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Jahresrückblick 2004 06.01.2005
 
 

Wir blicken zurück!
Es schreiben Dunja Bialas, Anja Marquardt, Nani Fux, Rüdiger Suchsland, Markus Nechleba, Thomas Schöffner, Thomas Willmann und Michel Haberlander

Lauren Bacall
Umstritten: LOST IN TRANSLATION
 
 
 
 

MOMENTE, DIE BLEIBEN

Die Zigarette danach. Die junge Charlotte (Scarlett Johansson) tritt aus dem Karaoke-Raum heraus, in dem sie eben noch gesungen hatte, verlässt seine stickige Intimität. Der zerfurchte Bob Harris (Bill Murray) folgt ihr. Sie rauchen eine Zigarette. - Ein Moment der Stille in Sofia Coppolas LOST IN TRANSLATION, bevor die Fahrt durch das nächtliche Tokio im Sound von "My Bloody Valentine Loveless" badet. Ein Moment ohne Worte, jenseits von "translation" und ganz bei sich.

Soundlevel 55. Bevor die Gesangslehrerin Sylvia Millet (Agnès Jaoui) das Landhaus des egomanischen Verlegers Étienne Cassard (Jean-Pierre Bacri) verlässt, der noch nie seine Tochter singen gehört hat, legt sie eine Tonaufnahme von ihr in den Kassettenrekorder und dreht voll auf. So schön kann Rache sein, wenn man nur das Bild, das man sich von jemandem gemacht hat, hinter sich lassen kann. (COMME UNE IMAGE, von Agnès Jaoui.)

Stepptanz-Eskapade. Wenn am Schluss der Samurai-Satire ZATOICHI die Bauern aus dem 19. Jahrhundert auf der Bühne einen Stepptanz hinlegen, der in nichts den Tanzeinlagen eines Fünfziger-Jahre-Musicals nachsteht, dann scheint Takeshi Kitano der Illusionmaschine Kino die lange Nase zu zeigen und zu sagen: "All is fiction, the show must go on!"

Die Kapelle am Bosporos. GEGEN DIE WAND hat Fatih Akin seinen Film mit Sicherheit nicht gefahren, und doch sind seine schönsten Momente die, wenn die Handlung angehalten wird und wie in einer griechischen Tragödie die Geschehnisse singend kommentiert werden. Dezenter und schöner konnte Akin sein wütendes Märchen über die "Allemançi" nicht betten.

Rettende Schachtelspiele. Wenn Erzählungen in der Erzählung zu immer weiteren Erzählungen innerhalb der Erzählungen führen, dann wird allein das Drehbuch zum Film. Das kann trotz aller Drögheit, die sich da anbahnt, zu einem großen Moment der Erleichterung werden. Nichts ist dann mehr da von der schon entstandenen Befürchtung, Almodóvar werde in LA MALA EDUCACIÓN seine schlechte Erziehung ausspielen, indem er auf die langweilige Erzählstruktur der Binnenerzählung zurückgreift. Man läßt sich von ihm bereitwillig verschachteln, und bleibt dabei ganz bescheiden. Dunja Bialas



Jim Carrey, der durch die visuellen Irrgärten des "Charlie Gondry" mäandert und am Strand von Hesses Montauk mit der Hand durch den Sand streicht: "Sand is overrated. It's just tiny little rocks." ETERNAL SUNSHINE OF THE SPOTLESS MIND ist zu Anhimmeln großartig.

Wäre der Film ein Tier, wäre er ein Panther. THE VILLAGE ist so samtweich wie gefährlich, elegant und gut im Anschleichen. Und so realisiert man in der Zeitlupe des Geschehens erst, wenn Joaquin Phoenix nach hinten kippt, dass Adrien Brody ihm soeben ein Messer zwischen die Rippen gerammt hat.

BIRTH. Wegen des atemberaubenden Kamerafahrt im Vorspann, durch den verschneiden Central Park unter die dunkle Brücke, unter der sich schon Edward Norton in 25th HOUR zum Abschied von seinen Freunden zusammenschlagen ließt, unter der Woody Allen sich in ANYTHING ELSE verdattert zum Mord bekannte und wahrscheinlich noch einige andere bedeutende Wendepunkte erzählt wurden. BIRTH erzählt viele Dinge, viele Bilder und Momente so, als hätte es sie noch nie gegeben. Einiges könnte von Kubrick sein.

MUXMÄUSCHENSTILL. Mux schießt sein Mäuschen still, weil sie nicht hören will. Über den Rücken der Gesellschaft und einen verbohrten Jüngling, der nach ihren Zitzen schnappt. Selbstbetrug und Selbstjustiz im selbstgemachten Kino. Black Comedy, Mockumentary, Satire - Deutschland braucht mehr davon!

BLUEBERRY. Der erste ernstzunehmende Versuch, einen Castaneda-Western auf die Leinwand zu bringen. BLUEBERRY macht das, was Berlinalefilm THE MISSING sich nicht traute. Die besten Momente: Alle, in denen Vincent Cassell Peyote nimmt.

KILL BILL II. "Trailer Home"-Michael Madsen doziert über den Unterschied zwischen Superman und Batman.

THE MACHINIST. Auf dem Rummel Geisterbahn fahren und merken, dass man sich in der eigenen Twilight Zone befindet. Frauen werden vergewaltigt, Männer ans Kreuz geschlagen, und der kleine Junge, den man unvorsichtigerweise mitgenommen hat, steuert den Wagen an der einzigen Gabelung statt in die "Road to Salvation" in den "Highway to Hell". Anja Marquardt

Reigen in schwarz-weiß - Ein Tisch, ein Päckchen Zigaretten und viele, viele Tassen Kaffee - mehr braucht man nicht für einen grandiosen Film. COFFEE AND CIGARETTES, von Jim Jarmusch.

Monster in der Psychokiste - Die Oberrocker von Metallica auf der Couch - solche Geschichten denkt sich kein Drehbuchschreiber aus, die schreibt einfach nur das Leben. Ein Hoch auf die Kunst des Dokumentarfilms! METALLICA - SOME KIND OF MONSTER.

Zappelnde Sashimi - OLD BOY, nach jahrelangem Kerkermartyrium erstmals wieder in einem Restaurant, braucht nach eigenem bekunden etwas lebendiges und verschlingt einen sich windenden Kraken.

Racheengel - Ebenfalls um eine ausgesprochen kunstvollen Rachfeldzug dreht sich alles in KILL BILL. Tarantinos Story ist zwar weniger raffiniert, dafür sieht Uma Thurman in ihrem kanariengelben Overall deutlich besser aus als Old Boy.

Zeitsprung - Eine Frau und ein Mann bummeln durch Paris, reden wie ein Wasserfall. Unter der plätschernden Oberfläche des ebenso intelligenten wie witzigen Dialogs läuft ein stummer der da fragt: Liebst auch Du mich noch? BEFORE SUNSET haben die zwei das glücklich geklärt. Nani Fux



Carina Lau rauchend in der Tür stehend, in Zeitlupe, in Wong Kar-wais 2046 - ein kurzer Augenblick. Coolness trifft Weiblichkeit, Chris Doyle die unterschätzteste Schauspielerin Asiens. Man kann, muss sich sofort verlieben. Zu sehen bisher nur in Cannes, ab kommender Woche im deutschen Kino.

Nicole Kidman in BIRTH. Eine einzige Großaufnahme, zwei, drei, vielleicht vier Minuten. Die Kamera schaut sie an. Und sie uns. Dazu läuft Wagner. Und das erzählt mehr, als über hundert Filme in diesem Jahr zusammen.

Eine kleiner Oktopus wird bei lebendigem Leib verspeist. Nur noch ein paar Beine des Tiers ringeln sich poetisch um den Mund des Essers. Animals were harmed in this movie. Und OLD BOY schlägt KILL BILL. Asien kommt. Endlich!

Bryce Dallas Howard
ihrer ersten Filmrolle in THE VILLAGE, in dem Augenblick, als sie Joaquim Phoenix ihre Liebe gesteht. Schon davor lebt der Film fast ausschließlich von ihr. Danach kippt er. Aber dieser Moment ist eine Offenbarung.

Kate Winslet mit knallroten Haaren, schön wie nie, in einem Haus, das sich in seine Bestandteile auflöst, das Meer dringt ein, ein Bild, das den Tsunami der asiatischen Katastrophe vorausahnt, und doch etwas ganz anderes sagen will. Mag und Jim Carrey auch noch so auf die Nerven gehen und Charlie Kaufmann sowieso - ETERNAL SUNSHINE IN MY SPOTLESS MIND ist ein Film wie ein Vergissmeinicht. Rüdiger Suchsland


DEMAIN ON DÉMÉNAGE, Chantal Akerman. Zwei junge Frauen lernen sich bei einer Wohnungsbesichtigung kennen und verabreden, sich die Wohnung zu teilen, weil die eine in ihr nur tagsüber (an einem erotischen Roman) arbeiten möchte, die andere nur abends und nachts darin wohnen. Und dann stellt die eine aber doch klar, dass sie nicht auf eine neue Freundschaft aus sei, weil sie schon so viele Freunde und Bekannte habe, dass sie gar nicht mehr zu sich selbst komme. - Nicht mehr zu wissen, wer man ist, in all den Funktionszusammenhängen, die nicht mehr dem eigenen Leben wirklich dienen, das könnte ein Zeichen der Zeit sein. - Und im übrigen musizieren in diesem Film ständig alle zusammen, ob tatsächlich mit Instrumenten, singend, oder sprechend, sich bewegend.

UNE VISITE AU LOUVRE, Straub/Huillet. Eine Frauenstimme, die Äußerungen rezitiert, die Cézanne angesichts einiger Bilder im Louvre gemacht hat, und die sein Freund Joachim Gasquet nach dessen Tod aus dem Gedächtnis aufschrieb, gekürzt und dirigiert von Jean-Marie Straub und Danièle Huillet. Viele Verschiebungen, weg vom authentischen Ursprung. Und doch genau so viele, dass ein authentisches Sehen wieder möglich wird, einen ganzen Film lang, ein materiales, sinnliches und auch ein zorniges und abschätziges, jenseits aller gutbürgerlichen Kunstküche, die unterschiedslos alles schmackhaft macht. Und Jean-Marie Straub hat auch versprochen, Museen zu hassen und dass ihn niemand jemals wieder in den Louvre kriegt.

S21, Rithy Pan. Ein Film, der von den kambodschanischen Arbeitslagern handelt, so wie sie heute die Betroffenen noch immer bestimmen. Ein ehemaliger Häftling beschreibt seine gemalten Bilder, die visualisieren, was er immer wieder empfindet. Ehemalige Wärter, in den damaligen Räumen und Gängen, spielen und verkörpern plötzlich wieder, wie sie mit den Gefangenen umgegangen sind, sie anschrien, rumkommandierten und schlugen. Vielleicht ist der größte Teil des Gedächtnisses ein körperliches. Eines, das in der strengen und pathetischen Reinszenierung schonungslos zu Tage treten kann als Einbruch der Wahrheit.

NOTRE MUSIQUE, Jean-Luc Godard. "Ja, das Bild ist Glück, aber neben ihm liegt das Nichts. Die Kraft des Bildes kann nur dann Wirklichkeit werden, wenn es dieses anruft." Olga, die junge Französin, Jüdin russischer Herkunft blickt auf zwei Schrifttafeln, auf denen steht: "Es wird mein Martyrium sein / Morgen werde ich im Paradies sein." Am Ende betritt sie das Paradies, weil sie mit Büchern im Rucksack eine Geiselnahme in einem Kino in Tel Aviv veranstaltet hat. Judith, die andere junge Frau, israelische Journalistin französischer Herkunft, flüstert dann im Off: "Sie sind zu zweit, sie, und ich, sie habe ich nie gesehen. Es ist wie ein Bild, aber eines, das von weitem käme." Markus Nechleba



STATION AGENT
von Tom McCarthy:
Wenn der kleinwüchsige Eisenbahn-Fan Fin zusammen mit dem ewig quasselnden Joe im Eiswagen dem Zug nachjagt, wird hier der bedächtig erzählte STATION AGENT von Tom McCarthy ganz abrupt aufgebrochen. Freundschaften werden in diesem Film in aller Ruhe geschlossen, aber beim Trainchasing dann energisch und mit viel Humor zelebriert.

OLD BOY von Park Chan-wook:
Dae-su war fünfzehn Jahre lang eingesperrt. Zurück in der Freiheit, schlägt er mit einem Hammer seinem ehemaligen Peiniger für jedes Jahr der Gefangenschaft einen Zahn heraus. Dass dazu Vivaldis muntere "Vier Jahreszeiten" erklingen, macht in diesem bitteren Moment deutlich, dass Park Chan-wook in seinem OLD BOY gleichzeitig mit blutigem Ernst wie mit augenzwinkernder Leichtigkeit zur Sache geht, seinen überwältigenden Fluss an Bildern und Geschichten bis ins kleinste Detail liebevoll zusammen geschustert hat.

GEGEN DIE WAND von Fatih Akin:
Während Sibel Kekilli und Birol Ünel sich in GEGEN DIE WAND das Leben vom Leib spielen, sich durch eine europäische Gesellschaft lieben und töten, in der auch die Sicherheitszone Familie nur noch zur Explosion taugt, musiziert eine türkische Gruppe direkt unten am Bosporus. Fatih Akin hat damit leitmotivische Momente der Meditation geschaffen. Eine wohlklingende und in Sonnenschein getauchte Nebenwelt, in der die harte Realität musikalisch gespiegelt wird, und danach umso finsterer wieder vor das Kamera-Auge tritt.

ONG BAK von Prachya Pinkaew:
Der Jungpriester Ting vom thailändischen Lande ist auf der Suche nach einem Buddha-Kopf und hat schon reihenweise fiese Schlägertypen übel zugerichtet. Auf der Flucht vor einer Bande durch das belebte Bangkok macht er Salti über in den Gassen laufende Händler, springt im Spagat über fahrende Autos, oder rutscht ebenfalls mit gespreizten Beinen unter ihnen durch. So findet in ONG BAK von Prachya Pinkaew hartes Körper-Kino zu seinen Wurzeln der Unterhaltung zurück. Auch die Wiederholungen dieser Szenen aus anderen Perspektiven zeugt vom großen Spaß, den gerade das asiatische Kino immer wieder mit seinen harschen Direktheiten verbindet.

ARARAT von Atom Egoyan:
Der jugendliche Raffi sitzt in Atom Egoyans ARARAT mit dem Zollbeamten David im kleinen Hinterzimmer des Flughafens von Toronto. David vermutet Drogen in den Filmrollen, kommt Raffi doch damit gerade aus der Türkei. Was Raffi ihm dann auf dem winzigen Display einer Digitalkamera vorspielt, ist seine Reise in die Vergangenheit, zeigt in pixeligen Bildern den Ararat, den heiligen Berg, in dessen Nähe vor knapp hundert Jahren ein Genozid an Raffis armenische Vorfahren verübt wurden. Egoyan macht diesen kleinen Moment des Film-im-Films zum vibrierenden Ereignis der persönlichen Offenbarung, zum schmerzenden Splitter der vielen Überlagerungen von Film und Wirklichkeit, von Geschichten und Geschichte in ARARAT. Thomas Schöffner


Der allerschönste Filmmoment des vergangenen Jahres war für mich kein neuer: Filmfest München, Kaurismäki-Retro (überhaupt DAS Highlight 2004), TATJANA. Eine wortlose Szene, in der die filmischen Mittel scheinbar gar nichts machen, in der fast nichts passiert, aber gerade deswegen von herzzerreißender Größe, Zärtlichkeit, Einsamkeit, Hoffnung: Matti Pellonpää legt seinen Arm um Kati Outinen, die ihren Kopf an seine Schulter, und auf dem Soundtrack fährt Tschaikowskys "Pathétique" hoch. Mehr nicht. Aber nichts anderes kam da für mich letztes Jahr im Kino ran.

Ziemlich nah war dieser Größe immerhin LOST IN TRANSLATION, Sofia Coppolas wunderschöner Film über das Fremdsein in der Welt und im Leben - und da insbesondere der Moment am Schluss, wo Bill Murray doch noch einmal Scarlett Johannsen trifft und ihr etwas ins Ohr flüstert, und der Film den Anstand hat, es uns nicht hören und somit diesen Augenblick seinen Figuren ganz allein zu lassen.

Tief berührt hat mich auch das Ende von LES TRIPLETTES DE BELLEVILLE (dt. DAS GROßE RENNEN VON BELLEVILLE), überhaupt ganz hoch auf meiner Jahres-Favoritenliste: Beim ersten Anschauen kann man die grandiose Traurigkeit des Films etwas übersehen, vor lauter Begeisterung und Freude über seine visuelle Grandiosität, über seinen bizarren Witz. Aber wie in das Vakuum nach einem großen Knall rauscht nach der überdrehten Verfolgungsjagd mit dem letzten Bild alle verdrängte Traurigkeit schlagartig wieder herein und überspült einen regelrecht.

Wunderschöne Szenen vor einem Finale: Der Moment in OPEN RANGE, wo die alternden, harten Cowboys sich, kurz bevor es ans potentielle Sterben geht, zum ersten Mal in ihrem Leben ein Stück Schokolade gönnen.

Und schließlich ein Super-Anfang: Die Nummer mit dem großen Baum, den vielen jungen Männern und der unbarmherzigen Schwerkraft in ONG BAK. Da wusste man gleich, dass dieser Film was Besonderes sein würde. Und Martial Arts-Sensation Tony Jaa enttäuschte nicht, bewies im atemberaubenden Rest des Films, dass die Vergleiche mit dem jungen Bruce Lee und Jackie Chan kein hohles Marketing-Gewäsch sind.

Aus meinem Film des Jahres hingegen, INFERNAL AFFAIRS II, kann ich seltsamerweise gar keinen Lieblingsmoment nennen. Es ist die brillante Eleganz seiner Gesamtheit, die mich so begeistert hat.

Zu viele grandiose Momente dagegen in Rob Zombies HOUSE OF 1000 CORPSES - und genau dies Überbordende war so herrlich an diesem Film, der die Wurzeln des Kinos bei Jahrmarkt und Freakshow nicht vergessen hat, der weiß, dass Horror-Filme derb, fies, unberechenbar zu sein haben und nebenbei noch eine prima Geisterbahn-Collage aus 100 Jahren amerikanischem Entertainment bot - und der selbstverständlich das wahre TEXAS CHAINSAW MASSACRE-Remake war letztes Jahr.

Schwer auch, einen Lieblingsmoment aus JAZZCLUB - DER FRÜHE VOGEL FÄNGT DEN WURM herauszupicken. Helge Schneiders Meisterwerk war nun mal der schönste deutsche Film des Jahres, basta, und das in jeder albernen, melancholischen, verschrobenen, avantgardistischen Minute. Aber wenn ich mich festlegen müsste, dann vielleicht doch die Stummfilmsequenz.

Frohe Kunde zum Schluss: Einige der schönsten Filmmomente 2004 stehen Ihnen, werte Leser, erst noch bevor. Die letzte Woche Pressevorführungen im vergangenen Jahr brachte Wong Kar-wais 2046, Scorseses THE AVIATOR, Jeunets UN LONG DIMANCHE DE FIANÇAILLES (dt. MATHILDE - EINE GROßE LIEBE). Einer größer als der andere, allesamt Meisterwerke, die nochmal zu sehen ich kaum erwarten kann. Der erste Kinomonat 2005 kann kommen.

Thomas Willmann


OLDBOY ist ein Film, in dem sich die denkwürdigen Szenen aneinander reihen, wie die Perlen an einer Kette, doch besonders nachhaltig war der wohl verzweifeltste Kampf des Kinojahrs. Der 15 Jahre lang eingesperrt Dae-su hat gerade seinem "Gefängniswärter" die Zähne herausgebrochen und muss sich nun mit dessen kämpferischen Schergen auseinandersetzen. Es entspinnt sich ein schier endloser Kampf, brutal, erschöpfend, fern jeder Martial Arts-Eleganz, unerbittlich, hoffnungslos und beinahe unerträglich.

Fast meint man, es sei ein Standbild. Der massive Körper von Philip Seymour Hofmann in OWNING MAHOWNY auf einen weiteren Spieltisch gelehnt. Schließlich fordert eine minimale Fingerbewegung eine weitere Karte, die wieder nicht die richtige sein wird. Eine einzige kleine Geste, in der die Tragik dieses ganzen Menschen steckt.

Schlechte Laune ist der (meist berechtigte) Grundzustand des Comicautors Harvey Pekar im täglichen Leben wie im Film AMERICAN SPLENDOR. Doch plötzlich, in diesem ständig zwischen Spiel-, Dokumentar- und Trickfilm wechselnden kleinen Meisterwerk, die Szene, in der der echte Pekar mit seinem besten Freund und bekennenden Nerd Toby Radloff im Filmstudio stehen und sich über Jelly Beans unterhalten. Ein kurzer Moment, der in seiner ruhigen Belanglosigkeit sogar für Pekar einen kurzen Moment der Zufriedenheit bereithält.

Echtes Glück kann man im Kino finden, wenn es einem Film gelingt, gute Musik und schöne Bilder perfekt zu synchronisieren.
Hervorragendes Beispiel hierfür bot der Schluß des insgesamt sehr gelungen STARSKY & HUTCH. In einer fließenden Kameraeinstellung folgen wir dem legendären rot-weißen Ford Gran Torino bei seiner entspannten Fahrt durch einen leeren Wasserkanal und Aerosmith singen von Sweet Emotions. Wie wahr.

Während sich der clevere Robert McNamara in THE FOG OF WAR geschickt davor drückt, seine wahren Gefühle und Gedanken zu zeigen, gelingen Pepe Danquart in HÖLLENTOUR außergewöhnlich enthüllende Momente. So auch als Erik Zabel nach einer weiteren Etappe der Tour de France halbnackt und erschöpft im Bus sitzt, sich von seinem Betreuer abwaschen und -trocknen läßt und dabei irgendwie ratlos darüber redet, was für ein Wahnsinn das alles doch sei. In seinen Augen dabei ein angstvoller Blick, als ob er gerade einen Geist gesehen hätte. Michael Haberlander


ENTTÄUSCHUNGEN, DIE VERGEHEN

Gelber Regenmantel auf Asphalt. Leider lässt Romuald Karmaker sein intensives Kammerspiel DIE NACHT SINGT IHRE LIEDER über die Desillusionen eines jungen Paars im Tatort-Gestus enden. Es gibt keinen Grund, weshalb sich der Kamerafokus zusammen mit Frank Giering über die Balkonbrüstung stürzen sollte. Tödlicher Absturz des Films aus der hohen Höhe, auf der das Drama sich bis kurz vor Schluss bewegt hatte.

Manche Menschen ändern sich nie. An die Wand gepinnte, besserwisserische und moralisierende Worte, mit denen Hans Weingartner den Showdown seiner Befindlichkeitskomödie DIE FETTEN JAHRE SIND VORBEI einleitet. Was am Schluss noch ein politisches Märchen hätte werden können über die gelingende Revolution bundesrepublikanischer DREAMERS, und den Film mit dem niedlichen Daniel Brühl und der wildmähnigen Julia Jentsch zumindest partiell noch hätte retten können, wird hier endgültig zum pseudopolitischen Thesenfilm plakatiert. Dunja Bialas


OCEAN'S 12. eine große Enttäuschung, weil die Story keine ist und die Slickness des Erzählens, die bei Oceans' Eleven so begeistert hat, von bekloppten Handlungsfetzen ersetzt wird. Gleichzeitig aber definitiv einer der hellsten Momente des Kinojahres 04, weil er das, was an ihm enttäuscht, so exzessiv übersteigert, dass es schon wieder sehr genial wird. Die Presse bejubelt den neuen Mainstream-Film von Soderbergh? Der lacht sich ins Fäustchen, weil niemand Lunte riecht. OCEAN'S 12 ist eine Jazz Variation der Motive des ersten Teils - also experimentelles Kino. Anscheinend reicht ein Dutzend Star-Visagen, um den landläufigen Publikum das Gegenteil zu suggerieren. Well done, Stevie.

LOST IN TRANSLATION. Den Film zuerst auf deutsch gesehen, Billy Murray sagt. Ihn dann noch einmal, um den Hype zu verstehen, auf englisch gesehen. Irgendwie beides belanglos. Besonders die "intime" Szene, in der beide auf dem Bett liegen, Tee trinken und Fernsehen schauen. Jim Jarmush ohne Zauberstock.

ALEXANDER. "Alllexandrrr, you must conqurrr the thrrrone of yourrr fathrrr." Mit den Schlachten-Epen sollte jetzt erst mal gut sein. Die Welt braucht es nicht, dass ihre historischen Schlachtfelder (wohl um ein wenig Licht in die "generated Crowd" zu bringen) mit der Choreographie eines Football-Spiels inszeniert werden. Anja Marquardt


Blass und tuntig - LA MALA EDUCACIÓN - nie war Almodóvar so farblos wie hier. Nani Fux


"Super Size Me I.": Bruno Ganz in DER UNTERGANG - ein einziger Manierismus, eine einzige Peinlichkeit in einem Film, der weitaus cooler war, als man befürchten musste.

"Super Size Me II.":Charlize Theron in MONSTER. Sollte im UNTERGANG eigentlich Göring spielen. Tut sich dann irgendwie doch. Menschlich halt.

"Super Size Me III.":Gael Garcia Bernal in LA MALA EDUCACIÓN - sorry Ihr Damen, er mag ja auch in Frauenkleidern noch der süßeste Posterboy sein. Aber warum ruft bei Almodovar nicht endlich einer laut, dass dieser Kaiser gar nichts an hat. Noch nicht mal Frauenkleider.

"Super Size Me IV.":AMERICAN SPLENDOR - Die Rache der Nerds. Hier könnte auch Michael Moore stehen. Oder Mel Gibson. Aber AMERICAN SPLENDOR ist schlimmer. Viel schlimmer.

"Super Size Me V.":DIE GESCHICHTE VOM WEINENDEN KAMEL. Das Kamel hat geweint, klar. Mein Patenkind hat geweint. Ich auch. Ohne Worte. Rüdiger Suchsland


ALEXANDER von Oliver Stone:
Das Störende an ALEXANDER beginnt mit dem ersten und endet mit dem letzten Ton. Von den Fanfaren zu Beginn bis zum allerletzten Streicherteppich hat Vangelis kein Gefühl unkommentiert, keine Dramatik ohne musikalische Entsprechung gelassen. Der brüchige und oft ziellos umher irrende Film wird an allen rauen Stellen von synthetischen Sounds zugekleistert. Was beim futuristischen BLADERUNNER noch irgendwie passte oder bei Henry Maskes Boxkampfeinmärschen einst den nötigen Heroismus in die Hallen donnerte, das wirkt hier unmotiviert und höchst beliebig.

DER UNTERGANG von Oliver Hirschbiegel:
Oliver Hirschbiegel möchte zusammen mit Bernd Eichinger einen möglichst objektiven Film über die NS-Zeit machen und verfällt bei DER UNTERGANG gefährlich oft einem Nazi-Blick. Am unverzeihlichsten in der Szene, in der Adolf Hitler zusammen mit Eva Braun Selbstmord begeht, im privaten Zimmer des Führerbunker, im Angesicht der Niederlage. Anstatt mit filmischen Mut einfach mit der Kamera die beiden beim Sterben ins Visier zu nehmen, oder wenigstens einen Blick auf den toten Hitler zu richten, bleibt der Film hier dem Führer-Wunsch treu und verhüllt die Leiche stets andächtig. Dem Nazi-Mythos des unsterblichen Führers wird damit ganz ungeniert in die Hände gespielt. Thomas Schöffner


Enttäuschungen habe ich mir weitgehend erspart dieses Jahr. Soweit ich Filme, mit denen ich nichts anfangen kann, nicht gleich komplett vermieden habe, haben sie meist dann doch meine Erwartungen erfüllt - zum Beispiel, dass Wolfgang Petersen ein einfallsloser Langweiler ist und bleibt und TROY da keinen Deut dran ändert, oder dass man in Deutschland Genre-Kino nicht einfach so aus dem Boden stampfen kann, wie das glücklos LAUTLOS versuchte.

Unerwartet traf mich nur, was für ein possierlicher Postkarten-Kitsch THE MOTORCYCLE DIARIES war, und dass sich der vielgepriesene MONSTER als reinstes TV-Movie der Woche herausstellte.

Und ein klein bisschen enttäuscht war ich vom ersten Sehen von BIG FISH - weil ich zu sehr immer nur auf Tim Burton-Typisches wartete und weniger Augen dafür hatte, was für ein wundervoller Film das unabhängig davon ist. Beim zweiten Mal hat mich diese schöne Geschichte darüber, wie es sich anfühlt, wenn einem sein Leben, seine Welt als zu kleiner Teich erscheint, aber dann voll erwischt.

Einen der schönsten Kinomomente bescherte mir hingegen THE PASSION OF THE CHRIST: Als der Abspann von Mel Gibsons Oberammer endlich über die Leinwand war und ich den zähnefletschenden Fundi-Kitschpostkarten-Krampf hinter mir hatte.
Thomas Willmann


Enttäuschungen entstehen ja vor allem dann, wenn man mehr von etwas erwartet hat oder wenn ein Film seinen Möglichkeiten nicht gerecht wird.
So war es etwa in MARTINS PASSION, einer Doku über den brasilianischen Klaviervirtuosen Joao Carlos Martins. Das kaum zu glaubende Leben dieses Mannes würde Stoff für fünf spannende Dokumentarfilme bieten, aber die Regisseurin schafft es, daraus einen unstrukturierten, diffus dahinplätschernden, gestelzten Film zu machen. Sehr schade.

Bei 1000 anderen Regisseuren hätte ich angesichts von FEEL LIKE GOING HOME einfach die Schultern gezuckt und gedacht: "Passt schon". Aber für Martin Scorsese, dem Mastermind des sogn. Blues-Projekts, dem Mann, der uns u.a. die Mafia, New York, Profibillard und den italienischen Neorealismus bis in die letzte Faser hinein erklärt hat, für den Musik-, Film- und Geschichtsbesessenen, bleibt der Film zu weit an der Oberfläche und wird so (leider) zur Enttäuschung.

Die unglaublich intensive Präsenz von Denzel Washington konnte man 2004 sowohl in DER MANCHURIAN KANDIDAT wie auch in MANN UNTER FEUER bewundern. Um so enttäuschender sein Auftritt im lauwarmen OUT OF TIME. Der Regisseur Carl Franklin galt mal als große Hoffnung, was er mit uninspirierten 08/15 Krimis wie diesem sicher nicht einlösen kann.

Immer ärgerlich sind verschenkte Möglichkeiten wie z.B. in THE COOLER, der Geschichte eines fleischgewordenen Pechvogels, der einem Spielkasinobetreiber als probates Mittel gegen allzu glückliche Spieler dient. Wer könnte diesen armen Tropf besser darstellen, als William H. Macy, der dem amerikanischen Verlierer ein so markantes Gesicht gegeben hat. Dazu Alec Baldwin als fiesen Kasinobesitzer, da kann eigentlich nicht mehr viel schief gehen und dann wird der Film doch zur Enttäuschung, weil das Drehbuch und die Inszenierung viel zu feige sind und doch nur Altbewährtes aufwärmen.
Wirklich beschämend wird es für THE COOLER schließlich im direkten Vergleich zum oben genannten, thematisch ähnlichen, OWNING MAHOWNY. Michael Haberlander

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