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22.07.2004
 
 
       

Aufbruch zur Kunst
Das 15. Internationale Dokumentarfilmfestival Marseille (02.-07.Juli 2004)

 
 
ARSENY TARKOVSKY: ETERNAL PRESENCE
 
 
 
 
 

Am östlichen Ufer des Vieux Port, dem Alten Hafen von Marseille, befindet sich das Théâtre de la Criée. Früher versteigerten hier die Fischer schreiend ihren Fang, was dem Theater seinen Namen "La Criée" einbrachte. Heute wird am Vieux Port nur noch in kleinen Ständen in der Nähe der Métrostation Fisch verkauft. Die wenigen Fischer stehen wortkarg hinter ihrem noch lebendigen Fang, der im seichten Brackwasser der Präsentationsbecken allmählich erstickt. Ein für jedermann sichtbares, lautloses Sterben, dem ein schneller Messerhieb, der den Kopf abtrennt, ein jähes Ende setzen kann. Dann werden die Fische ausgeweidet und die nicht verkaufbaren Körperreste als Abfälle rücklings in das stinkende Hafenwasser geworfen. Ein morbides Szenario, das sogar als Touristenattraktion dient - zwischen den Fischbecken liegen ausgebreitet Tücher, auf denen Afrikaner Schmuck und gefakte Yves-Saint-Laurent-Taschen anbieten.

Der Weg von den Fischständen zum Théâtre de la Criée ist nur kurz. Hier findet seit 15 Jahren ein Internationales Dokumentarfilmfest statt, das mittlerweile hinter Amsterdam und Leipzig an dritter Stelle unter den europäischen Dokfesten rangiert. Seine Bedeutsamkeit erhielt es durch die Gleichzeitigkeit von Festival und Markt, dem FID Marseille und dem finanziell eigenständigen Sunny Side of the Docs, zusammengefasst unter dem administrativen Dachverband "Vue sur les Docs". Seit 1997 sind beide Veranstaltungen räumlich getrennt, dieses Jahr erstmals auch zeitlich. Künstlerischer Leiter des Festivals ist seit drei Jahren Jean-Pierre Rehm, ein ehemaliger Schüler des französischen Intellektuellenkaders Ecole Normale Supérieure und Organisator von Ausstellungen.

Die Herkunft des Leiters ist dem Festival anzumerken. Zuallererst macht sich der Konzeptgedanke bemerkbar, der über dem Festival steht: Rehm unterscheidet nicht zwischen Kurz- und Langfilmen, für ihn gibt es nur kurze und lange Filme, "Filme eben", wie er hervorhebt, die gleichrangig für den Wettbewerb programmiert werden. 20 Filme wurden im internationalen Wettbewerb gezeigt, zehn im französischen, in der Länge von 20 Minuten bis zu zwei Stunden. Sodann fällt der Charakter der Filme auf, die Rehm in seinem Sichtungskomitee von drei Leuten aus 1500 Filmen ausgewählt hat. Sie zeigten sich zum großen Teil als "künstlerische", also experimentelle und avantgardistische Erscheinungsformen des Dokumentarischen. Nur diesen kann und will Rehm das Prädikat eines "Films" verleihen. Es sind Filme, in denen sich die Darstellungsweise über das Dargestellte erhebt, in denen also der dokumentarische Inhalt zugunsten einer filmischen Formensuche durchaus auch abdanken kann. Letztes Jahr geriet dies zu dem spannenden Unterfangen, narrative Formen im Dokumentarfilm zu befragen.

Dieses Jahr zeigten sich die Filme oftmals in einer narrativen Sperrigkeit, die ihre Rezeption bisweilen schwierig machte. Zu sagen, worum es in dem Gewinner des französischen Wettbewerbs 1/3 DES YEUX (EIN DRITTEL DER AUGEN) von Olivier Zabat genau geht, in dem Augenoperationen, Boxszenen, das Reparieren einer Klimaanlage und eine Doktorarbeit über Wildkatzen koexistieren, sei der freien Assoziation überlassen. Dennoch sollte man den Ansatz von Jean-Pierre Rehm, der nach eigener Aussage von den internationalen Festivals nur Rotterdam besucht (alle anderen zeigen Filme, die ihn nicht interessieren), stark machen für die Chance, Sehgewohnheiten zu verändern. Denn in den guten Filmen, die auch dieses Jahr vertreten waren, erfährt der Zuschauer eine Zugangsweise zur dokumentarischen Wirklichkeit, die sich der Abbildfunktion auf der Oberfläche des Realen verweigert. Innere Welten werden mit dokumentarischen Mitteln erzählt, so in SYLVIA KRISTEL - PARIS der Niederländerin Manon de Boer, die Super-8-Fahrten durch Paris als assoziativen Raum für den biographischen Werdegang der Schauspielerin aufspannt. Auch hier zeugt der Film - so der Katalogtext - von der "Schwierigkeit, ein Leben in einer kohärenten Erzählung zusammenzufassen", dies aber so gelungen, dass der Zuschauer direkt in den Raum des Imaginären hineingesogen wird. Er erhielt zurecht den "Prix Georges de Beauregard".

Ein Glanzstück des Festivals, das Rehm aus der Werkstätte des Filmfonds Rotterdam mitbrachte und eine Spezielle Erwähnung für den Hauptpreis erhielt, war ARSENY TARKOVSKY - MALUTKA-ZHIZN' (ARSENY TARKOVSKY: ETERNAL PRESENCE). Der Russe Viatcheslav Amirkhanian portraitiert Andrei Tarkovskys Vater, einen renommierten Dichter, zeitlebens aber von der sowjetischen Zensur verboten. Amirkhanian war ein enger Freund der Familie und filmte Arseny fünf Jahre lang bis zu seinem Tod 1989. Entstanden sind "Home-Movies" auf 35 mm, farbige Aufnahmen von Szenen in der Küche, in der sich die Familie Tarkovsky zu Geburtstagsfeiern traf, darunter auch Marina Tarkovsky, die erste Frau des Dichters und Mutter von Andrei. Sepiabilder portraitieren Arseny, wenn er am Fenster sitzt oder mit seinen Dichterfreunden spricht. Der Film atmet in russischer Langsamkeit, seine Grundstimmung ist schwer-melancholisch und sehr lyrisch. Erst etwa eine Viertelstunde nach Filmbeginn, der die Beerdigung von Arseny erzählt, setzt das gesprochene Wort ein. Bis dahin scheint der Film in der Dauer seiner Bilder zu schweben, in einer traumhaft-entrückten Atmosphäre. Später spricht Arseny von seiner Lyrik, in Gesprächen, die der Regisseur mit ihm geführt hat, rezitiert in unnachahmlich russisch-schwerem Tonfall seine Gedichte. Fünfzehn Jahre brauchte der Regisseur für die Fertigstellung des Films, herausgekommen ist ein meisterliches Lebenswerk.

Dieser kleine Einblick in das diesjährige Programm des Festivals macht deutlich, wie weit sich das FID Marseille nicht nur von kommerziell verwertbarem Kino à la SUPER SIZE ME, der zeitgleich in Frankreich als Blockbuster anlief, entfernt hat, sondern auch wie sehr es sich von seiner Gründungsidee wegentwickelt hat. Am Anfang ging es darum, Filme zu zeigen, die "Zeugnis über die Gesellschaften der Welt" ablegen, so Michel Trégan, seit bald zehn Jahren Präsident des Festivals und Vorstand der "Vue sur les docs". Aus der Programmgestaltung hält er sich heute jedoch raus. Mindestens 10.000 immer jüngere Besucher und eine positive Bilanz nicht zuletzt dank der etwa zwei Dutzend privaten Sponsoren verleihen Jean-Pierre Rehm eine carte blanche für die Festivalgestaltung. Dazu gehört auch die Initiierung der fünf Nebenreihen, den "Ecrans parallèles". Dieses Jahr waren sie übertitelt mit "die Geste des Sports", "Kinofabrik" oder "Lost in the Past" und zeigten u.a. Filmraritäten wie CHRONIQUE D'UN ETE von Jean Rouch und Edgar Morin von 1961, LE SPORT ET LES HOMMES von 1961, zu dem Roland Barthes den Kommentar schrieb, oder REMINISCENCES OF A JOURNEY TO LITHUANIA von Jonas Mekas, eine filmische Autobiographie mit Aufnahmen aus den Jahren 1950-1971.

Für nächstes Jahr wird jedoch der Film-Markt Sunny Side of the Docs und das FID Marseille zeitlich wieder zusammengelegt. Trégan hält es zwar für eher unwahrscheinlich, dass sich Produzenten auf das Festival verirren, für die Filmemacher jedoch ist der Markt von enormer Wichtigkeit, und, so will man ergänzen, auch für die internationale Bedeutsamkeit des Festivals. Denn trotz oder wegen des anspruchvollen Programms droht ihm, sich bei allzu viel Konzept dem Publikum und den internationalen Besuchern zu verschließen. Marseille bliebe in diesem Fall nur noch die Bedeutsamkeit als Markt. Den künstlerischen Dokumentarfilmen erginge es dann wie den Fischen in ihrem Brackwasser: Sie würden lautlos in den Archiven sterben, oder als unverkaufbarer Überschuss der Filmproduktionen ausgesondert. Und dann bliebe nur noch filmisches Fastfood wie SUPER SIZE ME, angepriesen als schmackhafter Fisch.

Dunja Bialas

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