Das Gedächtnis des 20. Jahrhunderts |
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| Georg Stefan Troller in der ZDF-Sendung Vor 30 Jahren, 2011 | ||
| (Foto: Bodow · CC BY-SA 4.0) | ||
»Von den Hunderten von Leuten, mit denen ich Interviews gemacht habe, stimmen ja nicht zwei miteinander überein. Jeder hat genau seine Überzeugung gehabt, sein Leben gelebt, sich selbst so und so eingeschätzt, immer anders. Und meine Aufgabe war, das nicht zu verdammen, sondern wertzuschätzen. Es zu begreifen und als menschliche Möglichkeit dem Publikum rüberzubringen. Das war mein Ansatz.«
– Georg Stefan Troller
Freunde durften ihn George nennen. Aber das Wienerische hörte man ihm bis zum Ende an. In diesen zwei Polen, dem, weltläufigen Kosmopolitismus und der verlorenen, nur imaginär bewahrten Heimat spiegeln sich Leben und Persönlichkeit Georg Stefan Trollers, wie das Schicksal des ganzen Jahrhunderts.
Er war der Kopf, das Gesicht und vor allem das Gedächtnis dieses 20. Jahrhunderts – nicht nur, weil er selbst mit seinem unglaublichen Leben mehr als ein ganzes Jahrhundert umspannte: Von 1921 bis fast zu seinem 104. Geburtstag, bis zum Samstagmorgen; sondern auch weil er sie fast alle getroffen hat und alle kannte, die das Jahrhundert ausgemacht haben, seitdem er ins Pariser Exil gegangen war: Georg Stefan Troller, der jetzt in seiner Pariser Wahlheimat verstorben ist.
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Er war, was man eine »Fernsehlegende« nennt, aber immer auch ein Filmemacher für die große Leinwand. Der Unterschied zwischen Kino und Fernsehen hat ihn nie interessiert, er hat das Gewese darum spießig gefunden, aber so hätte er, der Bescheidene, Höfliche, es nie gesagt.
In Ein junger Mann aus dem Innviertel faszinierte ihn schon 1974 »der Schoß, aus dem alles kroch«: Zusammen mit Regisseur Axel Corti verfolgte er den konfusen Werdegang des jungen Hitler und machte auch noch Zeitzeugen in der Linzer Gegend ausfindig.
Und dann ging es weiter bis zur »Selbstbeschreibung« und zu »Auslegung der Wirklichkeit«, einem soliden Doku-Porträt von Ruth Rieser, in dem er sein Leben, also seine Flucht noch einmal erzählt.
Er war Emigrant aus Überzeugung, wenn auch nicht aus Neigung.
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Wohin und zurück hieß die großartige autobiographischen Trilogie, in der Georg Stefan Troller vom Schicksal emigrierter Juden in der Nazi-Zeit erzählt, und das ihn endgültig in den Olymp der Filmemacher beförderte. Zehn Jahre hatte Troller wieder mit Axel Corti mit Unterbrechungen daran gearbeitet. Durch die präzise Erfahrungsvermittlung Trollers und die bestechend genaue Regie Cortis wurde diese Trilogie zu einer der wichtigsten
Fernsehproduktionen der Achtzigerjahre.
Im Mittelpunkt des ersten Teils An uns glaubt Gott nicht mehr steht ein 16-jähriger, der 1938 in Wien die »Kristallnacht« erlebt und über Frankreich nach Amerika entkommt. Der erste Film dieser unsentimentalen und bedrückend genauen Dokumentarfiktion war eine reine Fernsehproduktion (ORF, in Westdeutschland im ZDF ausgestrahlt). Schon der zweiten Teil Santa Fe machte eine
Filmfestivalkarriere, der dritte Welcome in Vienna entstand dann direkt fürs Kino, ist auf vielen großen Festivals gelaufen, und wurde Österreichs Vorschlag für den Auslands-Oscar von 1988.
Hierin sieht sich der Exil-Heimkehrer in US-Uniform mit unverdrossenen Nazis konfrontiert, mit einer Mauer aus Verdrängen und Vergessenwollen. »L’Observateur« befand, dass seit Carol Reeds Der dritte Mann (1949) kein Film das Nachkriegs-Wien besser dargestellt habe.
»Ich wußte es auch nicht – (und wußte es immer), wie man diese plötzlich verordnete Flucht nennen sollte...« In vielen Gesprächen sei der Film und auch Titel dieser Trilogie entstanden, hatte Troller einmal erzählt: Er sei voll traurig lächelnder Selbstironie in Bezug auf die, die durch halb Europa flohen, aber nicht wussten, wohin.
In dem Dreiteiler wurde ein Geschichtsbild vermittelt, das den allgemeinen Verdrängungsneigungen nicht entsprach. Die Trilogie hat ihn für manche, für die Franzosen vor allem, zur Kultfigur, für andere, für die Kurz-Waldheim-Vasallen, zum Nestbeschmutzer werden lassen.
Schon 1987 lief Wohin und Zurück dann komplett im französischen Kino, fast ein Jahr unter anderem jedes Wochenende im berühmten Theater Patrice Chéreaus in Nanterre, sechs Stunden lang
mit Pausen, unter dem Titel: Erinnerung an Wien Die Leute standen Schlange, um den Film auf der großen Leinwand, im Original, französisch untertitelt, im »Théâtre aux Amandiers« zu sehen.
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Wer ihm wie ich persönlich begegnete, erlebte einen hellwachen, fast jugendlichen Geist, einen Weltbürger, der, bis zum Ende in salopper Eleganz gekleidet, wie ein Flaneur voller Neugier und mit nur geringer, anteilnehmender Distanz auf das Geschehen blickte.
Aus seiner Geburtsstadt Wien brachte er psychologische Grundbildung und einen Heißhunger aufs Konkrete, auf Anekdoten und Geheimnisse, die er in seinen Filmen und Büchern in sprechende Bilder goss. Ihm ging es um die Zwischentöne, um konkrete Beschreibungen, aber grundiert wurden seine Skizzen durch das Schwarz und Weiß einer existentialistischen Lebenshaltung, deren Entschiedenheit den Humanismus nicht ausschloss, sondern voraussetzte, wie die Hell-Dunkel-Erfahrung des Lebens seit den Dreißiger Jahren.
Troller ist alles Mögliche vergönnt geblieben. Die Flucht, das Exil und das Überleben als Jude zuallererst. Er hat diese Erfahrungen gemeinsam mit dem österreichischen Freund und Filmemacher Axel Corti in Form eines Fernsehdreiteilers auf Kinoniveau unter dem Titel Wohin und Zurück sehr nahe am eigenen Erleben beschrieben. Als US-Soldat kam er ins Elsass, dann nach Paris wo er blieb.
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Troller war, wie man früher so sagte, ein ganz anderes Kaliber. Er war »unser Mann in Paris«, mit seinen jahrzehntelangen Fernsehreihen aus Paris, Pariser Journal und dann Personenbeschreibung hat er Fernsehgeschichte geschrieben. Trollers Paris, das war noch »die Hauptstadt der Welt« (Ernest Hemingway) und ein bisschen auch die »Hauptstadt des 19. Jahrhunderts« (Walter Benjamin), es war aber vor allem das Paris der Avantgarde, der Surrealisten und Existentialisten, der »Nouvelle Vague« und des Mai ’68, aber auch der Clochards und Crazy-Horse-Tänzerinnen, der Mode und der armen Malereistudenten; es war das Paris, das die meisten Menschen selbst in den Siebziger-Jahren vor allem aus dem Kino kannten: Eine Schatzkammer und für Millionen Deutsche so, als hätten sie Paris zum ersten Mal betreten. Keine Touristenattraktion, sondern ein Ort des Absurden, Bizarren, Verblüffenden, immer Erotischen und Lustvollen. Eine eigene Welt, Lebensform für wenige und Mythos für alle.
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Ermittlungen im Dienst der Aufklärung: In seinen weiteren Dokumentarfilmen, Porträts und Büchern war er, stellvertretend für uns im Publikum, der Vertreter – nicht der Bundesrepublik und eines »besseren Deutschlands«, denn Troller war Wiener – aber eines anderen, besseren, vergangenen und vielleicht zukünftigen Europa. Er war der letzte Emigrant, er war ein Mahner und Warner, der als solches nicht um den heißen Brei herumredete. Aus Anlass des Sturms auf das
Kapitol 2021 sagte er: »Diese Fressen kenne ich doch! Das sind ja meine guten alten Wiener am Heldenplatz, anno 1938.« Das war kurz vor seiner eigenen Emigration mit 16 Jahren.
Es tut einem leid, dass Troller, zeitlebens ein liberaler Linker, am Ende auch noch erleben musste, dass Judenhass und Antisemitismus in all ihren hässlichen Facetten in den Demokratien des Westens wieder in Mode kommen, und fast schon wieder zum guten Ton mancher Kreise gehören. Troller äußerte sich dazu
öffentlich nicht.
Nur indirekt, unter Bezug auf die Ermordung der europäischen Juden: »Verzeihen... Oh, das ist kein Wort, das ich verwenden würde. Ich darf nicht verzeihen. 19 Mitglieder meiner Familie sind ermordet worden. Was habe ich zu verzeihen? Das ist ja unmöglich.«
Zur aktuellen Wokeness, dem Bedürfnis, statt gegenwärtigem Hass erst einmal jahrhundertealte Unrechtsregimes aufzuarbeiten, war seine Antwort resignierte Menschenkenntnis: »Die Leute verzeihen sich selber sehr leicht. Ist damit irgendetwas bewiesen? Das glaube ich eher nicht. Verstehen! Verstehen wäre Voraussetzung für ein echtes Verzeihen. Und wie viele Leute verstehen schon etwas?« (epd-Interview 2021)
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Bis zum Ende blieb Troller trotz solcher Erfahrungen einigermaßen gesund. Er hat bis weit über seinen hundertsten Geburtstag hinaus noch täglich die Zeitung gelesen.
Zum gesunden Altwerden gehört allerdings auch das Leiden darunter, dass mehrere Generationen von Wegbegleitern schon gestorben sind, und dass die meisten derjenigen, an die er sich erinnert hat, bis vor kurzem in seiner wöchentlichen Kolumne in der »Welt«, die unter dem schönen Titel »Trollers Jahrhundert« dort
regelmäßig erschien, bereits tot waren. Unter den Toten, die dieser »Menschenfresser« – genau gesagt sei die Kamera ein Menschenfresser, hatte Troller mal formuliert, was Willi Winkler dann sehr zärtlich in der »Süddeutschen« zu Trollers hundertstem aufgriff – im Laufe seines Lebens alle getroffen hatte, waren Georges Simenon und Jean Paul Sartre, Anais Nin und Giselle Freund, Romy Schneider und Marlon Brando und viele mehr. Ein paar noch Lebende waren auch darunter, wie etwa Peter
Handke.
Gegen manche heutige schlichte Vorstellungen von »objektiver Wahrheit« und »Journalismus als ›sagen was ist‹« hat Troller immer seine Form der beobachtenden Annäherung und des subjektiven Verstehens verteidigt:
»Objektive Wahrheit gibt es nirgendwo. Eine Approximation gibt es und eine persönliche, an die man selber glaubt, das gibt es ja. Aber ist sie die objektive Wahrheit? Das weiß ich nicht. Gut erfunden ist mindestens so überzeugend wie schlecht gelebt. Ich habe in all meinen Büchern immer fiktive Interviews – manchmal als solche deklariert, manchmal nicht. Und das gehört auch dazu. Das Interview ist eine Erzählform wie die Novelle und kann als solche als eine andere Art von
Fiktion eingestuft werden.
(Frage im epd-Interview: ›Aber ist es nicht unsere Aufgabe die Realität wiederzugeben, zu sagen, was ist?‹)
›Das stellt sich dabei möglicherweise eher heraus. Die eigentlichen Wahrheiten sind ja nicht als Daten verfügbar, sondern sind undeutlich, verwirrend, unerkannt oder halb erkannt usw. Wer weiß denn schon wirklich 100-prozentig die Wahrheit über sich selber? Nur Schwindler behaupten das … oder
Psychoanalytiker.‹«
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»Ich habe alles nur gemacht um mir selber Vergnügen zu bereiten« zitierte er Ghandi und meinte sich selbst.
Darum hatte alles, was er anfasste, diesen unverwechselbaren Troller-Sound und Troller-Rhythmus, was auch immer dieser Augenmensch betrachtete, war ein Teil in diesem großen, unendlichen Schauspiel, der »Comédie Humaine«, in der wir alle andauernd nur Rollen spielen, kläglich allzuoft,
heroisch oder gar bewundernswert höchst selten.
Vormachen wollte er sich und anderen allerdings nichts. Darum verbot er sich das offene Engagement seiner existentialistischen Freunde: Wut, so Troller, »das ist ein schlechter Ausgangspunkt, um einen Film zu machen.« So war Troller auch ein nüchterner Ermittler im Dienst der Aufklärung. Ein melancholischer Detektiv, desillusioniert, aber warmherzig, charmant, einer der hart am Abgrund vorbeigeschrammt war und das Leben in
seinen besten Seiten auskostete und genoss. Von ihm konnte man beim Zuschauen, erst recht aber in der persönlichen Begegnung die Kunst des Interviews, des Gesprächs ebenso lernen wie die Kunst des Lebens und der Verführung.