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Das lange Sterben
oder: Der Tod des Individuums

  16.05.1996
 
 
 
 

"Jesus antwortete ihm: Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein." Lukas 23,43

Kommen in relativ kurzen zeitlichen Abständen mehrere Filme zum gleichen Thema in die Kinos, riecht das oft nach Plagiaten. Es besteht jedoch auch die Möglichkeit, daß diese Themenverwandtschaft auf gewisse gesellschaftliche Strömungen zurückzuführen ist; manche Themen liegen wohl wirklich in der vielbeschworenen Luft.

Zur Zeit kann man in den Kinos unserer Lande drei Filme sehen, auf die diese Art der Verwandtschaft zutrifft. Es handelt sich um den "Western" "Dead Man" von Jim Jarmusch, das Schuld-und Sühnedrama "Dead Man Walking" von Tim Robbins und die Alkoholikergeschichte "Leaving Las Vegas" von Mike Figgis. Der Verdacht des Plagiats kommt aufgrund der Verschiedenartigkeit dieser Filme erst gar nicht auf, und obwohl alle drei typisch amerikanische Geschichten erzählen und natürlich auch in den USA produzie rt wurden, sind sie doch vom plagiatträchtigem Hollywood-System mehr oder weniger weit entfernt. Jarmusch, als großer Mann des unabhängigen Films seit den Achzigern, hatte schon immer andere Produzenten (vor allem aus Deutschland, wo er ja auch die größte Anhängerschaft hat), Robbins und Figgis kamen bei der Herstellung ihrer Filme größtenteils ohne Geld aus dem Filmmekka aus. Daß zwei ihrer Hauptdarsteller mehr oder weniger überraschend einen Oscar gew annen, ist hier nicht von Interesse.

Diese drei Filme haben nun ein zentrales Thema gemein: das lange Sterben und die daraus folgende Vorbereitung auf den Tod. Johnny Depp in "Dead Man", von einer Kugel tödlich verwundet, wehrt sich, seine Verfolger in den Tod vorausschickend, gegen sein zwangsläufiges Ende. Ebenso wie Sean Penn in "Dead Man Walking", der, wegen Mordes zum Tode verurteilt, um seine Begnadigung kämpft. Erst spät ergeben sich beide ihrem Schicksal und akzeptieren es. Allein Nicolas Cage in "Leaving Las Vegas " bewegt sich, in seiner Art von Fallsucht, von Beginn an bewußt auf sein Ende zu, indem er sich zielgerichtet zu Tode säuft.

Alle drei sind eigentlich noch zu jung, um sterben zu müssen.Sie sind höchst individualisierte Menschen, von ihren Familien getrennt und an den Rand ihrer Gesellschaft gedrängt. Sie alle haben ihr bisheriges Leben mit seinen Orten zurückgelassen und sind Fremde in ihrer neuen Welt. Auf ihrem letzten Weg werden sie von Menschen begleitet, die sie erst durch diesen Weg kennengelernt und lieb gewonnen haben. Für Depp, dessen Eltern bereits tot sind, ist das ein Indianer, der ihm auf s eine traditionelle Weise den zeremoniellen Übergang ins Reich der Toten ermöglicht. Für Penn, durch das Gefängnis von seiner Familie getrennt, ist es seine Seelsorgerin, von Susan Sarandon gespielt, die ihn auf irdische wie metaphysische Weise zu retten versucht. Und für Cage ist es die von Elisabeth Shue dargestellte Prostituierte Sera, die ihn bis in seinen Tod liebt.

Die Filme handeln vom Sterben des vereinzelten Menschen, in einer Zeit in der die Individualisierung weiter fortgeschritten ist als je zuvor. Sie mögen sich zwar formal und inhaltlich deutlich unterscheiden - ob sie nun aber in düsterem schwarz-weiß gedreht sind, sehr emotional Kritik am Rechtsstaat üben oder eine glamouröse Geschichte der Selbstvernichtung erzählen - allen zum Tode Verurteilten steht ein helfender Freund zur Seite. Dies gibt den Filmen trotz des schweren The mas eine sehr positive Seite. Wie aber wären die Geschichten ohne diese Sterbehelfer verlaufen?

Der Tod als Grenze des Lebens hat seine zwei Gesichter, er ist Ende und Anfang. Selbst wenn er nur die Fortsetzung des pränatalen Nichts sein sollte, verweist er doch auf ein Jenseits, das sich in den drei Filmen bereits in der Religiösität des Diesseits niederschlägt. Der Indianer verehrt Depp als eine für ihn heilige Reinkarnation und erweist ihm deswegen die letzte Ehre, der Säufer und die Hure werden als sich gegenseitig stützende Heilige einer Gegenwelt inszeniert un d Sean Penn bereut und tut Buße, so daß ihm vergeben wird, wie das nur die Christen können. Diese Vergebung seiner Sünden wird in der Szene deutlich, in der er, wie ein Gekreuzigter auf die "Todesliege" gefesselt, die Eltern der Opfer um Vergebung bittet. Hier wird Penn nicht, wie häufig vermutet, als Christus-Figur dargestellt, sondern als einer der beiden Verbrecher, zwischen denen Jesus gekreuzigt wurde. Auch dieser Verbrecher bereute am Kreuz, und daraufhin wurden ihm seine Sünden vom Herrn vergeben.

Max Herrmann

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