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magazin



 

reihe: netz.kunst
internet-performance als netz.kunst

teil 1 - von neuen und alten medien
teil 2 - netz.kunst, kunst im netz, web art und ein bisschen netzkunst
teil 3 - digging the net
teil 4 - internet-performance als netz.kunst
teil 5 - neues und altes. vom frühstückstisch auf die datenmüllkippe

zur begrifflichkeit

Unter Netz.Kunst verstehe ich nicht Kunst, die einfach im Internet präsentiert wird, sondern Kunst, die mit den besonderen Eigenschaften des Internets als ihr eigenes Medium arbeitet. Es wird heute überall von Cyberspace geschprochen. Ich möchte aber über Cyber-time diskutieren, und Text-Performance als Netz.Kunst behandeln. Ich will zwei verschiedene Projekte vorstellen, nämlich Worst Case Scenarios (zu Deutsch, Katastrophen Szenarien), und The Plaintext Players.

 

worst case scenarios

Worst Case Scenarios (http://www.users.interport.net/~xaf/wcs/index.html) ist eine Sammlung von Kurzgeschichten - man könnte auch Prosa-Gedichte sagen - die für das Internet konzipiert wurden. Ich habe sie auf Englisch geschrieben, aber es gibt auch eine französische Übersetzung, und eine deutsche Fassung (http://www.uiowa.edu/~virtualh/wcsgv/). Eine von den Geschichten heißt Kreuzung, oder Crossroads (http://www.users.interport.net/~xaf/wcs/cmp/crossr.html). So sehen die Geschichten in dieser graphischen Version aus: blast5drama (http://www.users.interport.net/~xaf/drama.html). Nachdem ich Crossroads geschrieben hatte, war es als erste Verbindung bzw. Hyper-Link, für das kollaborative Künstlerprojekt blast5drama gewählt worden. In dieser graphischen Darstellung von Crossroads sieht man, wie im Laufe eines Jahres viele andere Internet Künstler und Künstlerinnen mit Crossroads ihre Links gesetzt haben, die zu deren eigenen verwandten blast-Projekten führten.
Was hat Crossroads mit Performance zu tun? Unter dem Text von Crossroads sieht man ein Foto von einer Bühne, die in der Sandra Gering Gallery in Soho in New York für die Galerie Version von blast5drama gebaut worden war. Die Bühne war ungefähr drei Meter hoch, und in sich selbst eine beeindruckende Skulptur. Während der Austellung von blast5drama sind tagsüber Performance-Künstler zur Galerie gekommen. Sie sind zur Bühne heraufgeklettert, um ihre Performance-Kunst dort durchzuführen. Die Performances waren in irgendeiner Art von der Geschichte der Crossroads inspiriert worden. Was Sie auf der Bühne sehen, ist eine Projektion vom Internet des Textes von Crossroads. Der Text war an diesen Tag in blau-grün gebeamt. Der Text hat also als Szenierung -sowohl theatralisch als konzeptuelle Szenierung - funktioniert. Das ist also mein erstes Beispiel von einer Verknüpfung zwischen Text und Performance, am Interface zwischen Real-Life und Internet.

 
the plaintext players

Mein zweistes Beispiel ist eine radikall experimentelle Form von Performance-Kunst auf dem Internet und zugleich extrem low-tech. Die Plaintext Players (http://www.sva.edu/alumni/forger/plaintext/frames.html) sind eine Gruppe experimentelle Künstler und Künstlerinnen, und Schriftsteller und Schriftstellerinnen, die improvisatorisches Theater live und online aufführen. Die Performance ist ausschliesslich textuell; was aufgeführt wird, ist eine dramatische Erzählung im Prozess ihres Geschriebenwerdens. Jeder der halb-dutzend Plaintext Players loggen sich, von wo auch immer sie sein mögen (im Realen-Leben sind wir über die ganzen Vereinigten Staaten verteilt - und jetzt bin ich in München) in einen gemeinschaftlichen Raum für textuelle Kommunikation, der MOO genannt wird, ein. Dialog, Szenerie und Handlung werden von den Spielern mit der Tastatur als Text eingegeben, dabei besteht eine lockere Führung, durch den sogenannten Digital Director. Das eingeloggte Publikum erlebt die Performance als einen langsam unregelmässig vom Boden zum Kopf des Benutzerbildschirms sich entwickelnden Text. Der Akt des Schreibens wird live aufgeführt. Für Spieler wie Publikum, kann die Performance ein psychologisch wie ästhetisch bannendes Erlebnis sein, zudem auch extrem komisch. Unsere Zuschauer können sich entweder beim MOO Theater einloggen oder zu einer Kunst Galerie kommen, wenn wir dort die Performance live beamen. Bei den original Performances ist der Text schwarz auf weiss. Was Sie dort auf der Webseite sehen ist überarbeitet worden. Auf der linken Seite sehen Sie eine Liste einige unserer Performances. Wir wählen normalerweise ein Drama wie Hamlet, dessen Handlung allgemein bekannt ist, und das eine lockere Struktur für unsere Improvisationen liefert. Der Weiße Wal, den wir auf der letzten Biennale in Venedig aufgeführt haben, basierte auf Moby Dick. Unsere Aufführung für Documenta X war eine Version des Orpheus Mythos. Im Dezember hoffe ich, eine Performance der Geburt Christi zu leiten. Ich weiss noch nicht, ob wir sie auch in München live Beamen werden--aber das möchten wir gerne machen. Die technischen Möglichkeiten und Grenzen dieses neuen Genres sind vielfach. Die technische Seite ist sowohl sehr wichtig als auch sehr sichtbar. Es ist etwa so wie beim japanischen Joruri Theater: man sieht auf der Bühne die Puppen und die Puppenmeister. Wir sehen das nicht als einen Nachteil, sondern als Teil des Genres. Plaintext Players: Screen shots Orpheus http://www. sva.edu/alumni/forger/plaintext/doc/SO2.html (oder klicken Sie auf der Orpheus Maske und dann auf Silent Orpheus-Transcript) Eine Art von Text-Bühne waren für unsere Performance von Orpheus programmiert. Hier sehen Sie den Text in drei Spalten. Die linke repräsentiert die Erde; rechts war die Hölle, and in der Mitte waren die Tore der Hölle. Im Prolog begrüßt der Digital.Director die Zuschauer und beschreibt, was Sie zu erwarten haben. Er erklärt die drei Örtlichkeiten: links die Erde, rechts die Hölle, und in der Mitte, die Tore der Hölle. (Rollen Sie hinunter bis Orpheus sagt, "It just goes on and on. Diese Textbühne war ein technisches Meisterstück der Programmierkunst.
Unsere bisher letzte Serie von Performances hiess Die Candide Campaigne: Plaintext Players: The Candide Campaign http://www.sva.edu/alumni/forger/plaintext/CC/candide.html (oder klicken Sie auf der Maske auf der Home Page). Ich möchte hier kurz die weisse Maske erwähnen, die ich bei einer Performance in der Sandra Gering Galerie getragen habe. Am Ende meiner Bemerkungen werde ich darauf zurückkommen. Klicken Sie auf Still Lies Quiet Truth, dann klicken Sie auf Part 5. Infant of Prague Part 5 heisst 'Das Insekt von Prague'. Dieser Teil war eine Traumvision, wie Sie von der Anfangslinie sehen, 'Candide träumt'. Als ich das schrieb, ging es mir darum, eine neue Person zu kreieren, das Kind von Prague. Am MOO, kann man ein oder mehrerer Personen zugleich sein. Diese Person wurde dann von anderen Plaintext Players übernommen, und sein Namen in Das Insekt von Prague umgewandelt--eine Kreuzung vom Christkind und Gregor Samsa. Klicken Sie auf HOME, oben, dann klicken Sie auf Special Projects: Still Lies Quiet Truth. Plaintext Players: Fringe Theater Festival (http://www.sva.edu/alumni/forger/plaintext/fringe.html) Der Text der Improvisation der Candide Campaigne wurde von dem Digital.Director überarbeitet, und dann live auf eine traditionellen Bühne beim New York Fringe Theater Festival und danach beim New York Digital Salon, beides 1998 aufgeführt. Hier sieht man die Schauspieler und Schauspielerinnen der Bühnenauffürung. Hier sieht man eine Leinwand, auf die Teile des Textes von der MOO Version als Teil der Szenerie projeziert wurden. So wurde das Internet Theater in die Bühnenauffürung zurückgebracht.

 
mask
Ich habe gesagt, daß ich zur Maske zurückkommen würde. Die Maske habe ich aus Manuskriptseiten der Worst Case Scenarios gemacht. Sie besteht aus den Fragmenten der ursprünglichen Fassung, einigen Veränderungen, meinen Versuchen mit der französichen Übersetzung und aus Zeilen der Handschrift eines der französiche Übersetzer. Die Maske habe ich in einer Galerie bei der Performance getragen. Ich habe auch davon ein Bild gemacht, das nicht auf der Web sondern nur in Real-Life zu sehen ist. Das Bild ist nicht mit einer Kamera gemacht, sondern ist in einer Live-Aktion mit einem Scanner entstanden. Die Maske zeigt den Menschen als Text. Ich betrachte es als ein Selbstbildnis.

marlena corcoran
(die autorin ist künstlerin und theoretikerin, c.s.)
 




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