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Jahresrückblick 2004 06.01.2005
 
 

Leinwand-Illusionen
Ein Rückblick auf das Kinojahr 2004

Lauren Bacall
OLD BOY
 
 
 
 

Regelmäßig kann man in den Medien von Neurowissenschaftlern hören, dass sie aufgrund ihrer aktuellen Forschungen davon ausgehen, dass unsere gesamten geistigen Fähigkeiten auf rein physikalisch-chemische Prozesse zurückzuführen sind und somit sowohl unsere Handlungsfreiheit als auch unser eigenes Ich nichts anderes sind, als schlichte Illusionen.
Diese Thesen aufgreifend, diskutieren nun Fachleute der verschiedensten Gebiete (von den Rechtswissenschaften über die Psychologie bis hin zur Philosophie), was die Richtigkeit dieser Behauptungen für unser tägliches Leben bedeuten würde. Die dabei immer gestellte Grundsatzfrage lautet: Wie könnten wir mit der Gewissheit, dass unser Bewußtsein, unser eigenes Ich, nur eine Illusion ist, glücklich weiterleben?

Hilfreich bei der Beantwortung dieser schwerwiegenden Frage könnte der Besuch eines Kinos sein, denn nirgendwo sonst gibt sich der Mensch so bedingungs- und vorbehaltlos den Illusionen hin.
Obwohl wir in jeder Sekunde eines Kinobesuchs wissen, dass das Gezeigte eine Fiktion ist, die mit großem technischem Aufwand (der uns durch entsprechende Making-of Sendungen auch noch nahe gebracht wird) erzeugt wurde, obwohl wir die Schauspieler schon in 20 anderen Rollen gesehen haben, obwohl wir wissen, wie die gruseligen Monster aus Kunststoff gebaut und die phantastischen Welten im Computer errechnet wurden, obwohl wir wissen, dass im Film kein Mensch wirklich stirbt, obwohl wir all das wissen, sitzen wir doch immer wieder im Dunkeln und spüren Freude, Angst, Spannung, Trauer, Hass, Mitleid...
Wenn man es so betrachtet, ist jeder gelungene Kinobesuch eine Überwindung der Vernunft und somit ein kleines Wunder.

Im vergangen Jahr gab es zum Glück wieder eine ganze Reihe von Filmen, die mich dieses "Wunder" erleben ließen. Sie, und nur sie, seien im Folgenden genannt.


Brüchige Welten

Während also die Wissenschaftler die Existenz des selbstbestimmten Ichs diskutieren, waren im Kino 2004 auffällig viele Filme zu sehen, die gerade die Ver- und Zerstörung der eigenen inneren Sicherheit zum Thema hatten.
Etwa im russischen Film DIE RÜCKKEHR, in dem das unerwartete Auftauchen des Vaters zwei Brüder wortwörtlich aus ihrem bisherigen Leben reißt und zu einer rätselhaften Reise mit dramatischem Ausgang zwingt.
In OLDBOY wird ein Mann scheinbar grundlos entführt und für Jahre in ein Zimmer eingesperrt. Als man ihn schließlich gehen läßt, ist er zwar körperlich wieder frei, doch geistig ist er gefangener als zuvor.
Gefangen in den eigenen Gedanken ist auch der von Ralph Fiennes gespielte SPIDER, der in seiner schizophrenen Welt noch einmal die Traumata seiner Kindheit durchlebt und in der Gegenwart wie ein zufälliger Besucher wirkt (unbedingt den 25.1. und 26.1.05 vormerken, wenn das Filmmuseum SPIDER in der Reihe "Unsichtbares Kino" noch einmal zeigt!).
Einen Bruder im verwirrten Geiste hatte Spider in Trevor Reznik aus dem Film THE MACHINIST. Der mit Abstand kafkaeskeste Film des Jahres, in dem der Hungerkünstler Christian Bale eines Tages aus einem schlaflosen Alptraum erwacht, um sich in einen Mörder verwandelt zu finden.
Nicht anders ergeht es dem MANCHURIAN KANDIDAT, den selbst sein verzweifelter Golfkrieg-Kamerad (Denzel Washington) nicht mehr retten, sondern nur noch erlösen kann. Selbst bei den durchgehend guten Schauspielleistungen dieses Films, sticht doch die Darstellung von Meryl Streep, als gnadenlose Mutter, hervor.
Nicht nur Männer plagen Realitätsverlustängste, so dass Nicole Kidman in BIRTH mit der Behauptung eines 10jährigen Jungen, er sei ihr wiedergeborener Ehemann, um- und beinahe untergehen muss.
Als Spezialist für die lustige Seite der geistigen Fehl- und Überfunktion, lieferte auch 2004 der notorische Drehbuchautor Charlie Kaufman mit VERGISS MEIN NICHT! seinen Beitrag. Jim Carrey läßt sich einige unschöne Erinnerungen absaugen, was nicht ohne aberwitzige Konsequenzen bleibt.

Neben diesem thematischen Schwerpunkt gab es noch weitere gelungene Dramen, die nichts mit Realitätsproblemen zu tun hatten und sich z.B. mit dem Zufall beschäftigten.
Ein dramatischer Zufall löst in 21 GRAMM eine noch dramatischere Kettenreaktion aus. Einmal mehr großartig die Schauspielkunst von Benicio Del Toro und mit dem Regisseur Alejandro Gonzalez Inarritu (AMORES PERROS) wird man auch in Zukunft rechnen müssen.
Seit Jahren rechnen muss man mit Gus van Sant, dessen Erfolgsfilme gerne übersehen lassen, dass er zu den innovativsten Regisseuren Amerikas zählt. Bewiesen hat er dies einmal mehr mit ELEPHANT, in dem er unter dem Mantel der zufälligen Schlichtheit eine äußerst komplexe und brillante Inszenierung versteckte. Noch experimenteller und mindestens genau so faszinierend wie ELEPHANT war van Sants GERRY, der es leider nur zu einem Kurzauftritt im Filmmuseum brachte.
"Wo die Liebe hinfällt...", sagt man gerne, wenn es um die Unberechenbarkeit der zwischenmenschlichen Gefühle geht. Eine sehr gelungene Variante dieses Themas fand LIEBE MICH, WENN DU DICH TRAUST, eine lebenslange Liebesgeschichte, die auf absurden Wetten aufbaut. Der gerne gezogenen Vergleich zur FABELHAFTEN WELT DER AMELIE hinkt zwar was Inhalt und Stimmung betrifft, kann aber bezüglich der visuellen Umsetzung durchaus bemüht werden.
Noch unberechenbarer als die Liebe ist das Glücksspiel. Das hält Philip Seymour Hoffman als klugen Bankangestellten in OWNING MAHOWNY aber nicht davon ab, immer wieder gegen die Wahrscheinlichkeit anzutreten. Sein Verhängnis: er ist nicht nur ein besessener Spieler, sondern auch ein besessener Verlierer.

Um ganz andere Dinge ging es in Akin Fathis GEGEN DIE WAND, der sich auf dem sehr harten Boden der Realität um Liebe, Freiheit und Identität dreht. Wenn deutsches Kino nur öfter so heftig und zugleich so schön wäre.
Ähnliche Themen, aber unter ganz anderen Vorzeichen, behandelte Atom Egoyans ARARAT, der sich zusätzlich mit den Schwierigkeiten des künstlerischen Prozesses befasste. Ein Film, der anfänglich beinahe unter der Last seines Inhalts erdrückt wird, um zum Schluß aber mit erstaunlicher Leichtigkeit alles zu einem großen Bild zusammenzufügen.
In YOUNG ADAM wird nichts zusammengefügt, sondern vieles auseinander gerissen. Eine düstere Bootsfahrt in das Herz der Finsternis des vermeintlich netten Möchtegernautors Joe, großartig dargestellt von Ewan McGregor.


Fahrradfahrerdiebe und Gegen-den-Strichmännchen

Zum Glück war das Kinojahr 2004 nicht nur ernst und dramatisch, sondern oft genug humorvoll und unterhaltsam.
Über everybody's darling LOST IN TRANSLATION weitere Worte zu verlieren spare ich mir, um dafür ausdrücklich auf AMERICAN SPLENDOR hinzuweisen.
Die wunderbar bissige, geistreiche und formvollendete Mischung aus Doku und Comic(real)verfilmung über das Leben des ewig schlecht gelaunten Comicautors Harvey Pekar, gehört zum meinen Highlights 2004.
Eine gewisse geistige Verwandtschaft zu AMERICAN SPLENDOR besaß der Anti-Weihnachtsfilm BAD SANTA mit Billy Bob Thornton als white christmas trash. So lange solch bitterböse Filme aus Amerika kommen, mache ich mir (zumindest was Kunst und Kino betrifft) keine Sorgen um das Land des wiedergeborenen Christen George W. Bush.
Nicht durchgehend perfekt, aber mit vielen guten und einigen besonders schönen Episoden, präsentierte sich Jim Jarmusch' Kurzfilmsammlung COFFEE AND CIGARETTES. Die Episode mit Bill Murray, zusammen mit seiner Performance in LOST IN TRANSLATION, untermauert nur meine persönliche Theorie, dass Murray der beste lebende Filmkomiker Amerikas ist.

Eine der erfreulichsten Überraschungen bot STATUS YO!, eine (1.) very low budget (2.) deutschen Komödie über (3.) die Berliner Hip Hop-Szene. Während sonst meist schon einer der drei Punkte reicht, um mich aus dem Kino zu treiben, ist STATUS YO! wirklich rundum gelungen, mit echten Charakteren, erstaunlich schönen Bildern und natürlich feinstem Hip Hop. Yo, die fetten Jahre sind noch lange nicht vorbei.
Von der Berliner Hip Hop-Szene zur gehobenen Pariser Literaturwelt. In SCHAU MICH AN! sprühen die Dialoge nur so vor Geist, Witz und Boshaftigkeit. Ein fast zynischer Film über die Verlockungen des Ruhms, das gnadenlose Kastensystem unserer modernen Gesellschaft und (natürlich) die Liebe, oder was manche dafür halten.

Losgelöst von allem Realem, boten zwei äußerst unterschiedliche Filme die Möglichkeit zur Flucht in eine andere Welt.
DAS GROSSE RENNEN VON BELLEVILLE war mein Trickfilm des Jahres. Ein visuelles Fest, das den alten Zeiten huldigt, voller freundlicher Ironie gezeichnet und eine verrückte Geschichte erzählend. Noch nie hat sich eine Trickfilmfigur so über einen Berg gequält.
Ganz anders präsentierte sich da HELLBOY. Angesichts all der glatten Comicverfilmungen der letzten Jahre, ist der Regisseur Guillermo Del Toro genau der richtige Mann, dem Superhelden aus der Hölle die notwendige Melancholie und Süffisanz zu verleihen. Zudem garantiert der Name Del Toro, dass der Film in einem düster pittoresken Schattenreich spielt.

Es gab Zeiten, da standen Western und Samurai-Filme in einer fruchtbaren Symbiose, doch seit beide Genres massiv an Popularität verloren haben, übernehmen westliche Action- und östliche Martial Arts-Filme ihre Rolle. Um so schöner, zwei sehenswerten Vertretern der "alten Schule" im Kino zu begegnen.
Im bildgewaltigen OPEN RANGE nimmt Kevin Costner und der (zum Glück) unverwüstliche Robert Duvall den Colt in die Hand, um gegen unfreundliche Grundbesitzer anzutreten. Man sollte sich nicht von der ruhig lakonischen Stimmung des Films täuschen lassen. Am Schluß wird derart heftig geschossen, wie schon lange nicht mehr.
Auf japanischer Seite greift Takeshi Kitano als blinder ZATOICHI zum Schwert, um für Recht und Ordnung und eine enormes Blutbad zu sorgen. Und da Kitano in seiner Heimat auch einer sehr angesehener Komiker ist, bekommen wir nebenbei ein ordentliche Portion japanischen Humors geliefert, der - wie so vieles aus diesem Land - sehr fremd aber auch sehr interessant ist.

Und was konnte man in 2004 tun, um sich einfach nur in bester Manier unterhalten zu lassen, ohne die gewohnten Ansprüche an ein gepflegtes Kinoerlebnis vor Filmbeginn abschalten zu müssen, wie sein Handy?
Möglichkeit 1: STARSKY & HUTCH. Dort übernehmen Ben Stiller und Owen Wilson die Rollen der legendären Fernsehhelden (die in persona natürlich nicht fehlen dürfen), das obligatorische Auto ist auch dabei und Snoop Dogg gibt den Huggy Bear. Sehr amüsant, sehr beschwingt, sehr flott, sehr clever.
Möglichkeit 2: OCEAN'S TWELVE. Steven Soderbergh und die ihm treu verbundenen Schauspielerkumpels gehen mal schnell Geld verdienen, um dann wieder Kunstfilme zu drehen.
Ein aberwitziger Ritt durch die Kinogeschichte im Allgemeinen und den Gangsterfilm im Speziellen, bis oben hin voll mit bestens gelaunten Stars, mit der Soderbergh eigenen Dreistigkeit inszeniert und im Hintergrund groovt der Soundtrack von David Holmes.
So wie dem Gangster Danny Ocean, ist auch Soderbergh wieder ein großer Coup gelungen.


Some kind of reality

Erfreulich groß war das Dokumentarfilmangebot in 2004, was hoffentlich darauf hindeutet, dass die Verleiher endlich erkannt haben, wieviel gutes Geld damit zu verdienen ist (inwiefern das mit den Erfolgen von Michael Moore zu tun hat, sei einmal dahingestellt).
Was aber haben Dokumentarfilme in einem Jahresrückblick, der sich mit Leinwand-Illusionen beschäftigt, zu tun? Sind Dokumentarfilme in ihrer Darstellung der Tatsachen nicht das genau Gegenteil einer Illusion?

Da ich dieser schwierigen Frage bereits am 22.7.04 in einem eigenen Artikel ausführlich nachgegangen bin, erlaube ich mir, auf diesen Text zu verweisen und in aller Kürze die Dokumentarfilme zu nennen, die mich in den letzten zwölf Monaten sowohl inhaltlich als formal uneingeschränkt überzeugt haben. Es waren dies HÖLLENTOUR, THE OTHER FINALE, THE FIVE OBSTRUCTIONS, METALLICA - SOME KIND OF MONSTER, RHYTHM IS IT!, THE FOG OF WAR und TOUCH THE SOUND.


Alle eben genannten Filme haben es in 2004 also geschafft, mich auf die ein oder andere Art wirklich zu berühren, obwohl sie nüchtern betrachtet nichts anderes sind, als bewegte, bunte Bilder auf einer weißen Leinwand.
Wenn also unser Bewußtsein und unser freier Wille - wie es die Gehirnforscher behaupten - auch nur eine solche Illusion ist, was sind dann unsere Gedanken anderes, als der Film unseres Lebens, der Tag für Tag vor unserem inneren Auge abläuft?
Eine Vorstellung, mit der ich sehr gut leben könnte.

Michael Haberlander

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