02.10.2025

Das Gedächtnis des 20. Jahrhunderts

Georg Stefan Troller
Georg Stefan Troller in der ZDF-Sendung Vor 30 Jahren, 2011
(Foto: Bodow · CC BY-SA 4.0)

Dieser Mann war ein anderes Kaliber: In memoriam Georg Stefan Troller – zum Tod der Fernsehlegende, des humanistischen Detektivs und Lebenskünstlers Georg Stefan Troller

Von Rüdiger Suchsland

»Von den Hunderten von Leuten, mit denen ich Inter­views gemacht habe, stimmen ja nicht zwei mitein­ander überein. Jeder hat genau seine Über­zeu­gung gehabt, sein Leben gelebt, sich selbst so und so einge­schätzt, immer anders. Und meine Aufgabe war, das nicht zu verdammen, sondern wert­zu­schätzen. Es zu begreifen und als mensch­liche Möglich­keit dem Publikum rüber­zu­bringen. Das war mein Ansatz.«
– Georg Stefan Troller

Freunde durften ihn George nennen. Aber das Wiene­ri­sche hörte man ihm bis zum Ende an. In diesen zwei Polen, dem, welt­läu­figen Kosmo­po­li­tismus und der verlo­renen, nur imaginär bewahrten Heimat spiegeln sich Leben und Persön­lich­keit Georg Stefan Trollers, wie das Schicksal des ganzen Jahr­hun­derts.

Er war der Kopf, das Gesicht und vor allem das Gedächtnis dieses 20. Jahr­hun­derts – nicht nur, weil er selbst mit seinem unglaub­li­chen Leben mehr als ein ganzes Jahr­hun­dert umspannte: Von 1921 bis fast zu seinem 104. Geburtstag, bis zum Sams­tag­morgen; sondern auch weil er sie fast alle getroffen hat und alle kannte, die das Jahr­hun­dert ausge­macht haben, seitdem er ins Pariser Exil gegangen war: Georg Stefan Troller, der jetzt in seiner Pariser Wahl­heimat verstorben ist.

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Er war, was man eine »Fern­seh­le­gende« nennt, aber immer auch ein Filme­ma­cher für die große Leinwand. Der Unter­schied zwischen Kino und Fernsehen hat ihn nie inter­es­siert, er hat das Gewese darum spießig gefunden, aber so hätte er, der Beschei­dene, Höfliche, es nie gesagt.

In Ein junger Mann aus dem Innviertel faszi­nierte ihn schon 1974 »der Schoß, aus dem alles kroch«: Zusammen mit Regisseur Axel Corti verfolgte er den konfusen Werdegang des jungen Hitler und machte auch noch Zeit­zeugen in der Linzer Gegend ausfindig.
Und dann ging es weiter bis zur »Selbst­be­schrei­bung« und zu »Auslegung der Wirk­lich­keit«, einem soliden Doku-Porträt von Ruth Rieser, in dem er sein Leben, also seine Flucht noch einmal erzählt.

Er war Emigrant aus Über­zeu­gung, wenn auch nicht aus Neigung.

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Wohin und zurück hieß die groß­ar­tige auto­bio­gra­phi­schen Trilogie, in der Georg Stefan Troller vom Schicksal emigrierter Juden in der Nazi-Zeit erzählt, und das ihn endgültig in den Olymp der Filme­ma­cher beför­derte. Zehn Jahre hatte Troller wieder mit Axel Corti mit Unter­bre­chungen daran gear­beitet. Durch die präzise Erfah­rungs­ver­mitt­lung Trollers und die bestechend genaue Regie Cortis wurde diese Trilogie zu einer der wich­tigsten Fern­seh­pro­duk­tionen der Acht­zi­ger­jahre.
Im Mittel­punkt des ersten Teils An uns glaubt Gott nicht mehr steht ein 16-jähriger, der 1938 in Wien die »Kris­tall­nacht« erlebt und über Frank­reich nach Amerika entkommt. Der erste Film dieser unsen­ti­men­talen und bedrü­ckend genauen Doku­men­tar­fik­tion war eine reine Fern­seh­pro­duk­tion (ORF, in West­deutsch­land im ZDF ausge­strahlt). Schon der zweiten Teil Santa Fe machte eine Film­fes­ti­val­kar­riere, der dritte Welcome in Vienna entstand dann direkt fürs Kino, ist auf vielen großen Festivals gelaufen, und wurde Öster­reichs Vorschlag für den Auslands-Oscar von 1988.
Hierin sieht sich der Exil-Heim­kehrer in US-Uniform mit unver­dros­senen Nazis konfron­tiert, mit einer Mauer aus Verdrängen und Verges­sen­wollen. »L’Obser­va­teur« befand, dass seit Carol Reeds Der dritte Mann (1949) kein Film das Nach­kriegs-Wien besser darge­stellt habe.

»Ich wußte es auch nicht – (und wußte es immer), wie man diese plötzlich verord­nete Flucht nennen sollte...« In vielen Gesprächen sei der Film und auch Titel dieser Trilogie entstanden, hatte Troller einmal erzählt: Er sei voll traurig lächelnder Selbst­ironie in Bezug auf die, die durch halb Europa flohen, aber nicht wussten, wohin.

In dem Drei­teiler wurde ein Geschichts­bild vermit­telt, das den allge­meinen Verdrän­gungs­nei­gungen nicht entsprach. Die Trilogie hat ihn für manche, für die Franzosen vor allem, zur Kultfigur, für andere, für die Kurz-Waldheim-Vasallen, zum Nest­be­schmutzer werden lassen.
Schon 1987 lief Wohin und Zurück dann komplett im fran­zö­si­schen Kino, fast ein Jahr unter anderem jedes Wochen­ende im berühmten Theater Patrice Chéreaus in Nanterre, sechs Stunden lang mit Pausen, unter dem Titel: Erin­ne­rung an Wien Die Leute standen Schlange, um den Film auf der großen Leinwand, im Original, fran­zö­sisch unter­ti­telt, im »Théâtre aux Amandiers« zu sehen.

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Wer ihm wie ich persön­lich begegnete, erlebte einen hell­wa­chen, fast jugend­li­chen Geist, einen Welt­bürger, der, bis zum Ende in salopper Eleganz gekleidet, wie ein Flaneur voller Neugier und mit nur geringer, anteil­neh­mender Distanz auf das Geschehen blickte.

Aus seiner Geburts­stadt Wien brachte er psycho­lo­gi­sche Grund­bil­dung und einen Heißhunger aufs Konkrete, auf Anekdoten und Geheim­nisse, die er in seinen Filmen und Büchern in spre­chende Bilder goss. Ihm ging es um die Zwischen­töne, um konkrete Beschrei­bungen, aber grundiert wurden seine Skizzen durch das Schwarz und Weiß einer exis­ten­tia­lis­ti­schen Lebens­hal­tung, deren Entschie­den­heit den Huma­nismus nicht ausschloss, sondern voraus­setzte, wie die Hell-Dunkel-Erfahrung des Lebens seit den Dreißiger Jahren.

Troller ist alles Mögliche vergönnt geblieben. Die Flucht, das Exil und das Überleben als Jude zual­ler­erst. Er hat diese Erfah­rungen gemeinsam mit dem öster­rei­chi­schen Freund und Filme­ma­cher Axel Corti in Form eines Fern­seh­drei­tei­lers auf Kino­ni­veau unter dem Titel Wohin und Zurück sehr nahe am eigenen Erleben beschrieben. Als US-Soldat kam er ins Elsass, dann nach Paris wo er blieb.

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Troller war, wie man früher so sagte, ein ganz anderes Kaliber. Er war »unser Mann in Paris«, mit seinen jahr­zehn­te­langen Fern­seh­reihen aus Paris, Pariser Journal und dann Perso­nen­be­schrei­bung hat er Fern­seh­ge­schichte geschrieben. Trollers Paris, das war noch »die Haupt­stadt der Welt« (Ernest Hemingway) und ein bisschen auch die »Haupt­stadt des 19. Jahr­hun­derts« (Walter Benjamin), es war aber vor allem das Paris der Avant­garde, der Surrea­listen und Exis­ten­tia­listen, der »Nouvelle Vague« und des Mai ’68, aber auch der Clochards und Crazy-Horse-Tänze­rinnen, der Mode und der armen Male­rei­stu­denten; es war das Paris, das die meisten Menschen selbst in den Siebziger-Jahren vor allem aus dem Kino kannten: Eine Schatz­kammer und für Millionen Deutsche so, als hätten sie Paris zum ersten Mal betreten. Keine Touris­ten­at­trak­tion, sondern ein Ort des Absurden, Bizarren, Verblüf­fenden, immer Eroti­schen und Lust­vollen. Eine eigene Welt, Lebens­form für wenige und Mythos für alle.

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Ermitt­lungen im Dienst der Aufklärung: In seinen weiteren Doku­men­tar­filmen, Porträts und Büchern war er, stell­ver­tre­tend für uns im Publikum, der Vertreter – nicht der Bundes­re­pu­blik und eines »besseren Deutsch­lands«, denn Troller war Wiener – aber eines anderen, besseren, vergan­genen und viel­leicht zukünf­tigen Europa. Er war der letzte Emigrant, er war ein Mahner und Warner, der als solches nicht um den heißen Brei herum­re­dete. Aus Anlass des Sturms auf das Kapitol 2021 sagte er: »Diese Fressen kenne ich doch! Das sind ja meine guten alten Wiener am Helden­platz, anno 1938.« Das war kurz vor seiner eigenen Emigra­tion mit 16 Jahren.
Es tut einem leid, dass Troller, zeit­le­bens ein liberaler Linker, am Ende auch noch erleben musste, dass Judenhass und Anti­se­mi­tismus in all ihren häss­li­chen Facetten in den Demo­kra­tien des Westens wieder in Mode kommen, und fast schon wieder zum guten Ton mancher Kreise gehören. Troller äußerte sich dazu öffent­lich nicht.
Nur indirekt, unter Bezug auf die Ermordung der europäi­schen Juden: »Verzeihen... Oh, das ist kein Wort, das ich verwenden würde. Ich darf nicht verzeihen. 19 Mitglieder meiner Familie sind ermordet worden. Was habe ich zu verzeihen? Das ist ja unmöglich.«

Zur aktuellen Wokeness, dem Bedürfnis, statt gegen­wär­tigem Hass erst einmal jahr­hun­der­te­alte Unrechts­re­gimes aufzu­ar­beiten, war seine Antwort resi­gnierte Menschen­kenntnis: »Die Leute verzeihen sich selber sehr leicht. Ist damit irgend­etwas bewiesen? Das glaube ich eher nicht. Verstehen! Verstehen wäre Voraus­set­zung für ein echtes Verzeihen. Und wie viele Leute verstehen schon etwas?« (epd-Interview 2021)

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Bis zum Ende blieb Troller trotz solcher Erfah­rungen eini­ger­maßen gesund. Er hat bis weit über seinen hundertsten Geburtstag hinaus noch täglich die Zeitung gelesen.
Zum gesunden Altwerden gehört aller­dings auch das Leiden darunter, dass mehrere Gene­ra­tionen von Wegbe­glei­tern schon gestorben sind, und dass die meisten derje­nigen, an die er sich erinnert hat, bis vor kurzem in seiner wöchent­li­chen Kolumne in der »Welt«, die unter dem schönen Titel »Trollers Jahr­hun­dert« dort regel­mäßig erschien, bereits tot waren. Unter den Toten, die dieser »Menschen­fresser« – genau gesagt sei die Kamera ein Menschen­fresser, hatte Troller mal formu­liert, was Willi Winkler dann sehr zärtlich in der »Süddeut­schen« zu Trollers hundertstem aufgriff – im Laufe seines Lebens alle getroffen hatte, waren Georges Simenon und Jean Paul Sartre, Anais Nin und Giselle Freund, Romy Schneider und Marlon Brando und viele mehr. Ein paar noch Lebende waren auch darunter, wie etwa Peter Handke.

Gegen manche heutige schlichte Vorstel­lungen von »objek­tiver Wahrheit« und »Jour­na­lismus als ›sagen was ist‹« hat Troller immer seine Form der beob­ach­tenden Annähe­rung und des subjek­tiven Verste­hens vertei­digt:

»Objektive Wahrheit gibt es nirgendwo. Eine Appro­xi­ma­tion gibt es und eine persön­liche, an die man selber glaubt, das gibt es ja. Aber ist sie die objektive Wahrheit? Das weiß ich nicht. Gut erfunden ist mindes­tens so über­zeu­gend wie schlecht gelebt. Ich habe in all meinen Büchern immer fiktive Inter­views – manchmal als solche dekla­riert, manchmal nicht. Und das gehört auch dazu. Das Interview ist eine Erzähl­form wie die Novelle und kann als solche als eine andere Art von Fiktion einge­stuft werden.
(Frage im epd-Interview: ›Aber ist es nicht unsere Aufgabe die Realität wieder­zu­geben, zu sagen, was ist?‹)
›Das stellt sich dabei mögli­cher­weise eher heraus. Die eigent­li­chen Wahr­heiten sind ja nicht als Daten verfügbar, sondern sind undeut­lich, verwir­rend, unerkannt oder halb erkannt usw. Wer weiß denn schon wirklich 100-prozentig die Wahrheit über sich selber? Nur Schwindler behaupten das … oder Psycho­ana­ly­tiker.‹«

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»Ich habe alles nur gemacht um mir selber Vergnügen zu bereiten« zitierte er Ghandi und meinte sich selbst.
Darum hatte alles, was er anfasste, diesen unver­wech­sel­baren Troller-Sound und Troller-Rhythmus, was auch immer dieser Augen­mensch betrach­tete, war ein Teil in diesem großen, unend­li­chen Schau­spiel, der »Comédie Humaine«, in der wir alle andauernd nur Rollen spielen, kläglich allzuoft, heroisch oder gar bewun­derns­wert höchst selten.
Vormachen wollte er sich und anderen aller­dings nichts. Darum verbot er sich das offene Enga­ge­ment seiner exis­ten­tia­lis­ti­schen Freunde: Wut, so Troller, »das ist ein schlechter Ausgangs­punkt, um einen Film zu machen.« So war Troller auch ein nüch­terner Ermittler im Dienst der Aufklärung. Ein melan­cho­li­scher Detektiv, desil­lu­sio­niert, aber warm­herzig, charmant, einer der hart am Abgrund vorbei­ge­schrammt war und das Leben in seinen besten Seiten auskos­tete und genoss. Von ihm konnte man beim Zuschauen, erst recht aber in der persön­li­chen Begegnung die Kunst des Inter­views, des Gesprächs ebenso lernen wie die Kunst des Lebens und der Verfüh­rung.