunst­pro­fes­suren werden gestri­chen. Im Zentrum der Handlung steht ein wohl­si­tu­iertes bildungs­bür­ger­li­ches Paar mit ihrer gemein­samen Tochter. Die »gelben Briefe« sind jene Kündi­gungs­briefe, die die Familie wie viele andere bekommt.

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Es gibt aber einen beson­deren Einfall, der allem eine andere Drehung gibt und den Film zu mehr macht als zu einer Chiffre um sehr konkrete Verhält­nisse. Der Regisseur erzählt einer­seits in türki­scher Sprache mit türki­schen Schau­spie­lern, ande­rer­seits wurde alles in Berlin und in Hamburg gedreht – und das sieht man auch: Ein Verfrem­dungs­ef­fekt à la Brecht – und die türki­schen Staats­thea­ters wurden in BBs Berliner Ensemble gedreht –, der uns Zuschauern dadurch ganz offen­sicht­lich macht, dass wir einen kurzen Schriftzug sehen: »Berlin für Ankara« und später »Hamburg für Istanbul«. Dies funk­tio­niert sehr gut. Immer wieder vergisst man den Schau­platz, fühlt sich in die Türkei versetzt – um dann plötzlich durch einen eindeutig deutschen Bezug, wie die hiesigen Poli­zei­uni­formen aus dieser Illusion heraus­ge­rissen zu werden.

Indem der Film die sichtbare Künst­lich­keit seiner deutschen Schau­plätze annimmt, argu­men­tiert er, dass der Abbau der Meinungs­frei­heit überall Wurzeln schlagen kann – unter jeder poli­ti­schen Archi­tektur, jeder Flagge. Das Fehlen konkreter poli­ti­scher Namen lässt die Geschichte wie eine von Kafka inspi­rierte Warnung erscheinen, die zeigt, wie fragil intel­lek­tu­elle Freiheit wird

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Was leider weniger gut funk­tio­niert, ist, dass diese Methode von den Machern nicht wirklich konse­quent umgesetzt und zu Ende gedacht wird. Denn der Clou dieser Aufhebung der Grenzen und Verschie­bung aus der Türkei in die Verhält­nisse Deutsch­lands müsste doch darin liegen, dass sich ein in Deutsch­land lebendes Publikum durch sie auch vorstellen könnte, wie es wohl wäre, wenn Berlin tatsäch­lich zu Ankara würde; sprich: Wenn in der deutschen Haupt­stadt plötzlich eine Diktatur herrschte. Deutlich gesagt: Was passiert, wenn die AfD regiert? Manche glauben ja, wir lebten spätes­tens seit Corona in einem auto­ri­tären System; andere sehen bei jedem Interview, indem Wolfram Weimer sich offen »not amused« über Quer­den­kertum auf einer Kultur­ver­an­stal­tung äußert, bereits einen »CDU-Faschismus« herauf­däm­mern: Das wird man doch noch sagen dürfen.

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Um aber ein solches, viel­leicht tatsäch­lich mögliches auto­ri­täres Regime in Deutsch­land plausibel zu machen, dafür hätte Çatak gerade aus seiner realis­ti­schen Schil­de­rung der Türkei eine utopische, fiktio­nale Schil­de­rung deutscher Zukunft, eine Art poli­ti­scher Science-Fiction machen müssen, in deutscher Sprache mit deutschen Schau­spie­lern. Nur dann würde er dem breiten Publikum die Möglich­keit nehmen sich zu entziehen und nicht ober­fläch­lich auf die Türkei unter Erdogan auszu­wei­chen, sondern sich in eine allge­meine Zukunft einzu­fühlen, die den Demo­kra­tien droht – so aber können wir uns alles allzugut vom Leibe halten. Und uns einmal mehr dabei wohl­fühlen, die Zustände in anderen Ländern anzu­pran­gern.
Der Blick nach innen fehlt Çataks Film. Was machen wir, wenn irgend­wann eine AfD-Regierung in die Kultur­po­litik eingreift?

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So gesehen hat Gelbe Briefe zwar gute Ansätze und Ideen, aber keine konse­quente schlüs­sige Ausfüh­rung. Der Film verharrt ein bisschen zwischen den Stühlen, zwischen der gegen­wär­tigen Türkei und der möglichen deutschen Zukunft.

Hinzu kommt, dass der Film zu melo­dra­ma­tisch erzählt ist und besonders in seiner Figu­ren­zeich­nung nicht selten an eine Daily-Soap oder Tele­no­vela erinnert. Die Figuren jenseits der Haupt­fi­guren sind eigent­lich nur immer dazu da, irgend­eine Position zu reprä­sen­tieren, irgend­etwas quasi aufzu­sagen.

Wir haben es hier mit einer Familie zu tun, der es letzt­end­lich vergleichs­weise gut geht, die nie ernst­hafte finan­zi­elle Not leidet, die eine hübsche kluge Tochter hat, die im entschei­denden Moment, gerade als das Eltern­paar sich heftig streitet, allzu passend verschwindet und durch die Suche nach ihr die beiden wieder zusam­men­führt.

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Immerhin erscheinen die Eltern Derya und Aziz nicht als makellose Opfer der Regierung. Sondern als wider­sprüch­liche, fehler­hafte Menschen, deren Ideale mit den Anfor­de­rungen des Über­le­bens kolli­dieren. Ihr säkulares, progres­sives, luxu­riöses Selbst­bild gerät unter dem Druck prak­ti­scher Entschei­dungen ins Wanken: Sie sprechen gern von Gleich­heit, aber eine Privat­schule für ihre Tochter soll es schon sein. Aziz, der nicht religiös ist, geht dennoch in die Moschee, um den sozialen Schein zu wahren. Der Film behandelt diese Wider­sprüche als gelebte Realität und zeigt, wie Komfort Prin­zi­pien mühelos erscheinen lässt – und wie Unsi­cher­heit Ethik in Kalkül verwan­delt.

Der Druck entlädt sich auf unter­schied­li­chen Wegen. Die Frau Derya nimmt eine Rolle in einer staatlich ausge­rich­teten Fern­seh­serie an und entscheidet sich für prag­ma­ti­sche Selbst­ret­tung in einem Raum, der die Hand­schrift des Staates trägt. Der Mann Aziz hält an seiner künst­le­ri­schen Inte­grität fest, indem er mobil und anonym bleibt: Er fährt Taxi zum Geld­ver­dienen und schreibt heimlich an einem dissi­denten Thea­ter­s­tück.

Im letzten Akt greifen Derya und Aziz durch die Kunst nach Hand­lungs­macht: Sie insze­nieren ein Stück mit dem Titel »Yellow Letters« und verwan­deln ihr eigenes Leiden in Material. Diese Geste trägt eine scharfe, selbst­re­fe­ren­zi­elle Kraft: Wohnungen können genommen, Karrieren konfis­ziert, Ruf zerstört werden – doch die Vorstel­lungs­kraft bleibt schwer zu annek­tieren.

Und zugleich ist Kunst, das zeigt der Film auch seltsam ohnmächtig. Aber viel­leicht liegt das auch daran, dass auch im Film Kunst als Thesen­kunst verstanden wird, als moralisch selbst­ge­rechter Ausdruck der »richtigen« Seite. Das verharrt jedoch an der Ober­fläche der Argumente und wirkt dadurch ermüdend.

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Gelbe Briefe hat deutliche Längen und ist ästhe­tisch ohne Frage schwächer, als Çataks Erfolgs­film Das Lehrer­zimmer, der seiner­zeit nicht im Berlinale-Wett­be­werb laufen durfte. In seiner Form braves, bürger­li­ches, ja: neoli­be­rales Kino. In der Handlung siegt immer das Private über das Poli­ti­sche, das Senti­mental-Versöhn­liche über das Irri­tie­rende, ohne dass diese zwei Seiten je vermit­telt würden. Dies wird beim Publikum bestimmt gut funk­tio­nieren, in seiner engen, fern­seh­haften Ästhetik in der Kino­ge­schichte aber folgenlos bleiben.
Trotzdem ist dies ein Film über den man viel disku­tieren kann, der unge­wöhn­lich und inter­es­sant ist, und der in seiner Haltung trotz aller Schwächen sympa­thisch bleibt.

Was ist wenn Berlin Ankara wird? Der Film versucht eine Antwort zu geben, scheitert aber an der eigenen Inkon­se­quenz.