24.06.2022

arteshorts zum 39. Filmfest München

FILMFEST MÜNCHEN

Schnell, kurz und absolut unter Kontrolle: Kurzkritiken zum 39. Filmfest München, diesmal in Zusammenarbeit mit der LMU München und dem Filmkritik-Nachwuchs

Von Redaktion

Montag, 4.7.2022

Aftersun (USA, UK 2022, R: Charlotte Wells)

Aftersun
(Foto: FILMFEST MÜNCHEN / Charlotte Wells)

Man hat wirklich das Gefühl, die Sonne bereits hinter sich zu haben. Der junge Vater Calum ist mit seiner aufge­weckten Tochter Sophie im Türkei Urlaub. Obwohl sie bei der Mutter lebt, verbindet sie eine enge Freund­schaft mit ihrem Dad – liebe­volles »you’re embar­ras­sing« inklusive. Sophie steckt voller Neugier und Lebens­freude, ihre lässigen Kommen­tare sorgen regel­mäßig für Lacher – sowohl bei den Gästen ihrer Hotel­an­lage als auch im Kino­pu­blikum. Doch schaut man genauer hin, durch­zieht den Film eine tiefe Trau­rig­keit. Mental Illness zeigt sich nicht immer drama­tisch und aufregend. Es sind gewisse Antworten, leere Blicke. Heim­tü­ckisch und leise zeichnet der Film dieses Thema im Alltag der Prot­ago­nisten und zeigt, dass auch Kinder ihre Eltern nicht retten können. (Maria Feckl, LMU München)

Wer kennt es nicht, das Gefühl nach einem langen Tag in der Sonne sich und seinen Körper mit einer pfle­genden Lotion Aftersun einzu­cremen. Der neue Film von Charlotte Wells über­mit­telt genau jenes Gefühl: Das Gefühl von Gebor­gen­heit, Pflege und Selbst­für­sorge. Zumindest auf den ersten Blick. Was wie ein idyl­li­scher Urlaub zwischen Vater und Tochter wirkt, wird schnell von der Realität eingeholt. Charlotte Wells nimmt den Zuschauer in ihrem Filmdrama mit auf eine Reise, die die Beziehung von Jung und Alt dem Leben gegenüber aufzeigt. Auf eine realis­ti­sche, verspielte Art und Weise lässt der Film einen spüren, was es heißt, am Leben zu sein und wie wichtig es ist, es zu genießen. Aber auch, wie wichtig es ist, sich nach einem langen Tag in der Sonne zu schützen. (Stella Kluge, LMU München)

Ein starkes Debüt, das auf eine symbio­ti­sche Tochter-Vater-Beziehung fokus­siert, die in immer wieder etwas zu langen Einstel­lungen gehäutet wird wie eine Zwiebel, um zum Kern der Dinge zu kommen. Denn was zu Anfang nur ein Pauschal­ur­laub in der Türkei ist, wird zum Rückblick einer jungen Frau, die offen­sicht­lich die gleichen Fehler wie ihr Vater gemacht hat und sich inzwi­schen dieselbe Frage stellen muss, die sie ihm einst während des porträ­tierten Urlaubs gefragt hat: Wer wolltest du in meinem Alter später sein? So leicht der Film mit Coming-of-Age-Elementen wie dem ersten Kuss spielt, so gnadenlos schwer (dabei über­ra­gend gespielt von Paul Mescal und Frankie Corio) wird er, wenn die depres­siven Schübe des Vaters die Bilder verdun­keln. (Axel Timo Purr)

A plein temps (Frank­reich 2021, R: Eric Gravel) (Inter­na­tional Inde­pen­dants)
Aufstehen. Fertig­ma­chen. Arbeiten. Gemeinsam mit der Prot­ago­nistin hasten wir durch Menschen­massen an Bahn­steigen, schlagen uns durch den lärmenden Verkehr in Paris. Fertig­ma­chen. Wir suchen auf der Arbeit nach Ausreden für Verspä­tungen, für die wir nichts können. Arbeiten. Wir versuchen in letzter Minute verzwei­felt, allein einen Kinder­ge­burtstag auf die Beine zu stellen. Aufstehen. Wir vergessen unsere Rolle des Zuschau­enden. Wir sind mitten­drin. Schnelle Bilder kombi­niert mit repe­ti­tiven elek­tro­ni­schen Klängen lassen uns den Alltags­stress einer allein­er­zie­henden Mutter zweier Kinder am eigenen Leibe spüren. Die wenigen, ruhigen Nahauf­nahmen lassen uns auf kurze Momente der Auszeit hoffen. Doch statt­dessen blicken wir in ein Gesicht – gezeichnet von ständiger Erschöp­fung und ewigem Weiter­ma­chen. (Katrin Mühlberg, LMU München)

In »Vollzeit« (so der Titel auf Deutsch) rast die Allein­er­zie­hende Julie Roy durch ihren durch­ge­tak­teten Alltag, der mit dem gnaden­losen Wecker beginnt und mit den zu erfül­lenden Bedürf­nissen ihrer zwei Kinder am Abend endet. Der elek­tro­ni­sche Beat treibt Julie und den Zuschauer in diesem span­nenden Alltags-Thriller vor sich her und erinnert an Lola rennt wo auch eine unmög­liche Aufgabe gelöst werden muss. Wie in In den besten Händen werden politisch-gesell­schaft­liche Dynamiken (hier v.a. der tagelange Streik des öffent­li­chen Verkehrs in der Wirkung auf Pendler, Jobsuche, Versagen des Vaters, Problem der Kinder­be­treuung) in ihrer den Einzelnen zermal­menden Kraft gezeigt. Laure Calamys Gesicht wird zum Spiegel einer schier über­mensch­li­chen Anstren­gung, die keine Ruhezeit, kaum Unter­s­tüt­zung kennt. (Christoph Becker)

Métro, boulot, dodo. Die allein­er­zie­hende Julie hat sich in diesem monotonen Dreiklang der Pariser Banlieue einge­richtet. Im Morgen­grauen liefert sie ihre beiden Kinder bei einer Nachbarin ab und rast mit wippendem Pfer­de­schwanz los, um den über­füllten Vorortzug nach Paris zu erwischen. Weil ihr Ex-Mann den Unterhalt schuldig bleibt, ist die Ökonomin gezwungen, als Hausdame in einem Luxus­hotel schnell und diskret den Dreck der Super­rei­chen verschwinden zu lassen. Diese kräf­te­zeh­rende Routine gerät durch einen Bahn­streik an den Rand der Kata­strophe. Eric Gravels Film ist eine inno­va­tive Mischung aus neoli­be­ralem Sozi­al­drama und Thriller. Der hypno­tisch-mitreißende Sound bei der Hetze durch ein desin­ter­es­siertes bis feind­li­ches Paris orien­tiert sich am Herz­schlag der phan­tas­ti­schen Haupt­dar­stel­lerin Laure Calamy. (Katrin Hill­gruber)

Samstag, 02.07.2022

Das Pfau­en­pa­ra­dies (Italien, R: Laura Bispuri) (Spotlight)

Pfauenparadies
(Foto: FILMFEST MÜNCHEN / Laura Bispuri)

Der Wind in den Baum­kronen, Meeres­rau­schen und die Farben von Max Mara im hellen Licht. An einem Wintertag trifft Nena’s Familie in ihrem am Haus aufein­ander und wird ihren Geburtstag feiern. Ihr vertrauter und doch heim­li­cher Kuss mit der Haus­häl­terin findet sich in einer der ersten Szenen. Als der Pfau in Admi­ra­tion einer Taube sein Rad schlägt, bewegt die Anmut seines Anblicks zum ersten Mal alle Anwe­senden. 40 Jahre zusammen zu dritt, wenigs­tens bis zum Ende des Sommers, Minuten versteckt nur hinter einem Paravan, eine Hochzeit im Frühling, Sasha wird im September erwartet. Der Herbst bringt »melan­conia«, aber der Winter mit seiner Klarheit ist Umbertos Lieb­lings­jah­res­zeit. – Die gleißende Sonne ist beim Verlassen des Kinosaals der aufkom­menden Gewit­ter­wol­ken­decke gewichen. Dieser Film lässt gedan­ken­ver­loren zurück, jeder einzelne Charakter bleibt rätsel­haft und regt die Phantasie an. (Tilla Harms, LMU München)

Fami­li­en­fest heißt Wahr­heits­fest. Anders als in dem ebenfalls auf dem Filmfest gezeigten Fami­li­en­fest in The Humans, kommt Bispuris luzides Fami­li­en­estellen jedoch ganz ohne poli­ti­schen Anspruch aus. Hier ist alles Familie. Und die Aufar­bei­tung der Familie, der Pfau ein Symbol für die Schönheit, was sein könnte, aber nicht sein kann. Denn was nützt einem Vogel die Schönheit, wenn er nicht fliegen kann? Bispuris Prot­ago­nisten finden die Antwort: Reden um der Wahrheit willen, bis sogar die Verstummten wieder reden. Bispuri stellt die wichtigen Fragen des Lebens: Warum fragen wir uns nichts mehr, wenn wir doch wissen, dass jeder der Nächste sein kann, der stirbt? Große Momente, wenn die Stimmen verstummen und statt­dessen eine Geige spielt und die Kamera hinter die Blicke dringt, langsam, eindring­lich, wahr­haftig. Momente wie bei Michel­an­gelo Antonioni, ganz oft. Aber nicht nur deshalb ist Bispuris Film auch einer über das Abschied­nehmen. (Axel Timo Purr)

Bene­dic­tion (Verei­nigtes König­reich 2021, R: Terence Davies) (Wett­be­werb CineMas­ters)
Das Genre des Biopic ist momentan hoch im Kurs. Diesmal geht es um das Leben des briti­schen Dichters Siegfried Sassoon, der, von vielen als Held gefeiert, schließ­lich im Ersten Weltkrieg den Mili­tär­dienst verwei­gert. Und auch sonst ist sein Leben alles andere als ruhig, was vor allem seiner Homo­se­xua­lität geschuldet war, die nicht öffent­lich gelebt werden durfte. Bene­dic­tion erzählt nicht chro­no­lo­gisch, springt von den jungen Lebens­jahren ins hohe Alter und zurück, gemischt mit Bildern aus dem Krieg und aus dem Off vorge­le­senen Gedichten des Prot­ago­nisten. Kostüme und Szenen­bild sind einwand­frei, die Besetzung ebenfalls, die Montage gelungen und trotzdem fehlt irgend­etwas. Viel­leicht erzählt der Film zu poetisch, viel­leicht vermisst man eine klare Aussage – aber ande­rer­seits, hat denn jedes Leben eine Aussage? (Christoph Becker)

Die Magne­ti­schen (Frank­reich, Deutsch­land 2021, R:Vincent Maël Cardona)
Philippe spricht nicht. In der gemein­samen Radioshow übernimmt sein drauf­gän­ge­ri­scher Bruder Jerôme diesen Part. Philippe drückt nur die Knöpfe, kreiert bizarre Sounds. Aus ihm wurde nicht der Alpha-Mann, den sein Vater ihm vorlebte. Marianne – die Romanze des Bruders – weckt eine neue Seite in »Philou«. Das Leben der Brüder wird sie nach­haltig verändern. Doch mitten in ihrer Welt zwischen Walkman und Joy Division droht der Wehr­dienst. Vom fran­zö­si­schen Dorf nach West-Berlin, eine völlig andere Welt – viel­leicht sogar eine bessere? Dort gibt es nur Philippe ohne Jerômes Schatten. Das Regie­debüt von Vincent Maël Cardona lässt das Publikum teilhaben an der Suche eines jungen Mannes. Einer Suche nach seinem Platz in der Welt und vor allem: seiner eigenen Stimme. (Maria Feckl, LMU München)

Falcon Lake (Frank­reich, Kanada 2022, R: Charlotte le Bon) (Wett­be­werb CineVi­sion)
Auf den ersten Blick ist es ein ganz normaler Coming-of-Age-Film. Zwei Jugend­liche, die sich im Sommer­ur­laub näher kommen, dabei unsicher sind. Doch dem titel­ge­benden Falcon Lake wohnt eine gewisse Dunkel­heit bei, eine schwer zu erklä­rende Gefahr. Dabei bilden der See und der ihn umgebende Wald eine idyl­li­sche und farblich traum­hafte Harmonie. Viel­leicht sind es die Figuren, die teils (wenn auch milde) Mutproben erzwingen oder scha­den­freudig lachen, wenn sie jemanden erschre­cken. Auch wenn sich darin eigent­lich nur die Unsi­cher­heit der Jugend­li­chen zeigt, bleibt das ungute Gefühl. Ob es viel­leicht an den Geistern liegt, die wohl um den See hausen? Doch auch dann bleibt die Frage, wieso es gleich­zeitig schön ist. Es ist diese wider­sprüch­liche, schwer zu beschrei­bende Atmo­sphäre, die den Film besonders macht. (Paula Ruppert, LMU München)

Eine Liebes­er­klärung an die Melan­cholie – so beschreibt Charlotte le Bon ihr Regie­debüt. Eine Hommage an erste Partys, die erste Liebe und knis­ternde Lager­feu­er­ge­schichten. Bastien trifft im Fami­li­en­ur­laub auf Chloé – spontan, wild und zwei Jahre älter als er. Mit ihrer eigen­ar­tigen Faszi­na­tion für die Legende eines ertrun­kenen Geistes stößt sie in ihrem Umfeld auf Unver­s­tändnis. Da kommt Bastian gerade recht: er lässt sie sein, wie sie ist. Schnell findet sie Gefallen an ihm und er wird Teil ihrer Welt. Doch die Partys mit älteren Jungs erinnern ihn daran, dass er noch keiner von ihnen ist. Eigent­lich ist er zu jung für Chloé und doch hängen beide anein­ander. Das Setting am See mit dichten Wäldern spiegelt auch ihr Inneres wider: ein verschlun­genes Labyrinth, das erst erkundet werden muss. (Maria Feckl, LMU München)

Dieses Debüt ist Charlotte Le Bons »love decla­ra­tion to melan­cholia«. Die Nacht und ihre Übergänge, Bilder der Seen und des sie umge­benden Walds im Zwielicht – sie reflek­tieren ihre Prot­ago­nisten magisch. In den Ferien ihrer Familien treffen sie sich wieder: er wird 14, sie ist »sweet sixteen«. Chloé fragt ihn nach seinen größten Ängsten und konfron­tiert Bastien verspielt mit ihnen: »ça se mérite« (in etwa: das verdient man sich). Die Kamera ist ihm und seinen Blicken immer am nächsten. Chloé öffnet sich uns durch ihre spontanen Aktionen und ihre Über­zeu­gung, dass am See ihr Phantom spukt. Charlotte Le Bon hat für ihr Drehbuch die Graphic Novel »Une sœur« von Bastien Vivès adaptiert und die Szenerie von der Bretagne in die ihr vertrauten Sommer­fe­rien in Québec verlegt. Ihr gelingt ein intimer Coming-of-Age. (Tilla Harms, LMU München)

War Pony (USA 2022, R: Riley Keough, Gina Gammell) (Wett­be­werb CineVi­sion)
An zwei männ­li­chen Schick­salen werden äußerst eindring­lich und erschüt­ternd die Lebens­ver­hält­nisse im Pine-Ridge-Reservat entfaltet. Auch wenn ab und an ein mysti­scher Büffel erscheint, ist die Verbin­dung zu den indigenen Wurzeln gekappt, im besten Fall ist sie noch touris­tisch. Der 12-jährige Matho handelt mit den geklauten Drogen seines Vaters, kifft, raucht und trinkt, klaut mit seiner kleinen Bande früh­reifer Jungs Autos. Von Liebe und Fürsorge der Erwach­senen keine Spur, das ist kaum erträg­lich und ist auch beim 23-jährigen Bill nicht besser, der für seine zwei Kinder und Frauen keine Verant­wor­tung über­nehmen kann, unrea­lis­ti­schen Projekten nachgeht, ständig stoned, innerlich selbst ein Kind. Die Abwärts­spi­rale dieser Gene­ra­tion ist schau­spie­le­risch und filmisch perfekt insze­niert. (Christoph Becker)

Broker (Südkorea 2022, R: Hirokazu Kore-eda) (Wett­be­werb CineMas­ters)
In Broker wieder­holt sich Kore-eda erstmals, denn fast alle Motive seines preis­ge­krönten Films Shop­lif­ters (2018) finden sich auch hier: Sozi­al­kri­tisch über­bautes Familien-Patchwork und Lügner bzw. Klein­kri­mi­nelle, die die besseren Menschen und natürlich die bessere Familie sind. Da Kore-edas Film in Südkorea spielt, sieht sich das fast so wie ein kleines südko­rea­ni­sches Remake, in dem Kore-eda aller­dings emotional und auch mit dem Score und natürlich dem Baby-Broker-Motiv seine Standards noch einmal verstärkt, um seinen kriti­schen Quer­schnitt der korea­ni­schen Gesell­schaft zu präsen­tieren. Das ist auch wegen seines hervor­ra­genden Ensembles (u.a. Parasites Song Kang-ho) immer noch großes Kino, aber weit von seinen Meis­ter­werken wie Like Father, Like Son und Unsere kleine Schwester entfernt und man wünscht sich immer wieder, dass Kore-eda ein wenig mehr die alte Schreib­rat­ge­ber­formel Show, don’t tell beher­zigen möge. (Axel Timo Purr)

Die Geschichte um eine junge Prosti­tu­ierte, die ihren Säugling in eine Baby­klappe legt und dann in einen Strudel von Kinder­handel und Poli­zei­ver­fol­gung gerät, ist ein Feelgood-Roadmovie, kaum zu glauben. Ähnlich wie in dem groß­ar­tigen Shop­lif­ters findet sich eine neue Familie aus gesell­schaft­li­chen Verlie­rern zusammen. Als Resultat gibt es sehr rührende und bewegende Szenen, in denen die Prot­ago­nisten zum ersten Mal in ihrem Leben echte Wert­schät­zung und Liebe erfahren. Insgesamt sind hier aber alle einfach zu nett, selbst die beiden Poli­zis­tinnen, die alles über­wa­chen, es fehlen kantige Anta­go­nisten oder eine schärfere Ausein­an­der­set­zung mit den sozialen Grund­pro­blemen, um dem Film mehr Würze zu geben. So fokus­siert sich alles zu lange auf die bange Frage, ob es für diese Wahl­fa­milie ein Happy End geben kann. (Christoph Becker)

Freitag, 01.07.2022

Märzen­grund (D/Ö 2021, R: Adrian Goiginger) (Spotlight)
Verlorene und wieder­ge­fun­dene Heimat. Ein weiterer der in diesem Jahr domi­nie­renden, unge­wöhn­li­chen deutsch­spra­chigen „Heimat­filme“, der aber anders als der große Bergfilm dieses Festivals – Felix van Groe­nin­gens und Charlotte Vander­meerschs Acht Berge – allein auf die Natur setzt, um von intra­fa­mi­liären und gesell­schaft­li­chen Unwuchten erlöst zu werden. Diesen Gedanken, den ja schon die Roman­tiker zu großer Kunst führten, trans­for­miert der öster­rei­chi­sche Regisseur, der 2017 auf der Berlinale mit Die beste aller Welten debü­tierte, über die Adaption eines Thea­ter­s­tücks zu einem bild­mäch­tigen, auch emotional berüh­renden Film, dessen starkes Ensemble auch vom Abschied einer Zeit der unberührten Berge erzählt. Denn so wie der kaum zu dechif­frie­rende Ziller­taler Dialekt, sind auch diese Berge inzwi­schen verschwunden. Was uns jetzt bleibt, um erlöst zu werden, sind wohl nur noch die uner­mess­li­chen Weiten des Welten­raumes. (Axel Timo Purr)

One in a Million (Deutsch­land 2022, R: Joya Thome) (Kinder­film­fest)
Nach ihrem groß­ar­tigen Low-Budget-Debüt mit der Königin von Niendorf und der eher unspek­ta­kulären Groß­pro­duk­tion Lauras Stern arbeitet Thome in ihrem neuen Film erstmals doku­men­ta­risch. Das gelingt ihr hervor­ra­gend, stellt sie doch das Coming-of-Age zweier ausschließ­lich über soziale Medien befreun­deter Mädchen aus den USA und Deutsch­land so ruhig und gelassen dar, wie es die Heldin in ihres ersten Films war und bietet ganz nebenbei ein völlig vorur­teils­freies, ebenso gelas­senes Porträt digitaler Kommu­ni­ka­tion und medialer Präsenz. Die Entschei­dung, ob das alles „nur“ ein „Leben aus zweiter Hand“ ist, bleibt dem Zuschauer über­lassen, was eine durchaus ambi­va­lente Heraus­for­de­rung ist und jede Gene­ra­tion anders beur­teilen dürfte. Denn Thome macht es dem Betrachter nicht einfach, da ihre Geschichte auch eine der digitalen Eman­zi­pa­tion ist. (Axel Timo Purr)

Mariu­polis 2 (Deutsch­land, Frank­reich, Litauen 2022, R: Mantas Kvedara­vičius) (Spotlight)

Mariupolis
(Foto: FILMFEST MÜNCHEN / Mariu­polis 2)

Es ist der gelebte Albtraum, die Hölle auf Erden, das Paradoxon aus Alltag und Krieg. Für die Menschen in Mariupol ist das seit Putins Angriff die Realität. Der Doku­men­tar­film des nach Ende der Dreh­ar­beiten ermor­deten litaui­schen Regis­seurs Mantas Kvedara­vičius zeigt die unter Dauer­be­schuss stehende Bevöl­ke­rung zu Beginn des Krieges. Ohne Kommentar von außen werden die Bela­gerten gezeigt, die versuchen, inmitten von Tod und Zers­törung zu leben. Vor allem die absurde Norma­lität, die der Krieg für sie geworden ist, ist schwer mit anzusehen. Oft blickt die Kamera auch nur aus dem Fenster, zeigt, wie die Stadt zu einem Meer von Ruinen wird und brennt. Bomben­ein­schläge und andere Geschosse unter­malen den Film wie ein Sound­track. Es ist das beklem­mende, eindring­liche Portrait einer Stadt, die das Unaus­sprech­liche lebt. (Paula Ruppert, LMU München)

Domingo y la niebla (Costa Rica, Katar 2022; R: Ariel Escalante Meza) (Inter­na­tional Inde­pend­ents)
Domingo redet mit dem Nebel und der mit ihm. Die Bauern sollen ihre Häuser an eine korrupten Baufirma verkaufen, die Übernahme kann freund­lich ablaufen, oder halt auf die harte Tour. Nach außen oft als 1st-World-Country portrai­tiert, zeigt der Film ein anderes Costa Rica. Gedreht wurde während Corona mit einem nur sieben­köp­figem Team. Die Sozi­al­kritik am Mafia­ka­pi­ta­lismus geht eine Verbin­dung mit magischem Realismus ein, mit »la niebla«, dem Nebel, – on Set und ohne CGI entstanden – als eigen­s­tän­digem Akteur. Markiert durch aufwän­diges Sound­de­sign könnte dieser Domingos schnaps­ver­ne­belten Hirn entspringen. Viel­leicht ist es aber doch Domingos verstor­bene Ehefrau Marilen, die aus dem Jenseits mit ihm Kontakt hält. Neben Ohnmacht und Wut ist es die Verzweif­lung, die Domingo um sein Haus kämpfen lässt: Was, wenn Marilen/ la Niebla ihn dann nicht mehr findet? (Michaela Gruber, LMU München)

Der perfekte Chef (Spanien 2021, R: Fernando León de Aranoa) (Spotlight)
Viel­leicht ist diese spanische Komödie dann doch etwas zu glatt und unter­haltsam, um sie als bitterbös charak­te­ri­sieren zu können, obwohl die perfekte Fassade des Firmen­chefs (Javier Bardem ist gut, aber eher unter­for­dert) und sein ständiges Gerede von der »Firmen­fa­milie« in vielen Szenen als blanker Eigennutz und unter­neh­me­ri­sche und sexuelle Ausbeu­tung entlarvt wird. Alles geht runter wie ein süffiger spani­scher Wein (Musik, Timing, Kamera), bei dem nur der letzte Schluck wirklich korkt. Selten wird der Chef wirklich in Verle­gen­heit gebracht oder muss er seine Maske fallen lassen, wie einst unver­gess­lich Philippe Noiret am Ende von Masken von Claude Chabrol. (Christoph Becker)
Über die Notwen­dig­keit den Kapi­ta­lismus zu demas­kieren, hat ja schon Brecht viel Vorarbeit geleistet. Moralisch bewegt sich auch Fernando León de Aranoa in diesem Fahr­wasser, ist aber erheblich unter­halt­samer, manchmal viel­leicht sogar zu unter­haltsam. Trotz eines großartig aufge­legten Ensembles und Dialogen, die sich sogar um die Reim­qua­lität von Demo­sprüchen kümmern und auch sonst sprach­spie­le­risch vom Feinsten sind, wünscht man sich hier ein wenig mehr vom bösar­tigen Biss der Sozi­al­dramen von Ken Loach oder die bündige, gnaden­lose Entschlos­sen­heit von Cédric Klapischs Mein Stück vom Kuchen. (Axel Timo Purr)

Verlorene Illu­sionen (Frank­reich 2021, R: Xavier Giannoli) (Inter­na­tional Inde­pend­ents)
In dieser mitreißenden Lite­ra­tur­ver­fil­mung aus einem Guss, die den Aufstieg und Fall eines jungen und naiven Schreib­ta­lents im Paris des 19. Jahr­hun­derts schildert, reibt man sich verwun­dert die Augen, dass die Gesell­schafts- und Medi­en­kritik von Balzac aktueller nicht sein könnte, wenn man ein paar Dinge austauscht. Aha-Erlebnis: In nur zwei Film-Minuten wird bewiesen, dass ein guter Roman von der Kritik mit entspre­chenden Gegen­satz­paaren zu einer Lobes­hymne oder zu einem Verriss umgebaut werden kann. Dazu Liebe und Intrige satt, mensch­liche Gier und falsche Ziele – das alles mit tollem Timing für Tempo und Schwer­punkt­set­zung dynamisch gefilmt, mit zeit­genös­si­scher Musik untermalt und mit groß­ar­tigem Cast ausge­spielt. Wow! (Christoph Becker)

Donnerstag, 30.6.2022

The Humans (USA 2021, R: Stephen Karam) (Wett­be­werb CineVi­sion)
Krankheit, Religion, EhebruchThe Humans greift viele verschie­dene Themen auf. Aller­dings wird bei der Diskus­sion dieser Probleme nur an der Ober­fläche gekratzt und dadurch ein undurch­sich­tiges Schau­spiel insze­niert, in dem man sich den Charak­teren nicht näher fühlen kann. Auch unpas­sende, sich wieder­ho­lende Jump Scares und die Endszene, die an einen Horror­film erinnert, sorgen eher für Verwir­rung als ein nach­denk­li­ches Bild zu liefern. Jedoch strotzt »The Humans« nur so vor Symbolik und ästhe­ti­schen Bildern, die dem Zuschauer durch Close-ups und Out-of-Focus Shots die Probleme der Familie näher bringen. Durch die fehlende musi­ka­li­sche Unter­ma­lung wird es dem Publikum ermög­licht die beklem­mende Stimmung im Film selbst zu erfahren. Durch das offene Ende und den Überfluss an Komödien-, Drama- und Horror-Elementen entsteht ein Kunstwerk, dass mehr Fragen aufwirft als beant­wortet. (Louisa Hoth, LMU München)

Ear For Eye (Verei­nigtes König­reich 2021, R: debbie tucker green) (Wett­be­werb CineRe­bels)

Ear for Eye
(Foto: FILMFEST MÜNCHEN / Ear for Eye)

Und immer wieder die Hände. Sie stehen im Zentrum des Films über die rassis­ti­sche Behand­lung von Persons of Colour. Sind es doch die Hände, von denen poten­zi­elle Gefahr ausgeht: Schuss­waffen, Faust­schläge. Egal wie weit hergeholt der Verdacht, zu oft wird genau dies schwarzen US-Ameri­ka­nern zum Verhängnis. Regis­seurin Debbie Tucker Green betont, wie wichtig ihr authen­ti­sche Körper­sprache ist. Wenn die Mutter ihrem Sohn beipflichtet, dass er dieses Shirt nicht tragen, jene Mimik nicht zeigen darf. Alles poten­zi­elle Provo­ka­tion der Behörden, denn Wider­worte werden sowieso im Mund verdreht. Intime Snapshots mitten aus dem Leben, die für zu viele Alltag sind. Voller zärt­li­cher Sorge und unaus­sprech­li­cher, müder Wut. Für die Auffor­de­rung »give me a reason not to findet man keine Antwort. (Maria Feckl, LMU München)«

Wenn sich doch endlich einmal etwas ändern würde. Doch bis Alltags­ras­sismus einmal so wenig wird, dass er keine Rolle mehr spielt, muss sich noch viel ändern. Ear for eye zeigt diesen Rassismus aus der Sicht verschie­dener Schwarzer, deren Konfron­ta­tion damit sowie den Umgang im häus­li­chen und fami­liären Kontext. Inter­es­sant ist dabei, dass Ort und Zeit nur sehr grob bestimmt sind und allem so eine Allge­mein­gül­tig­keit zuge­schrieben wird. Der ursprüng­lich für das Theater geschrie­bene Stoff wird auch im Film zu großen Teilen auf einer Bühne gespielt, andere Elemente wie sich drehende Bühnen­ele­mente und Projek­tionen sind ebenfalls dem Theater entnommen. Gleich­zeitig werden die Möglich­keiten, die das Medium Film bietet, so meis­ter­haft genutzt, dass ein Kunstwerk entsteht, das man unbedingt sehen muss. (Paula Ruppert, LMU München)

Fire on the plain (China 2021, R: Ji Zhang) (Inter­na­tional Inde­pend­ents)
Eine tolle Erfahrung beim Filmfest: Wie auslän­di­sche Filme die Zusam­men­set­zung des Publikums verändern und plötzlich halbleere Kinosäle ausver­kauft sind. Auch die Reak­tionen auf bestimmte Szenen und Dialoge sind spannend – plötzlich lachen alle und man selbst weiß gar nicht, wieso, hat die Szene anders dechif­friert. Eine bessere Art, in eine andere Kultur einzu­tau­chen, über sie ins Gespräch zu kommen, gibt es ja gar nicht! Heute also ein chine­si­scher Film noir, mit vielen bekannten Zutaten, das Ganze im indus­tri­ellen China 1997-2005, mit Arbeits­lo­sig­keit als einem großem Thema. Viele Nacht-Szenen und eine sehr spezielle Amour fou, gespielt von zwei chine­si­schen Filmstars. Dem Publikum scheint das zu gefallen, man selbst bleibt außen vor. (Christoph Becker)

Das Leben ein Tanz (Frank­reich 2022, R: Cédric Klapisch) (Spotlight)
Tanzen ist ihr Leben – oder vielmehr ihr Anker. Seit dem sechsten Lebens­jahr nimmt Elise Ballett­un­ter­richt, den Weg zur Prima­bal­le­rina beschritt sie ohne Zweifel. Nun ist sie 26 und das Fatale geschieht: eine Verlet­zung. Was, wenn die große Leiden­schaft des Lebens gefährdet ist? Elise begibt sich auf eine Suche, die sie bisher nie nötig hatte. Cédric Klapisch zeichnet schrul­lige, aber liebens­werte Charak­tere, bei denen der fran­zö­si­sche Humor nicht zu kurz kommt. Der Sound­track über­rascht bereits im Opening: verzerrte Töne und derbe Gitar­ren­riffs kontras­tieren die klas­si­sche Ballett­vor­füh­rung. Kompo­niert wurde dieser von Hofesh Shechter, der sich selbst als Kopf der gleich­na­migen Tanz­gruppe verkör­pert. Ein Film, der erzählt, wie man sich selbst findet, wo man immer schon gewesen ist. (Maria Feckl, LMU München)

Profes­sio­nelles Tanzen ist immer mit dem Risiko verbunden, von heute auf morgen durch eine einzige Verlet­zung seine gesamte beruf­liche Grundlage zu verlieren und sich orien­tie­rungslos wieder­zu­finden. Genau das passiert der Ballett­tän­zerin Elise, als sie bei einer Vorstel­lung mit dem Knöchel umknickt. Es entstehen tief­ge­hende Lebens­zweifel, die erst dann weniger werden, als sie kreativ und privat neue Perspek­tiven und Denk­an­stöße findet. Die Handlung ist manchmal etwas seicht und vorher­sehbar, doch gerade alle Szenen mit Künst­lerInnen, sei es bei Tanz oder Musik, sind sehr gut ausge­ar­beitet und technisch einwand­frei umgesetzt, was beim Zuschauen viel Freude bereitet. Ein Tanzfilm der ange­nehmen Art mit etwas Tiefe, der zeigt, dass Krea­ti­vität und Kunst im Leben berei­chern, helfen und heilen können. (Paula Ruppert, LMU München)

Petrov’s Flu (D/F/RUS/CH 2021, R: Kirill Sere­bren­nikov) (Wett­be­werb CineRe­bels)
Irgendwo in Russland, viel­leicht in Jeka­te­rin­burg, viel­leicht in einer anderen Stadt, irgend­wann nach dem Zerfall der Sowjet­union. Die Grippe geht um, und in die Alltags­ein­drücke der Petrovs mischen sich Fieber­träume und Hallu­zi­na­tionen. Diese sind meist brutal, blutig, anar­chisch. Und dann gibt es da noch die Kind­heits­er­in­ne­rungen, die in ihrer Bildäs­thetik sowje­ti­schen Filmen ähneln. Realität und Einbil­dungen sind eng mitein­ander verwoben und kaum vonein­ander trennbar. Wie so oft in zeit­genös­si­schen russi­schen Filmen ist alles trostlos, kalt, nass, eben blutig und hat einen sehr spezi­ellen Humor. Doch die Bild­sprache und die Mischung aus ästhe­ti­scher und Rockmusik haben ihren Reiz. Es ist aller­dings zu bezwei­feln, dass der Film etwas für Zuschauer ist, die diese Art Film zum ersten Mal sehen. (Paula Ruppert, LMU München)

Hustend, niesend, schwit­zend... und im Delirium kommt man viel­leicht auch als Zuschauer aus dem Kino, nach diesem genial-fiebrigen radikalen Film, der mit einem Erschießungs­kom­mando beginnt, und sich dann langsam steigert.
Das Russland der 90er war auch nicht besser als das heutige: In dieser Alltags­hölle des Mate­ria­lismus wird Titelheld Petrov zum Josef K. eines in Ruinen liegenden Schlosses. Petrov’s Flu ist zumindest formal die Verfil­mung des gleich­na­migen Roman des erst 43-Jährigen russi­schen Autors Alexei Salnikov, das im Original etwa »Die Petrovs in und um die Grippe« bedeutet, und im nächsten Jahr auf Deutsch erscheint.
Kirill Sere­bren­nikov gelingt ästhe­tisch heraus­ra­gendes Achter­bahn­kino und ein rebel­li­sches Manifest gegen den natio­na­lis­ti­schen Geist, nicht nur den russi­schen. (Rüdiger Suchsland)

Er hinter­lässt rechtes Schä­delweh, der zweite Film des russi­schen Regis­seurs Kirill Sere­bren­nikov Petrov’s Flu. Der Fieber­traum seines Prot­ago­nisten Petrov – ein Comic­zeichner – gerät in die Zeit­schleife eines karne­val­esken Chaos‘ wieder­keh­render Kind­heits­er­in­ne­rungen. Ein surrealer Linienbus, für den Buñuels Straßen­bahn Pate gestanden haben mag, bringt eine Schick­sals­ge­mein­schaft durch das in Schlamm und Düsternis versin­kende Land – mit einer gulag­stu­ten­glei­chen Schaff­nerin, die harsch den Rubel für die Fahrkarte einfor­dert. Wenn hier die Frauen schreien, morden, nackt oder schwanger sind, macht sich schale Miso­gy­nität breit, aber auch die lauten, saufenden und unap­pe­tit­li­chen Männer kommen in dieser Dystopie nicht besser weg. Das ganze Leinwand-Schlamm­assel mitsamt bilder­s­tür­mender Leinwand-Rebellion passt tatsäch­lich unter das Stichwort »Cine-Rebel«, zehrt aber auch gehörig an den Nerven. (Dunja Bialas)

El Hoyo en la cerca (Mexiko 2021, R: Joaquín del Paso) (Inter­na­tional Inde­pend­ents)
Der Mexikaner Joaquín del Paso entwirft das düster-dysto­pi­sche Bild einer Ober­schicht, die sich für den Mach­ter­halt und die Sicherung der Privi­le­gien in Allianz mit der katho­li­schen Kirche in übelsten Formen der Repres­sion übt. Del Paso wählt dafür als Modell das Feri­en­camp einer ultra­kon­ser­va­tiven kirch­li­chen Orga­ni­sa­tion (mit polni­schen Priestern), in dem die verwöhnten Jungs der besseren Familien ihre rassis­ti­schen und homo­phoben Ressen­ti­ments austoben. Den Leitern des Camps geht es vor allem darum, über eine durch das Loch im Zaun sugge­rierte Bedrohung von außen (durch die Armen und die Indigenen) ihre Unter­drü­ckungs­er­zie­hung mit Angst zu legi­ti­mieren. Del Pasos pessi­mis­ti­sche Vision lässt wenig Raum für Hoffnung. Die eigen­artig künstlich in die idyl­li­sche Land­schaft einge­bet­tete Ferien-Enklave erzeugt indes vers­tö­rende Effekte abgrün­digster Camp-Ästhetik. (Wolfgang Lasinger)

Godland (Dänemark/F/IS/S 2022, R: Hlynur Pálmason) (Wett­be­werb CineMas­ters)
Prot­ago­nist dieses beein­dru­ckenden Histo­ri­en­films um einen jungen dänischen Priester, der irgendwo in der Einöde Islands eine Kirche bauen lässt, ist die großartig foto­gra­fierte Land­schaft. Diese muss der Fremde erstmal bezwingen, um in der zweiten Film­hälfte seine Gemeinde über­nehmen zu können. Hier entfaltet sich ein ungeheuer inten­sives Psycho­drama um koloniale Anmaßung, zarte Annähe­rung, kulturell-sprach­liche Identität und männliche Rivalität. Ist die Religion mit ihren starren Vorgaben dabei eine Hilfe? Der Priester foto­gra­fiert ausge­wählte Menschen; so bleiben Zeugnisse des flüch­tigen Lebens in einer ewigen Natur, die irgend­wann Tier und Mensch in ihrem Schoß begräbt, was an einem verwe­senden Pfer­de­leichnam eindrucks­voll exem­pli­fi­ziert wird. Hier kann eine Kolo­ni­al­macht nur scheitern. (Christoph Becker)

Ein wuchtiger und stiller Film, so wie die Land­schaft Islands, der an die großen Romane des islän­di­schen Nobel­preis­trä­gers Halldór Laxness erinnert, der sein ganzes Leben gegen das Vergessen der dänischen Kolo­ni­al­zeit auf Island ange­schrieben hat. So wie in anderen europäi­schen Kolonien wird auch auf Island mit dem Kreuz missio­niert, das hier aber schon schnell abhanden kommt. Mit über­zeu­gend psycho­lo­gi­scher Tiefe, umwer­fenden Schau­spie­lern und einer poeti­schen Kamera gelingt es Hlynur Pálmason nicht nur die komplexen Facetten kolo­nialen (und rassis­ti­schen) Denkens und Handelns zu demas­kieren, sondern auch noch eine zärtliche Liebes­ge­schichte zu erzählen, einge­rahmt in die Anfänge der Foto­grafie. (Axel Timo Purr)

Mittwoch, 29.6.2022

Butterfly Vision (Kroatien/S/CZ/Ukraine 2022, R: Maksym Nakonechnyi) (Wett­be­werb CineVi­sion)

Butterfly Vision
(Foto: FILMFEST MÜNCHEN / Butterfly Visions)

Ein Schicksal erzählt durch Kameras, so könnte man Butterfly Vision wohl am besten zusam­men­fassen: Live­streams auf Social-Media-Platt­formen, Fern­seh­re­por­tagen, und die Kamera, mit der die Prot­ago­nistin Lilja, die in der Ostukraine Aufklärungs­drohnen fliegt, die Welt sieht. Bei diesen Bildern ist nicht immer klar, ob es sich tatsäch­lich um Aufklärungs­flüge handelt oder um Darstel­lungen von Liljas Trauma, die nach der Befreiung aus der Kriegs­ge­fan­gen­schaft versucht, das Gesche­hene zu verar­beiten. Ein immer wieder durch hektische, flash­backähn­liche Zwischen­schnitte unter­bro­chenes Portrait einer Frau, die Krieg bewäl­tigen will, von der Gesell­schaft aber heroi­siert wird. Schaler Beige­schmack: der Film ist u. a. vom ukrai­ni­schen Minis­te­rium für Kultur und Infor­ma­ti­ons­po­litik gefördert, eine Kombi, die stutzig macht. (Paula Ruppert, LMU München)

Elfriede Jelinek – Die Sprache von der Leine lassen (D, 2022: R: Claudia Müller) (Neues Deutsches Kino)
»Aber nun rastet eine Weile«: Mit dieser Auffor­de­rung endet Elfriede Jelineks Roman »Die Kinder der Toten«, den sie selbst für ihren wich­tigsten hält. Zu rasten scheinen auch die menschen­leeren Dörfer in der winter­li­chen Stei­er­mark, wo Jelinek 1946 geboren wurde. Die Kamera der ebenfalls von dort stam­menden Christine A. Maier durch­fährt sensibel die Land­schaft, unterlegt von den gnadenlos sezie­renden Sentenzen der Nobel­preis­trä­gerin. Claudia Müllers Porträt ist ein Meis­ter­werk der unter­halt­samen Über­ra­schungs-Montage, das die öster­rei­chi­sche Nach­kriegs­ge­schichte und damit Jelineks Motive von patri­ar­chaler Frau­en­ver­ach­tung bis zur »Buberl­partei« FPÖ auffächert. Die liebe­volle Hommage macht wach, räumt mit Vorur­teilen über die angeb­liche Öster­reich-Hasserin auf und weckt unan­ge­strengt den Appetit auf Literatur. Die Porträ­tierte soll sich aner­ken­nend geäußert haben. (Katrin Hill­gruber)

In der Cut-up-artigen Montage ahmt Claudia Müllers Portrait eines der ästhe­ti­schen Prin­zi­pien von Elfriede Jelinek nach. Befreit wirken nicht nur ihre von vielen Stimmen vorge­tra­genen Texte (u.a. Sandra Hüller, Sophie Rois, Maren Kroymann), sondern auch das Kinodebüt der 58-jährigen Regis­seurin. Das Bild der »Nest­be­schmut­zerin« entsteigt gruse­ligen Zeitungs­aus­rissen und den TV-Auftritten von Waldheim und Haider, beide dem extrem rechten Spektrum anzu­sie­deln, die eine krasse Kampagne gegen die besten Kultur­köpfe führten. Die innere Emigra­tion der Jelinek folgte prompt. Dass sie damit auch ihre Zusam­men­ar­beit mit Thea­ter­re­gis­seur Einar Schleef beendete, der unter Peymanns Intendanz das Burg­theater mit physi­schem, kraft­vollem Sprech­theater zur Avant­garde zeit­genös­si­schen Thea­ter­schaf­fens machte, löst größtes Bedauern aus. Man will mehr von diesen Insze­nie­rungen sehen und mehr von Jelinek lesen. Der Griff zum Bücher­schrank ist schon getan! (Dunja Bialas)

Wer glaubt, dass dieses Jelinek-Porträt nur etwas für Literatur-Inter­es­sierte ist, täuscht sich. Denn Müllers Doku­men­ta­tion ist weit mehr – sie ist auch Zeitreise und Zeit­do­ku­ment eines sich von brauner Soße und frau­en­feind­li­chen Sentenzen eman­zi­pie­renden Öster­reichs, dass dennoch im Sumpf stecken­bleibt. Was Müller hier mit dem Vehikel Jelinek über die Geißel des Tourismus erzählt, den Wut und den Hass und die erste Welle des Popu­lismus über den Trump-Vorgänger Jörg Haider und es mit Jelineks Prosa verschränkt ist aufregend und spannend und macht Lust, mehr von der Autorin von Hanekes Klavier­spie­lerin zu lesen, auch wegen Sätzen wie diesen: »In Paulas Möse geht seit lange Zeit schon nichts mehr vor sich.«, zu denen Müller eigent­lich immer die richtigen Bilder findet. (Axel Timo Purr)

Domingo y la niebla (Costa Rica/Katar 2022; R: Ariel Escalante Meza) (Inter­na­tional Inde­pend­ents)
Filme aus Costa Rica haben Selten­heits­wert. Der Witwer Domingo (Carlos Ureña) führt einen einsamen Kampf gegen die mafiösen Vertreter einer Baufirma. Er will seinen Hof am Rande des Regen­waldes nicht verlieren, durch den ein Highway gebaut werden soll. Vor allem aber glaubt Domingo fest daran, dass ihn seine verstor­bene Frau in Gestalt eines dichten bläu­li­chen Nebels besucht, der durch alle Ritzen seines alten Holz­hauses zu ihm dringt. Ariel Escalante Mezas Film kombi­niert Sozi­al­kritik an der angeblich prospe­rie­renden Schweiz Mittel­ame­rikas mit phan­tas­ti­schen bis über­sinn­li­chen Elementen der Meteo­ro­logie, unterlegt und verstärkt durch faszi­nie­rende Sound-Effekte. Die über­quel­lenden Klang- und Farb­wolken, in die Domingos gelber Regen­mantel emble­ma­tisch eintaucht, wiegen jedoch eine gewisse Hand­lungs­armut nicht auf. (Katrin Hill­gruber)

Dieser rätsel­hafte Film aus Costa Rica konfron­tiert die an das Erzähl­kino gewöhnten Zuschauer durch schwe­benden Real Mara­vil­loso (»wunder­bare Wirk­lich­keit«), der, wie der Ausdruck nahelegt, ganz und gar real aufzu­fassen ist. Verstreute Häuser auf dem abge­le­genen Hinter­land sind aus uner­find­li­chen Gründen Speku­la­ti­ons­ob­jekte einer Enteig­nungs­mafia. In Gangs­terart agieren die Geschäfts­leute, fahren Droh­sze­na­rien auf und auch konkrete Munition. Auch bei Domingo. Der alte Mann versorgt seine einzige Kuh liebevoll, ansonsten trifft er sich mit Freunden, um Hoch­pro­zen­tiges zu trinken. Ein surrealer Nebel sucht ihn immer wieder heim, dringt in die Ritzen seines Holz­hauses, nebelt im Schlaf ein, es ist die Seele seiner verstor­benen Frau, eine Wieder­keh­rerin, die ihn abholen kommt. Mit seinen unge­wöhn­li­chen Nebel­bil­dern entrückt der Film auch die Kino­zu­schauer. (Dunja Bialas)

The Cathedral (USA 2021, R: Ricky D’Ambrose) (Inter­na­tional Inde­pend­ents)
Unter­schied­li­cher könnten zwei Filme zum Thema Trennung der Eltern nicht sein. Während Petite Solange ganz kind­li­ches Gefühl ist, ist The Cathedral ganz analy­ti­scher Verstand. In künstlich gestellten Szenen und Stills werden die Stationen der Fami­li­en­ge­schichte von Jesse in größt­mög­li­cher Distan­ziert­heit abge­han­delt, struk­tu­riert durch Portrait­fotos von Jesse und TV-Bildern der ameri­ka­ni­schen Geschichte. Der Prot­ago­nist selbst bekommt keinen einzigen persön­li­chen Satz, er ist stummer Spiel­stein, der von den Eltern verschoben wird. Statt­dessen ist in der Familie viel von Geld die Rede. Die Wirkung ist von grausamer Trost­lo­sig­keit, die Leer­stellen der kind­li­chen Gefühls­welt muss man selbst ausfüllen. Ein radikaler Ansatz des Nicht-Erzählens, der dem Zuschauer einige Geduld abfordert. (Christoph Becker)

Jagd­saison (Deutsch­land 2022, R: Aron Lehmann) (Spotlight)
Ein wenig frus­trie­rend ist das schon, dass nach Contra eine weitere hervor­ra­gende deutsche Komödie »nur« ein Remake ist, des dänischen Films Jagtsæson (2019) von Tilde Harkamp. Aber egal, kommt Draht rum. Aron Lehmann (Kohlhaas oder die Verhält­nis­mäßig­keit der Mittel) zeigt, dass er dem Stoff gewachsen ist und mit Lea Schmid­bauer und Rosalie Thomass zu einem wilden Ritt in eman­zi­pa­to­ri­scher Frau­ener­mäch­ti­gung trans­for­miert hat, der voller Slapstick ist und mit fiesem, immer wieder eksta­ti­schem, sexua­li­siertem Humor über die Stränge schlägt wie Steve Carell in The 40-Year-Old Virgin, John Ritter in Blake Edwards' Skin Deep, Adam Sandler in Höchst­form oder Melissa McCarthy in einer ähnlichen Girls-Buddy-Formation in Brau­talarm. Und natürlich ist es in solchen Fällen immer zu loben, dass auch Hasen und Hunde sterben dürfen, in einer Szene, die ähnlich fantas­tisch und souverän insze­niert ist wie einst der Tod eines Hundes in A Fish Called Wanda. (Axel Timo Purr)

Rex Gildo – Der letzte Tanz (Deutsch­land 2022, R: Rosa von Praunheim) (Neues deutsches Kino)
So wie Claudia Müllers Film über Elfriede Jelinek ist Rosa von Praun­heims Porträt des Schla­ger­sän­gers Rex Gildo ebenfalls ein Porträt eines sich wandelnden Landes, das den einst erfolg­rei­chen Star am Ende in seine Möbel­häuser verbannt, obwohl da schon wieder Schlager angesagt sind und Schwul­sein sowieso. Die Einsam­keit des Stars erinnert an die Einsam­keit von Baz Luhrmanns Elvis und die inter­viewten Schla­ger­größen wie Cindy, Costa Cordalis oder Gritte Haenning ergänzen immer wieder kongenial die gespielten Elemente des Films, die nicht immer gelungen sind, dafür aber so klug wie humorvoll die Perspek­tive ihres Regis­seurs hinter­fragen, etwa in der direkten Ansprache an Praunheim: »Sie sind eine alte Sau, nicht alle Menschen sind schwul.« (Axel Timo Purr)

Wut auf Kuba (Deutsch­land 2022, R: Naira Cavero Orihuel) (Neues deutsches Kino)
Knall­hartes Sozi­al­drama, das sogar noch das Obdach­losen- und Arbeits­losen-Elend von Christina Ebelts Sterne über uns in seiner Hoff­nungs­lo­sig­keit in den Schatten stellt. Denn statt eine zu bekämp­fende Gegen­warts­mi­sere steht hier auch noch ein Trauma aus dunklen Kind­heits­tagen im Zentrum, das sich im Lauf des Films erwar­tungs­gemäß aus den verbor­genen Schichten des Unter­be­wusst­seins nach oben boxt und zwei weitere, versehrte Mitspie­le­rinnen mit ins Boot holt, die ebenfalls ihre biogra­fi­sche Last zu tragen haben. Das ist derartig intensiv und schau­spie­le­risch über­zeu­gend umgesetzt (vor allem Lena Schmidtke als Marlene, aber auch die Kinder­schau­spieler agieren hervor­ra­gend), dass man bisweilen den Blick abwenden muss, um das ausge­stellte Elend überhaupt ertragen zu können. (Axel Timo Purr)

Gott ist ein Käfer (Deutsch­land 2022, R: Felix Herrmann) (Neues deutsches Kino)
Felix Herrmanns HFF-Abschluss­film sieht sich wie ein klas­si­scher, deutscher Mumb­le­core-Movie. Asso­ziativ, suchend, aber nicht in Frage stellend wird hier in zufällig und spontan wirkenden Dialogen moderne (also junge) Bezie­hungs­bil­dung genauso unneu­ro­tisch in den Raum gestellt wie die Sache des Glaubens. Man könnte auch an Kleists Verfer­ti­gung des Gedankens beim Reden denken. Gedanken, die zwischen Komple­xität und Naivität, dem Ambi­gui­täts­pa­ra­digma früher Islam­wis­sen­schaftler und der Frage, was Liebe ist, ausschlagen wie ein Geiger­zähler unserer Alltags­exis­tenz und dabei auch immer im Alltag der beiden Prot­ago­nisten Alina und Benjamin vererdet werden. Das macht vor allem deshalb Spaß und neugierig, weil das Konzept völlig offen ist und damit immer wieder über­rascht. (Axel Timo Purr)

Performer (Deutsch­land 2022, R: Oliver Grüttner) (Neues deutsches Kino)
Es ist schwer, an diesem Coming-of-Age-Film eines jungen Abitu­ri­enten Interesse zu entwi­ckeln, denn anders als in den vergleich­baren, sehr ambi­va­lenten Filmen eines Larry Clark (z.B. Kids), bleibt hier jedes Gefühl, jede Handlung, jeder Dialog, jedes Date, ja sogar das gemein­same Saufen wie unter einer Käse­glocke konser­viert, ist selbst die toxische Männ­lich­keit, die sich aus Unsi­cher­heit gegenüber dem eigenen Ich entwi­ckelt, so belanglos wie die Abitur­rede, die hier am Ende gehalten wird. Was als Film zuweilen kaum erträg­lich ist, ist als Ethno­logie eines Soziotops dafür umso inter­es­santer, wird hier doch eine Jugend (und in Ansätzen auch die Eltern­ge­nera­tion) porträ­tiert, die apoli­ti­scher, neuro­ti­scher und visi­ons­loser nicht sein könnte. Für die Zukunft Deutsch­lands eine Droh­ge­bärde, die fürch­ter­li­cher nicht sein könnte. (Axel Timo Purr)

Dienstag, 28.6.2022

Sirens (USA/Libanon 2022, R: Rita Baghdadi) (Inter­na­tional Inde­pend­ents)

Sirens
(Foto: FILMFEST MÜNCHEN / Rita Baghdadi)

»Wow, she’s cute.« Zwei Freun­dinnen unter­halten sich gelöst über die Eroberung der letzten Party­nacht – eine weibliche. Um sie herum: Demons­tra­tion gegen das Regime – homophob und Anti-Meinungs­frei­heit. Eine paradoxe Szene, die den Alltag junger Menschen im Libanon beschreibt. Regis­seurin Rita Boghdadi erzählt die Geschichte der ersten Thrash Metall Band des Landes mit ausschließ­lich weib­li­cher Besetzung. Lilas und Sherry bilden deren unaus­ge­spro­chenes Zentrum – ihre explosive Verbin­dung sofort spürbar fürs Publikum. Die Sirens stehen ganz am Anfang. Selbst­zweifel, Zukunfts­ängste, den Krieg direkt vor der Haustür. Doch gemein­same Leiden­schaft lässt sie hoffen. »I’m right behind you«, sagt Shery, als sie einen dunklen Tunnel betreten. Doch wird sie an dessen Ende Licht erwarten? (Maria Feckl, LMU München)

Der Russe ist einer, der Birken liebt (Deutsch­land/Israel 2022, R: Pola Beck) (Neues Deutsches Kino)
Selbst­fin­dung gestaltet sich schwierig bis fast unmöglich, wenn man pausenlos vor sich selbst und dem, wodurch man in der Vergan­gen­heit geprägt wurde, davon­rennt. Genau das jedoch tut Mascha, die als Simul­tanü­ber­set­zerin eine poten­ti­elle Karriere bei der UNO anstrebt. Dann funkt ihr Privat­leben dazwi­schen, wirft sie aus der Bahn, sie nimmt reißaus. Erzählt wird zunächst nicht chro­no­lo­gisch, fast episo­den­haft, nichts wird erklärt. Je mehr die Prot­ago­nistin zu sich findet, desto weniger sprung­haft wird die Handlung. Die langen Einstel­lungen laden dazu ein, zu reflek­tieren und sprich­wört­lich den Fokus auf das zu setzen, was wichtig ist. Dass das Leben ein Gewirr aus Kulturen, Reli­gionen, Party und Ruhe ist, kommt darin wunderbar zum Tragen. Und man sieht diesem Gewirr dabei zu, wie es sich ordnet. (Paula Ruppert, LMU München)

Inten­sivste Iden­ti­täts­suche mit der absoluten Kern­schmelz­frage unserer globa­li­sierten (deutschen) Gegenwart: was macht es aus Deutsch oder etwas anderes zu sein? Die Freunde, die Familie, die Sprache oder das Land, in dem man wohnt? Aylin Tezel als Dolmet­scherin (Officium est Omen) möchte man auf ihrer Suche nach ihren verschwur­belten Wurzeln und ihrem Wunsch, irgendwo dazu­zu­gehören, gar nicht mehr aufhören zuzusehen, so intensiv und zerrissen füllt sie ihre verzwei­felte Rolle auf der Suche nach kultu­rellen Leer- und Zwischen­räumen und Liebes­schnit­te­stellen aus, unter­s­tützt von einem bemer­kens­werten Score, das nie zu laut, sondern dezent, aber doch tragend ist. Und dann immer wieder die Tanz­szenen in Clubs, die einer rituellen Reinigung gleichen und den Film kapi­tel­artig kata­lo­gi­sieren. (Axel Timo Purr)

Scarlet (D/F/I 2022) (R: Pietro Marcello) (Wett­be­werb CineRe­bels)
Das Märchen vom Tischler und seiner Tochter, das uns Pietro Marcello (Martin Eden) auf die Leinwand zaubert, ist herrlich altmo­di­sches Kino. Was wird uns hier eigent­lich erzählt, wenn ein Prinz vom Himmel fällt und die arme Tisch­ler­tochter rettet, mag sich hier die femi­nis­ti­sche Seele empören. Zu Recht! Auf dieser Ebene gelesen aber würde man die verfüh­re­ri­sche Kraft von Marcellos Kino-Nostalgie verkennen. Er schenkt uns eine fast arche­ty­pi­sche Erzählung vom Außen­sei­ter­da­sein, das durch Hexenwerk und Tisch­ler­kunst zu bezähmen ist, ein Aufgebot auch gegen die unbarm­herzig mobbende Gesell­schaft. Insze­niert wird im Stil der 1960er Jahre, mit plötz­li­chen Zooms und wenigen Dialogen. Man sieht den Menschen hier beim Träumen zu. Wenn die Tochter singend im Waldsee bei Bilitis-Glit­zer­son­nen­licht schwimmt, verliebt sich der Prinz augen­blick­lich in sie, und alle eska­pis­mus­wil­ligen Zuschauer*innen mit ihm. (Dunja Bialas)

Quantum Cowboys (USA 2022, R: Geoff Marslett) (Wett­be­werb CineRe­bels)
Wenn man Glück hat, spielt Howe Gelb nach der Vorstel­lung auf seiner Gitarre noch eine kleine Zugabe. Ein total nettes Filmteam mit echten Cowboy­hüten und echtem Lebku­chen­herz! Der Film selbst mischt Quan­ten­physik/Metaverse-Referate, Animation und Realfilm zu einer witzigen Western­ge­schichte zusammen. Das ist ambi­tio­niert, ästhe­tisch originell und insgesamt abwechs­lungs­reich gestaltet und sicher muss man den Film fünf Mal anschauen, bis man ihn eini­ger­maßen inhalt­lich dechif­friert hat, aber man kann sich schon fragen, worin die aktuelle Relevanz dieses ganzen Werkes liegt. Denn die Western­ge­schichte selbst ist im Grunde äußerst banal und wird wohl keinen Pulitzer-Preis gewinnen. Aber das ist für dieses ausge­fal­lene Stück Liebhaber-Kino vermut­lich der falsche Ansatz. (Christoph Becker)

Petite Solange (Frank­reich 2021, R: Axelle Ropert) (Wett­be­werb CineMas­ters)
Ein sympa­thi­scher, fein­füh­liger Film, mit dem die Regis­seurin ganz bewusst in der Bild­ge­stal­tung an die Nouvelle Vague erinnert. Konse­quent wird die Perspek­tive der 13-jährigen Solange (fantas­tisch: Jade Springer) einge­nommen, die mit ansehen muss, wie ihre Eltern langsam auf eine Trennung zusteuern. Diese können ihre Situation nicht gut kommu­ni­zieren, sind selbst völlig über­for­dert und leider sind auch Solanges großer Bruder und ihre beste Freundin keine echte Hilfe bei der Bewäl­ti­gung dieser Krise. Die Schule sieht zunächst vor allem nur das neue proble­ma­ti­sche Verhalten der guten Schülerin. Das Ganze wirkt, was die Erzähl­weise und das analoge Filmen angeht, auf positive Weise etwas retro, ist aber ganz rund und berührt v. a. aufgrund der Glaub­wür­dig­keit der Haupt­dar­stel­lerin. (Christoph Becker)

Alle wollen geliebt werden (Deutsch­land 2022, R: Katharina Woll) (Neues Deutsches Kino)
Bekannt­lich sind Psycho­the­ra­peuten für die eigenen Probleme nicht immer die besten Experten. So auch Ina (Anne Ratte-Polle), die ihre eigenen Stress­fak­toren einfach nicht in den Griff bekommt. Der Film ist lustig eska­lie­rend, klischee­be­laden und alltags­echt, bleibt aber großteils auf lauwarmem TV-Abend-Niveau. Unter die Haut geht allein die Beziehung zu ihrer Tochter (Lea Drinda), deren puber­täres Schwanken zwischen Empathie und hyper­sen­si­tivem Belei­digt­sein einfach großartig authen­tisch ist. Nur selten wird die vorher­seh­bare Handlung durch völlige Über­dre­hung wirklich unver­gess­lich: Als Ina beim 70. Geburtstag ihrer Mutter »I believe in Miracles« vortragen soll, über­bieten sich die egozen­tri­sche Mutter und ihre Tochter im herrlich absurd-grausamen Gesangs­wett­streit. (Christoph Becker)

Eine groß­ar­tige Anne Ratte-Polle als Psycho­the­ra­peutin Ina wird vom Alltag übermannt und zerrissen, ein Alltag, der stärker als jede Eman­zi­pa­tion ist, weil frei nach Ulrich Becks und Elisabeth Beck-Gerns­heims »Riskante Frei­heiten« jeder für seine Freiheit selbst verant­wort­lich ist. Ein Film, der von wahrem Leben nur so vibriert und keinem Streit und Konflikt aus dem Weg geht und wie eine Versuchs­an­ord­nung funk­tio­niert, die zeigen will, dass auch die stärkste Frau gebrochen werden kann. Aber dann erinnert Regis­seurin Katharina Woll auch wieder an die Tragik von Anton Tschechows großer Heldin Olga Semjo­nowna Plem­jan­ni­kowa in seiner Erzählung »Herzchen«, die in heutiger Zeit wohl auch ihre lässige, kaum erträg­liche Ruhe verloren hätte. (Axel Timo Purr)

Mutter (Deutsch­land 2022, R: Carolin Schmitz) (Neues Deutsches Kino)
Verfrem­dung als Prinzip: Man hört Stimmen von acht Frauen, die von ihrem Mutter­sein erzählen, während man aber die ganze Zeit Anke Engelke bei einem fiktiven Alltags-Tages­ab­lauf und in allen möglichen will­kür­lich ausge­wählten Situa­tionen zusieht, wie sie scheinbar diese Texte spricht. Pourquoi? Wo ist der Mehrwert? Gillian Wearing hat so etwas schon mal brillant fürs Museum gemacht, aber in diesem Film achtet man vor allem auf Engelke und ihre Insze­nie­rungen (»toll«: mit Art India­ner­schmuck als Kellnerin oder »spannend«: in der Auto­wasch­an­lage) und die chro­no­lo­gisch frag­men­tierten Texte landen auf der Aufmerk­sam­keits-Müllhalde. Damit leistet man dem gesamten Themen­kom­plex »Mutter« einen Bär*innen-Dienst. Schade. (Christoph Becker)

Gleich mehrere Iden­ti­täten fließen in Anke Engelke zusammen, die als eine Art Mutter-Kompo­situm auf der Leinwand performt. Die für ihre strengen Doku­men­tar­filme bekannte Carolin Schmitz (Portraits deutscher Alko­ho­liker), führt hier in einer Kunst­figur verschie­dene Erzäh­lungen von Frauen und Müttern aus Gesprächen zusammen, die sie auf doku­men­ta­ri­sche Weise für den Film geführt hat. Dass dies alles in ein und derselben Perfor­merin zusam­men­läuft, ist die ulti­ma­tive und radikal künst­le­ri­sche Konse­quenz im Blick auf das, was »Mutter« alles sein kann. Eben keine durch­lau­fende Biogra­phie, sondern ein Zusam­men­spiel und Wett­streit verschie­dener Selbst­bilder und Fremd­zu­schrei­bungen, Schuld­zu­wei­sungen, Sorgen und Leiden­schaften. Ein Film wie eine Anklage an unser verkorkstes Mutter­bild, mit Anke Engelke als souveräne Botschaf­terin. (Dunja Bialas)

Dass Anke Engelke eine Mutter sein kann, hat sie 2019 in Lena Stahls starkem Mein Sohn gezeigt. Dass sie auch acht Mütter kann, stellt sie in Carolin Schmitz‘ hybrider Charak­ter­studie unter Beweis, in der acht Frauen zwischen 30 und 75 die Schau­spie­lerin Engelke als »Mario­net­ten­puppe« instru­men­ta­li­sieren und von Lebens­li­nien ohne viel Freude, Leiden­schaft und nur ganz selten Erfüllung erzählen. Durch die Ein-Personen-Insze­nie­rung wird deutlich, dass Anspruch und Erfüllung des Mutter­seins nicht weiter ausein­an­der­klaffen könnten, das Ende vom Lied alles andere als glücklich und ziemlich »eindi­men­sional«, eine Eman­zi­pie­rung im Gegen­warts­alltag weiterhin Wunsch­denken ist. Ein Film, der auch als Video-Instal­la­tion im Kunst-Segment fantas­tisch funk­tio­nieren, den Standard-Kinogeher aber immer wieder über­for­dern dürfte, denn der Wunsch nach der ganzen Geschichte jeder der Frauen und ihrer Gesichter, ihrer Körper, ihrer ganz eigenen Seelen­land­schaft, ohne jedwede post­mo­derne Defrag­men­tie­rung ist am Ende doch deutlich spürbar. (Axel Timo Purr)

So laut du kannst (DE 2022, R: Esther Bialas) (Neues Deutsches Fernsehen)
Beein­dru­ckend komplex und trotzdem hoch spannend und bewegend erzählt dieser Film, der unbedingt ins Kino und nicht nur ins Fernsehen gehört, von einer Verge­wal­ti­gung bei einem Business-Herren­abend. Dem fantas­ti­schen Drehbuch hauchen Frie­de­rike Becht und Nina Gummich Leben ein, spielen natürlich, sensibel, mitreißend und zeigen alle Facetten an Emotionen und Reak­tionen, die eine solche Tat bei dem Opfer und ihrer besten Freundin auslösen. Dicht an ihnen dran, aber nie als Selbst­zweck, die Kamera von Martin Neumeyer. Wie schwierig es ist, einen Täter zur Rechen­schaft zu ziehen, wird auch gezeigt. Eine Möglich­keit deutet das opti­mis­ti­sche Ende an. Besser kann man dieses Thema nicht abbilden! (Christoph Becker)

The Humans (USA 2021, R: Stephen Karam) (Wett­be­werb CineMas­ters)
Das Ende vom Lied des weißen Amerika. Der Drama­tiker Stephen Karam hat seinen eigenen, sehr erfolg­rei­chen Einakter mit Star­be­set­zung für das Kino adaptiert und ist in fast jeder Einstel­lung ganz im Theater geblieben. Dem Kammer­spiel hätten ein paar Minuten weniger und ein paar mehr filmische Rück­blenden gut getan, ande­rer­seits könnte die klaus­tro­phobe, ausweg­lose Bühnen­at­mo­sphäre einer herun­ter­ge­kom­menen New Yorker Wohnung das Haus, das Amerika heute ist, nicht besser illu­mi­nieren, braucht es keinen Horror­film mehr, denn in Amerika ist inzwi­schen der ganz alltäg­liche Alltag mit Horror­ele­menten bestückt, die Karam immer wieder pointiert über die Wohn­si­tua­tion in Szene setzt. Und das ist weit mehr als nur Symbol für eine weiße Mittel­schicht, der nicht nur finan­ziell, sondern auch moralisch die Felle davon­schwimmen, so dass sich am Ende die Tür so schließt, wie sich sonst nur Sarg­de­ckel schließen. (Axel Timo Purr)

»New York’s not my home« von Jim Croce könnte das Motto für diesen Film sein. Stephen Karam hat mit seiner ersten Filmregie sein eigenes Thea­ter­s­tück insze­niert, und das sieht man auch. Denn dieses Familien-Thanks­gi­ving in der neu bezogenen Bruchbude in New York ist ein reines Kammer­spiel, das durch lange Close-ups der maroden Wände und Wasser­rohre symbo­lisch ange­rei­chert wird. Familie/Gesell­schaft = Bruchbude. Die langsam dahin­plät­schernden Fami­li­en­pro­bleme und unsi­cheren Bindungen sind absolut realis­tisch und authen­tisch, aber für einen span­nenden Film fehlen drama­ti­sche Verdich­tungen, Über­ra­schungen oder emotio­nale Explo­sionen. Auch die recht guten Schau­spieler können da selten Funken schlagen. Da kann man ja gleich an die letzte eigene Weih­nachts­feier denken … (Christoph Becker)

Solast­algia (Deutsch­land 2022, R: Marina Hufnagel) (Neues deutsches Kino)
Marina Hufnagels HFF-Abschluss­film hat natürlich nichts mit Andrei Tarkow­skis Spätwerk Nost­al­ghia zu tun, obwohl es auch hier um den Verlust von Heimat geht und um seine Rettung durch die Gene­ra­tion „Fridays For Future“. Hufnagels Porträt einer Akti­vistin auf Pellworm wirkt in seiner hybriden Aufbe­rei­tung, dem Mix aus gespielten Szenen und den Einblen­dungen von klima­re­le­vanten Nach­richten phasen­weise wie ein besserer Schü­ler­film und überzeugt erst in den Momenten, wenn es um die Risse geht, die sich durch die Gesell­schaft ziehen, in diesem Fall zwischen den Geschwis­tern von Hufnagels Prot­ago­nistin, die mit dem Akti­vismus ihrer Schwester so gar nichts anfangen können. Die Einsam­keit, die hier entsteht, ist so unheim­lich wie ernüch­ternd, zeigt sie doch dezidiert die fehlenden Schnitt­stellen unserer Gesell­schaft auf, ohne die eine Rettung unseres Planeten nicht möglich sein dürfte. (Axel Timo Purr)

Nicht ganz koscher – Eine göttliche Komödie (Deutsch­land 2022, R: Stefan Sarazin, Peter Keller) (Neues deutsches Kino)
Stefan Sarazin und Peter Keller springen mit ihrer Komödie auf den ziemlich erfolg­reich dahin­ra­senden Filmzug jüdisch-ortho­doxer Formate wie Unor­thodox oder Shtisel auf, und auch Alles auf Zucker! von Dani Levy ist mit an Bord. Aber für eine Komödie fehlt hier einfach das Tempo, das richtige Timing und vor allem der böse Humor. Statt­dessen bleiben die Prot­ago­nisten in der Wüste des Sinai stecken, sinnieren über das Leben, das wie ein Märchen ist. Dabei hat der Film immer wieder groß­ar­tiges Potential, etwa während der Busfahrt und des wunderbar grotesk vorge­führten Anti­se­mi­tismus der Passa­giere. Für einen richtig guten Gefilten Fisch sei deshalb eher der Friseur­salon Zohans statt das »No Name Restau­rant« dieses Films empfohlen! (Axel Timo Purr)

Montag, 27.6.2022

Paci­fic­tion (Spanien 2022, R: Albert Serra) (Wett­be­werb CineMas­ters)

Pacifiction
(Foto: FILMFEST MÜNCHEN / Albert Serra)

Dass Albert Serra Erfah­rungen als Video­künstler hat und auf der DOCUMENTA (13) einge­laden war, merkt man auch seinem neuesten Film an, der wohl auch auf der dies­jäh­rigen documenta fifteen seine Chancen gehabt hätte. Aller­dings erzählt Serra in knapp drei Stunden nichts Neues über die Dekon­struk­tion des west­li­chen Blicks auf den globalen Süden, verschwur­belt Film Noir-Elemente mit Erin­ne­rungen an einen anderen weißen Konsul, Albert Finney in John Hustons Unter dem Vulkan, liefert repe­ti­tive Worthülsen en masse, ein bisschen wokes Trans­men­schentum und traurige Tropen, was alles nicht so schlimm wäre, könnte man den Film wie jede ordent­liche Video­in­stal­la­tion nach drei Minuten auch wieder verlassen. (Axel Timo Purr)

Weiß ist der Anzug von De Roller, in der Seele des fran­zö­si­schen Hoch­kom­mis­sars in Poly­ne­sien geht es eher düster zu. Ahnungen kommender Dinge plagen diesen genialen Dilet­tanten, bei dem Macht­me­chanik und Gefühl so wenig ein Wider­spruch sind, wie Kolo­nia­lismus und Moder­nität. An Claire Denis' Wande­rungen auf den Spuren von Conrad und Kipling wird man denken, vor allem aber an Lucrecia Martels Zama: Exotis­ti­sche Phantasie und lüsterner Tagtraum mischen sich mit kühler Analyse in Paci­fic­tion. Albert Serra gelingt ein Film, der aus der einzig möglichen, der europäi­schen Perspek­tive auf den globalen Süden blickt, und in sinn­li­cher Form klar macht, dass alle Vorstel­lungen von Unschuld und Paradies nur unsere Konstruk­tionen sind. Alles ist Ufer, ewig ruft das Meer... (Rüdiger Suchsland)

Tchai­kovsky’s Wife (RUS 2022, R: Kirill Sere­bren­nikov) (Spotlight)
Schwarz und dunkel­braun ist alles in diesem Film, Schmerz und Gefühls­er­sti­ckung und die Kleidung sowieso, nur die Hautfarbe der Gesichter und spre­chenden Hände ist leuchtend weiß. Wie nicht anders zu erwarten, nutzt Kirill Sere­bren­nikov die Figuren Tschai­kow­skis und seiner Frau, um das kollek­tive Gefühl natio­nalen Stolzes in das der Demü­ti­gung zu verwan­deln, die sich in Situa­tionen, Bildern und Klängen mate­ria­li­siert, die schwer zu verdauen sind. Der Film ist reines Dynamit aus bilder­s­tür­me­ri­scher Respekt­lo­sig­keit, ein Mittel­fin­ger­gruß an den offi­zi­ellen Geschichts­dis­kurs – aber ganz auf visueller Ebene, nicht im Dialog. Dabei verwei­gert der Autor auch sehr klug allem, was sich allzu glatt in die Narrative unseres offenen (auch kultu­rellen) Krieges gegen das Putin-Regime einspeisen ließe. (Rüdiger Suchsland)

Ennio Morricone – Der Maestro (Belgien, Italien, Japan, Nieder­lande 2021, R: Giuseppe Tornatore) (Spotlight)
Er war unum­stritten einer der größten Kompo­nisten der Filmmusik. Es ist fast unmöglich, sich die Film­ge­schichte ohne sie vorzu­stellen, ohne die Musik von Ennio Morricone. Der Doku­men­tar­film von Giuseppe Tornatore ist eine große Hommage an einen großen Künstler, der sein Leben lang kompo­nierte, immer wieder neues auspro­bierte und dabei nie an Unver­kenn­bar­keit einbüßte. Begleitet von Film­aus­schnitten, kommen neben Morricone selbst auch viele Wegge­fährten und Kollegen zu Wort, die seinen Werdegang kommen­tieren. Manchmal wünscht man sich, sie würden weniger reden, damit die Musik voll wirken kann; doch es ist immer eine Freude, dem Kompo­nisten selbst zuzuhören. Gezeigt wird die Vielfalt der Musik, die Filme begleitet und ergänzt wie kaum eine andere, und gesagt wird eigent­lich nur eines: Grazie, Maestro! (Paula Ruppert, LMU München)

Eine perfekte Würdigung dieses 2020 verstor­benen Giganten der Filmmusik. Natürlich sind die vielen Lobes­hymnen der Kollegen, Regis­seure und Schau­spieler irgendwie austauschbar, aber der Film zeigt mit vielen Selbst­aus­sagen Morricones sehr präzise seine musi­ka­li­schen Wurzeln, die inneren Kämpfe, die ständige Weiter­ent­wick­lung, letztlich auch seinen Wunsch nach Aner­ken­nung. Diese Offenheit vor der Kamera haben wir wohl seinem Freund Tornatore zu verdanken. In zahllosen Ausschnitten aus seinen Filmen und klugen exem­pla­ri­schen Schwer­punkt­set­zungen (Es war einmal in Amerika, Mission u.a.) taucht man tief in sein Werk ein, das auch Teil der eigenen Geschichte ist. Morricone hasste es, sich zu wieder­holen und versuchte, sich jeder Filmidee mit neuem, wachen Blick zu nähern. Faszi­nie­rend! (Christoph Becker)

Giulia (Italien 2021, R: Ciro de Caro) (Wett­be­werb CineRe­bels)
Die herb­schöne junge Frau mit den Sommer­sprossen (beein­dru­ckend: Rosa Pala­sciano) ist eine Suchende, Irrlich­ternde, fast so radikal wie Sandrine Bonnaire in Agnès Vardas' Vogelfrei. Beim Bewer­bungs­ge­spräch hinter­lässt Giulia Ratlo­sig­keit, ihr Freund zieht aus, weil er sie und ihre Sammlung gefun­dener Spiel­zeuge satt hat. Plötzlich ohne Wohnung, durch­streift Giulia ein hoch­som­mer­li­ches vermülltes Rom, in dem die Vertreter der »Gene­ra­tion 1000 Euro« pande­mie­be­dingt zu einer »Gene­ra­tion 10 Euro« werden: Bei der Tombola im Alters­heim machen sich Giulia und Sergio Konkur­renz, um Almosen zu erhaschen. Doch Larmoyanz liegt Ciro de Caros eigen­wil­ligem Low-Budget-Film fern. Er setzt auf Entgren­zung, wagt lange Einstel­lungen und stellt mehr Fragen, als er Antworten gibt. Und er feiert die Freiheit eines unge­wöhn­li­chen weib­li­chen Indi­vi­duums. (Katrin Hill­gruber)

Burning Days (Türkei 2022, R: Emin Alper) (Wett­be­werb Cine­mas­ters)
In einer fiktiven anato­li­schen Klein­stadt versinken Häuser in riesigen Erdkra­tern, weil illegal Grund­wasser abgepumpt wird. Als der junge, intro­ver­tierte Korrup­ti­ons­er­mittler Emre (Sela­hattin Paşali) eintrifft, sieht er als erstes die Blutspur eines Wild­schweins, das unter Salut­schüssen zu Tode geschleift wird. Aus Höflich­keit nimmt Emre eine Einladung des jagd­be­ses­senen Bürger­meis­ters an – ein folgen­schwerer Fehler. Minütlich steigert sich die Bedrohung in diesem poli­ti­schen Film noir, dessen einsamer Prot­ago­nist sich in einem Treibnetz aus Erwar­tungen, Beein­flus­sungen, Gemein­heiten verfängt. Inspi­riert von Henrik Ibsens Drama »Ein Volks­feind« zeichnet Emin Alper ein Sitten­bild des auto­ri­tären Erdoğan-Popu­lismus. Die über­wäl­ti­gende Bild­sprache in über­hitzten Beige- und Gelbtönen kommen­tiert nebenbei die Klima­krise. (Katrin Hill­gruber)

Ein düsterer Krimi und eine bitter­böse Gesell­schafts­skizze in einer fiktiven türki­schen Klein­stadt. Wie Spencer Tracy in STADT IN ANGST steht der junge Staats­an­walt Emre bald allein gegen alle. Ein perfekt einge­spieltes System aus Lokal­po­litik, Korrup­tion, Geschäft und Demagogie lassen dem unbe­darften Fremden keine Chance. Die Männer­welt ist geprägt von Homo­phobie, Intrige, Gewalt. Filmäs­the­tisch beein­dru­ckend in Szene gesetzt, während das Drehbuch etwas redundant und vorher­sehbar ist. Der Schwer­punkt auf die bruch­s­tück­hafte allmäh­liche Rekon­struk­tion einer Party-Nacht mit Filmriss geht auf Kosten einer glaub­wür­digen Ermitt­ler­ar­beit und vernach­läs­sigt die poli­ti­sche Seite. Die psycho­lo­gi­sche Figu­ren­zeich­nung des Prot­ago­nisten wirkt etwas eindi­men­sional. (Christoph Becker)

Servus Papa, See You in Hell (Deutsch­land 2022, R: Chris­to­pher Roth) (Neues deutsches Kino)
Einer der stärksten Filme der deutschen Sektion. Denn zum einen wird hier schau­spie­le­risch stark und souverän insze­niert die tragische Endphase der legen­dären Kommune des Aktions-Künstlers Otto Muehl erzählt und deutlich, dass selbst die besten 68er-Ideen – in diesem Fall »Sex ist erlaubt, aber Liebe verboten« und trans­pa­rente Hier­ar­chien – nicht davor schützen, dass Macht korrum­piert und Freiheit zu Gefan­gen­schaft wird. Zum anderen zeigt diese Zeitreise in das Öster­reich der sich öffnenden Grenzen Ungarns, dass eine Kommune nicht anders funk­tio­niert als heutige Quer­denker-Blasen oder die im gegen­wär­tigen Nach­rich­ten­fluss regel­mäßig aufpop­penden 12-Stämme-Abgründe und die Vergan­gen­heit der viel­leicht brutalste, aber auch lehr­reichste Zerr­spiegel unserer Gegenwart ist. (Axel Timo Purr)

Den realen Hinter­grund für diesen inten­siven Coming of Age-Film bilden die Erfah­rungen von Jeanne Tremsal in der öster­rei­chi­schen Kommune von Otto Muehl. Eine schöne Idee von freier Liebe und Natur­leben ist zu einem Über­wa­chungs­staat mutiert, der die junge Jeanne zwingt, für sich selbst Verant­wor­tung zu über­nehmen. Beängs­ti­gend gut ist Clemens Schick als charis­ma­tisch-dämo­ni­scher Sex-Guru, beein­dru­ckend Jana McKinnon als eine moderne Jeanne d’Arc in einer Kinder­schlacht gegen Miss­brauch und Unter­drü­ckung echter Gefühle. Filmisch viel­fältig, die Qualität der Szenen schwan­kend, mal Doku, mal eher Kinder­film, aufwüh­lende Grup­pen­sit­zungen, eher schwächere Kinder­szenen. (Christoph Becker)

Wild Roots (Ungarn/SK 2021, R: Hajni Kis) (Kinder­film­fest)
Neben Comedy Queen der stärkste Film des Kinder­film­fests. Eine unter die Haut gehende Vater-Tochter-Geschichte in prekären unga­ri­schen Plat­tenbau-Verhält­nissen, die von Schuld und Sühne erzählt, ohne dabei die dysfunk­tio­nalen Familien- und Gesell­schafts­ver­hält­nisse zu stark in den Vorder­grund zu stellen. Kis bleibt immer bei seinen Prot­ago­nisten, ganz nah und fast schon doku­men­ta­risch intensiv und schafft dabei, völlig glaub­würdig zu zeigen, wie sich Vater und Tochter gegen­seitig helfen, sich von ihren eigenen Problem­welten zu eman­zi­pieren und eine fragile, aber lebens­not­wen­dige Beziehung mitein­ander aufzu­bauen. Dass die ebenso fragile unga­ri­sche Gesell­schaft mit ihren schluch­ten­ar­tigen sozialen Gräben dabei dann doch eine wichtige Rolle mitspielt, zeigt Kis durch subtile Alltags­szenen aus dem Berufs- und Schul­leben von Vater und Tochter, Tibor und Niki, schau­spie­le­risch über­ra­gend in Szene gesetzt. (Axel Timo Purr)

Sonntag, 26.6.2022

Acht Berge (B/F/I 2022, R: Felix van Groe­ningen, Charlotte Vander­meersch) (Wett­be­werb CineMas­ters)
Es ist schon ein wenig ernüch­ternd, dass der Gewinner des Preises der Jury von Cannes am Samstag Abend vor halb leerem Haus läuft. Dabei hätte die Lite­ra­tur­ver­fil­mung allemale eine ausver­kaufte Astor Film Lounge verdient gehabt. Denn Groe­ningen ist hier mindes­tens so stark wie in seinen Vorgän­ger­filmen The Broken Circle Breakdown und Beautiful Boy, mehr noch gelingt es ihm hier mit seiner Regie-, Drehbuch- und Lebens­part­nerin Charlotte Vander­meersch seinem Gespür für inten­sivste Lebens- und Bezie­hungs­ab­gründe eine philo­so­phisch-spie­le­ri­sche Weite hinzu­fügen, die über das Kleine einer Freund­schaft das Große einer ganzen Welt erzählt und aufregend und mutig dem ganzen Gedöns über das „richtige“ Leben und den „wahren“ Traum den guten alten Joseph Conrad entge­gen­hält: „Wir leben wie wir träumen – allein.“ Und am Ende geht die Sonne doch noch auf, egal wie oft sie auch unter­ge­gangen sein mag. (Axel Timo Purr)

Der rote Berg (Deutsch­land 2022, R: Timo Müller) (Neues deutsches Kino)
Einer der sper­rigsten, fast jede Erwar­tungs­hal­tung unter­lau­fenden Filme der dies­jäh­rigen deutschen Reihe, der sich fast jedes Genre einver­leibt, um es seinem kontem­pla­tiven „slow cinema“-Rhythmus zu unter­werfen. Das gelingt sogar mit den „Found-Footage-Horror“- Bezügen der auftau­chenden Jugend­li­chen, die durch die alles zermah­lende Stimme aus dem Off zu philo­so­phi­schen Krücks­tö­cken mutiert werden. Ein Lob an die Programmer, diesem Film eine Chance zu geben, denn auch das ist natürlich Kino. (Axel Timo Purr)

A new old play (Frank­reich / Hongkong 2021, R: Jiongjiong Qiu) (Wett­be­werb CineRe­bels)

A New Old Play
(Foto: FILMFEST MÜNCHEN / A New Old Play)

Drei Stunden chine­si­sche Geschichte von den 1920ern bis in die 1980er-Jahre im Schnell­durch­lauf im Spiegel einer Schau­spiel­truppe, die ihre Inhalte und Spiel­weisen der jewei­ligen Staats­dok­trin anpassen muss. Wer einen normalen Spielfilm erwartet, wird enttäuscht sein, denn hier ist alles Theater, Kulisse, Tableau. Und obwohl ein echtes Schicksal, das Leben des Groß­va­ters des Regis­seurs, für die Geschichte Pate steht, ist dieser außer­ge­wöhn­liche Film eher Welt­theater, mittel­al­ter­li­ches Myste­ri­en­spiel und Totentanz im Geiste des Bergman’schen Das siebente Siegel – nur heiterer – als ein indi­vi­du­elles Psycho­gramm eines chine­si­schen Staats­bür­gers. Es gibt hier sehr viel zu entdecken und bei aller Gesell­schafts­kritik auch eine tröst­liche Botschaft. (Christoph Becker)

The Ordi­na­ries (Deutsch­land 2022, R: Sophie Linnen­baum) (Wett­be­werb Neues Deutsches Kino)
Eine Liebes­er­klärung an das Kino! Ein in allen Belangen über­zeu­gender, faszi­nie­rend unter­halt­samer Genre-Mix aus dysto­pi­schem Science-Fiction, Musical, Coming of Age etc. Paula (fantas­tisch: Fine Sendel) sucht nach einigen Irri­ta­tionen ihre Bestim­mung und ihren Platz in dieser streng nach Haupt-, Neben­fi­guren und Outtakes aufge­teilten Zukunfts­ge­sell­schaft à la Huxley und Orwell. Die Grundidee des Neben­ein­an­ders der verschie­denen Film­fi­guren wird farblich und filmisch perfekt umgesetzt. In knall­bunter Musical-Welt tanzt und singt die Haupt­cha­rak­tere-Familie ihrer Freundin Hannah in der pracht­vollen Villa, während Paula daheim mit ihrer Mutter in gelb­li­chen Sepia­tönen ärmlich eine Suppe löffelt. Witzig, berührend, ideen­reich bis in das kleinste Detail: Ein absoluter Filmfest-Höhepunkt! (Christoph Becker)

Eine Dystopie als poetisch-plato­ni­sche Film-im-Film-Groteske, die so subtil aus der Film­ge­schichte zitiert, dass sich Die fabel­hafte Welt der Amélie, Nicolas Wacker­barths Casting und Die Truman Show genauso heimisch fühlen, wie der eigent­liche Plot über die Tragik von Neben­dar­stel­lern, deren Rollen hier zu realen Lebens­rollen, ja mehr noch zu einem realen Gesell­schafts­ent­wurf werden. Mit einer umwer­fenden Fine Sendel in der Haupt­rolle schlägt Sophie Linnen­baum einen erzäh­le­risch schwin­del­erre­genden Parcours ein, der uns über die gnaden­losen Hier­ar­chien in der Filmwelt die faden­schei­nige Doppel­moral unseres Alltag vorführt. (Axel Timo Purr)

Senti­nelle Sud (Frank­reich 2022, R: Mathieu Gérault) (Inter­na­tional Inde­pend­ents)
Ein span­nendes und ungemein inten­sives Spiel­film­debüt über einen Kriegs­heim­kehrer aus Afgha­ni­stan. Weil er seine Armee­ein­heit als Familie sieht und keinen Plan für ein ziviles Leben hat, will Christian Lafayette möglichst schnell wieder zurück, auch wenn viele seiner Kameraden in einem Hinter­halt getötet wurden. Der packende und v. a. vom Haupt­dar­steller Niels Schneider grandios gespielte Film reiht sich eindrucks­voll in dieses vor allem vom ameri­ka­ni­schen Kino geprägte desil­lu­sio­nie­rende Genre ein, wobei er auch noch eine Thril­ler­hand­lung einbaut. Die große Stärke von Mathieu Gérault, der auch am Drehbuch mitge­schrieben hat, ist, dass er sich für so vieles inter­es­siert: Er zeigt uns den Menschen Christian mit seiner proble­ma­ti­schen Herkunft, seinen Solda­ten­freunden, seinem Kriegs­trauma und seiner Suche nach einem Ersatz­vater. (Christoph Becker)

Huda’s Salon (Ägypten, Katar, Nieder­lande, Paläs­ti­nen­si­sche Gebiete 2021, R: Hany Abu-Assad) (Inter­na­tional Inde­pend­ents)
Drei Räume prägen diesen nieder­schmet­ternden Verhör- und Spio­na­ge­thriller, der im heutigen Bethlehem spielt: ein Friseur­salon, ein Verhör­keller und eine Fami­li­en­woh­nung. Zwei ganz normale Frauen geraten zwischen die Mühl­steine zweier Geheim­dienste, die sich in ihren brutalen Mecha­nismen und Methoden gleichen und den Frauen, eine davon auch Täterin, keine Chance auf Entkommen lassen. Im klaus­tro­pho­bisch sich zuzie­henden Netz wägen sie in Sekunden ab, was noch zu retten wäre. Die Männer: Opfer oder Täter. Das West­jor­dan­land: Ein tödliches Gebiet, in dem man sich nur falsch entscheiden kann, weil alles vermint ist. Das ist in der Aussage radikal bitter und hoff­nungslos. Hier steht keine Krippe mehr. (Christoph Becker)

Samstag, 25. Juni 2022

Broker (Südkorea 2022, R: Hirukazu Kore-eda) (Wett­be­werb Cine­mas­ters)

broker
(Foto: FILMFEST MÜNCHEN / Hirokazu Kore-eda)

Poetisch, utopisch, schick­sals­haft. Der japa­ni­sche Regisseur Hirukazu Kore-eda ist unan­ge­foch­tener Meister utopi­scher Wahl­ver­wandt­schaft vor dem Hinter­grund einer in der sozialen Schere zunehmend aufklaf­fenden Gesell­schaft. Nach Shop­lif­ters hat er nun zum ersten Mal in Südkorea gedreht, was ihm neue Frei­heiten beschert. Signature-Cast in Broker ist der Star des neuen südko­rea­ni­schen Kinos Song Kang-ho (Parasite), der auch hier gewis­sen­lose Misera­bi­lität mit mora­li­scher Humanität zu vereinen weiß. Er ist der Kopf einer karitativ-krimi­nellen Bande, die Babys aus der kirch­li­chen Findelbox an Paare mit Kinder­wunsch verhökert, die durch die Adop­ti­ons­be­stim­mungen fallen. Beim Baby­handel, den wir nun im Film verfolgen dürfen, geht alles schief bzw. natürlich gut aus, wenn sich die gestrau­chelten Prot­ago­nisten zur Fami­li­en­bande vereinen. (Dunja Bialas)

Tchai­kovsky’s Wife (F/RUS/CH 2021, R: Kirill Sere­bren­nikov) (Spotlight)
Man könnte sehr viel aus der Geschichte der Ehefrau Peter Tschai­kovs­kijs machen. Sere­bren­ni­kovs Film nimmt diese Möglich­keit jedoch kaum wahr und erzählt statt­dessen von einer liebes­kranken Frau, die sich offenen Auges in ihr seeli­sches Verderben stürzt und nie wirklich versucht, aus diesem wieder heraus­zu­kommen. Sie ist eine Figur mit Potenzial zur charak­ter­li­chen Tiefe, das jedoch kaum ausge­schöpft wird. Die Musik verwirrt, indem sie manchmal kurz wie Tschai­kovskij anmutet, dann jedoch völlig andere Klang­farben verwendet. Ansonsten ist der Film äußerst, fast zu, russisch – lange Einstel­lungen, gedeckte Farben, trübe Stimmung, verschwim­mende Grenzen zwischen Realität und Traum. Und doch hat man nicht den Eindruck, großen künst­le­ri­schen Mehrwert daraus zu ziehen. Alles in allem enttäu­schend. (Paula Ruppert, LMU München) -> Podcast mit Rüdiger Suchsland und Axel Timo Purr

The Penul­ti­mate (Tagant­poolt Teine) (Dänemark 2020, R: Jonas Kærup Hjort) (Wett­be­werb CineRe­bels)
Ästhe­tisch beein­dru­ckendes Schwarz-Weiß-Werk in einem dysto­pi­schen Riesen­bunker, in dem eine einge­schlos­sene Gesell­schaft seltsame Rituale begeht. Ein Mann will wieder raus, jedes Mittel ist ihm recht. Die Frage nach zwei Stunden sehr zäher, gewalt­tä­tiger Handlung: Braucht es heute noch Parabeln auf die Absur­dität und Gewalt­tä­tig­keit der Mensch­heit? Ein Blick in die Zeitung genügt doch als Beweis. Und: Das haben doch Beckett, Kafka, Sartre u. a. schon alles sehr gut erzählt. (Christoph Becker)

Liebe Angst (Deutsch­land 2022, R: Sandra Prechtel) (Neues deutsches Kino)
Wie trans­ge­ne­ra­tio­nale Trau­ma­be­wäl­ti­gung in Thera­peuten-Familien zwischen Mutter und Sohn funk­tio­niert, hat vor zwei Jahren Daniel Howald in Who’s afraid of Alice Miller? so beein­dru­ckend wie berührend gezeigt. Dass es in »normalen« Familien nicht viel einfacher ist, die NS-Zeit auch hier Schatten des Schwei­gens wirft und Opfer fordert, macht Sandra Prechtel in ihrem Mutter-Tochter-Porträt mit asso­ziativ-doku­men­ta­ri­scher Klarheit deutlich. Der Film reagiert in seiner Ästhetik auf die Traumata seiner Opfer, ist wie ein Arno Schmidt­scher Zettel­kasten, aus dem eine Kartei­karte nach der anderen gezogen wird. Das über­rascht, überzeugt, irritiert dann und wann aber auch. Doch mit dem Ende, einem völlig umwer­fenden Vortrag von Schumanns »Dich­ter­liebe«, dem atem­be­rau­benden »Ich grolle nicht, und wenn das Herz auch bricht...« ist alles gesagt, was gesagt werden muss und die thera­peu­ti­sche Katharsis so voll­kommen vollendet, dass man nur noch weinen möchte. (Axel Timo Purr)

Comedy Queen (SE 2022, R: Sanna Lenken) (Kinder­film­fesst)
Das muss man sich erst einmal trauen: Depres­sion, Selbst­mord und ein unge­zü­geltes Coming-of-Age in einen Film zu packen! Da wirken die Bemühungen des deutschen Kinder­films fast schon bieder und hilflos, wenn wir der von der groß­ar­tigen Sigrid Johnson verkör­perten 13-jährige Sascha beim konse­quenten, fast schon brutalen Abhaken ihrer Über­le­bens­liste zusehen. Sie ist eine fast schon über­mäch­tige Wieder­gän­gerin von Caroline Links Der Junge muss an die frische Luft, denn auch hier will das Kind eigent­lich nur eins, ein trau­erndes Eltern­teil wieder zum Lachen zu bringen, um dadurch den Weg zum Comedian zu finden. So beein­dru­ckend wie wichtig ist, dass Regis­seurin Sanna Lenken sich nicht scheut, die böse Fratze der Depres­sion mit all ihrer Gnaden­lo­sig­keit in den Raum zu stellen. Dafür gab es auf der dies­jäh­rigen Berlinale den Preis der Kinder­jury Gene­ra­tion Kplus. (Axel Timo Purr)

Freitag, 24. Juni 2022

Der Räuber Hotzen­plotz (Deutsch­land 2022, R: Michael Krum­men­acher) (Kinder­film­fest)
Otfried Preußlers anar­chi­scher Schalk macht immer Spaß und auch diese dritte, liebvolle, märchen­hafte und toll gespielte Insze­nie­rung macht eigent­lich nichts falsch. Sieht man aller­dings Preußlers über­bor­dende Fantasie in dieser ebenfalls sehr text­treuen Umsetzung und sieht sich die frap­pie­rend ähnlichen Bilder aus den Verfil­mungen von 1974, 2006 und 2022 an, wundert man sich, wie wenig Fantasie diese neue Produk­tion wagt, und man fragt sich: warum das Gleiche nochmal? Warum nicht Hotzen­plotz einfach mal dem Jahr 1962 entreißen und die histo­ri­sche Kulisse durch die Gegenwart ersetzen? Also weg mit dem Hut und Hotzen­plotz als anar­chis­ti­scher, nein noch besser: Fridays-for-Future-Hacker-Aktivist, der Seppel und Kasperl mit ins Boot holt, um die Welt zu ändern. Denn auch das war und ist Preußler.   (Axel Timo Purr)

Corsage (Ö/D/L 2022, R: Marie Kreutzer) (Wett­be­werb Cine­mas­ters)

CORSAGE
(Foto: FILMFEST MÜNCHEN / Robert Brand­stätter)

Souverän jongliert Marie Kreutzer mit den Ingre­di­enzen des Period Pictures: Kostüm, Frisuren, Musik, nichts passt ganz, alles wird neu inter­pre­tiert. Unbeküm­mert lässt sie in ihrer freien Fantasie über Kaiserin Sissi im Szenen­bild die Plas­tik­putz­eimer und Alulei­tern stehen. In den Wohn­räumen der Adligen schält sich die Farbe von den Wänden, als wären die Prot­ago­nisten gespens­ter­gleich in das morbide Wien von heute zurück­ge­kehrt. Stark ist auch ihre Vision über den von Königs­macht und gesell­schaft­li­cher Reprä­sen­ta­tion einge­zwängten Körper und das finale Ende einer Galli­ons­figur, die sehr modern von Vicky Krieps inter­pre­tiert wird. Der auf Kodak gedrehte Film beweist sich in jedem Moment als modernes Kino, das verführt, verfremdet, verstört und den Atem der Geschichte anzu­halten weiß. Kreutzer gehört damit unbedingt zur Regie-Avant­garde. (Dunja Bialas)

Tchai­kovsky’s Wife (RUS 2022, R: Kirill Sere­bren­nikov) (Spotlight)
Gleich doppelt klischee­haft ist TCHAIKOWSKY’S WIFE. Kirill Sere­bren­nikov bedient schon fast vorbild­lich das Vorurteil gegenüber dem russi­schen Film, mit allzu symbol­haften Bildern in große Schwüls­tig­keit abzu­rut­schen, ande­rer­seits auch alle Vorstel­lungen darüber, wie ein Period Picture zu sein habe, wenn es allein auf Kostüme, Frisuren und Musik setzt. Und obwohl im Vorspann des Films Realität verspro­chen wird, kann in der Fantasie über die Frau an der Seite des schwulen Tschai­kowski kaum echte Histo­ri­zität gefunden werden. Übrig bleibt das Abzieh­bild einer Liebes­kranken. Ob sich Sere­bren­nikov mit dem zweiten Film, den das Filmfest bereit­hält, Petrov’s Flu, wie verspro­chen als »CineRebel« posi­tio­nieren kann? Da müsste man sich nach diesem altba­ckenen Film dann aller­dings die Augen reiben. (Dunja Bialas)

Freibad (The Pool) (Deutsch­land 2022, R: Doris Dörrie)

freibad
(Foto: FILMFEST MÜNCHEN / Doris Dörrie)

Passend zur Bade­saison wird ein sozio­lo­gi­sches Panop­tikum unter­schied­li­cher Frauen präsen­tiert, die mit ihren Vorur­teilen, Ängsten, kultu­rellen Bade­ge­wohn­heiten und Haltungen in einem eigenen Frauenbad buchs­täb­lich aufein­an­der­prallen. Vor allem, als drei Klein­busse mit reichen, verschlei­erten Syre­rinnen auftau­chen. Die Fallhöhe zwischen Klamauk, Klischee­typen und berüh­renden Momenten ist viel­leicht so gewollt, lässt den Film aber insgesamt so knallbunt und künstlich hell erscheinen wie die Kame­raäs­thetik. Viele Themen sind super aktuell, werden aber zum Großteil eher flach abge­han­delt. Das ist für das eigent­lich sehr authen­ti­sche und ernste Auf und Ab zweier alter Freun­dinnen (großartig: Andrea Sawatzki, Maria Happel) schade, denn die beiden hätten fast einen eigenen Film verdient. Am Ende bleibt der didak­ti­sche Lern­ef­fekt: Vertragt euch! (Christoph Becker)

Speak no evil (Gæsterne) (Dänemark/Nieder­lande 2022, R: Christian Tafdrup) (Wett­be­werb Cine­vi­sion)
Gran­dioser Family-Psycho­thriller, der mit einer harmlosen Urlaubs­freund­schaft zweier Paare mit Kind beginnt und dann langsam die Daumen­schrauben anzieht. Die Musik setzt von Anfang an irri­tie­rende Kontra­punkte gegen die Handlung und so endet der größte Alptraum mit Renaiss­sancechören von Monte­verdi. Unter Anspan­nung sucht man nach den ersten Anzeichen für das Kippen der netten Beziehung, aber es scheint lange alles so normal und nett. Toll und absolut authen­tisch gespielt! Zwei Männer­typen prallen aufein­ander, der eine woke und immer nett, der andere mani­pu­lativ und dominant. Vers­tö­rende Fragen wirken nach: Vertrauen wir noch unserer Intuition bezüglich Gefahr? Würden wir uns überhaupt vertei­digen können? (Christoph Becker)

Wann kommst du meine Wunden küssen? (Deutsch­land 2022, R: Hanna Doose) (Neues deutsches Kino)
Es ist fast so, als wären die jungen Helden aus Hanna Dooses groß­ar­tigem Debüt Staub auf unseren Herzen in die Midlife Crisis gekommen. Berlin ist vorbei, die »andere« Freiheit in den Bergen ist angesagt. Macht aber auch nicht glück­li­cher und dann sind da noch die Verwer­fungen unauf­ge­ar­bei­teter Vergan­gen­heiten und am Ende drei Frauen am Rande des Nerven­zu­sam­men­bruchs. Wie schon in ihrer dffb-Abschluss­ar­beit arbeitet Doose auch hier mit impro­vi­sierten Dialogen, dieses Mal aller­dings mit einem Ensemble bestens bekannter Schau­spieler. Das tut der Inten­sität zum Glück keinen Abbruch und erinnert durch das Berg-Setting, die »grup­pen­the­ra­peu­ti­schen« Momente und die grund­sätz­liche Hinter­fra­gung alter­nativ-utopi­scher Gesell­schafts­ent­würfe an Stefan Krohmers groß­ar­tigen Sie haben Knut, ist am Ende dann aber ganz Hanna Doose, denn hier wird nicht nur gestritten, geschrien und gesucht, sondern gibt es auch eine Kamera (Markus Zucker), die so zärtlich und schön wie ein Gedicht von Rilke ist. (Axel Timo Purr)