| USA 2025 · 137 min. · FSK: ab 16 Regie: Maggie Gyllenhaal Drehbuch: Maggie Gyllenhaal Kamera: Lawrence Sher Darsteller: Jessie Buckley, Christian Bale, Peter Sarsgaard, Annette Bening, Jake Gyllenhaal u.a. |
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| Das Monster und die Braut | ||
| (Foto: Warner Bros.) | ||
Sie wollte einst eine »disobedient geometry« erschaffen, eine »ungehorsame Geometrie«. Sagt die Wissenschaftlerin Doctor Euphronious (Annette Benning) gegen Ende von The Bride!. Und wenn es einen Schlüssel gibt zu diesem kantigen – nennen wir’s mal: nicht-euklidischen – Film, dann wohl diesen.
The Bride! lässt sich nicht wirklich zusammenfassen – nur aufzählen: Der Geist von Mary Shelley spricht aus dem Jenseits. Will eine Fortsetzung ihres epochalen Romans »Frankenstein« schaffen. Die junge Ida wird im Chicago des Jahres 1931 von ihr besessen. Es folgt Genickbruch. Wiederbelebung auf Geheiß von Frankensteins mirakulöserweise überlebendem Monster. Kinobesuche. Suche nach einem Filmstar. Tanzeinlagen. Feministische Revolte. Kampf gegen Gangster.
Wenn das mehr nach Stoffsammlung klingt als nach einer Geschichte: Genau. Der Film hat stattdessen Themen, Thesen, Ideen. Und einen ellenlangen Verweisapparat: Freilich James Whales The Bride of Frankenstein, aber dazu nicht minder die Regie-Pionierin Ida Lupino, Fred Astaire, Mel Brooks’ Young Frankenstein, Liebe und Rache in Zeiten von #MeToo, Cabaret, Bonnie und Clyde, Herman Melville, etc., u.v.a.
Gemessen an dem, was das Marketing vorgaukelt, muss The Bride! wirken wie ein Geschöpf, dessen ganzer Torso nur aus Blinddärmen zusammengeflickt ist. Figuren driften in den Film hinein und hinaus. Aspekte werden angerissen, fallen gelassen, wieder aufgeklaubt, mitunter ins Gegenteil verkehrt, erneut vertändelt. Immer wieder lässt der Film Shelley/Ida in freie Wortassoziationskaskaden verfallen – und spiegelt dabei auch sein eigenes Konstruktionsprinzip.
Um nur ein konkretes Beispiel zu nennen: Eins der durchgängigeren Motive ist die Bedeutung von Namen. Ida verliert den ihren, wird Penelope, Penny genannt, wird zu »The Bride of Frankenstein«, nennt sich dann »The Bride« – einfach nur »The Bride«. Was ein Zeichen der Unabhängigkeit, Emanzipierung sein soll. Aber: »Die Braut« – das legt nahe, dass sie heiratet. Das ist weniger der Namen eines Individuums als die Beschreibung einer Zugehörigkeit. Der Film selbst stellt das fest. Zieht aber keine Konsequenzen daraus.
Teils scheitert The Bride! wohl tatsächlich am Versuch, zumindest ansatzweise ein gewöhnlicher, narrativer Film zu sein. Weil ihm das rote Garn einer stringenten Handlung fehlt, soll alles durch pure Emphase zusammengehalten werden. (Siehe das Ausrufezeichen im Titel!) Er versucht, die flau-matschigen Bilder des (ausgerechnet!) Joker-Kameramanns Lawrence Sher durch arhythmischen Schnitt lebendig zu machen. Rettet sich immer wieder in leere Gesten der Transgression. Ist dabei jedoch oft eher wirr als wirklich wild.
Das eigentlich erstklassige Ensemble spielt sich wund dabei, die Substanzlosigkeit in Sachen Charaktere, Emotionen zu überdröhnen. Jessie Buckley bleibt quasi gar nichts anderes übrig, als furios zu sein. (Immerhin: Viel bleibt in der Familie – mit Maggie Gyllenhaals Bruder und ihrem Ehemann Peter Sarsgaard.)
Aber »ein gewöhnlicher, narrativer Film« ist auch eindeutig nicht der angemessene Maßstab, den The Bride! selbst anlegt, anstrebt. Dass das Marketing lügt, darf man dem Film nicht vorwerfen. Wo der Trailer auf knallige Horrorkomödie macht, einen Song von Florence + The Machine unterlegt, steht in der Film-Wahrheit ja nicht zufällig Fever Ray auf der Bühne, mit ihrem großartig kratzbürstigen Anti-Pop.
Man darf durchaus ernst nehmen, wie sehr Gyllenhaal die Verweigerung predigt. Dass sie Plakate von gegen Kunstregeln revoltierenden Bewegungen wie Dada, Bauhaus, Secession an die Wand hängt. Dass da ein aufrechter Zorn gärt gegen die Strukturen von Macht und Missbrauch. (Ob es die künstlerisch überzeugendste Äußerung dieses Zorns ist, die Namen von Epstein-Opfern in die Kamera zu brüllen, ist eine andere Frage.)
Man darf ernst nehmen, wie oft The Bride! Melvilles »Bartleby« zitiert, mit dessen Motto: »I would prefer not to«. Es gibt ja einen ganzen Diskurs darüber, ob und wie sehr in den etablierten Erzählmustern unserer Kultur patriarchale Strukturen eingeschrieben sind. Und Gyllenhaals Position dazu ist offenbar ein durchaus bewusstes: »Ich ziehe vor, diese Muster nicht mit- und nachzumachen.«
Gyllenhaals erste Arbeit auch als Original-Drehbuchautorin (nach ihrem Regie-Debüt mit der Elena-Ferrante-Verfilmung The Lost Daughter) ist echte Outsider Art mit $80 Mio. Budget.
Ich habe mich beim Sehen seltsam an Curtis Harringtons späte, obskure Poe-Adaption Usher erinnert gefühlt. Die allerdings den Vorzug einer sehr überschaubaren Lauflänge hat.
Es braucht freilich viel Können, das Stützkorsett erprobter Dramaturgie-Muster aufzugeben und dennoch 126 Minuten die Aufmerksamkeit eines Publikums zu halten. Braucht einiges an gedanklicher Durchdringung, einen solchen Berg von Themen und Verweisen nicht nur zu türmen, sondern zu einem lebendigen Gewebe zusammenzuflicken, die Schöpfung lebendig und sprechend zu machen.
Als eine solche Meisterin erweist Maggie Gyllenhaal sich mit The Bride! (noch) nicht. Aber man muss ihrem Film lassen – er ist auf Respekt verdienende Weise: ungehorsam.